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Leseprobe:
Haiku "auf Deutsch",
von Rose Marie Fechter

Haiku ist eine japanische Gedichtform und gilt als die kürzeste der Welt. Haiku-Verse wollen in der möglichst knappesten Sprachform möglichst viel aussagen - oder, besser gesagt: andeuten. Traditionelle Haiku lassen vieles offen, so dass der Leser/Hörer zum Nachdenken, Überdenken und Darüberhinausdenken aufgefordert ist und Interpretation und Sinngebung selber veranlasst. Sich sozusagen seinen eigenen „Reim“ darauf machen kann, je nach Erfahrungshintergrund und Weltbild.

Als ich vor Jahren zum ersten mal auf einem Kalenderblatt einen Haiku-Vers las, war ich verblüfft ob der Knappheit der Sprachform und zugleich der Vielschichtigkeit der Aussage, - die zunächst immer ein wenig Rätsel aufgibt und so zu einem ganz persönlichen Denkprozess „zwingt“.Und ich bekam Lust, mich darin selber mal auszuprobieren...So entstanden diese Verse.

Die meisten Haiku hier sind jedoch, wie ich finde, recht typisch „deutsch“- da sie wenig offen lassen und oft auch noch einen „Nachsatz“ haben...So sind es also sehr „deutsche Haiku“ geworden...

Aber so sind wir eben: immer möglichst „gründlich“ unser Wissen und unsere Anschauung kundtun..Ob wir dadurch schon verstehbarer werden? Wir haben noch viel zu lernen,- zum Beispiel, dass weniger oft mehr ist...! Aber schon das ist schwer! Packen wir‘s also an...Haiku könnten dazu ein Übungsfeld sein.

Rose Marie Fechter

Sommer 2019

Wenn ich dem Licht den Rücken zukehre,

sehe ich auf meinen rießigen Schatten.

Wende ich mich um, liegt er hinter mir..!

Warum nur stehen wir uns so oft selbst im Weg?

Lang und beschwerlich ist die Reise in unser Inneres,-

wie schnell dagegen sind wir in Afrika!

Und doch sagen manche: das ist mir zu weit..!

So bleibt man sich selber fremd, fremd, fremd...

Ich liege wach und sortiere meine Sorgen -

und draußen besingen die Vögel den neuen Tag.

Ich höre und staune...

Der eine tut für eine Sache was er kann und

für richtig hält,

ein anderer hat dazu eine Menge Gegenvorschläge

parat...

Wie leicht fällt uns doch Kritik für Dinge, die wir

selber nicht tun,- oder nicht tun wollen...!

Abgewertet und benutzt fühle ich, wie mein Groll

wächst und wächst...

Ich sage zu ihm : „geh weg, du bist nicht zeitgemäß!“

Er antwortet : „warum begießt du mich dann täglich?“

Meine „Archillesferse“ - wie heikel bin ich da!

Und wenn ich andern „Fersensporn“ gebe,

spür ich kaum etwas!

Wie reimt sich das zusammen...?

Viellleicht doch lieber „Verse“ statt „Ferse“!?

Dabei denke ich zumindest genauer nach...!

Wütend lege ich ein Buch zur Seite: es ist lächerlich banal!

Da freu ich mich plötzlich auf ein Gespräch mit dir...!

Wie der konkrete Mensch doch ohne Gleichen ist.

Alte Gewohnheiten kleben an mir wie Kletten -

und im Garten schält sich ein Rosenfalter aus seinem Kokon...

Die Weisheit des Schmetterlings!

Oder die der Raupe...?

Überquellender Papiercontainer,- nichts geht mehr.

Welch ein Verbrauch!

Auch das Computerzeitalter konnte daran nichts ändern...

Die nächste Sintflut wird aus Papier sein...!

Im Parlament jonglieren sie mit Wahrheit und

Verschweigen - „zum Wohle der Bürger“...!

Im Cafe nebenan legen sie dann

„des Kaisers neue Kleider“ ab und bedecken ihre Scham

mit Sahnetorte...

Längst schon aber hat man sie sogar im Dorfwirtshaus

enttarnt...!

Gästeliste...

Wer kommt...?

Der, der mich findet....Und schätzt!

Dem ich wichtiger bin als sein Lieblingsgetränk!

Im Dunkeln noch sorge und sorge ich mich um deine

Zukunft: wirst du es schaffen...?

Endlich graut der Morgen...da singt ein Vogel am Fenster.

Er singt Hoffnung!

Zufrieden schaue ich über meinen Garten...

da fällt plötzlich Krähendreck auf meinen Kopf!

Sie fliegt weg und lacht...!

Kraftlos und verbraucht ist der Mensch ohne

„Marktwert“, wenn er alt ist....Jung-sein ist angesagt!

Empört frag ich da:

Was ist der Mensch ? Und wer bestimmt seinen Wert...?

Wie sehr wir doch alle „Funktionäre“ geworden sind.

Endlos schlaflose Nacht...

Genervt trete ich ans Fenster, den Mond zu suchen,-

da entdecke ich einen grandiosen Sternenhimmel...!

Ich schaue.....und schaue....und staune.......!

Beinahe hätte ich dieses Wunder verpasst!

Frühmorgens schalte ich das Radio ein,-

sofort machen sich alle Krisenherde der Welt

an meinem Frühstückstisch breit...!

Mir bleibt der Bissen im Halse.-

So bedrängt frage ich : gibt es irgendwo auch gute

Nachrichten?

Endlich findet die Musik ihren Weg zu mir!

„Ja, ja klar!“ sagt die Tochter.“Ich werde pünktlich

zu Hause sein!“

Der Vater denkt: „Das kenn ich schon,...was wird sie sich

diesmal alles einfallen lassen...?“

Beim Sportprogramm im Fernsehen sind dann die

Bedenken schnell vergessen...

Leidenschaft und Sorge scheinen sich nicht zu mögen...!

Vater und Sohn streiten sich über das Verhalten beim Essen...

Enttäuscht schaut die Mutter auf ihre von der Hausarbeit

gezeichneten Hände...

Wie fern man sich doch sein kann ,- am gleichen Tisch!

„Umsonst bringe ich den Müllsack aber nicht zurTonne!“,

sagt der 13-Jährige zu seiner Mutter.

„Dafür krieg ich aber was..!“

Die Mutter gibt und denkt:

„Liebe ist nicht bezahlbar! Er weiß es nur noch nicht...“

Ob sie recht hat?

Lange habe ich gebraucht, um zu erkennen:

meine Sorgen sind banal!

Wie schnell dagegen schließt sich mein lachendes Auge...

Da erkannte ich: Dankbarkeit ist ein hohes Gut!

Mein altes Kleid,- wie wurde es schon beargwöhnt:

es sei doch aus der Mode!

Ich mag es trotzdem ! Ich glaub, es steht mir immer noch.

Und: was ist schon modern?

Wenn alles gleichgeschaltet, digitalisiert und online ist?

Auch meine Kleider?

Am Wegrand eine schwarze Katze...

oh je, wo will sie hin?

Ein Glück: sie bleibt wo sie ist!

Jaaaa, ich weiß: eine schwarze Katze ist auch nur eine Katze..!

Immerhin: sie hatte weiße Pfoten!

Der Hahn lockt seine Hennen herbei und alle laufen los...

Nur eine sucht sich ihre Würmer weiterhin selber

und bleibt wo sie ist.-

Ob sie weiß, was sie tut und warum sie es tut?

Am großen Teich zanken sich heftig zwei Entendamen...

und finden kein Ende...

Da naht sich ihnen energisch ein majestätischer Schwan.

Und plötzlich sind die beiden in harmlosem Geschnatter

vereint.-

Wie Menschen und Tiere sich doch oft ähnlich sind...!

Wie er dasteht!

Frost, Hitze, Sturm,- allem Unbill ausgesetzt...

Gebeugt - und dennoch aufrecht:

Der Baum!

Sommer!

Die Sonne steigt im Moor aus dem Bad

und in der Heide legt sie sich schlafen.

Wie gut sie da gebettet ist zwischen Heidekraut und

Wacholder...!

Hoffentlich vergißt sie morgens nicht, rechtzeitig

aufzustehn von ihrem duftenden Lager...

So vieles gilt es noch „auszuleuchten“!

Herbst -

Die letzten Blumen, die letzten Früchte,

die letzten Vogelzüge am Himmel,

die letzten Wanderungen im bunten Herbstlaub...

Abschied? Dank? Vorsorge für „magere“ Zeiten?

Oder einfach nur: das Wetter ändert sich,...

der Jahreszeit entsprechend!?

Die Art Deiner Wahrnehmung birgt deinen Lebensstil!

Bedrückende Stille im Novemberwald,-

alles fahl und kahl...

Das „Nichts“ scheint hier zu Hause zu sein.

Da huscht plötzlich ein rotes Eichhörnchen über den Weg

und auf den nächsten Baum...

Wie doch das „Nichts“ so nett sein kann!

Erster Kälteeinfall! Die Natur trägt weiß,- wie feierlich !

Und mein Auto? Zugefroren!

Ganz unfeierlich denke ich: es geht wieder los...!

Da entdecke ich die filigranen Eisblumen auf den Fenstern..

Ich staune...

Welcher Künstler war hier am Werk...?

Einsamer Rabe auf dem Winterbaum,-

wie vom Schicksal geschlagen sitzt er da...:

gelassen, bescheiden, seiner Lage sich bewußt....!

Das gibt ihm Würde! Und Macht!

Wenn er auffliegt, wird es schneien...

Nächtens, bei Schneesturm und klirrender Kälte,

retten Fuchs und Hase sich erschöpft in eine Scheune,-

Jäger und Beute friedlich schlafend unter einem Dach.

Doch schon als der Morgen graut, riecht der Fuchs

den Braten - und der Hase wittert die Gefahr...!

„Not schweißt zusammen!“ , sagt der Hase leutselig.

„Genau!“, erwidert der Fuchs, „gleich werden wir

ganz vereint sein...!“

Makaber? Vielleicht. Aber doch so „menschlich“! Oder?

Hoffnung

Grimmige Januarkälte! Eisiger Wind trotzt der Sonne

und hält Eis und Schnee fest umklammert.

Da dringen plötzlich - ganz unzeitgemäß - weiche Töne an

mein Ohr,...erste zaghafte Laute einer Amsel auf dem Dach.

Spürt sie, was wir noch nicht wahrnehmen? Hat sie ihn schon

erkannt, den noch so fernen Frühling...?

Plötzlich ist alles anders...

Riecht die Luft nicht schon nach Veilchen

Gestern bließ noch der Nordwind herab.

Und heute?

Ungenau noch, aber doch ahnungsvoll:

Frühling!

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