Neu-Autorenbetreuung mit System

Leseprobe:
Was geschah im Haus 365?,
von Ulrike Hildebrandt und Dr. Ramiro Annas

Aus meinem Mobiltelefon schallte „Earth“ von Michael Jackson. Es war 5:30 Uhr. Ich hörte kurz zu, weil mir das Lied einfach gut gefällt, dann meldete ich mich.

„Wer stört zu nachtschlafender Zeit?“ „Ruprecht, tut mir leid, dass ich so früh anrufe, aber ich brauche dich. Dringend!“

Es war Klaus Schwarz, Kriminalhauptkommissar beim KK11 der Kölner Polizei. Wir hatten uns während eines Falles, an dem ich als Psychologe und Kriminologe mit ihm zusammengearbeitet hatte, angefreundet.

„Du musst sofort zum Flughafen kommen. Ich brauch dich als Psychologen, aber nicht nur, auch als Übersetzer. Du kannst doch spanisch, oder? Du hast doch in Venezuela und in Spanien gearbeitet?“ „Stimmt, aber…“ „Ich kann dir am Telefon nicht mehr sagen. Kannst Du kommen?“

So, jetzt sag ich dir mal was. Ich bin schon unterwegs. Ich…“ „Was? Wieso?“ „Hör zu! Ich will Jakob abholen, meinen Freund. Er musste beruflich nach London. Wir wollen dann direkt weiterfahren nach Würzburg. Ich hol‘ ihn ab, und dann treffen wir dich. Wo sollen wir hinkommen?“ „Zum Ärztezentrum. Das ist im Abflugbereich A/B, Terminal 1.“ „Okay. Ich beeil mich, aber zuerst hole ich Jakob ab. Bis gleich.“ „Danke und Tschüss.“ Ich dachte, dass Jakob sicher nicht begeistert sein würde, wenn wir etwas später führen. Ich holte ihn ab und erzählte ihm erst mal, was los war.

Er meinte: „Passt mir eigentlich ganz gut. Ich bin kaputt von dem Flug. Hatte kaum Platz. Meine Beine sind einfach zu lang. Ich setzte mich in die „StäV“, frühstücke und strecke die Beine aus. Da kannst du mich dann nachher abholen.“ Die „StäV“ ist die „Ständige Vertretung“, ein Polit-Kölsch Lokal, das sich außer in Berlin und Köln 2014 auch im Flughafen Köln/Bonn etabliert hatte.

Wunderbar, so machen wir’s.“ Aber, es kam anders.

Fünf Minuten später klopfte ich an die Tür des Ärztezentrums. Klaus Schwarz öffnete. „Endlich!“ „Schneller ging‘s nicht.“ „Okay, komm mit. Aber wo ist Jakob?“ „Er frühstückt und wartet.“

Klaus führte mich in einen kleinen Raum und stellte mich dort der Ärztin Frau Dr. Pauli und der Krankenschwester Frau Detmer vor: „Dr. Ruprecht Arndt, Psychologe.“

„Also, ich klär dich mal auf. Heute Nacht kam ein Flugzeug aus Caracas, via Houston und Frankfurt. Den Zollbeamten fiel eine Kiste auf, ungefähr 120 x 90 Zentimeter groß. Die Hunde schlugen an. Die Kiste wurde geöffnet, da die Beamten natürlich mit Drogen gerechnet hatten. Aber, du glaubst es nicht, dieser Junge lag darin.“

Er zeigte hinter sich. Auf einer Liege schlief, in eine Decke gewickelt, ein etwa 10 Jahre alter Junge in Embryonalhaltung. „Was? Das sind über 20 Stunden Flugzeit mit den Zwischenstopps.“

„Ich konnte es auch nicht glauben. Der Junge wurde hier ins Ärztezentrum gebracht und untersucht. Er war ohne Bewusstsein, dehydriert und hatte sich eingenässt. Allerdings trug er zwei Pampers übereinander. Frau Dr. Pauli gab ihm eine Infusion. Dabei wurde er langsam wach. Bei der Blutuntersuchung wird sich sicher herausstellen, dass er ein Schlafmittel bekommen hat. Er war ganz benommen und schaute ängstlich um sich. Da kam ich gerade rein.“

„Aber wieso brauchst du mich?“ „Als er wach war, rief er immerzu Mama und Abuelita. Ich weiß, dass Abuelita auf Spanisch Oma heißt, also die Verniedlichung davon. Aber hier spricht niemand spanisch, und ich kann auch nur ein paar Brocken. Und da fielst du mir ein. Kannst du versuchen, mit ihm zu sprechen, wenn er wach wird?“

„Ja sicher, aber ich muss noch Einiges wissen. Hatte er denn genug Luft? Hatte er Wasser dabei? War er warm genug eingepackt? Im Frachtraum der Flugzeuge ist es doch ziemlich kalt.“ „Hier schau dir mal die Fotos an.“

Klaus hielt mir ein paar Fotos hin. Sie zeigten das Kind in einer gelben Kiste, eine Art Überseekoffer, die zum Teil mit Styropor ausgelegt war. An den Stellen ohne Styropor konnte ich viele Luftlöcher erkennen. Zugedeckt war der Junge mit einer dicken Decke. Neben ihm lag eine große, leere Wasserflasche und Schokoladenpapier. Wie es aussah, trug er einen dicken Mantel, Mütze und Stiefel. Die Kiste war aber viel zu klein, so dass er sich, wie jetzt auf dem Bett, eingerollt hatte.

„Wer immer ihn so verschickt hat, wollte, dass er überlebt. Trotzdem ist sowas unverantwortlich und menschenunwürdig. Wisst ihr schon, wer ihn hier erwartet hat, oder war keiner da, um die Kiste abzuholen?“

„Doch, die Kollegen haben eine alte Dame festgenommen, die auf die Kiste gewartet hatte. Sie war ziemlich aufgeregt, aber behauptete, sie wisse nicht, was in der Kiste sei. Ansonsten verweigerte sie jede weitere Aussage. Dann sah sie aber doch erleichtert aus, als sie hörte, dass Raoul gut angekommen war. Sie wird wohl die Großmutter sein. Jetzt ist sie erst mal im Präsidium.“

„Wieso ist er denn wieder eingeschlafen?“ „Er war wohl zu erschöpft.“ Klaus schaute die Ärztin an. Sie nickte. Er fragte: „Kannst du dich um ihn kümmern?“ „Dann wird wohl nichts aus unserem Trip nach Würzburg. Das muss ich erst mit Jakob abklären. Ich mach‘ das mal eben.“

Ich rief Jakob an und ging zur „StäV“. Als ich ihm die Situation erklärte, war er nicht gerade begeistert, aber er sah ein, dass ich dem Jungen helfen musste.

„Ich fahr mit deinem Auto nach Hause und rufe in Würzburg bei Sigrid und Tilo an, warum wir den Besuch verschieben müssen. Ist schon blöd. Auch, weil Du demnächst ja Undercover unterwegs bist und wir kaum Zeit füreinander haben werden. “

Er hatte recht, aber damit konnte ich mich im Moment nicht beschäftigen. Ich gab Holzkistezum Ärztezentrum. Jakob ist vor einem halben Jahr zu mir nach Köln-Poll gezogen. Eine neue Erfahrung, aber schön.

In dem Raum, in dem der Junge lag, drängten sich inzwischen vier Personen. Ein Kollege von Klaus, Herr Körner sprach leise mit ihm. Wir kannten uns und nickten uns zu.

Es wäre besser, wenn alle den Raum verlassen würden. Vielleicht kannst du hierbleiben Klaus, dich kennt der Junge ja schon, aber fünf Personen sind zu viel für ihn.“ Die anderen nickten und verließen das Zimmer. Wir wollten gerade besprechen, wie es weitergehen sollte, da rührte sich der Junge und wurde wach. Er schaute uns ängstlich an.

Me llamo Ruprecht, y tu? – Ich heiße Ruprecht, und du?“ „Raoul“, sagte er ganz leise. „Hablas tambien alemán? – Sprichst du auch deutsch?“ „Si, un poquito. – Ja, etwas.“ „Dann sprechen wir deutsch, damit uns mein Freund Klaus auch verstehen kann, vale?“ „Si - ja.“ „Hast du Hunger, und möchtest du was trinken, vielleicht Brötchen und Kakao?“ „Ja.“ „Ich besorge was“, sagte Klaus und verließ das Zimmer.

Raoul setzte sich langsam auf und ließ die Beine baumeln. Er schaute sich im Zimmer um. Dann blickte er mich an. „Oma, wo ist?“ „Deine Oma kann jetzt nicht kommen. Sie kommt später.“ Klaus kam wieder herein und stellte eine große Tasse Kakao und einen Teller mit belegten Brötchen auf den Tisch. „Lass es dir schmecken.“ Er nickte Raoul freundlich zu.

Der Junge griff sich ein Brötchen und nahm die Tasse, und ruckzuck waren Teller und Tasse leer. Er schaute hoch. Klaus fragte: „Möchtest du noch was?“ „Si.“

Klaus nahm sein Smartphone und bestellte noch mal Kakao und Brötchen. Raoul rubbelte mit den Händen über seine Oberarme.

Tengo frio, kalt.“ „Moment.“ Hinter dem Bett lag noch eine Decke auf einem Stuhl. Die legte ich ihm über die Schultern. „Raoul, wie alt bist du? Soll ich mal raten?“ „Si.“ „Also, ich würde sagen, du bist zehn Jahre alt. Stimmt’s?“ „Si, woher weißt du?“ „Ich habe nur geraten.“

Es klopfte, und die Schwester brachte die zweite Runde Kakao und Brötchen herein.

„Gracias.“ Raoul lächelte Frau Detmer zaghaft an. Sie lächelte freundlich zurück und ging wieder hinaus. Jetzt aß Raoul langsam und wärmte sich seine Hände an der Tasse. Klaus ging zur Tür.

Kommst du gleich mal raus, Ruprecht? Ich hole die Schwester noch mal rein.“ Klaus ging raus. Kurz darauf kam Frau Detmer herein und setzte sich langsam zu Raoul auf das Bett. Ich schaute Raoul an und sagte: „Ich bin gleich wieder da. Un momentito.“ Er nickte.

Auf dem Gang sprach Klaus Schwarz mit der Ärztin. „Sie können ihn mitnehmen, wenn er gut versorgt wird. Er steht noch unter Schock, aber mit Ihrer Hilfe wird er bestimmt bald reden“, sagte sie gerade und schaute mich an.

„Was ist denn mit der Großmutter? Ist sie es überhaupt?“, fragte ich Klaus. „Ja, sie wird noch verhört. Sie sagt aber immer noch nichts. Ich habe gerade mit den Kollegen telefoniert.“ „Was hältst du davon, wenn wir Raoul zu Julia und Berta bringen. Da ist im Moment Platz. Ich kann ihn weiter betreuen. Allerdings muss auch das Jugendamt informiert werden.“ Julia und ihre Mutter Berta kümmern sich seit Jahren um Pflegekinder. Ich arbeite schon lange mit ihnen zusammen und weiß, dass die Kinder dort gut versorgt werden.

„Das ist eine gute Idee. Ich werde Frau Rohr vom ASD (Allgemeiner Sozialer Dienst des Jugendamtes) anrufen“, sagte Klaus. „Okay.“ Nachdem ich mit Julia telefoniert hatte, ging ich wieder zu Raoul ins Zimmer. Die Ärztin folgte mir.

„Raoul, Frau Dr. Pauli schaut dich noch mal an, und wenn es dir gut geht, fahren wir zwei zusammen im Polizeiauto.“ „Abuelita?“ „Nein, die kann noch nicht kommen. Wir fahren zu Julia und Oma Berta, auch eine Abuelita. Da wohnen viele Kinder. Wenn die Polizei alles geklärt hat, holt deine Oma dich ab. Vielleicht kommt auch deine Mama:“ „Mama? Aber die ist doch in Jamaika, Ferien.“ „Sie macht Ferien? Davon kannst du mir unterwegs ja mal erzählen.“

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