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Leseprobe:
Kynarus - Die Worte der Ahnen,
von Florian Kröninger

Prolog

Rauch und Nebel lagen über der Ebene und verhüllten die kräftig und warm scheinende Sonne, die in diesem Sommer heißer brannte, als man es aus den vergangenen Jahren gewohnt war. Lauter als zuvor sangen die Vögel um die Wette. Wild zeigte sich wieder auf den Wiesen und Feldern. Sie fanden genügend Futter um sich und ihren Nachwuchs zu versorgen.

Tiefster Frieden hatte sich im Reich der Tiere ausgebreitet. Lachse sprangen die Flüsse hinauf, Spechte hämmerten sich neue Behausungen und ließen die Bäume Schlag für Schlag aufstöhnen.

Doch das idyllische Bild von Wärme und Frieden war trügerisch. Lediglich die Aufnahme eines Ortes, über den der große Krieg nicht vorüber ging. Viele solcher Paradiese fand man in diesen Tagen nicht mehr. Die Dörfer waren niedergebrannt, Städte dem Erdboden gleich gemacht und ganze Landstriche waren verwüstet worden.

Wo einst strahlende Kinder über die Wiesen tobten, das Lachen der Menschen vom Wind weitergetragen wurde und sich reges Treiben abgespielt hatte, fand man nur noch Einöde, Trauer und Tod wieder.

Die Freude der Menschen war dem tobenden Krieg gewichen, der ihnen unvorstellbares Leid zufügte und eine ganze Generation in eine Welt von Angst, Blut und Flucht gebar.

Doch nun war jener Tag angebrochen, an dem die Menschen ihr Schicksal erfüllten, zum Guten, wie zum Schlechten. Heute sollten sie alles auf eine Karte setzen.

Eine traurige und bedrückende Stille hatte sich ausgebreitet und die Gemüter der noch stehenden Männer in Besitz genommen, die trotz ihres großen Sieges im Jahre 315 der Vereinigung auf der Ebene von Bagradas nicht jubeln konnten.

Noch nie schmeckte eine gewonnene Schlacht so bitter wie die, die sie am heutigen Tage geschlagen hatten.

Ihren Feind hatten sie in einer stundenlangen Schlacht bezwungen und den Krieg, der zwanzig Jahre lang tobte, zu einem Ende gebracht. Doch der Preis, der entrichtet wurde, war hoch. Er war viel zu hoch.

Noch nie gab es in der Geschichte des Kontinentes Kynarus eine so gewaltige Schlacht. Die Ebene von Bagradas war berühmt für seine goldenen Blumenfelder, für blühendes Leben und doch wurde dieser einst so schöne Ort zu einem Feld des Todes.

Mit lautem „Hurra“, hatten die Menschen das Heerlager ihres Widersachers erstürmt. Für viele von ihnen war dieser Sonnenaufgang der Letzte.

Unter den tausenden Toten und Verwundeten beider Seiten befanden sich auch die Königsbrüder von Unio, dem Großreich der Menschen von Kynarus.

Sie waren es gewesen, die zu den Waffen riefen und das Heerlager des Feindes stürmen wollten, der gefährlich nahe an ihrer Hauptstadt gelagert hatte. Sie riskierten alles, wussten, dass es nur die Freiheit oder den Tod gab.

Launisch, wie die Götter waren, beendeten sie den Krieg mit einem Wermutstropfen.

Vorsichtig trugen einige Männer der königlichen Garde ihre gefallenen Monarchen auf einer Trage an den Rand des Schlachtfeldes, ihre Gesichter vermischt von Dreck, Schweiß, Blut und Tränen. Konnten sie diese gewonnene Schlacht überhaupt als Sieg ansehen? Hatten die Götter ihnen erlaubt auf den Gipfel des mächtigsten Berges zu klettern, um dann in die schier unendliche Tiefe zu stürzen?

Mit kleinen, vorsichtigen Schritten legten sie Meter um Meter zurück, begleitet von den trauernden Gesichtern der Soldaten, die ihre Köpfe in Ehrerbietung geneigt hatten und lautlos an dem Geschehen teilnahmen.

Sie erwiesen ihren Königen die letzte Ehre.

Noch lange würden die Barden ihre Heldentaten besingen, Gedichte über sie Schreiben und gewaltige Statuen nach ihrem Ebenbild errichten. Jedes Kind im Reich der Menschen würde ihre Namen kennen, wissen, dass sie es waren, die den Sieg errungen hatten. Bezahlt mit ihrem Leben.

Wut und Hass mischte sich unter die Traurigkeit, die sie beinahe vergessen ließ, dass sie ihre Kraftreserven aufgebraucht hatten. Der große Wunsch machte sich breit auch die letzten Gefangenen in einem einzigen Rausch zu töten.

Einzig ihre Kraftlosigkeit hielt sie davon ab den Tod ihrer Monarchen zu rächen.

Sowohl die Menschen von Unio als auch ihre Verbündeten aus Vaaston konnten diesen Verlust nur schweren Herzens ertragen, denn auch, wenn sie ihren ärgsten Feind in die Knie gezwungen hatten wussten sie, dass nun Dutzende Schakale auf ihre Gelegenheit warteten, das nach Innen gespaltene Königreich nun mit einer offenen Revolte zu konfrontieren und selbst den Thron zu besteigen.

Zwar hatten die Könige Erben, die man auf den Thron erheben würde, doch wer akzeptierte schon zwei neunjährige Kinder als Herrscher des größten Reiches der bekannten Welt. Es würden die Frauen sein, die für eine ganze Zeit auf dem Thron sitzen würden, ehe ihre Söhne das Mannesalter erreichten. Nicht wenige waren sich sicher, dass schlechte Beratung und das zarte, weibliche Gemüt für Intrigen anfällig waren, wie es sie schon oft am Hofe gegeben hatte.

Abseits des Schlachtfeldes, auf dem der ein oder andere Medikus nun nach Verwundeten suchte, stand König Arved von Vaaston, seine Leibgarde um sich versammelt und starrte auf eine kniende Kreatur aus dessen Bein Blut sickerte. König Uzubris hatte sich geschlagen gegeben und wartete nun auf das Urteil, dass Arved über ihn und seine verbleibenden Krieger fällen würde.

Sein silberner Brustpanzer zeigte, wie auch die Schulterklappen den Kopf eines Wolfes, dessen Maul weit aufgerissen war und somit, einen tiefen Einblick in den Rachen gewehrte. Das braune Fell, dass unter der Rüstung und dem Kettenhemd hervorkam, wie auch der Kopf mit der spitzen Schnauze, den scharfen Reißzähnen und den gelb funkelnden Augen offenbarten das Wesen, das hier auf sein Urteil wartete.

Uzubris der König der Delgoren, die einst aus dem schwarzen Gebirge nach Süden zogen, um die Welt zu erobern, war nun am Ende seiner Herrschaft angelangt und musste sich nach zwanzig Jahren des Krieges geschlagen geben.

Wenn er auch viele Schlachten gewann, große Siege davontrug und ein weitaus größeres Heer hatte, konnte er seinen Untergang nicht verhindern.

Der Freiheitswille der Menschen aus dem Süden war zu groß, als dass er mit roher Gewalt gebrochen werden konnte.

In einiger Entfernung saßen die Überreste seiner Armee, unter denen auch Menschen waren. Auch sie schauten erwartungsvoll auf die Szenerie und rechneten mit dem Schlimmsten.

Hatten sie denn auch was anderes verdient als den Tod?

„Wollt Ihr noch länger warten?“, knurrte Uzubris Arved an, der sechs Schritt vor ihm stand, sein Schwert noch immer in der Hand haltend, selbst bedeckt mit dem Blut seiner Feinde. Seine blonden, langen Haare klebten an seinem Kopf und verschmolzen mit dem dichten, langen Bart, dessen ursprüngliche Farbe, nur noch durch genaues Betrachten zu erkennen war.

„Euer Schicksal wird früh genug entschieden werden. Doch zuvor sollt Ihr sehen, was Ihr getan habt Uzubris.“

König Arved deutete auf die Tragen hin, die nun in ihrer unmittelbaren Nähe waren. Deutlich erkannte Uzubris die beiden gefallenen Könige von Unio, die dem Herrscher der Delgoren ein hämisches Grinsen abjagten.

„Wenn Ihr mich auch geschlagen habt, habt Ihr verloren. Eure Könige sind tot, Euer Reich ohne Anführer.“

„Das Reich wird nie ohne König sein“, entfuhr es einem der Soldaten, die neben dem Leichnam standen, Uzubris dabei einen wütenden und hasserfüllten Blick zu werfend, den der Delgor erwiderte.

„Das Reich wird seine neuen Könige feiern und ihnen treu dienen“, sagte König Arved, der den Blick des Delgoren erneut auf sich zog.

Er wollte selbst alles daransetzen, dass man den Söhnen und neuen Königen treu diente. Doch auch er wusste, dass die Prinzen es schwer hatten sich, in dem von Krieg gebeuteltem Land, durchzusetzen. Ihre Stellung zu behaupten wäre die kommende Aufgabe, die es zu bewältigen galt.

Einige Zeit überlegte Arved, zermarterte sich das Hirn, bis ihm eine Idee kam, die eine weitaus größere Schmach für Uzubris sein würde, als der Tod und die Niederlage.

„Wer ist Euer Heerführer?“, fragte König Arved mit deutlicher und fester Stimme.

Zögerlich, nicht ahnend, wieso der Menschenkönig seinen Heerführer brauchte, deutete Uzubris auf einen muskulösen Krieger hin, der in den vorderen Reihen der Gefangenen saß.

Zögerlich erhob sich ein besonders muskulöser Delgor und lief erhaben über das Schlachtfeld, ehe er sich neben seinen König stellte und Arved mit stechenden Augen ansah.

Dieser erhob seine Stimme, sodass ihn jeder in näherer Umgebung hören konnte.

„Seht her! Der große König der Delgoren kniet vor den freien Völkern der Menschen, um Gnade winselnd.“

Die Worte des Königs sorgten dafür, dass in späteren Zeiten das Ende des Krieges als Demütigung, für Uzubris, in die Geschichte eingehen sollte. Eine Verzerrung der Tatsachen, denn es war zu keiner Zeit so, dass Uzubris um Gnade winselte oder auch nur daran dachte.

„Seine Verbrechen gegen die Menschheit sind kaum zu zählen und das Leid, dass er über eure Frauen und Kinder brachte, ist zu gewaltig, als dass ihm Gnade zuteilwerden könnte.“

Gespannt hingen die Männer an den Lippen von Arved, schweigend darauf hoffend das Todesurteil zu hören. Doch der König Vaastons hatte anderes im Sinn. Er hatte für den Peiniger von Kynarus eine weitaus schlimmere Strafe vorgesehen.

„Der Tod wäre eine gerechte Strafe für seine Vergehen. Doch wäre er zu schnell und zu endgültig.“

Arved richtete seinen Blick auf Uzubris, schmunzelnd seine Gedanken spielend, als er sagte.

„Er soll in den Schwarzen Bergen auf ewig verbannt werden. Als gestaltloser Schatten. Sein Heerführer soll als Mensch auf Erden wandeln. Sein Geist soll verändert werden und in Diensten der Söhne der Großkönige bis in alle Ewigkeit für die Sünden bezahlen. Ein Beschützer der Blutlinie der Männer, die Euch in die Knie zwangen.“

„Euch dienen?“, lachte Uzubris.

„Kein Delgor wird jemals einem Menschen Untertan sein. Eher gehen wir in den Tod.“

„Der Tod wäre eine Erlösung für Euch. Doch Ihr sollt leiden, wie Euer Heerführer leiden wird.“

„Ihr Menschen glaubt, ihr steht über allen anderen Völkern dieser Welt. Wie viele Völker wollt ihr noch auslöschen? Ihr sprecht von Frieden und Freiheit, doch nutzt jeden Anlass für einen Krieg. Alles, was Ihr seht soll euch gehorchen und Untertan sein. Land nehmt ihr in Besitz, ohne zu fragen, wem es gehört. Gold, Silber, Holz. Ihr nehmt es an Euch, als würde es Euch gehören, zerstört die Natur und die Wesen, die lange vor Euch hier gelebt haben. Es wird Völker geben, die sich euch widersetzen. Ihr werdet untergehen, berauscht von eurer Siegestrunkenheit und eurer Gier.“

„Immer noch trotzig“, sagte Arved, der einige Schritte auf den Besiegten zu ging.

Uzubris blieb gefasst. Er strahlte eine ungewöhnliche Ruhe und Selbstsicherheit aus.

„Eure Drohungen beeindrucken mich nicht, Arved. Der Tag wird kommen, an dem Euch die Vergangenheit einholt. Ihr werdet für Eure Verbrechen bezahlen.“

„Verbrechen? Wir sichern Wohlstand und Freiheit. Wir sind nicht in Eure Länder eingedrungen. Soll ich Euch die Verbrechen auflisten, die Ihr und euresgleichen begangen habt? Die Tausenden Toten? Die Vernichtung ganzer Städte? Ich habe die halb aufgefressenen Leichen in der Stadt der silbernen Türme gesehen. Bald schon wird man Euch nur noch als böse Geschichte in Erinnerung haben. Eine Legende. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr in den dunkelsten Löchern dieser Welt begraben werdet.“

König Arved rief seinen Zauberer zu sich, einen alten Mann, gekrümmt in einer hellblauen Robe, sich auf einen Stab gestützt zu seinem König begebend.

„Oh großer Magier! Ihr habt die Worte gehört. Die Götter haben mir ihren Willen mitgeteilt und es liegt an Euch, ihren Willen auszuführen.“

Nun wurde es still.

Der alte Magier, der sich bis hier hin im Hintergrund gehalten hatte, sorgte nun für einen besonderen und unnatürlichen Augenblick. Die Arme weit ausgestreckt und den Stab auf Uzubris gerichtet begann er in einer unverständlichen Sprache zu sprechen. Kalte Winde zogen auf, brachten die Umhänge der Männer zum Tanzen. Die vielen Wolken verschmolzen zu einer einzigen, ehe diese sich mit einem Mal verdunkelte und über dem Delgorenkönig verharrte.

Lautes Donnern ertönte und ließ den ein oder anderen Soldaten zusammenzucken.

Wie aus einer anderen Welt ertönte immer wieder ein kräftiges Donnern und nachdem die Wolken sich einige Mal wie ein Strudel drehten, schossen aus ihnen helle, gleißende Blitze, die Uzubris trafen.

Mit schmerzerfülltem Gesicht jaulte er in den Himmel, seine Arme waren weit ausgestreckt und die Augen geschlossen. Er hatte das Gefühl, dass seine Knochen barsten, die Haut und das Fell riss und bald schon sickerte das Blut aus sämtlichen Körperöffnungen.

Ob Freund oder Feind. Es war ein grauenhaftes Bild, das sich den Männern dort bot.

Arved behielt Recht. Es schien wahrhaftig schlimmer zu sein, als der Tod.

Von hellen Blitzen umgeben schien er in die Wolken gesogen zu werden, ehe er dann von innen heraus zu zerreißen schien.

Hilflos sah sein Heerführer und die überlebenden seiner Krieger mit an wie aus ihrem einst so stolzen und brutalen König das Leben wich, bis sein Körper mit einem lauten Knall auf den Boden aufschlug und sein Jaulen schlagartig verstummte.

Doch anders als man es erwartet hatte, hatte sich der Körper wieder zusammengesetzt. Der König der Delgoren sah aus, wie zu Beginn der Schlacht, lag nun jedoch regungslos am Boden.

Keiner der Anwesenden war sich sicher was gerade passierte. Man war sich jedoch bewusst, dass es höhere Magie war, die sie nie verstehen würden. Das Ereignis ließ auch den letzten Zweifler an der Magie verstummen und versetzte ihn in ungläubiges Staunen.

Doch was sich nun den Augen der Männer bot war weitaus unwirklicher als alles, was sie vorhergesehen haben. Aus dem leblosen Körper des Delgoren stieg langsam dunkler Rauch auf, der sich allmählich zu den Umrissen eines Körpers formte und dann mit einem ohrenbetäubenden Kreischen in die Höhe schoss und in Richtung Norden verschwand.

Der Lärm ebbte mit einem Mal ab und die gespenstische Stille kehrte zurück, die sich zuvor über das Schlachtfeld ergossen hatte.

Der Körper war verschwunden. Nichts erinnerte mehr an die Prozedur. Kein Blut war zu sehen, keine Knochen, nichts, was auf den Verbleib von Uzubris schloss.

Der Himmel klärte auf und gab den Weg für die Sonne frei, die nun das gesamte Ausmaß der Schlacht preisgab.

Durch das Verschwinden des Delgoren schien auch alles Dunkle und Böse gewichen zu sein. Die Männer spürten, wie die Last auf ihren Schultern, die Furcht und Angst verbannt wurde.

Der Krieg, der später als Wolfskrieg bekannt wurde, war zu Ende.

Das Land war nun bereit wieder aufgebaut zu werden und einer friedlichen, strahlenden Zukunft entgegenzugehen.

Kapitel 1:
Ein zweifelhaftes Geschäft

Die Sonne war noch nicht vollständig am Himmel als sich auf dem großen Marktplatz von Nirugil die Menschen auf machten, ihren täglichen Geschäften nachzugehen. Die Händler der unterschiedlichsten Zünfte bereiteten ihre Stände vor, um auch an diesem Tag ihre Ware wieder der Bevölkerung der Hauptstadt anzubieten.

Gerber und Färber, Bäcker und Schmiede, Apotheker und Fischer, Juweliere und allerhand andere Kaufleute boten wie jeden Tag ihre zahlreiche Ware an, in der Hoffnung wieder mit einem prall gefüllten Geldbeutel am Abend den Markt verlassen zu können. Ihre Stimmen würden sich, wie jeden Tag, überschlagen. Man wollte den unliebsamen Konkurrenten übertönen, um Kunden abzuwerben. Vor allem in den hinteren Reihen des Marktplatzes war ein heißer Kampf um die Kundschaft entbrannt. Man wurde dort zuletzt gesehen und manch ein Besucher hatte zu diesem Zeitpunkt schon kaum noch Münzen übrig oder aber keine Lust sich weiter durch die Massen zu zwängen. Andere Händler hatten mehr Glück. Sie standen in den vorderen oder mittleren Reihen. Ihre Ware fiel durch die Anordnung der Stände früher ins Auge und verleitete zu einem Kauf.

Im Zentrum des Marktplatzes befand sich ein großer Brunnen, der in seiner Mitte mit einer Steinfigur ihres Königs Agor ausgestattet war, der wie auf allen Statuen eine majestätische Haltung einnahm und den Kopf in den Himmel gestreckt hatte.

Kinder spielten an dem Brunnen und bespritzten sich mit dem kühlen Nass, wohingegen ältere Bewohner der Stadt sich eine Erfrischung aus dem Brunnen gönnten, um die Hitze dieses Sommertages des Jahres 815 der Vereinigung erträglicher zu machen.

In drei Reihen waren die Stände kreisförmig um den Brunnen errichtet worden und ließen jeden Besucher so an jedem Stand vorbeikommen, sofern dieser einen Rundgang wünschte.

Farbenprächtig waren wie immer die Seidenhändler anzusehen, die sich gerne mit ihrer eigenen Ware schmückten und es nicht versäumt hatten sich mit kostbarem Schmuck aus den Schmieden des Orogon zu zieren um sich, dem Augenschein nach, zur oberen Schicht zu gesellen.

In mitten dieses Gewimmel war auch der Stand von Trian, einem neunzehnjährigen Mann, der den Fischereibetrieb seines Vaters fortführte, den dieser bereits von seinem Vater und dessen Vater übernommen hatte. Zwar lebte Trians Vater noch, hatte sich aber aufgrund seines Alters aus der aktiven Fischerei zurückgezogen und pflegte nur noch die Bücher und Zahlen.

„Ich bin keine zwanzig mehr“, sagte er, als er Trian drei Wochen zuvor die Geschäfte überlassen hatte.

„Du bist nun nicht nur Ehemann und für dein Weib verantwortlich, sondern auch für die vielen Knechte, die nun für dich arbeiten.“

Worte, die Trian stolz und besorgt zugleich machten. War er doch ein junger, unerfahrener Mann, dem man keine Zeit gegeben hatte, sich in die Geschäfte einzuweihen. Doch sein Vater war davon überzeugt, dass sein jüngster Sohn dieser Aufgabe gewachsen war. Es blieb ihm auch keine andere Möglichkeit, als sein Vertrauen in seinen jüngsten Sohn zu stecken, da seine beiden älteren Söhne sich nie für die Fischerei interessiert hatten und es für ihn unzumutbar war den Betrieb einer seiner Töchter zu überlassen.

Frauen hatten in dem Königreich von Krodar keinen hohen Stand. Sie waren zum Gebären und für die Küche angedacht, dass eine von ihnen ein Geschäft führen würde war unvorstellbar. So war es an Trian auch an diesem Morgen seine Knechte anzufeuern und zur Eile zu treiben, als sie ihre Karren entluden und die große Theke mit allerlei Meeresfischen füllten. Geräucherte, eingelegte, getrocknete oder auch in Salzbetten konservierte Ware sollte auch an diesem Tag zu genüge zum Verkauf bereitstehen. Methoden, die von Nöten waren, um zu garantieren, dass der Fisch gerade in den heißen Sommermonaten nicht verdorrte und zu unerwünschten Magenverstimmungen oder gar Vergiftungen führte.

Trian war besonders stolz auf die eigene Räucherkammer in seinem Gehöft, die dem Fisch eine besonders gute Note gab und hauptsächlich beim Adel Anklang fand. Die große Nachfrage sorgte für prall gefüllte Geldbeutel und ein angenehmes Leben.

„Beeilt euch. Die Sonne steht beinahe am Himmel und die Ware ist noch nicht abgeladen.“

Trian machte eine energische Handbewegung und mahnte die Knechte zur Eile an.

„Du da! Richte die Fische ein wenig liebevoller an. Das Auge kauft mit und denk an die Kräuter zur Zierde.“

Er machte kein Geheimnis daraus, dass ihm die Angelegenheit sehr ernst war. Es kam ihm nicht nur darauf an, dass die Ware rechtzeitig angerichtet war, sondern auch auf den Blickfang, denn, wenn die Ware ins Auge fiel war der Kauf schon zur Hälfte gesichert. Ein paar schmeichelnde Worte über die feinen Gewänder oder den eleganten Schmuck der Damen brachte sein Übriges und sorgte oft genug für einen größeren Kauf, als ursprünglich von seinem Kunden angedacht war. So war es nicht selten, dass Trian selbst Hand anlegte und tatkräftig mithalf. Denn egal, wie sehr sich seine Knechte bemühten, er hatte immer noch etwas auszubessern oder zu verändern. Selten war er von Anfang an mit allem zufrieden.

Trian war zielstrebig, ehrgeizig und fleißig, wenn es um das Geschäft ging. Seine Jugend spielte hierbei keine Rolle. Früh hatte er die Verhaltensweisen seines Vaters abgeguckt und eiferte ihm nach. Und auch, wenn Trian oft voreilig war und sich in Neuerungen eher schwer eingliedern konnte, war er ein vielversprechender Nachfolger. Er wollte den Namen seiner Familie nicht nur in Ehren halten. Er wollte ihn so bekannt machen, dass selbst die Bewohner, der umliegenden Dörfer und Städte auf seine Ware aufmerksam wurden und sich um seine erstklassigen Fische streiten würden. Ob Dorsch, Makrele, Hering oder auch Dorade. Alles, was das Herz begehrte bot Trian an und geizte nicht damit den potenziellen Käufern auch Ratschläge zu geben, wie sie den Fisch am besten zubereiten konnten.

Ein Rat, der gerne angenommen wurde und oft mit Lob zurückgebracht wurde.

Trian war ein schlanker mit langen, schwarzen Haaren und einem glatt rasierten Gesicht versehener Mann, der viel auf sein Aussehen gab und nicht selten mit verführerischen Blicken, der Damen beäugt wurde. Umso stolzer war seine Frau Leyla, dass sie es war, die ihn zum Mann bekam. Oft zeigte sie ihre Eifersucht, zeigte den Damen, dass Trian ihr Mann war. Sorgen machen, musste sie sich nicht. Sie wusste, dass Trian ein treuer Mensch war, und den Schmeicheleien und Angeboten der Damen widerstand. Viel mehr noch. Er interessierte sich nicht im Geringsten für andere Frauen, sodass Leyla ihm ein großes Maß an Vertrauen schenkte.

Beide Familien kannten sich seit ewigen Zeiten. Leylas und Trians Vater waren geschätzte Freunde und sahen sich oft, was dazu geführt hatte, dass sich auch Trian und Leyla früh kennen und lieben gelernt hatten. Zwar waren beide besorgt gewesen, dass ihre Väter anderes im Sinn hatten, doch zu ihrer Freude hatten sich ihre Väter bereits zu Kindeszeiten von Trian und Leyla dazu entschlossen, beide zu verheiraten. Selten war eine Verbindung sowohl mit der Zustimmung der Väter wie auch der Kinder geschlossen worden.

Der Tag war angebrochen, die Sonne bedeckte die ersten Stände der Händler und lockte so frühe Besucher an, die darauf aus waren, frische Ware zu ergattern. Vereinzelt erblickte man Soldaten der Stadtwache, die mit ihren silbernen, blank polierten Rüstungen darauf achteten, dass die Ordnung in der großen Menschenmasse bestand hielt. Ab und an mussten sie einem gierigen Langfinger das Handwerk legen, der versuchte unachtsame Frauen oder einen reichen Mann um sein Geld zu erleichtern. Vor allem die Kinder der ärmeren Viertel waren darauf aus, ihre Aussichten zu verbessern und der, wie sie sagten, ungerechten Verteilung des Wohlstandes entgegenzuwirken.

Bettler saßen am Rande zum Eingang des Marktplatzes und hofften auf Mitgefühl der Adligen, die allerdings oftmals, ohne die Männer und Frauen auch nur eines Blickes zu würdigen, an ihnen vorüber gingen.

Trian war deshalb sehr besorgt um die Börse seines Unternehmens, die immer mit ausreichendem Wechselgeld bestückt war und am Abend oftmals auf vier oder fünf volle Geldsäcke angewachsen war.

Dreihundert Silberlinge waren genügend Ansporn für einen Dieb seine Hand zu riskieren und die vom Tag ermüdeten Männer zu bestehlen.

„Habt Ihr das Geld?“, fragte er einen seiner Knechte, dabei nah an ihn herangetreten und mehr im Flüsterton zu ihm sprechend.

Ein kurzes Kopfnicken bejahte seine Frage und mit einer unauffälligen Handbewegung überreichte er ihm den prall gefüllten Sack, den Trian schnell ergriff und einsteckte, ehe er sich hinter den Stand begab und nun darauf wartete, dass sein erster Kunde kam. Wie er es von seinem Vater gelernt hatte, pries er seine Ware, so laut er konnte, an.

„Seht gute Bürger von Nirugil. Meine Ware ist die Beste, die ihr kriegen könnt. Doraden in feinstem Kräutersud eingelegt, gesalzener Hering, Makrelen und Dorsch. Hier findet ihr es, frisch und von bester Güte aus unseren Gewässern. Kommt und seht gutes Volk von Nirugil.“

Immer wieder wiederholte er sich, erhob dabei stetig seine Stimme, oftmals formte er sogar mit einer Hand einen Trichter vor seinem Mund, um noch besser gehört zu werden. Seine kräftige Stimme sorgte dafür, dass seine Worte weithin vernommen wurden und wenig später trat ein Mann im gehobenen Alter an ihn heran, gefolgt von zwei jungen Männer, die in einem Kapuzenmantel gehüllt waren und allem Anschein nach die Bediensteten des Mannes waren.

Trian kannte den Mann, der an diesem Tag der erste Kunde war. Es war der Seidenkönig von Nirugil. Jede Seide, die in die Stadt gebracht wurde, kaufte er zu günstigen Preisen auf und verkaufte sie zum doppelten Preis weiter.

Manch einer behauptete zwar, dass die Preise Wucher waren oder vermutete, dass die Händler von außerhalb unter Wert bezahlt wurden, wagten es aber nicht ihn öffentlich anzuklagen. Er war zu mächtig und genoss beim Adel ein hohes Ansehen, was ihm einflussreiche Freunde bescherte und so manch dunkles Gerücht wurden über ihn verbreitet. Seinem Eifer hatte er es zu verdanken gehabt, dass sein Wort bis in die Riegen des Hofes gehört wurden. Selten schaffte es ein Mann aus dem einfachen Volk ein derart hohes Maß an Ansehen zu erlangen. Nicht wenige behaupteten sogar, dass die persönliche Leibwache des Seidenkönigs unliebsame Konkurrenten und Störenfriede auf die ein oder andere Weise in einen Unfall verwickelte, um das Monopol ihres Herren aufrecht zu halten.

Trian störte sich jedoch nicht daran, was andere behaupteten und beteiligte sich nicht an derartigem Klatsch. Jeder, der seine Ware bezahlte war ihm willkommen, ganz gleich welchen Ruf er in der Stadt hatte oder ob er sein Geld mit ehrlichen Mitteln verdiente. Mit einem freundlichen Lächeln verbeugte Trian sich, als der Seidenkönig vor ihm stand und mit dem gewohnten grimmigen Blick auf die Auslage sah.

„Ich heiße Euch Willkommen mein Herr. Oh, welch hoher Besuch so früh am Morgen. Ihr ehrt mich mit Eurer Anwesenheit“, versuchte Trian ihn zu schmeicheln.

„Jaja. Ich benötige zwei Dutzend Fische. Doraden, frisch und gut eingelegt“, wies der Seidenkönig die gut gemeinten Worte zurück, dabei ununterbrochen auf die Auslage blickend und mit seiner rechten Hand auf die gewünschten Waren zeigend.

„Heute erwarte ich hohen Besuch und meine Freunde wollen gut verköstigt werden. Also spart mir die unnötigen Worte. Habt Ihr, was ich suche?“

„Natürlich mein Herr. Die besten Doraden, die Ihr im gesamten Süden finden könnt.“

Trian wandte sich zu einem seiner Knechte und wies ihn an die gewünschten Fische sorgsam einzupacken.

„Und legt noch drei Makrelen dazu.“

Er blickte auf den hochgeschätzten Kunden und sagte: „Ein Geschenk des Hauses, für eure Treue. Ich habe diese Makrelen mit einer neuen Rezeptur eingelegt. Aus Thymian, Petersilie und Goldkraut und dem feinsten Öl der Felder Alabus.“

„Ist schon gut. Sagt mir, was Ihr bekommt und last mich meiner Wege ziehen.“

„Für Euch oh Herr sind es sieben Silberlinge.“

Trians geschickte Wortwahl hätte den Eindruck erwecken können, den Preis gedrückt zu haben. In Wahrheit legte er drei Silberlinge oben drauf und knöpfte dem Seidenkönig fast doppelt so viel Geld ab, wie er normalerweise nehmen würde.

Ohne weitere Worte zu verlieren verließ dieser den Stand und schaute sich auf dem übrigen Markt um. Zufrieden um mit einem leicht hämischen Grinsen auf den Lippen steckte Trian die Münzen in seinen Geldsack und verstaute ihn dann wieder sicher unter dem Tresen, dabei die Worte einer seiner Knechte hörend.

„Herr! Denkt Ihr nicht, dass wir dem Seidenkönig den richtigen Preis nennen sollten?“

„Sieh ihn dir an Loan. Er passt kaum in seine Gewänder und prahlt damit, dass er sich alles kaufen kann. Er kann ruhig ein wenig mehr bezahlen.“

„Wenn das weiter so geht, dann gehört ihm bald eh alles. Händlerkönig oder Marktkönig wären die besseren Bezeichnungen für ihn.“

Trian schaute seinen Knecht fragend an.

„Habt Ihr noch nicht davon gehört? Der Seidenkönig soll in den Orogon gereist sein und dort ein Vertrag ausgehandelt haben, in dem er alle Edelsteine, Juwelen und was sonst noch so aus dem Zwergenreich stammt aufzukaufen.“

„Gerüchte Loan. Davon gibt es viele über ihn. Einmal hörte ich sogar, dass er in die königliche Familie einheiraten wollte, um dem König bessere Preise anzubieten.“

„Die arme Prinzessin“, lachte Loan, dabei den Gedanken an die bildhübsche Tochter ihres Königs, die im gesamten Königreich begehrt war.

„Wir sollten uns aus derartigen Dingen raushalten. Ich bin Fischer, kein Politiker. Egal wie es kommt, solange wir davon leben können und uns auch hin und wieder etwas gönnen soll es mir egal sein, wer meine Ware kauft.“

Damit hatte Trian etwas ausgesprochen, woran er sich stets gehalten hatte. Wenn er daran dachte stundenlang in einem Raum eingesperrt zu sein und Gespräche zu führen, die sich um Verrat, Abtrünnigkeit und andere Dinge drehten, würde sich ihm der Magen umdrehen. Er bevorzugte die Gespräche mit den Menschen an seinem Stand, obgleich er genügend begegnete, denen er nicht begegnen wollte.

Die Geschichten seines Fisches waren unkomplizierter und angenehmer als die der hohen Herren in ihren Burgen und Festungen.

Aufmerksam überflog er den Markt, schaute in die vielen lachenden Gesichter der Besucher, lauschte, wenn er konnte, den Gesprächen in der näheren Umgebung und betrachtete die spielenden Kinder am Brunnen, die wohl ahnten, dass es wieder ein heißer Tag werden würde. Für den eigenen Bedarf hatten sie sich ihre Trinkschläuche mit Wasser gefüllt und hofften damit zumindest die Mittagshitze zu überstehen, die trotz ihres Sonnensegels ihnen wieder einmal den Schweiß ins Gesicht treiben würde.

Ein Grund mehr für Trian sich über die Anwesenheit von vier weiteren Knechten zu freuen, die den Großteil der Arbeit verrichteten und das einfache Volk bedienten, von denen nun mehr und mehr aus ihren Federbetten krochen und aus der Stille ein reges Treiben machten. An dem östlichen Torbogen erkannte er ein halbes Dutzend Kurtisanen, die mit ihrer knappen Bekleidung und verführerischen Blicken versuchten, die Besucher vom Markt in ihre Zimmer zu locken. Nicht selten wurde dabei der Geldbeutel eines ahnungslosen Freiers entwendet, denn neben jenen Damen, die die Fleischeslust stillen wollten, hatten sich auch Diebe daruntergemischt, die die Gunst der Stunde nutzten und in organisierten Banden die Lust der Herren zum Anlass nahmen ihnen die Börse zu nehmen.

Ein Grund, wieso sie nicht auf dem Gelände des Marktes zugelassen waren und auch von den Stadtwachen aufs schärfste beobachtet wurden, eher wegen des Aussehens, wie viele behaupteten.

Wieder und wieder überreichten ihm seine Knechte Bronze oder Silberlinge, baten ihn um Wechselgeld und erfreuten Trian so einen weiteren guten Tag zu haben. Wie sollte es auch sonst sein?

Alles in Allem genoss er sein Leben und war zufrieden mit dem, was er hatte, war dennoch daran bedacht die Fischerei zu erweitern, indem er auch in den Bergflüssen nach Lachs suchte oder auch die Seenlandschaft nordöstlich von Nirugil zum Fangplatz machen würde. Zwar musste er dafür mindestens drei neue Karren bauen lassen, sechs Pferde kaufen und neun Knechte einstellen, doch der Gewinn, der dabei herumkommen würde, wäre jede Investition wert.

„Vielleicht kann ich mir damit sogar einen größeren Stand leisten und noch mehr verkaufen“, dachte sich Trian immer wieder und sah schon den enormen Reichtum, den er machen würde. Seine Frau wäre stolz auf ihn und sein Vater würde ihn loben bis ans Ende seiner Tage.

Langsam brach der Mittag an und die vielen Verkäufe und das ewige hin und her rennen machte die Männer hungrig, sodass Trian sich mit Loan aufmachte und versuchte Brot und ein wenig Dörrfleisch zu ergattern, um die Mägen zu füllen. Natürlich begutachteten sie dabei die Stände der Händler und erlaubten sich hier und da im Stillen ein Urteil. Das ihr Stand am besten positioniert und ausgerichtet war, war selbstverständlich.

Da es aus Gründen der Sicherheit verboten war zwischen den Ständen hindurch zulaufen, mussten sie bis an das andere Ende des Ganges aus Ständen gehen und dort in nach links abbiegen, um in den dritten Ring zu gelangen, wo sich der Bäcker und der Fleischermeister befand, dessen Stand im hintersten Teil, gut verdeckt und von der Sonne geschützt war.

Sie freuten sich bereits auf das kommende Mahl, als Trian bemerkte, wie ein kleiner Junge an ihm vorüber lief und blitzschnell mit einem Messer die Lederriemen seines Geldsackes zerschnitt, um damit eiligst davonzulaufen.

„Hey du Dieb“, schrie Trian ihm nach und nahm sogleich die Verfolgung auf.

An den Menschenmassen vorbei stürmend stieß er selbst mehrere Männer und Frauen beiseite, die empörten Rufe seiner Opfer nicht wahrnehmend.

Seine Augen waren nur auf den kleinen Jungen gerichtet, der sich schnell in der Masse verbarg und als Trian an dem Brunnen stand verschwunden war.

„Das darf doch nicht wahr sein“, schrie er mit seiner rechten Faust in die Luft schlagend und vor Wut die Zähne zusammenbeißend.

„Wenn ich diesen Bengel erwische, schlage ich ihm persönlich die Hand ab.“

Natürlich hörten die Männer und Frauen in seiner Umgebung seine Worte und blickten ihn argwöhnisch an, die Ohren ihrer Kinder dabei zuhaltend.

Mit scharfen Augen und höchster Wachsamkeit schaute Trian auf die vielen Kinder, die im Wasser waren. Er schaute sich jedes einzelne Kind an und versuchte sich in der Eile an das Gesicht des Diebes zu erinnern, dass er nur sehr kurz gesehen hatte, als er eine Hand auf seiner Schulter bemerkte.

Aus seiner Starre gerissen wandte er sich um und blickte in die Augen zweier Gerüsteter, die den Tumult mitbekamen und sich erkundigen wollten, was geschehen war.

„Dieser kleine Dieb hat mir meinen Geldbeutel gestohlen“, versuchte er sich zu erklären und zeigte ihnen die abgeschnittenen Lederriemen, deren Reste noch an seinem Gürtel hingen.

„Das rechtfertigt noch lange nicht, dass Ihr friedliche Bürger umstoßt Herr. Wenn Euch etwas gestohlen wurde, müsst ihr es der Stadtwache melden.“

„Ich hätte ihn ja beinahe gepackt. Dann hätte ich Euch den Dieb schon übergeben“, meinte Trian wild gestikulierend.

„Sei es wie es sei. Macht das nicht noch einmal oder ich muss euch des Platzes verweisen.“

„Ich bin Händler“, sagte Trian, erstaunt über die Androhung der Soldaten.

„Das ist dann Euer Problem. Haltet euch an die Gesetze Eures Königs.“

Die beiden Männer wandten sich bereits wieder ab und wollten Trian verlassen, als dieser ihnen hinterherrief.

„Und mein Geld?“

„Wie sah der Dieb denn aus?“

„Es war ein Junge, beige Hose, braune, zerrissene Weste. Mehr weiß ich nicht.“

„Gut! Wenn wir ihn sehen, greifen wir ihn auf.“

„Wie? abwarten? Der ist doch sicherlich nicht mehr hier auf dem Marktplatz.“

Mies gelaunt und von Trian genervt, machte einer der beiden Männer einige energische Schritte auf ihn zu und sagte ihm dann im unfreundlichen Ton:

„Wir sind eingeteilt auf dem Markt Unruhen zu vermeiden, nicht durch die halbe Stadt zu laufen, um nach einem Dieb zu suchen. Wenn wir ihn hier sehen, nehmen wir ihn fest und bringen euch das Geld zurück. Wenn Euch das nicht reicht, dann fürchte ich müsst ihr Euch von eurem Geld endgültig verabschieden. Haben wir uns verstanden?“

Trian nickte. Er wusste, dass er in einem Wortgefecht gegen eine Stadtwache nichts ausrichten konnte. Sie waren ebenso käuflich wie jeder andere in der Stadt. Auch wenn ihre Worte stets die Treue und Loyalität zu ihrem Monarchen und ihren Gesetzen predigten, waren sie eher dem Geld treu, was Trian in den Glauben brachte, dass er, sollte er sein Geld zurückbekommen, einen entsprechenden Lohn an die beiden Männer abgeben musste.

„Wo können wir Euch finden?“

„Ich bin Trian der Fischer.“

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