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Leseprobe:
Vier Mann auf Trimarana,
von Erich Kunde

Leseprobe_1119

1 Schwarze Nase

Vorsichtig kroch er auf das Loch zu und spähte hinaus. Draußen war es beinahe dunkel, aber noch nicht ganz. Drinnen im Bau war es stockfinster, aber er kannte ja seine Höhle, die Gänge und Kammern, in denen er seinen Vorrat für den Winter aufbewahrte. Langsam steckte er seine schwarze Nase in die Abendluft und schnüffelte. Die Luft war rein. Kein Vierbeiner in Sicht, auch kein Zweibeiner.

Die Zweibeiner, das waren die Schlimmsten, mit ihrem Lärm und dem Gestank und lautem Herumgeballer, wenn sie im Herbst zur Jagd durch die Wälder zogen.

Jetzt hatte Max seinen Bau verlassen und stand, immer noch abwartend, vor dem Eingang seiner Höhle. Neugierig schaute der Dachs nach oben, denn von einem Ast hing ein gestreifter Socken herunter, den Max noch nie gesehen hatte. Oder war das ein Seil? Aber gestreift? In diesem Augenblick verschwand das geringelte Etwas nach oben.

„Hm, mal sehen, ob ich die Stelle wiederfinde, wo diese weißen Dinger wachsen“, dachte Max, denn vor lauter Hunger hatte er das komische Etwas schon wieder vergessen.

Diese weißen Dinger waren Pilze, die als kleine Kugeln aus dem Waldboden wuchsen, sich dann streckten , lang und oval wurden wie ein Hühnerei, das man in die Länge zog. Dann waren sie lecker, dann musste man sie vernaschen, später wäre es zu spät, wenn sich ihr Hut entfaltete, aus dem dunkelblaue Tinte tropfte.

Max folgte dem schmalen Pfad, der durch das Unterholz bis zum Waldrand führte, wo er urplötzlich stehen blieb. Hier war es doch! Aber wo waren die Pilze? Nur noch ein kleiner Stängel stand verloren zwischen Grashalmen und Wegerich, alles andere war abgeräumt. Und es roch nach Zweibeiner! Hier hatte sich jemand großzügig bedient und alles weggefressen. Das war typisch: nichts übrig lassen, alles ratzekahl verputzen.

Max wandte sich nach links und wanderte gemächlich am Waldrand entlang. Da, eine Weinbergschnecke. Der Dachs ergriff sie rasch, und schon hörte man das Krachen und Malmen in seinem Maul, als er die Schnecke verspeiste. Ein paar Schritte weiter – ein Stück Schnur? Nein, das bewegte sich. Das kroch! Ein Regenwurm, haps, schon war er weg, und Max leckte sich das Maul.

Auf dem Weg zu den Teichen neigte sich das Gelände ein wenig, nun nicht mehr nur von Kiefern bewachsen, sondern mehr und mehr von Laubbäumen. Die heruntergefallenen Blätter waren staubtrocken und knisterten und raschelten, als Max durch dieses Waldstück wanderte. Unter der obersten Schicht aber war es feucht und kühl, ein idealer Lebensraum für Würmer und Larven. Seine feine Nase führte den Dachs zu den Stellen, wo es reichlich davon gab, und mit seinen geschickten Vorderpfoten schaufelte Max die Blätter zur Seite, steckte seine Nase in die unterste, halb verrottete Schicht und schniefte und schnüffelte und wühlte noch ein wenig. Er schmatzte jedes Mal genüsslich, wenn er einen fetten Engerling erwischte.

Weiter unten an den Teichen stand eine Gruppe von Buchen, die ihre Früchte auf den Boden fallen ließen. Diese Bucheckern waren sehr lecker, schmeckten wie edle Nüsse, waren allerdings recht klein, sodass Max für das halbe Pfund, das er sich täglich einverleibte, fast eine Stunde brauchte, um die Früchte aus der Schale zu puhlen. Eigentlich war das eine Beschäftigung für den Bau, wenn man Zeit hatte, wenn man nicht raus musste in den Regen oder in die Kälte. Dann konnte er gemütlich in einer Ecke hocken, puhlen, kauen, und wenn mal ein Stückchen Schale hängen blieb, konnte er das in die Ecke spucken.

Der Mond war inzwischen weit nach Westen gewandert. Max hatte zwar keine Ahnung, was Westen bedeutet, wusste aber, wenn der Mond hinter der einzeln stehenden Kastanie verschwand, dann war es Zeit, in den Bau zurückzukehren.

2 Ein unverhofftes Geschenk

Am späten Nachmittag des nächsten Tages erwachte Max, der kleine Dachs, rieb sich die Augen und fuhr einmal mit beiden Pfoten durch Kopf- und Barthaare - fertig war die Morgenwäsche.

Nein - es war nicht früh am Morgen, aber Max wusste schon, dass es jetzt Zeit war, sich auf die Suche nach Futter zu machen. Er gähnte lang, wobei ein Laut wie Ooochachacham aus seinem Rachen entwich, das Maul mit den spitzen scharfen Zähnen weit aufgerissen, die schwarzen Augen zu, eine schmale Reihe der Rückenhaare gesträubt, die an seiner Wirbelsäule entlang bis zur Schwanzspitze lief. Er kratzte sich mit der linken Hinterpfote am linken Ohr, dann rechts die gleiche Prozedur. Das Fell legte sich wieder, war jetzt dicht und glatt und schwarz. Nun aber los.

Vor dem Ausgangsloch blieb Max stehen, schnüffelte hinaus und schaute sich um. Da! Wieder hing ein geringelter Socken oder ein Seilende vom Baum herunter. Was war das denn nur? Max schaute nach oben, und ein schmales, putziges Gesicht schaute nach unten. Eine kleine Bewegung nach oben, und man sah den ganzen Kopf. Gleichzeitig verschwand der Ringelsocken. Ah, Socken und Gesicht gehörten zusammen, das waren Kopf und Schwanz!

„Was machst du da oben?“

„Ich schau nach unten.“

„Das seh ich. Wer bist du?“

„Tust du mir nichts?“

„Wenn du kein Regenwurm bist, tu ich dir nichts.“

„Ich bin Dominique.“

„Ein Waschbär?“

„Sozusagen. Und du bist ein Dachs?“

„Genau.“

Der kleine Waschbär kletterte vom Baum herunter, was etwas schwierig war, denn in der rechten Pfote hielt er einen, was war das, ein Stein? Jedenfalls konnte er sich nur mit drei Beinen festhalten, aber die spitzen Krallen gaben den nötigen Halt. Die beiden hockten sich vor die Dachshöhle. Der Waschbär streckte die rechte Pfote aus, öffnete sie und reichte Max dem Dachs eine Schnecke.

„ Bitte!“

„ Oh, nett.“

Max nahm das Geschenk, schob es ins Maul und kaute genüsslich. Dann fiel ihm ein, dass er vielleicht auch etwas spendieren könnte, aber was?

„Was frisst du gern?“

„Schnecken“.

Max klappte sein Maul auf, dann wieder zu.

„Und du hast sie mir trotzdem...“

„Oh, gern.“

„Moment.“

Max verschwand in seinem Bau, erschien kurz darauf wieder mit einem Mäuseschenkel, der von gestern übrig geblieben war.

„Da.“

„Danke.“

Dominique nahm des Stückchen, rieb es – wie es Waschbären tun – ein paarmal zwischen den Pfötchen, schnupperte daran und verspeiste den Mäuseschenkel mit einem dankbaren Blick auf Max.

Jetzt sag mir doch noch, wie du heißt.

„Maximilian.“

„Ma - xi - mi – li – an. Geht‘s auch kürzer?“

„Ja, also, Max. Und du heißt ...“Dominique.“

„Hm. Do – mi – nick?“

„Genau.“

„Hm, hm, brummte der Dachs.

„Ich muss noch ein paar Sachen waschen, sagte Dominique. Sehn wir uns morgen?“

„Mja.“

Max schaute dem Waschbär lange nach. So etwas hatte er noch nicht erlebt: eine Schnecke als Geschenk. Und die aß Dominique doch selber gern. Also sowas. Was könnte ihm noch schmecken?

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