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Leseprobe:
Zweigeteilt,
von H und R. Reimann

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Mami – Alarm!

Ich wurde drei Monate nach Beginn des 2. Weltkrieges am 19.12.39 im Rittberg Krankenhaus in Berlin Lichterfelde geboren. Meine ersten Erinnerungen an die Kriegszeit begannen im zarten Alter von drei Jahren. Wir wohnten in der Burchardtstraße 15 in Tempelhof. Mein Vater war damals schon als Soldat eingezogen worden und wir erlebten die ersten Bombenangriffe Anfang 43 in Berlin.

Meine Mutter hatte ihr ganzes Leben lang einen festen und gesunden Schlaf. Ich hörte die Sirenen heulen, sah die bunten Lichter am Himmel und rannte, so klein wie ich war, zum Bett meiner Mutter und schrie:“ Mami! Alarm!“. Sie schnappte sich dann den kleinen Koffer, der griffbereit neben dem Bett stand, und in dem alle wichtigen Dokumente und ein paar Kleidungsstücke für den Ernstfall eingepackt waren, (man schlief wegen des Alarms übrigens immer angezogen), hob meine Schwester Sieglinde, die noch ein Säugling war, aus ihrem Bettchen, nahm mich an die Hand und dann rüber auf die andere Straßenseite zum Bunker. In meiner Erinnerung brannte es jedesmal auf dem Weg nach Hause, wenn es Entwarnung gegeben hatte. Die Erleichterung meiner Mutter, dass unser Haus noch stand, kann ich mir heute ungefähr vorstellen.

Im Herbst 43 hieß es: Alle Mütter mit kleinen Kindern werden aus Berlin evakuiert und sollten mit einem Sammeltransport nach Ostpreußen verschickt werden. Meine Oma erzählte mir später, dass die Flüsterpropaganda in diesen Tagen bestens funktionierte und wirklich kein Mensch mit gesundem Menschenverstand an einen Sieg Deutschlands glaubte, eher daran, dass die Russen schon längst auf dem Weg nach Ostpreußen und den Rest Deutschlands waren. Da wollten wir denen doch nicht noch in die Arme laufen!

Also ging meine Mutter mit mir an der Hand zum Bürgeramt und erzählte glaubhaft, dass ihre Mutter, die aus Thüringen stammte, in Bad Klosterlausnitz noch eine Menge Verwandtschaft hatte, die sich schon auf uns freute. Es wurde genehmigt.

Katastrophengeprüfte
Kriegskinder

Wir machten uns auf den Weg nach Thüringen, Omi blieb zurück in Hohenschönhausen, wo sie die Kneipe ihres verstorbenen Mannes, Max Scheffer, erfolgreich und als beliebte Wirtin auch während des Krieges weiterbetrieb. Mein Opa war damals neben seinem Beruf als Kneipenwirt ein erfolgreicher Ringer in seinem Verein im Bezirk und von allen geachtet. Leider ist er kurz vor meiner Geburt gestorben, ihn hatte „der Schlag getroffen“, also ein Schlaganfall, wie man heute sagt. Es hätte ihn sicherlich gefreut, einen kleinen Jungen in seiner Familie zu haben. Omi sagte immer, sie durfte keine Kinder mehr bekommen, da die Geburt meiner Mutter sehr schwer war. Deshalb hat mich meine Oma auch maßlos verwöhnt, ich war ihr Liebling.

In Bad Klosterlausnitz angekommen, freute sich keiner so richtig auf uns, gehörten wir doch auch zu den Mengen von Flüchtlingen, die von überall aus den Großstädten kamen. Wir wurden fürs Erste im Hotel Herzog Ernst mit anderen Familien untergebracht. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter arge Schwierigkeiten hatte, für Sieglinde das Fläschchen warmzumachen, sie musste jedesmal in die Hotelküche gehen, wo jeder irgendetwas wollte und niemand von uns so gern gesehen war. Für die einheimische Bevölkerung bedeuteten wir Flüchtlinge, dass sie zusammenrücken und teilen mussten, bei dem Wenigen, was sie selbst hatten. Also machte meine Mutter es irgendwie heimlich auf unserem Zimmer, natürlich strengstens verboten, wahrscheinlich wurde der Strom auch zugeteilt.

Kurz nach unserer Ankunft kam mein Vater auf Fronturlaub uns dort besuchen. Ich weiß nicht genau, ob es das erste Mal war, dass er seine Tochter Sieglinde gesehen hat. Jedenfalls hat er einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Er muss schon einen merkwürdigen Sinn für Humor gehabt haben, denn er hat mich in meinem Bettchen geweckt und trug dabei eine Gasmaske. Ich war drei Jahre alt! Mann, hab ich geschrien, wie am Spieß, ich konnte mich gar nicht mehr einkriegen! Irgendwie hat er es jedoch geschafft, mich zu beruhigen und auch eingesehen, dass kleine Kinder solche Scherze noch nicht verstehen. Leider war es auch das allerletzte Mal, auch für meine Mutter, dass wir ihn gesehen haben, er wurde seit Ende 43, Anfang 44, vermisst.

Dann wurde es für uns besser, wir wurden bei einer Familie Tümmler untergebracht, besser gesagt, in deren Gartenhäuschen. Es war jetzt viel schöner für mich, ich musste nicht immerzu leise sein, durfte raus und mit Tümmlers Sohn Günther, der ungefähr im gleichen Alter war wie ich, schloss ich sofort Freundschaft. Es zog wieder eine gewisse Normalität in unser Leben ein.

Und dann kam meine Oma aus Berlin zu uns. In Hohenschönhausen und natürlich in der ganzen Stadt Berlin wurde es unerträglich mit den vielen Bombenangriffen, und schweren Herzens verpachtete sie ihre Gaststätte per Vertrag „bis zum Endsieg“ an einen gewissen Herrn Vogel.

Das wurde für uns ein schönes Leben! Wie gesagt, Omi verwöhnte uns, wir machten Spaziergänge durch den Wald bis zur nahe gelegenen Autobahn, das war schon was! Wir gingen Blaubeerpflücken. Den meisten Erfolg beim Ausspähen der Blaubeeren hatte ich mit meinen jungen Adleraugen und war ganz stolz, wenn Omi mich deswegen lobte. Oma machte für uns auch aus fast nichts die leckersten Gerichte, wie Röhrendatschi, oder altes eingeweichtes Brot mit Zucker und saurer Milch. Für Omi war Brotwegschmeißen eine Todsünde, alles wurde irgendwie verwertet.

Ich ging dann in den Kindergarten, ganz allein, ich war mit vier Jahren schon groß. (Das kann sich ja heute bei den überbehüteten Kindern kaum noch jemand vorstellen, ein kleines Kind alleine durch den Ort zu schicken). Bis auf einen Tag, da kehrte ich um und erklärte meiner Mutter, dass ich heute nicht in den Kindergarten gehen werde. Was war passiert? Auf dem Weg durch den Ort musste ich durch eine schmale Gasse, in der unser Fleischer seinen Laden hatte. Dieser besaß einen riesengroßen Hund, und der saß nun ausgerechnet vor der Tür der Fleischerei, und ich traute mich nicht an ihm vorbei. Ob meine Mutter mich an diesem Tag noch in den Kindergarten brachte, entzieht sich meiner Erinnerung, aber diesen großen Hund sehe ich heute noch vor mir.

Nach dem Kindergarten strolchten Günther und ich in der wunderschönen Umgebung Thüringens herum. Hinter dem Haus hatten wir eine große Wiese mit einem Bach, wo wir oft spielten, denn wo Wasser und Matsch ist, kann kein Kind wiederstehen. Eines Tages, wir spielten wieder auf der Wiese, sahen wir einige Jagdflugzeuge über uns. Wir bestaunten sie und rätselten von woher die wohl kamen, als sie plötzlich vom Himmel auf die Erde stießen und das Feuer auf uns eröffneten. Die sahen doch, dass wir Kinder waren! Aber es war eben Krieg. Wir schmissen uns sofort in den Graben des Baches und legten uns flach hin, das ist uns schon ganz früh eingeimpft worden, falls mal ein Angriff kommen sollte. So sind wir als trainierte Kriegskinder noch einmal davongekommen.

Kriegsende in Bad
Klosterlausnitz

Nun sollte auch bald für mich der Ernst des Lebens beginnen. Ich wurde in der niedlichen kleinen Dorfschule zusammen mit meinem Kumpel Günther für die erste Klasse angemeldet. Der Einschulungstermin für uns war Ostern 45.

Dazu kam es aber nicht, denn im März 45 wurde unser kleines Dorf von den Amerikanern erobert und besetzt. Dieses lief alles sehr ruhig und friedlich ab. Unterschwellig hatte die Bevölkerung natürlich Angst, dass so ein paar verblödete, immer noch an den Führer glaubende Nazis sich als Helden des Vaterlandes aufspielen wollten, indem sie sich den Amerikanern mit Waffen entgegenstellten. Gottseidank ist das nicht passiert, wir hängten weiße Betttücher aus den Fenstern und man ließ uns zufrieden.

Nun errichteten die Amerikaner in unserem Rathaus ihre Kommandantur. Der erste Befehl an die Bevölkerung lautete, alle Fotoapparate und Rundfunkgeräte im Rathaus abzugeben. Was war der Grund? Es sollten keine Aufnahmen von den militärischen Einrichtungen gemacht werden und die deutsche Propaganda sollte auch keiner mehr hören. Naja, an die Durchhalteparolen bis zum Endsieg hatte sowieso keiner mehr geglaubt.

Also schnappte sich meine Mutter mich, unseren Fotoapparat, den Volksempfänger, im Volksmund „Göbbelsschnauze“ genannt und machte sich mit mir auf den Weg zum Rathaus, um ordnungsgemäß diese ganz wichtigen Dinge abzugeben. Unsere billige Agfa-Box und der alte Rundfunkempfänger flogen sofort aus dem Fenster in den Hof zu den anderen, für die Amerikaner wertlosen Dinge. Und die besseren, hochwertigeren Apparate wurden „konfisziert“.

Die Amerikaner brachten uns die Freiheit von den Nazis und eine noch größere Lebensmittelknappheit. In unserem Dorf hatte ja eigentlich jeder ein bisschen, um gerade zu überleben, aber einige Lebensmittel aus anderen Teilen Deutschlands kamen nicht mehr an, da wir als besetzt galten.

Die Amerikaner hingegen hatten alles. Sie waren gutgekleidet, gut genährt und errichteten im Wald ein riesiges Zeltlager für die normalen Soldaten. Wir verfolgten dieses hinter den Bäumen versteckt, was die so alles machten, das war interessant! Da wurde gekocht, meistens Huhn, tolle Dinge, die auch noch sehr gut rochen. Was wir nicht wussten, dass die meisten Amerikaner keine Innereien, Hühnerklein und einiges mehr, nicht aßen. Der normale Soldat durfte zur Bevölkerung keine Verbindung eingehen, aber sie sahen ja auch, dass es vielen von uns versorgungsmäßig nicht so gut ging. Wir taten ihnen wohl auch leid und so breiteten sie neben ihrem Küchenzelt große weiße Tücher aus und schmissen alles, was sie nicht verwerteten, auf einen Haufen auf diese Tücher, und die Menschen konnten sich bedienen. Mami und ich waren auch öfters da und staunten darüber, was diese Leute so alles nicht gebrauchen konnten.

Während der Zeit der Besatzung rollten dauernd Panzer und Militärfahrzeuge in großer Anzahl durch unser Dorf. Günther und ich ließen einfach so Steine über die Straße hüpfen, nur so aus Spaß. Plötzlich hielt ein Militärfahrzeug neben uns, schnappte sich uns, lud uns ein und fuhr mit uns nach Hause. Sie waren sehr aufgebracht und dachten tatsächlich, wir wären so eine kleine Nazibrut, die unbelehrbar noch Steine auf die Besatzer schmissen!

Mami hat dann alles mit ihrem guten Aussehen und Charme geregelt und erklärt, wir wären doch noch so klein und hätten nur gespielt, was ja auch stimmte. Auf alle Fälle hatten Günther und ich bei dieser Sache ein richtig doll mulmiges Gefühl.

Es gab aber auch sehr schöne Erlebnisse. Eines Tages an einem Sonntag ging ich mit meiner Mutter und der kleinen Sieglinde spazieren, irgendwo am Waldrand. Da stand auf einmal ein Mann in amerikanischer Uniform. Er war der größte und schwärzeste Mensch, den ich je gesehen hatte, es war überhaupt der erste Schwarze! Ich muss ihn wohl sehr fasziniert angestaunt haben, ich konnte meinen Blick überhaupt nicht abwenden. Er lächelte, griff in seine Tasche und gab mir eine Handvoll Erdnüsse und eine kleine Tafel Schokolade. Es waren die ersten Erdnüsse meines Lebens. Das hat mich wahrscheinlich so nachhaltig für mein Leben beeindruckt, dass ich bis heute Nüssen aller Art nicht wiederstehen kann.

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