Neu-Autorenbetreuung mit System

Leseprobe:
Immer wieder wird es edle Schiffe geben,
von Curt Hesse

Der kleine Stundenzeiger

Zu gewissen Stunden des Lebens bin ich reich beschenkt

worden. Es lag kein besonderer Anlass vor, der dies nun etwa

gerechtfertigt hätte. Jedoch nahm ich die Gabe mit tiefem inneren

Dank an. Ich ahnte dunkel, dass der Anlass darin bestehen

musste, dass eben gerade kein Anlass vorlag.

Nun, eines Tages jedenfalls, ich hatte morgens meine Augen

noch nicht geöffnet, zog vor meinem Geiste ein wolkenartiges,

rötlich schimmerndes Gebilde auf. Begleitet wurde es

von einem seltsam anschwellenden Tone, den ich noch nie

in der Form wahrgenommen hatte. Ich weiß nicht, ob man

bei einem Ton überhaupt von Form sprechen darf. Oder gar

von Farbe. Das scheinen doch eher Attribute aus dem Reich

des Sehens zu sein. Jedoch hatte dieser Ton eine Form und

dazu auch noch eine Farbe. Und während er anschwoll wie

eine Woge, die sich schließlich in der letzten Steigerung ihrer

Wucht überschlägt, um in einen dünnen Wasserteppich zu

zerfließen, durchlief er alle Formen und Farben, die zu bilden

meine Vorstellungskraft in der Lage war. Allmählich verdichtete

das Wolkengebilde sich zu einer Figur, die sich nunmehr

klar und erhaben vor meinem inneren Auge aufrichtete, der

phantastischen Darstellung einer Uhr, auf der die abwechselnden

Jahreszeiten ein Zifferblatt bildeten, über welches

langsam und beständig ein großer schwarzer Vogel kreiste.

Dieser Vogel, welcher seine Schwingen weit in den Äther ausfaltete,

war die Zeit, der Stundenzeiger die Ewigkeit.

Ich presste meine Augenlider fest zusammen, um mir

nichts von diesem Zaubergebilde entgehen zu lassen, sah auf

einer gigantischen Scheibe den Wechsel der Jahreszeiten ablaufen.

Die einzelnen Felder, auf denen sich die ineinander

überfließenden Jahreszeiten abspielten, waren von enormem

Ausmaße. Der große schwarze Vogel kreiste gerade über weite

Felder, welche goldgelb zu seiner Höhe hinauf schimmerten.

Bald überflog er blaue Weltmeere, bald die großen Städte mit

den hohen Schornsteinen und Hochhäusern. Jedoch, wohin

er immer auch flog, überall war Frühling. Ich erkannte das

an der Pracht der Bäume, an den Farben der Blumen und an

den fröhlich lachenden Gesichtern der Menschen. Mal flog er

durch ein Gebiet, wo Regenschauer niedergingen, bald durch

einen Palmenhain, in dem heißer Wind trockenen Meeressand

hineinfegt. Er flog beständig über weite Ebenen, den

Frühling hinter sich lassend, in den frühen Sommer hinein.

Das dunkle Grün auf den Wiesen wurde zusehends blasser

und wechselte in ein goldenes Gelb. Gerade überflog er

die kleine Insel, auf der ich selbst wohnte. Ich konnte deutlich

die Feigenbäume erkennen, die bereits grüne, noch unreife

Früchte trugen. Alte Frauen saßen in ihrer Tracht bei einer

Schafherde und verrichteten Näharbeiten. Unzählige kleine

Eidechsen tummelten sich auf eingefallenen Steinmauern.

Dazu spielte der Wind eine Melodie, in die, wohl zum letzten

Mal, der Kuckuck rief.

und das Rauschen von trockenen Getreideähren. Die

Ahnung des beinahe nachrückenden Sommers. Noch flog der

Vogel über die frühlingshaften Länder.

Noch sah man Kinder in warmer Bekleidung und Hunde,

die sich vor einem bevorstehenden Gewittersturm verkrochen.

Noch war Frühling allerorts. Doch die gigantische Uhr,

welche vor meinem träumenden Auge Gestalt angenommen

hatte, zeigte vieles mehr. Sie war nicht nur Frühling mit grünen,

morgenbetauten Fluren und heiseren Lockrufen der zurückkehrenden

Vogelschar, sondern sie war auch schon der

atemberaubend üppige Sommer mit seinen erwärmten Seen

und Flüssen! Der Sommer, wo die Gefühle des Menschen so

überschwänglich aus der sonst verschlossenen Seele strömten,

wo in lauen Nächten die Begierden erwachen und die

Fremden wie Freunde nebeneinander ruhen. Wo die Kinder

leichte Hemden tragen und die schöne Jungfrau, mit angstvoller

Freude erfüllt, ihrer ersten vereinigenden Berührung entgegenbebt.

Der Vogel, der so unablässig seine Bahnen zieht,

der Zeiger einer vorwärtstreibenden Zeit, er ist es, der weiterzieht.

Der Frühling bleibt stehen. Seine Farben, seine Düfte,

seine Melodien und seine Blüten, niemand führt sie hinweg.

Uns werden sie zur Erinnerung. Dieser Frühling wird immer

in uns weiterleben, so wie der eigene Frühling in uns weiterlebt,

und uns die Kraft gibt, den Winter zu überstehen, der

so armselig ist und grauenvoll, in dessen eisigen Klauen die

Träume einer unvergesslichen Sommernacht erfroren sind.

Auch er, der Winter, erhebt sich mit seiner in Schnee gehüllten

Würde vom Zifferblatt der Zeit. Ich sehe, wie der

Wind die Schneeflocken auseinandertreibt. Ich sehe das rote

Näschen eines allerliebsten Kindes und eine leblose Amsel,

die der Frost beim Träumen überrascht hatte. Jetzt fliegt sie

schon zum zweiten Mal gegen mein Schlafzimmerfenster, um

mich aus meinen Träumen zu wecken. Sie tut das jeden Tag,

wenn ich zu lange schlafe.

„Komm, mein Freund, erwache!“, sagte sie. „Es ist Frühling,

es ist Frühling! Die Sonne scheint wieder durch die

Feigenblätter. Hörst du nicht, wie das Haferfeld hinter dem

Haus rauscht? Willst du nicht sehen, wie das Meer dunkelblau

durch die braunen Felsen schimmert? Schlafen kannst du

immer noch. Schlafen kannst du, wenn das alles vorbei ist!“

Und wieder verursacht sie an der Glasscheibe ein Ge10

räusch, das mein so lange sorgsam gehütetes Traumgebilde

zum Einstürzen bringt. Ich schlage die Augen auf. Noch ist

Frühling. Ich öffne die Türe, und die Amsel ist längst fort. Ich

gähne einige Male und strecke mich so ausführlich, dass die

letzten Traumbilder mit ihrem geheimnisvollen Ton sich mit

der allgemeinen Verwunderung vermengen, dass man wieder

einmal ohne eigenes Zutun zum Leben erwacht ist. Der

Himmel spannt sich mit einem unwirklich samtenen Blau

zwischen Meer und Bergen. In weiter Höhe zieht ein Vogel

Möchten Sie das Buch: Immer wieder wird es edle Schiffe geben, jetzt bestellen!

Zum Shop

Zurück zur Übersicht

arrow_back