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Leseprobe:
Grau 1,
von J.S. alias E-A- Oannes

Kathrin, starke helllichte Heilerin, ging unsicheren Schrittes mit ihrer Schülerin, der dunklen Heilerin Renate, die Straße hinunter, in Richtung eines kleinen Kaffees, welches dem Konditor Stan, einem schwachen dunklen Magier, gehörte. Michael hatte ihr empfohlen dorthin zu gehen, in aller Ruhe einen Kaffee zu trinken und eines der kleinen Nusstörtchen zu essen, welche Stans Spezialität waren und die Kath so gerne aß. Eigentlich war es eher eine Anweisung gewesen. Sie hatte sich zu beruhigen. Sie war eine Heilerin, keine Seherin, aber in den letzten drei Nächten hatte sie übelste Albträume gehabt. In diesen wurde eine hohe Heilerin von einem Vampir ausgesaugt, während sie an den Füßen aufgehängt worden war. Kathrin war bei diesen Träumen zweimal unter Tränen aufgewacht.

Sie hatte ihre Albträume nun Michael erzählt, dem stärksten und somit auch einflussreichsten Schwarzmagier der Stadt. Sie hatte ihn vor Monaten geheilt, etwas, wofür er immer noch dankbar war. Renate, neben ihr, war zwar eine gute Heilerin, konnte Knochenbrüche und Wunden schnell kurieren lassen, aber dies wurde, wie bei vielen anderen Krankheiten auch, mit dem Kommando „Wachstum“ an die betroffenen Zellen erreicht. Bei Krebs war „Wachstum“ jedoch keine gute Idee. Seit Kathrin Michael vom Krebs kuriert hatte, hatte sich in der Stadt schon etwas verändert.

Michael hatte einen regulären Grobschlachthof gekauft, diesen mit seinem Personal besetzt, und nun konnten sich die Werwölfe und Vampire der Stadt, entweder für ein wenig Geld oder für Arbeit, dort das besorgen was sie brauchten. Seither gab es ein paar Tote weniger pro Monat in der Stadt. Das war das positive Resultat dieser Beziehung. Doch nun hatte sie in den letzten Tagen diese Albträume gehabt.

Michael schlief ab und zu bei ihr, sie schlief auch ab und zu bei ihm, doch diese Albträume hatte sie nicht gehabt, als er bei ihr gewesen war. Ein sonderlich festes Paar waren sie nicht, aber sie waren nun doch seit Wochen lose zusammen. Sie hatte ihm die Albträume beschrieben, er hatte seinen besten Seher, Bernd, holen lassen, der hatte sich die Träume angesehen und Michael hatte versprochen sich darum zu kümmern.

„Kein Vampir der Stadt wird eine hohe Heilerin aussaugen!“, war sein zorniger Kommentar dabei gewesen. Kath hatte ihn selten so aufgebracht erlebt. Als Bernd keine weiteren Anhaltspunkte aus ihren Träumen hatte ziehen können, war sie zu Stan geschickt worden.

Ein paar Schritte noch und sie waren beim Kaffee angekommen. Sie zitterte immer noch ein bisschen. Bernd hatte sich die Albträume schon gewissenhaft angesehen.

Stan schien sie bereits erwartet zu haben und lächelte ihnen zu, als er sie zu einem Tisch geleitete. Seine Fähigkeiten beschränkten sich darauf zu erkennen, ob eine Person magisch begabt war oder nicht, und grob, worin diese Begabung bestand. Und er war der beste Konditor der Stadt. Das zählte natürlich auch. Michael hatte ihm die Räumlichkeiten besorgt, in denen er nun sein Konditorei-Café betrieb. Es lag in der Touristenmeile der Stadt, an einer Kreuzung, welche viel Laufkundschaft und somit viel Umsatz brachte. Michael hatte solche Dinge im Griff.

Er war mit dem Gebrauch seiner Fähigkeiten auch ein wichtiger Geschäftsmann in der Stadt geworden und hatte sogar einen Polizeibeamten, den er anrufen und mit dem er zusammenarbeiten konnte, sobald es um Magie, Vampire oder Werwölfe ging. Doch Michael hielt seinen sogenannten Laden sauber. Es war schlecht fürs Geschäft, falls Leichen gefunden wurden, die von einem Vampir ausgesaugt worden waren oder die ein Werwolf zerrissen hatte. Natürlich war Michael auch in andere Geschäfte wie Prostitution, Waffen und Drogenhandel verwickelt, wie viele Dunklen der Stadt, doch Kathrin hatte erreicht, dass es einige Leichen pro Monat weniger gab, und das war auch schon mal was.

Sie saßen und Stan brachte den Kaffee. „Auch ein Stück Kuchen oder ein Törtchen?“, fragte er, als er die Tassen abstellte.

„Ja, definitiv ein Nusstörtchen“, antwortete Kathrin.

Renate bestellte das Gleiche und lächelte Kath aufmunternd zu. „Keine Bange. Michael wird sich darum kümmern.“ Zur weiteren Beruhigung tätschelte diese noch Kathrins Hand. Kath konnte nur nicken und nahm einen Schluck vom Kaffee.

Es war früher Abend, die Sonne war am Versinken, doch es war noch viel los auf den Straßen. „Das Geschäft brummt!“, stellte Renate fest, als Stan die Törtchen vor ihnen abstellte. Der nickte erfreut, doch plötzlich war sein Blick kurz abwesend. Kathrin wusste auch fast sofort warum. In einer Seitenstraße gegenüber waren zwei Vampire am Werk. Außergewöhnlich!

Kathrin kannte die beiden nicht. Sie kannte zwar nicht jeden Vampir in der Stadt, aber auch Renate, welche ja eigentlich zu den Schwarzen gehörte, schien keinen der beiden zu kennen. Es waren ein junger und ein älterer Vampir. Sie zogen etwas durch, was Michael in der Stadt nun mal nicht duldete. Mit ihrem Vampir-Ruf zogen sie zwei Touristen in diese enge Seitenstraße. Kathrin griff in ihre Handtasche bevor sie auch nur daran denken konnte, ihr Smartphone sprang ihr eigentlich schon von selbst in die Hand, war eingeschaltet, ohne dass sie einen Knopf berührte, und Michael sprach bereits, bevor sie das Gerät überhaupt am Ohr hatte.

„Hab ich mitbekommen! Ivan ist bereits unterwegs und ich mache mich auf den Weg sobald ich Vincent und Roland erreicht habe. Ihr haltet euch raus! Renate auch, nicht nur du. Darum kümmern wir uns.“ Kathrin konnte gerade mal so zustimmen, da war die Verbindung bereits unterbrochen. Michael hatte es offensichtlich eilig.

Die beiden Touristen fragten sich sicherlich, warum sie in diese enge Straße geradezu hineingesaugt wurden, aber sie konnten nichts dagegen tun. Die Vampire zogen, und zwar kräftig. Deswegen waren sie so schnell aufgefallen.

„Kennt einer von euch die?“, schaffte Kathrin zu fragen. Renate wie auch Stan schüttelten den Kopf. „Wir sollen uns raushalten. Ivan ist bereits unterwegs und Michael ruft Vincent und Roland“, fuhr Kath fort. Renate nickte, Stan kümmerte sich wieder um sein Geschäft.

Es waren vielleicht gerade mal ein paar Sekunden mehr vergangen, als Kathrin noch etwas bemerkte. Ein älterer Mann in abgetragener Kleidung, noch an der Ecke zur Hauptstraße stehend, schien das Treiben der Vampire ebenso bemerkt zu haben. Ungewöhnlich! Das konnten normalerweise nur magisch begabte Personen. Die Vampire waren über hundert Meter weiter in die Seitenstraße zurückgewichen, somit kaum noch zu sehen, und die beiden zukünftigen Opfer latschten noch immer brav hinter ihnen her.

Doch diesen Mann kannte Kath auch nicht. Aber sie bemerkte einen kleinen Wirbel unter dessen Hand, der sich bis zum Boden zog. Fast nicht wahrnehmbar, eigentlich eher ein Flimmern als ein Wirbel, doch die Vampire schienen plötzlich nicht mehr so viel Macht über die beiden Touristen zu haben. Diese stockten in ihrem Gang, wurden immer langsamer, bis sie sich verwundert umsahen und sich gegenseitig anlachten. Sie fingen an, wieder zur Hauptstraße zurückzugehen.

Den Vampiren passte dies sicherlich nicht, aber der ältere der beiden schien auch gesehen zu haben wer diesen Abbruch ihrer Bemühungen verursacht hatte und teilte dies seinem Partner mit. Ihr Ruf änderte sich, das konnte Kath gerade noch so spüren. Doch der ältere Mann an der Ecke folgte diesem Vampir-Ruf nicht. Das Flimmern unter seiner Hand war nicht stärker geworden.

Erst jetzt schien Renate zu bemerken, dass das Spiel sich geändert hatte. Sie grinste erstaunt in Richtung des Geschehens. Doch sie stellte keine Fragen.

Reifen quietschten, noch in einiger Entfernung, doch Kathrin war klar wer das war: Ivan mit seinem PS-starken Schlitten. Ivan war eigentlich kein dunkler Magier, er war ein junger, frecher Magier, der sich von niemandem, außer Michael, etwas bieten lassen wollte. Deswegen war er auf der dunklen Seite. Er war nicht das Schwarze, das Böse selbst, aber frech. Renate schien nun auch gehört zu haben wer sich näherte und es dauerte auch nicht mehr lange, bis man das Abwürgen des Motors hören konnte.

Kathrin lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Seitenstraße, und was sie dort sah hatte sie noch nie gesehen, noch nie erlebt und auch noch nie davon gehört. Der ältere Vampir bewegte sich nur noch steif und irgendwie abgehackt. Fast schon wie man es aus den Zombie-Filmen kannte. Er versuchte, auf den Magier an der Ecke zuzugehen. Kath konnte sehen, wie er mühsam versuchte noch ein paar Schritte zurückzulegen, doch er knickte ein, landete auf den Knien und löste sich in Staub auf. Der junge Vampir neben ihm tat noch zwei Schritte, klatschte der Länge nach hin, zerfiel dabei aber nicht. Das war auch etwas, was Kath noch nie erlebt hatte.

„Der war wirklich noch jung!“, lautete Renates sofortiger Kommentar. „Den werden sie untersuchen. Doch das geht uns nichts an, und schon gar nicht in dieser Situation, bei deinen Albträumen!“ Kath stimmte dem zu.

Ivan rannte an ihnen vorbei, sah, dass die Vampire erledigt waren, und gab, während er weiterrannte, einen Bericht über sein Smartphone. Bei solchen Einsätzen vertraute Michael lieber der Technik als irgendwelchen telepathischen Gesprächen. Kath deutete auf den älteren Mann in der abgetragenen Kleidung, welcher nun gemütlich weiter der Straße hinunterfolgte. Stan tat das Gleiche und Ivan berichtete dies Michael.

Nicht einmal zehn Sekunden später wurde die Sicht auf den verbliebenen Leichnam von einem Polizeibus verstellt. Die Menge auf der Hauptstraße schien nicht viel mitbekommen zu haben, allerdings fühlte Kath sich dazu gezwungen, an einen herabfallenden Dachziegel zu denken. Das würde die offizielle Stellungnahme sein. Michael dachte auch an so etwas. Sie nickte sogar, diesem Gedanken folgend. Ivan verfolgte den älteren Mann weiterhin.

Ein paar Minuten später saß Michael neben ihnen. Er war mit Vincent, einem Vampir, gekommen, welcher über die Straße ging, um nach den letztendlichen Opfern zu sehen. Roland, die Verbindungsperson zur Polizei, erwartete ihn bereits.

„So, das war das!“, lautete Michaels Kommentar, als Stan eine Tasse Kaffee vor ihm abgestellt hatte. Er sah Kath kurz besorgt an und strich ihr beruhigend über die Hand.

„Ich weiß, das war nicht dein Albtraum, aber vielleicht wird es eine Spur. Zeig mir dieses Flimmern noch mal.“ Kathrin dachte kurz an den alten Mann und sah den Wirbel. „Danke.“ Es blieb für ein paar Sekunden still.

„Hab noch nie so etwas gesehen“, gab Michael zu, „doch Ivan bleibt an ihm dran und Vincent kümmert sich um die Leichen und die Polizei. Und ich werde hier solange ein Törtchen essen.“ Renate grinste kurz.

Es dauerte einige Minuten bis Vincent zu ihnen stieß. „Die waren nicht von hier und der eine war richtig jung. Den werden sie untersuchen. So etwas lassen Roland und das Büro sich nicht entgehen. Egal, was wir dazu sagen“, lautete dessen erster Bericht.

„Also, sicher keiner von uns?“, hakte Michael nach. Vincent schüttelte den Kopf.

Vincent war der älteste Vampir der Stadt. Jedoch hatte er seit hundertfünfzig Jahren niemanden mehr getötet. Nach irgendeinem Krieg, nicht einmal mehr Vincent wusste, welcher es gewesen war, hatte der einfach genug von der Zerstörung, dem Leid und Schmerz und den Leichen gehabt. Er war in ein Krankenhaus gegangen und hatte von dort ein paar todkranke Frauen mitgenommen, von denen es erwartet worden war, dass sie wirklich nur noch wenige Tage zu leben gehabt hätten, hatte sie zu sich nach Hause gebracht und geheilt. Vampire konnten andere heilen, falls sie das wollten. Danach waren eben jeden Monat zweihundert Gramm Blut von jeder der Frauen fällig gewesen und Vincent hatte nie wieder töten müssen. Das war seine Lösung gewesen.

Eine dieser Frauen war noch bei ihm, war jetzt einhundertachtzig Jahre alt, und alles weitere Blut besorgte sich Vincent inzwischen, wie die meisten anderen Vampire in der Stadt auch, in Michaels Schlachterei. Die Auswahl dort war groß. Zurzeit war Wild der Renner, wie Hirsch, Reh oder Fasanenblut. Wildschwein ging nicht so, doch die größte Menge, die verkauft wurde, war natürlich das Blut der Rinder.

Vincent setzte sich und bestellte ein Glas Rotwein und eines der Törtchen. Aus irgendeinem ungewöhnlichen Grund konnte Vincent noch Rotwein trinken, doch das Törtchen wurde nicht angerührt. Michael nahm es sich, nachdem er seines gegessen hatte.

„Also warten wir auf den Bericht der Polizei?“, fragte Kathrin.

„Ja, Roland wird uns die Personalien überlassen, soweit verfügbar, und wir werden unsere Nachforschungen anstellen, auch in der Stadt. Ich werde unsere Vampire mal besuchen gehen und fragen, wer hinter einem solchen Blödsinn steckt. Es geht hier wirklich allen gut genug“, antwortete Vincent.

„Vielleicht zu gut!“, fügte Michael verärgert hinzu. Vincent zuckte mit den Schultern. Sobald es ums Geschäft ging konnte Michael sehr engstirnig werden. Jedoch profitierte nicht nur er davon. Fast alle Magier, Vampire oder Werwölfe konnten einen offiziellen Arbeitsplatz bei ihm bekommen. Man musste zwar arbeiten, aber es waren sichere Posten und schwierige Arbeit war es selten. Da musste jemand wie Stan sich in seinem Café schon mehr Mühe geben. Und der verdiente richtig gut und musste nur wenig abgeben. Michael hielt es mit den meisten dieser Selbstständigen so. Er verdiente genug mit der Gesamtheit der Geschäfte und einer Bank, welche fast vollständig ihm gehörte.

Es verging noch fast eine Stunde, bis Roland zu ihnen kam und die Personalien des jungen Vampirs übergab. Vincent übernahm diese. Beim Alten hatten sie natürlich keine Papiere gefunden.

„Also, die offizielle Geschichte ist, dass ein Dachziegel den Mann erschlagen hat“, war, was Roland noch sagte. Dem wurde zugestimmt. Roland nickte den Personen am Tisch nochmals zu und ging. Seit es jeden Monat weniger Leichen in der Stadt gab, war die Kooperation mit der Polizei einfacher geworden. Doch auch die wusste, dass sie nicht zu viel fordern durften. Michael hatte in der Vergangenheit oft genug bewiesen, dass er auch richtig unkooperativ werden konnte.

„Warten wir noch auf etwas?“, wollte Kathrin wissen, als der Beamte weg war.

„Ich habe Ivan gesagt, dass er auch hierherkommen soll, sobald er weiß wo dieser Magier wohnt und ein wenig mit ihm gesprochen hat. Aber falls du gehen möchtest, ich kann das auch später noch mit ihm klären. Kommt er eben zu mir, aber dann gehen wir beide eben in meine Wohnung.“

„Ja, ich würde gerne gehen und mich irgendwo hinlegen, und wenn es nur dein Sofa ist. Sobald Ivan dorthin kommt, kann ich mir seinen Bericht auch anhören, denn da bin ich auch dran interessiert, auch wenn ich keine Magierin bin.“

Michael sah sie kurz erstaunt an, antwortete jedoch: „Kann ich verstehen. Für heute haben wir genug erlebt. Ivans Bericht noch, und damit ist auch für mich gut.“ Michael winkte Stan, um bezahlen zu können. Er bezahlte mit seiner Karte. Wofür gehörte ihm der größte Teil einer der lokalen Banken?

In Michaels Wohnung schenkte sich Kath erst einmal ein Glas Wein ein. Sie war der Meinung, dass ihre Nerven das nötig hatten. Michael wollte ebenso eines. Er betrachtete seine Freundin etwas nervös, als sie einschenkte.

„Ich hatte schon Angst, dass du dich einmischen wolltest und du daraufhin die große Heilerin werden würdest, die von einem Vampir ausgesaugt wird“, fing er an.

Sie lächelte schwach. „Ich habe das Gleiche gedacht, aber ich hätte mich nicht eingemischt. Obwohl ich als Heilerin auch töten kann. Die Erlösung!“

Er lächelte, um sich zu entschuldigen. „Stimmt, aber bei Vampiren ist das schwerer. Doch das weißt du.“

Sie nickte ihm zu. „Habe ich gewusst. Aber als ich den Magier gesehen habe, da wusste ich, dass ich mich nicht einmischen musste. Jedoch bin ich jetzt auf Ivans Bericht gespannt. Ein Magier, den wir nicht kennen, der mal nebenbei zwei Vampire aussaugt.“ Er lachte zuerst trocken über ihre Wortwahl.

Michael nahm noch einen Schluck von seinem Wein, grinste sie an und fuhr fort: „Ja, auf den bin ich auch neugierig. Das will ich wirklich wissen. Zeig mir dieses Flimmern noch mal“, forderte er. Sie dachte wieder an die Szene und er nickte. „Habe ich auch noch nie gesehen. Darauf bin ich gespannt! Doch warten wir auf Ivan. Und solange trinkst du in aller Ruhe deinen Wein und legst dich ein wenig hin. Du siehst tatsächlich etwas erschöpft aus.“ Sie begaben sich ins Wohnzimmer und sie legte sich auf ein Sofa. Er setzte sich zuerst ihr gegenüber in einen seiner breiten Sessel.

„Magst du etwas Musik hören?“, fragte er, nachdem sie beide ein paarmal am Wein genippt hatten. „Ja. Das wäre nicht schlecht“, stimmte sie zu.

Bis Ivan kam, dauerte es nochmals anderthalb Stunden, doch der junge Magier lachte erst einmal, als er zum Bericht aufgefordert wurde. „Erst brauche ich auch einen Schluck. So etwas hatte ich nicht erwartet“, fing er an, als er saß. Kath ging zurück in die Küche um mehr Wein zu holen. Bis er mit dem Bericht anfing, wartete Ivan tatsächlich bis Kath zurück war, nichts dabei, was sie nicht hören sollte. Ivan war da noch ein bisschen vorsichtig bei ihr, obwohl sie jetzt schon seit einigen Wochen mit Michael zusammen war. Sie glaubte inzwischen, dass sich das nie ändern würde.

Doch auch Michael war hier und da noch immer vorsichtig im Umgang mit ihr. Zu ungewöhnlich, dass eine helllichte Heilerin sich auf einen dunklen Magier einließ. Doch die Dunklen benötigten sie. Renate war noch zu unerfahren. Die hatte keinerlei offizielle Ausbildung, hatte nicht studiert, verließ sich nur auf ihre Fähigkeiten und ließ sich für das wenige, was sie leisten konnte, zu teuer bezahlen.

„Also, was war so ungewöhnlich?“, fragte Michael, als Ivan einen Schluck getrunken hatte.

„Ich habe noch nie eine solche Verschachtelung in einem Haus erlebt. Aber von Anfang an: Ich bin dem Mann gefolgt, bis ich vor seinem Haus stand. Ein größerer Wohnkomplex, der aus mehreren Häusern besteht, aber anscheinend nur Zweizimmerwohnungen drinnen. Also kein luxuriöser Wohnkomplex. Da eine andere Bewohnerin gerade aus dem Haus gekommen ist, habe ich diese zuerst gefragt, ob sie den Mann kennt, was sie bestätigt hat. Also habe ich sie auf unsere Art ausgehorcht. Er heißt Siegfried Kern und laut dem, was sie gewusst hat, wohnt er schon seit einigen Jahren in diesem Haus. Er ist eingezogen als er in Rente gegangen ist, und scheint in einem Stahlwerk gearbeitet zu haben. Er sei ledig. Das wissen die meisten Bewohner des Hauses, hat sie noch gemeint. Ich konnte noch herausfinden in welchem Apartment er wohnt, bin rein, in den Aufzug und habe das Stockwerk gewählt, in welcher er wohnen soll …“

Ivan fing wieder an zu lachen. Michael betrachtete ihn ungeduldig, Kath lächelte ihn an.

„Was war so lustig?“, fragte sie, als das Lachen andauerte.

„Ich bin im Aufzug zweimal an seinem Stockwerk vorbeigefahren.“ Ivan lachte lauter. „Erst auf dem Weg hoch und nochmals auf dem Weg wieder runter. Ich habe auf die Treppe gewechselt und bin vor lauter Fluchen noch mal einen Stock zu hoch.“ Ivan lachte noch lauter. Inzwischen hatte auch Michael angefangen zu grinsen. „Nun, als ich letztendlich im richtigen Stockwerk angelangt war musste ich schon lachen, habe aber konzentriert darauf geachtet, dass ich die richtige Wohnungsnummer erwische, ich habe die Nummern durchgezählt, ich schwöre es. Es gibt zehn Wohnungen pro Stock und ich bin an seiner Wohnung vorbeigelaufen.“ Ivan konnte vor Lachen nicht mehr sprechen. Michael schüttelte ebenso lachend den Kopf. Bis Ivan weitersprechen konnte, dauerte es eine Zeit lang.

„Nun ja, glücklicherweise stand ich danach vor seiner Tür und habe geklingelt. Erst als ich das zweite Mal geklingelt habe, habe ich bemerkt, dass ich kein Läuten gehört habe, und habe somit geklopft. Schon ein bisschen lauter, gebe ich zu. Er hat daraufhin ungehalten aufgemacht und ich konnte mit ihm sprechen und auch seine Wohnung sehen. Betreten durfte ich die aber nicht. Reingelassen hat er mich tatsächlich nicht. Nur von der Türe aus sehen! Reich ist der nicht. Seine Möbel sind alt und ich habe auch keinen teuren Fernseher oder eine Stereoanlage gesehen. Nur so ein billiges Massenwarending. Aber er war ungehalten darüber, dass er gestört wurde. Nun, er lebt alleine, seine Wohnung ist nicht schmutzig, aber sagen wir mal, ein bisschen Staub liegt schon. Viel sprechen wollte er nicht mit mir und so habe ich mich vorerst nur mal bei ihm bedankt, dass er uns bei diesem Mist geholfen hat. Er ist ein bisschen freundlicher geworden, das war es aber auch. Fragen hat er mir keine beantwortet, aber ich habe mich auch nicht mehr getraut, ihm viele zu stellen. Er will in Ruhe gelassen werden. Er will seine Ruhe! Das hat er gesagt. Das war auch so ziemlich alles, was ich aus ihm herausbekommen habe. Eine Einschätzung seiner Macht kann ich dir nicht geben. Ich konnte es nicht sehen. Selbst ich nicht, und was bin ich hier in der Stadt, nach Vincent und Kath die Nummer vier?“ Michael nickte bestätigend. „Nun, jetzt garantiert nicht mehr. Ich bin dreimal am Stockwerk vorbei. So etwas habe ich nicht erwartet.“

„Ist er ein Sprücheklopfer oder ein Magier?“, fragte Michael. „Magier. Keine Broschen, Kruzifixe oder andere Artefakte zu sehen. Keine Handbewegungen. Also Magier.“

Michael nickte beeindruckt. „Da er dafür sorgen kann, dass du nicht siehst wie stark er ist, ist er dir überlegen.“ Ivan nickte nur und nahm einen Schluck Wein. Er fing wieder an zu lachen. Michael lachte mit ihm mit. Dieses Mal schüttelte Kath ihren Kopf. Doch sie grinste ein wenig dabei.

„Drei Mal am Stockwerk vorbei! Ich kann es nicht fassen! So etwas habe ich noch nie erlebt!“ Ivan lachte weiter, während er dies von sich gab. Als er sich beruhigt hatte sahen sie sich an. „Also, was machen wir mit ihm?“, fragte Ivan.

„Ich würde sagen hauptsächlich in Ruhe lassen. Nimm eines der Mädchen, welches wir für das neue Bordell gekauft haben, und biete es ihm an. Nimm ’ne Hübsche, Fleißige. Sieh sie dir an. Ich bin sicher es gibt ein paar, die lieber einen Haushalt erledigen, als ins Bordell zu gehen.“ Ivan sah peinlich berührt zu Kath hinüber, doch die schüttelte den Kopf.

„Das stört mich nicht mal mehr so sehr, seit es weniger Tote in der Stadt gibt“, wiederholte sie ihre früheren Aussagen. „Etwas ist besser geworden, und zusätzlich: Dieses Geschäft würde auch ohne euch auf diese Art organisiert werden. Also seid ihr nichts Schlechteres als normale Menschen. Ich mag es sicherlich nicht, aber es würde auch ohne euch geschehen.“ Ivan nickte etwas beruhigt.

„Also gut, ich biete sie an, und falls er sie nicht will, nehme ich sie wieder mit. Wir halten es ganz einfach!“ Michael nickte auch dazu und nahm noch einen Schluck von seinem Wein. „Alles klar, machen wir das.“ Ivan fing wieder an zu lachen. Michael lachte mit.

„Man lernt nie aus, man lernt nie aus!“, entfuhr es Ivan noch.

„Ja, genau so ist es! Und in der Magie schon gar nicht. Jeder hat seine Tricks, jeder hat seine Kniffe. Sag mir Bescheid, sobald du das Mädchen abgeliefert hast. Aber dieses Haus will ich mir auch mal ansehen. Ich will es zumindest sehen.“

„Sobald du es dir als Magier ansiehst, wirst du Schachteln sehen. Ich habe Schachteln in Schachteln und sich überlappende Schachteln wahrgenommen.“ Michael nickte interessiert.

Als Kath am Morgen aufwachte, hielt Michael sie eng umschlungen. Fast hätte sie angefangen zu weinen, aber sie hatte den Albtraum nicht gehabt. Michael öffnete langsam seine Augen. Sie bekam einen sanften Kuss auf die Schulter. „Frühstück?“

Als sie sich am Tisch gegenübersaßen, fragte er sie genauer: „Den Traum noch mal gehabt?“ Sie schüttelte den Kopf. Sie nahm einen Schluck von ihrem Tee und bestrich sich einen weiteren Toast.

„Nein“, antwortete sie. Nach einer Pause fuhr sie fort: „Aber soweit ich mich bei den Fähigkeiten der Seher auskenne, hat das nicht unbedingt was zu bedeuten.“

„Damit hast du recht. Aber ich bleibe auch am Ball und Vincent ebenso. Mit dem Vorfall von gestern Abend hat er einen Grund an der Türe eines jeden Vampirs in dieser Stadt zu klopfen. Und weder er noch ich werden zulassen, dass in unserer Stadt eine mächtige Heilerin ausgesaugt wird. Egal auf welcher Seite sie steht. Da ist keine weitere Diskussion nötig.“ Er klang schon wieder aufgebracht. Sie nickte einfach.

Da sie ihren Wagen in der Nähe von Michaels Bürokomplex hatte stehen lassen, fuhr er sie dorthin. Mit einem Kuss verabschiedeten sie sich voneinander. Sie fuhr zur Arbeit ins Krankenhaus, in welchem sie als Ärztin angestellt war, und er ging zu seinem Büro. Den Komplex nutzte er teilweise selbst, aber zum größten Teil war der vermietet.

Ivan wartete bereits auf ihn. „Längeres Frühstück?“, fragte der grinsend. „Nein, sie hat glücklicherweise länger geschlafen, und da sie nur in dieser kurzen Mittelschicht arbeitet, ist das auch kein Problem.“

Ivan nickte einfach und gab seinen Bericht ab: „Ich habe sie ihm gebracht, ein junges, hübsches Ding. Zuerst hat er sehr unwirsch reagiert, aber nachdem er sie sich für ein paar Sekunden angesehen hatte, irgendwie auch erstaunt, hat er sie genommen. Seine Worte waren, dass sie lieber in einem Haushalt arbeiten würde als im Bordell. Sie hat genickt, und damit war die Sache erledigt.“

„Danke. Damit ist das weg. Schön! Was noch?“

„Ich habe die anderen Mädchen im Bordell abgeliefert und Anton wollte dich mal wieder im Schlachthof sehen, die Abrechnungen durchgehen. Das war alles, wovon ich was weiß.“

„Richtig. Muss ich mich auch mal wieder drum kümmern. Hat er sich darüber beschwert, dass spezielle Kunden nicht bezahlen oder arbeiten?“

„Nein. Er hat nur gesagt, dass die Abrechnungen mal wieder durchgegangen werden müssen, sodass er sie abheften kann.“

„Gut, kümmere ich mich drum. Du findest Vincent und gehst mit ihm die Türen der Vampire abklopfen. Er ist Boss und du lernst. Die Vampire sind sein Revier. Ich will, dass er Druck macht, aber das brauchst du ihn nicht unbedingt konstant spüren lassen. Sag ihm von mir aus, dass ich es gesagt habe, und damit ist gut.“

Ivan nickte langsam. „Glaubst du nicht, dass es das war?“

„Nein. Kath hat zwar keinen Albtraum gehabt, ich habe fast schon darauf gewartet, damit ich Genaueres sehen, darin nach Hinweisen suchen kann, auch wenn es sie gequält hätte, aber er ist nicht gekommen. Doch das heißt rein gar nichts. Ich nehme die Warnung an sich immer noch ernst. Kannst jeden Seher fragen. So läuft das.“ Ivan nickte.

„Alles klar. Ich gehe an die Türen klopfen und Vincent sorgt dafür, dass wir reinkommen.“

„Genau. Kein normaler Vampir ist an einer toten Heilerin interessiert, und schon gar nicht an einer hohen. Das ist auch schon ein bisschen ihr Stolz. Die wissen, was sie riskieren, sobald ich so etwas mitkriege. Da läuft was anderes. Ich sehe das von gestern Abend eher als eine weitere Warnung. Wissen wir eigentlich, aus welcher Stadt die gekommen sind? Ich habe da gestern nicht drauf geachtet.“

„Nicht in der Nähe, ist alles was ich weiß, aber Vincent hat ja die Adresse des Jungen genommen, also frage ich den.“

„Stimmt. Er hat die Adresse von Roland übernommen. Ist mir entgangen. Ich habe zu sehr auf Kath geachtet.“

„Das war es so weit. Ich geh Vincent suchen.“

„Ich bin im Schlachthof, falls es etwas geben sollte. Aber mein Phone habe ich auch dabei.“ Ivan nickte und ging. Michael setzte sich an seinen Schreibtisch und rief nach seiner Sekretärin. Die schwache Seherin kam und brachte den gewünschten Tee gleich mit. Das war, was ihm an dem ganzen Hokuspokus gefiel. Bei ihr bekam er das Getränk, welches er wollte, ohne vorher bestellen zu müssen.

Am frühen Abend kamen Vincent und Ivan zurück, ohne weitere Informationen zu haben, jedoch mit der Zusicherung eines jeden Vampirs, dass in diesem Fall gerade sie auf die Geschehnisse innerhalb der Gemeinde achten würden und sicherlich niemand daran interessiert war, dass eine Heilerin umgelegt wurde. Ivan gab sich etwas genervt, Vincent war ruhig.

„Mist!“, lautete Michaels Kommentar.

„Keiner weiß etwas darüber, und herausfordern wollen wir es auch nicht“, gab Vincent von sich.

„Nein. Die Vampire zu ärgern bringt nichts! Sind wir mal froh, dass sie überhaupt einen Boss akzeptieren, der Fragen stellen kann und Antworten erhält. Bei den Werwölfen ist das immer so eine Sache. Die gehen sich immer sofort an die Kehle, sobald einer meint er wäre der Herrscher, auch wenn Anton immer noch der ist, auf welchen die meisten Wölfe hören“, stimmte Michael zu.

„Gestaltwandler“, war Vincents abfälliger Kommentar hierzu. Michael grinste ihn kurz an.

„Nein, daran liegt es nicht. Raubtiere! Wir haben kaum Gestaltwandler außer Werwölfen“, war Ivans Meinung dazu. Vincent nickte langsam. Michael lächelte, doch Vincent sah es nicht.

„Das bedeutet, wir müssen warten“, nahm Michael das Gespräch wieder auf.

„Ja, und ich werde nach Hause gehen. Ich will weiter in den Büchern wälzen“, Vincent lächelte, als er sich erhob.

Michael nickte. „Ja, geh nach einer guten Lösung für dich suchen. Aber bitte sei erreichbar.“

„Das bin ich. Hast mit deinen Smartphones ja dafür gesorgt.“

„Ja, und ich bin auch immer erreichbar! Dafür habe ich auch gesorgt.“ Michael fing an ungehalten zu werden.

„Lass uns etwas essen gehen“, schlug Ivan vor als Vincent gegangen war. Michael sah auf die Uhr und nickte.

„Ja, gute Idee. Ich versuche Kath zu erreichen, die sollte eigentlich auch schon Feierabend haben. Ich will sie ein bisschen mehr um mich herum sehen. Es kann immer noch sein, dass sie das tatsächliche Ziel ist, obwohl ich mir das kaum vorstellen kann. Aber vielleicht kommt ja so ein verrückter Vampir von außerhalb, so wie gestern auch.“ Ivan nickte dazu. Wenig später hatte Michael Kath am Phone und vereinbarte ein Restaurant.

Das Restaurant wurde von einer Familie Werwölfe geführt. Es gab kein rohes Fleisch, aber die besten Wildgerichte in der Stadt, auch dank des Schlachthofs. Sie wurden als Stammgäste freundlich begrüßt. Michael war hier nicht Boss, obwohl er das Restaurant für die Familie arrangiert hatte und auch das Fleisch lieferte. Sie waren gute Kunden, Michael, Ivan und Kath im Restaurant, das Restaurant wiederum beim Schlachthof.

Sie bestellten alle drei Hirschsteaks, das beste Gericht auf der Karte. Aber auch bei den weiteren Wildgerichten konnte kein anderes Restaurant in der Stadt mithalten. Doch die Hirschsteaks und deren Beilagen waren immer perfekt zubereitet, also war es das Lieblingsgericht der drei geworden. Eine Flasche guten Weins kam noch zur Bestellung hinzu. Kath fühlte sich wohl. Ihr Tag im Krankenhaus war relativ ruhig geblieben, sie hatte innerlich entspannen können.

Doch bevor das Essen kam, läutete Michaels Phone, kurz darauf Ivans. Michael fluchte leise. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Als Ivan die ersten Sätze aus seinem Phone gehört hatte, fluchte er ebenso. Beide Magier waren aufgesprungen.

„Du bleibst hier“, herrschte Michael Kath an. „Ihr passt auf sie auf. Ich decke alles“, war die nächste strenge Anweisung in Richtung der Bedienung. Diese nickten eingeschüchtert. Egal ob Werwolf oder nicht, Teil des Systems oder nicht, gegen Michael hatten sie keine Chance, egal ob er hier Boss war oder nicht. Ivan war nur froh, dass es unter der Woche nur so wenige Gäste in diesem Restaurant gab. Kaum jemand hatte sie beachtet. Sie rannten los.

Eine Viertelstunde irrer Fahrerei von Ivan später standen sie vor der Sauerei. Vincent war so außer sich, dass er zitterte. Fünf kleine Häufchen Asche auf dem Boden bezeugten, dass er bereits gewütet hatte. Vier Werwölfe und sieben Vampire bewachten die restlichen Vampire, die dreizehn Mädchen an den Füßen aufgehängt und sie in dieser Position ausgesaugt hatten.

„Alle nicht von hier!“, war Vincents erste Entschuldigung. Michael winkte ab. Das war nicht, was er jetzt hören wollte. Er wollte wissen, wer es organisiert hatte.

„Wo ist der Betreiber?“, herrschte Ivan einen der Vampire an, welche auf dem Boden festgehalten wurden.

„Welcher Betreiber?“, fragte Vincent verdattert. Dass er auch noch etwas übersehen hatte, nachdem er im Haus gestanden war, schien ihn noch mehr zu erschüttern.

„Der Betreiber des Bordells! Wir haben ihm heute Morgen die Mädchen geliefert und er ist nicht hier. Oder hast du ihn schon eingeäschert?“, fragte Ivan. Vincent schüttelte den Kopf.

„Nein“, antwortete einer der anderen Vampire, „der, dem wir die Mädchen ausgehändigt haben, war nicht hier. Es war keiner von denen, die eingeäschert wurden. Der muss abgehauen sein oder noch irgendwo hier stecken.“ Michael schnappte sich kurzerhand den Kopf eines der festgesetzten Vampire und zerdrückte den. Der Vampir zerfiel zu Asche. Doch Michael wusste nun, wer das Schlachtfest organisiert hatte. Konzentriert schloss er kurz die Augen.

„Er ist noch im Haus, im hinteren Teil oben. Da gibt es einen versteckten Raum. Vince, Ivan, mir nach! Der entkommt nicht, auch nicht als Fledermaus, aber ich will ihm noch ein paar Fragen stellen“, stieß Michael aus, als er schon überschnell eine Treppe hinaufrannte. Die beiden Angesprochenen nickten, während sie bereits Michael folgten.

Keine fünfzehn Sekunden später wurde der Vampir gegen die Wand gedrückt. Ivan wusste nicht, woher Michael so schnell einen solch riesigen Nagel hatte auftreiben können, doch nun stak der in der Wand, durch die Schulter des Vampirs hindurch. Das hatte nicht einmal eine halbe Sekunde gedauert.

„Ich will tatsächlich nur wissen wer dich geschickt hat! Denn das, was hier passiert ist, ist eine Nummer zu groß für dich!“, fing Michael an, als er sich den Betreiber des Bordells für ein paar Sekunden angesehen hatte. „Das ist nicht auf deinem Mist gewachsen!“ Michael starrte den Vampir weiter an.

„Ihr seid alle erledigt. Ihr seid so weich! Ihr werdet abgelöst. Das Böse hat entschieden, hat geurteilt!“, lautete die Antwort.

„Das war aber nicht die Antwort auf meine Frage.“ Der nächste Kopf wurde zerdrückt. „Das waren mehrere, aber ich konnte sie nicht genau sehen. Sie haben sich ihm nicht gezeigt, sondern ihm nur das nötige Geld in die Hand gedrückt, mit dem Versprechen, dass er eine gute Position haben würde.“ Michael wischte sich die Asche von den Händen. „Also gehen wir wieder runter zu den anderen. Vielleicht weiß doch noch einer mehr über die Hintermänner.“

Unten angekommen, war auch Roland bereits anwesend. Der hatte angefangen, die Opfer zu fotografieren. „Wie konnte dir so etwas entgehen?“, fragte Michael aufgebracht in Ivans Richtung. Der zuckte mit den Schultern.

„Es war ein abgesegnetes Geschäft. Ich habe ihn heute Morgen gesprochen, als ich die Mädchen abgeliefert habe. Der wollte hier nur ein Bordell betreiben. Kein Anzeichen irgendeiner weiteren Absicht. Vincent und ich sind nicht noch mal hierhergekommen. Vincents Leute und deine Vampire haben ja auch nichts bemerkt, obwohl sie von der Geschichte gewusst haben und sich bei Vampiren besser auskennen als ich.“ Vincent nickte, es war ihm offensichtlich peinlich, dass er das ebenso übersehen hatte.

„So, und jetzt erkläre mir einer, wie ich das Kath erklären soll.“ Es gab keine Antwort.

Michael drehte sich zu den übrig gebliebenen Vampiren auf dem Boden. „Wer steckt dahinter? Das war eine Nummer zu groß für euren Gastgeber. Doch der wird leider nie wieder irgendwelche Fragen beantworten. Also, wer steckt dahinter?“

„Wir sind nur eingeladen worden.“

„Von wem?“

„Vom Gastgeber.“ Der nächste Kopf wurde zerdrückt.

Michael fluchte verhalten. „Der hatte tatsächlich keine Ahnung. Aber ich habe eine bessere Idee. Schneidet ihnen jeweils einen Arm und ein Bein ab und tragt sie hoch auf den Dachstuhl. Das hier muss verschwinden.“

Selbst Roland, als Polizeibeamter, nickte dazu: „Das krieg nicht einmal ich gedeckt. Das muss verschwinden. Damit hast du recht. Dreizehn Leichen und die hier“, Roland hatte auf die Aschehäufchen gedeutet, „das ist zu viel.“

„Ivan, geh runter in den Keller und sieh nach, ob du etwas Brennbares, wie zum Beispiel ’ne Gasleitung, findest.“ Er drehte sich zu den restlichen Gefangenen.

„Und euch verspreche ich nur eines: dass ich dem den Kopf zerquetsche, der mir eine Antwort gibt. Der Rest wird brennen …und zwar langsam …oben auf dem Dachstuhl. Wir werden euch jeweils einen Arm und ein Bein abschneiden. Also seid ihr erledigt. Es gibt keinen Fledermaus-Effekt zum davonflattern mehr, ihr könnt nicht mehr rennen. Wer hat lieber den Kopf zerquetscht?“ Es gab keine Antwort.

Einer der Werwölfe hatte ein langes Messer dabei. Bis er sich wieder so weit in einen Menschen verwandelt hatte, dass er es richtig halten konnte, dauerte es jedoch ein paar Sekunden.

„Mag jemand zuerst?“, lautete die genuschelte Frage des Wolfsmenschen. Auch hier gab es keine Antwort. Einer der, wie üblich, halb verwandelten Werwölfe packte mit einem der Vampire den ersten Gefangenen. Es dauerte nicht lange, bis das erste Bein auf dem Boden lag. Danach war auch ohne Umschweife der Arm an der Reihe.

Als alle so behandelt waren, ohne dass es eine Antwort gegeben hatte, wurden die gefangenen Vampire zum Dachboden hochgetragen. Zehn Minuten später brannte das Haus. Michael war froh, dass es nicht im dicht besiedelten Teil der Stadt gestanden hatte.

„Ich brauche Kopien von den Bildern. Ich werde sie Kath zeigen müssen. Das wird zu groß. Erst der Vorfall gestern Abend, diese beiden Vampire waren auch nicht von hier, und jetzt diese Sauerei. Was hat der oben nochmals gesagt? Wir seien zu weich? Wir würden abgelöst? Das Böse hätte geurteilt? Ich habe gar nicht gewusst, dass das Böse überhaupt urteilt!“

Vincent schaffte es schwach zu grinsen. Doch eine Antwort gab er nicht. Sie fuhren mit Roland zu dessen Dienststelle.

Es war bekannt, dass Michael öfters mit der Polizei zusammenarbeitete. Er war den Beamten bekannt, auch denen, die mit den Fällen der Magie nichts zu tun hatten. Aber es war denen schon klar, dass etwas Größeres vorlag, denn die vier stürmten ohne Gruß an allen vorbei in Richtung der Labors.

„Ich will die Bilder und werde sie Kath zeigen. Ich will wissen, ob die Heilerin dabei war oder ob wir uns auf eine noch größere Sauerei vorbereiten müssen.“

Roland nickte dazu, fragte jedoch sofort darauf: „Das ist auch eine Möglichkeit, aber was liegt an? Eine noch größere Sauerei? Was meinst du damit?“

„Kath! Sie hat Albträume! Ich habe eine starke Heilerin, die Albträume davon hat, dass eine andere hohe Heilerin in dieser Stadt ausgesaugt wird!“

Roland zuckte bei Michaels Antwort etwas zurück. Falls so etwas geschah, würde das auch für ihn unangenehme Konsequenzen haben … dass man es trotz Vorwarnung zugelassen hatte. Er wurde schon um einiges bleicher im Gesicht. Das würde richtig unangenehme Konsequenzen haben, da sogar die Dunklen auf seiner Seite gestanden hatten.

„Ich werde Bernd mitnehmen. Ich will, dass er die Möglichkeit hat, sich weiter damit auseinanderzusetzen.“ Ivan und Vincent nickten dazu. „Aber dass er das nicht hat kommen sehen, obwohl wir ihn gestern schon warnen konnten, verheißt nichts Gutes. Weder für ihn noch für uns. Ich muss Kath die Bilder zeigen, damit sie mir sagen kann, ob diese Heilerin dabei war. Falls nicht, will ich Bernd etwas mehr an dieses Problem heranführen.“

Roland grinste kurz. Vincent und Ivan nicht. Roland ließ sein Grinsen daraufhin auch sofort sein.

„Und ich gehe zu diesem anderen Typen und frage den, was er darüber weiß“, schlug Ivan vor.

„Kannst du, aber vergiss nicht, er hat uns gestern geholfen, also bring ihn lieber zu mir, als dass du ihn auf die Palme bringst! Und vergewissere dich, dass er tatsächlich schon ein paar Jahre hier wohnt und nicht erst seit gestern. Du weißt, was er kann.“ Ivan nickte nicht.

„Ich mach mich gleich auf den Weg.“ „Ja!“ Der junge Magier war froh, gehen zu können. Der jetzigen Laune seines Chefs wollte er nicht länger ausgesetzt sein und einem weiteren Treffen mit Kath schon gar nicht. Der hätte er nicht mehr ins Gesicht sehen können, sollte die Heilerin aus ihren Albträumen sich tatsächlich unter den Opfern befinden.

Als Michael die Bilder hatte, seufzte er. „Und ich kann mich jetzt Kath stellen. Klasse! Das wird jetzt richtig peinlich.“

„Ich komme mit. Das waren Vampire, also ist es mein Gebiet.“

„Ja, Gesellschaft würde mir guttun. Ich weiß nicht, ob ich mich unter Kontrolle halten kann, solange ich alleine bin. Das, was geschehen ist, regt mich zu sehr auf. Das ist mir zu dumm gelaufen. Verdammt, wir waren sogar gewarnt und hatten Seher darauf angesetzt! Bernd kann sich auf was gefasst machen!“

Vincent nickte und tätschelte Michaels Schulter, was dieser normalerweise nicht duldete, aber auf der anderen Seite war Vincent jetzt sein wichtigster Verbündeter – oder Fußabtreter –, sobald er Kath gegenübersaß.

„Oder das gestern Abend war ein Ablenkungsmanöver, um uns noch ein bisschen in Sicherheit zu wiegen, somit aber ist das jemand, der es ernst damit meint, uns abzulösen.“ Michael nickte ruckartig.

„Aber der kann sich auch auf was gefasst machen.“

„Du bist erst hundert Jahre alt. Du wirst noch öfters erleben, dass solche Dinge geschehen. Egal, ob du gute Seher hast oder nicht. Falls die Gegenseite auch Seher einsetzt, hast du ein Problem“, erwiderte der alte Vampir.

Michael fühlte sich nicht sonderlich erleichtert. Aber es hatte auch noch nie jemand gewagt, ihn in dieser Stadt auf diese Art und Weise herauszufordern, so direkt als Magier zu attackieren.

Kath wartete tatsächlich noch im Restaurant und wurde weiterhin von der Bedienung bewacht. Die Familie war nicht klein, das hatte Michael gewusst, als er das Restaurant arrangiert hatte. Zwei weitere Wolfsmenschen hatten sogar schon vor dem Eingang gewartet. Sie waren zwar noch in ihrer menschlichen Gestalt, aber angespannt. Es würde sie nur wenige Sekunden kosten, sich zu verwandeln. Michael und Vincent nickten ihnen zu, als sie das Restaurant betraten. Zwei weitere Wolfsmenschen saßen an dem Tisch neben Kath. Sie sah Michael fragend an.

„Wir müssen zu mir“, war jedoch alles, was er vorerst von sich gab. Kath nickte, erbleichte etwas und stand auf. Michael beglich die Rechnung und gab noch ordentlich Trinkgeld.

In seiner Wohnung setzte Kath sich wieder auf das Sofa. „Also, wir hatten neue Vampire in der Stadt, die ein Bordell betreiben wollten. Die haben am Morgen ihre Mädchen bekommen und am Abend haben sie nicht, wie geplant, das Bordell eröffnet, sondern mit den von uns gelieferten Mädchen eine Blutparty gefeiert. Jetzt muss ich wissen, ob die Heilerin aus deinen Albträumen dabei war. Also werde ich dir jetzt ein Foto nach dem anderen zeigen und du sagst mir, ob du die Heilerin auf einem von denen siehst. Es kann immer noch sein, dass noch mehr auf uns zukommt! Dass es das noch nicht war! Du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass ich versuchen werde, mit allen Mitteln zu verhindern, was du in deinen Albträumen gesehen hast. Vincent ebenso! Aber wir wissen jetzt, dass wir ein Problem haben. Aber ich muss als Erstes wissen, ob diese Heilerin aus deinen Albträumen dabei ist. Diese Vampire haben wir alle erledigt. Vincent war dabei.“

Kath nickte langsam und nahm sich den Stapel der Fotos selbst. Vincent hatte sich neben sie gesetzt. Michael hatte inzwischen sein Phone genommen und rief Bernd an, doch der berichtete, dass er schon auf dem Weg war.

Kath sah sich die Fotos an. Sie weinte nicht, als sie die Gesichter der Toten betrachtete, dazu war sie zu sehr Ärztin, dazu hatte sie schon zu viel Blut und zu viele Tote gesehen. Doch eines nach dem anderen lag auf dem Tisch, während Kath nur weiter ihren Kopf verneinend schüttelte. Als sie die Bilder durchgesehen hatte, nahm sie den Stapel wieder hoch und sah sich die Bilder ein zweites Mal durch.

„Nein“, meinte sie auch nach dem zweiten Durchsehen, „keine davon erinnert mich an das Gesicht im Traum. Sie scheint nicht dabei zu sein.“

Vincent nickte vorerst erleichtert. „Damit haben wir noch eine Chance sie zu retten, nur bedeutet dies eben auch, dass wir weitere Aktionen unternehmen müssen. Aber ich weiß nicht einmal, welche anderen neuen Vampire wir in der Stadt haben. Die haben sich alle einsickern lassen, wie die beiden von gestern auch. Nur der Gastgeber von dem heutigen Vorfall hat sich bei uns gemeldet. Alle anderen waren mir unbekannt. Und ich kenne alle Vampire der Stadt.“

Michael nickte ebenso. „Ja, falls sich noch ein paar haben einsickern lassen, haben wir ein Problem. Wenn dies so ist, helfen uns nur noch die Seher und so viele haben wir da auch nicht. Bernd ist einer der zuverlässigsten, aber auch der hat das nicht kommen sehen.“ Kath sah Michael an.

„Weiß nicht, was ich antworten soll“, meinte sie einfach. Bisher hatte sie nur als Heilerin gearbeitet. Mit den anderen Aspekten der Magie hatte sie sich nie befasst.

Michael schnaubte kurz, war aber offensichtlich froh, dass es läutete. „Muss Bernd sein!“, meinte er nur kurz und erhob sich. Bernd stand wenig später da und hörte sich den Bericht von Vincent an. Er schüttelte den Kopf.

„Aber die Heilerin war nicht dabei?“, fragte er nochmals, als der Vampir geendet hatte.

Nun schüttelte Kath den Kopf. „Kann ich noch mal sehen?“, fragte er an Kath gewandt. Diese nickte und Bernd setzte sich neben sie und berührte ihren Kopf. Es dauerte einige Sekunden. Der Seher lehnte sich zurück und schloss die Augen. Es dauerte ein paar Minuten, bis er sie wieder öffnete.

„Nichts“, meinte er, „absolut nichts!“ Er sah Kath an, danach kümmerte er sich um den Stapel mit den Bildern, bevor Michael ihn dazu auffordern konnte. Er sah ein Bild nach dem anderen an, doch er schüttelte den Kopf wieder, als er den Stapel durchgesehen hatte.

„Und auch du bist der Meinung, dass sie da nicht dabei war?“, fragte Bernd an Kath gewandt.

Die schüttelte nochmals den Kopf. „Nein, keines dieser Mädchen sieht ihr auch nur ähnlich. Keines dieser Bilder lässt mich etwas erkennen. Ich glaube nicht, dass sie dabei ist, aber ich bin keine Seherin, sondern eine Heilerin. Also wirklich sicher bin ich nicht.“

Michael wand sich an Bernd. „Hast du die anderen Seher schon informiert?“

„Ja, und die kümmern sich auch darum, aber ich habe bisher keine Meldung“, antwortete Bernd. Michael murmelte leise ein paar Verwünschungen.

„Wir müssen es andersherum versuchen. Sehen wir nicht nach dem Opfer, sondern nach dem Täter. Der Gastgeber der Vampirparty heute Abend hat etwas davon gesagt, dass wir hier abgelöst werden würden, dass das Böse uns gerichtet, verurteilt hätte!“, lenkte Michael in eine neue Richtung.

Bernd lachte. „Das Böse sicherlich nicht, aber es kann schon sein, dass andere Magier, Vampire oder was auch immer scharf auf unser Städtchen sind. Wir haben es uns gut eingerichtet.“

„Ja, das ist wahrscheinlicher, und deswegen machen sie Rabatz bis wir richtig Ärger haben, und diese Albträume sind von einem Seher eingegeben, um uns zu verwirren“, wetterte Michael.

„Möglich“, erwiderte Bernd nachdenklich. „Gut, ich rufe meine Seher an und gebe ihnen die neue Marschrichtung.“

Ivan stand vor der Wohnung und wusste, nachdem er geklopft hatte, dass der Magier nicht zu Hause war. Das Mädchen konnte er auch nicht spüren. Leise fluchend sah er sich um. Es gab keinen Platz hier oben, um sich mal für ein paar Sekunden zu entspannen und seine Kräfte einzusetzen, um einen von den beiden zu lokalisieren, also begab er sich wieder nach unten zu seinem Fahrzeug. Dort setzte er sich in den Fahrersitz und schloss die Augen. Mit dem Mädchen hatte er länger zu tun gehabt, die fand er als Erste. Doch auch das hatte schon ein paar Minuten gedauert. Der Magier war bei ihr. Sie unterhielten sich, es war nicht einmal so weit weg. Ein kleines Restaurant befand sich in deren Nähe, die beiden hatten gut gegessen und schlenderten nun ein wenig. Das Mädchen war noch nervös.

„Ja, ich hab dich ja auch erst heute Morgen abgeliefert, darfst noch unsicher sein“, murmelte Ivan. Doch ins Bett hatte der Magier sie schon genommen. Das konnte er sehen. Ivan fuhr los. Er wurde wieder zornig. Sein Versagen machte ihm zu schaffen. Das mit dem Bordellbetreiber hätte er spüren müssen. Nicht einmal sehen, sondern nur spüren, aber da war nichts gewesen. Fluchend steuerte er sein Fahrzeug in die Stadt zurück. Mit dem Magier wollte er sicherlich sprechen! Dieses Mal würde er einige Fragen stellen, das schwor er sich mit zusammengepressten Lippen. Der Hass kroch hoch.

Sobald er das Auto geparkt hatte, fand er die beiden auch schnell wieder, inzwischen in einer engeren Gasse. Als er daraufhin sah, mit welcher Zuneigung die beiden sich unterhielten, kochte es in ihm über. Er ging mit raschen Schritten auf sie zu. Verwundert drehte der Magier den Kopf in Ivans Richtung.

„Warum hast du uns nicht gewarnt?“, schrie Ivan den Magier an. Noch bevor er sich wieder in den Griff bekommen konnte schoss noch mehr Zorn in ihm hoch, und alle Warnung von Michael missachtend griff er unvermittelt an. Nicht einmal fünf Sekunden später lag er tot am Boden. Der alte Magier hatte ihn brutal gegen zwei Wände geklatscht und einfach fallen gelassen.

Das Mädchen starrte erstaunt auf Ivan hinunter. „Das war doch der, der mich heute Morgen zu dir gebracht hat?“

„Ja, das war er, und ich weiß wirklich nicht, was der jetzt gewollt hat. Aber so einen Angriff muss ich mir nicht bieten lassen. Komm, wir gehen! Ich habe keine Lust darauf, der Polizei jetzt auch noch ewig Fragen beantworten zu müssen. Ich weiß sowieso nicht, was der gewollt hat. Ich war mit dir beschäftigt.“

Sie lächelte kurz, starrte jedoch wieder auf den Leichnam hinunter. „Keine Ahnung, was das jetzt hätte sein sollen. Der hat mich ja zu dir gebracht“, stimmte sie nochmals zu und ließ sich wegführen.

„Genau, und sind wir mal froh darum, denn wir beide werden eine Menge Spaß miteinander haben. Es hat mich tatsächlich erstaunt, dass er eine Person wie dich bei mir abgeliefert hat.“ Sie nickte zuerst nur, doch ihre Schritte beschleunigten sich.

Als Michael nach seinem Phone griff, sah er zuerst auf das Display. „Roland“, meinte er hoffnungsvoll an die anderen, „vielleicht hat er eine Spur.“ Doch was er zu hören bekam, entsetzte ihn. Vincent sah fast schon ängstlich drein, als er den Wechsel in den Gesichtszügen von Michael sah. Jetzt sah er tatsächlich wie ein Teufel aus. Kath zog die Augenbrauen hoch. Bernd legte sein Gesicht in seine Hände.

„Mist“, gab Michael zuerst von sich. „Ivan wurde tot aufgefunden. Jemand hat ihm alle Knochen gebrochen, und zwar alle, und wir wissen ja, wer das war“, verkündete Michael, nachdem er das Gespräch beendet hatte.

„Bist du dir da sicher?“, fragte Vincent.

Michael dachte drei Sekunden nach. „Haste recht. Bei all diesen Ablenkungsmanövern am heutigen Tag kann es auch sein, dass unsere Gegner eine weitere falsche Spur legen wollen. Gestern hat er die beiden Vampire plattgemacht. Also, sicher sein kann ich mir nicht. Ivan wollte ihn aufsuchen und ihm ein paar Fragen stellen. Ich habe den zwar davor gewarnt aggressiv zu werden, doch das hat offensichtlich nichts gebracht, falls es unser neuer Magier war.“

Vincent zog beim letzten Teil des Satzes fragend die Augenbrauen hoch. „Hat Ivan dir nicht erzählt, was gestern noch passiert ist? Ihr wart doch den ganzen Tag zusammen, und das hat er dir nicht erzählt?!“ Michael war wirklich erstaunt. Vincent schüttelte nur den Kopf.

„Also muss ich das auch noch erklären?“ Michael wurde noch zorniger.

„Ich mach das“, bot Kath an.

„Aber wir wissen, wo er wohnt! Ich werde da mal hinfahren. Ihr bleibt alle drei hier. Ihr beide passt auf Kath auf! Da die Gegner Fallen stellen, müssen wir beweisen, dass wir das auch können“, ordnete Michael an.

„Ich rufe noch ein paar von meinen Leuten.“ Vincent zog sein Phone aus der Tasche.

„Ruft auch ein paar der Wölfe an. Die sollen zwar unten bleiben, aber jetzt will ich es wissen.“ Vincent nickte. Kath griff nach ihrem Phone und wählte ihrerseits. Es gab noch andere Leute aus diesem Milieu, welche ihr ein paar Gefallen schuldeten.

Die nächsten Flüche drangen aus Michael, als er vor den verschiedenen Wohnkomplexen stand. Er verließ nicht einmal das Fahrzeug. Er wusste, das war unnötig. Er spürte den Magier nicht und würde ihn nicht spüren, denn er hatte keinen direkten Kontakt mit dem gehabt. Er erinnerte sich auch nicht, ob Ivan überhaupt eine Hausnummer erwähnt hatte, und keines dieser Häuser erschien ihm so verschachtelt wie Ivan es beschrieben hatte. Und wie hatte der Name nochmals gelautet? Da war etwas mit Siegfried gewesen, oder? Michael fluchte einige Zeit. Falls der Magier sich nach einem Angriff versteckte, hatte er bei dessen Macht keine Chance ihn zu finden. Auch das Mädchen hatte er nicht einmal gesehen. Es war sinnlos nach ihr zu suchen. Seine Fahrt war unüberlegt gewesen. Aber wenigstens musste er sich jetzt Kath nicht konstant ansehen. Er wurde zornig. Doch das half auch nichts. In seinem Fahrzeug fast schon schreiend, fuhr er zur Polizeistation um Roland aufzusuchen.

Ivan lag vor ihm auf der Bahre. Es waren tatsächlich viele Knochen gebrochen.

„Das Einzige, was wir haben, ist eine Zeugenaussage von größerer Entfernung. Ivan hat angegriffen, wurde zweimal von einem männlichen Gegner abgewehrt und blieb daraufhin liegen. Der Zeuge hat sich nicht getraut näher auf den Gegner zuzugehen, und konnte deswegen keine genauere Beschreibung abgeben. Es war ein Mädchen, ungefähr zwanzig, bei ihm. Das war alles“, berichtete Roland.

Inzwischen blieben Michael die Flüche im Hals stecken. Ivan hatte auch noch angegriffen! Zwei Mal! Er konnte nicht einmal etwas tun. Er nickte Roland zu und zog das Tuch wieder über die Leiche.

„Das ist heute echt ein Sch…tag“, pflichtete Roland ihm bei. Michael drehte sich weg. Er wäre auf diesen Kommentar hin fast ausgerastet, aber eine Polizeistation konnte er nicht in Schutt und Asche legen. Da hätte er mit ganz anderen Leuten Probleme bekommen. Dann wäre er abgelöst worden. Ganz sicher! Roland war ein lieber und netter Kerl. Schwacher Magier, der einfach nur einiges wusste. Eigentlich kam Michael gut mit ihm zurecht, insbesondere seit er die Schlachterei übernommen hatte und es weniger Leichen gab. Aber Rolands Vorgesetzte auf diesem Gebiet waren andere Kaliber, und mit denen wollte Michael sicherlich keinen Ärger. Die hätten ihn in Schutt und Asche gelegt! Doch die würden jetzt sicherlich auch kommen. In zwei Tagen über zwanzig Leichen. Das war zu viel. Das konnte Roland nicht mehr decken. Die würden kommen, und dann würden richtig dumme Fragen gestellt werden, nur so, um ihn zu reizen.

„Hast du Magnus schon einen Bericht gegeben?“, fragte er deshalb nebenbei. Roland nickte während er wieder zu Michael hochsah. Er wich nicht einmal aus.

„Ja, das war zu viel zwischen gestern und heute. Magnus wird sicherlich auch einige Fragen haben. Ein paar zu viel sicherlich. Aber ich konnte das nicht decken. Nicht über zwanzig Leichen in zwei Tagen. Und den Betreiber von heute habt auch noch ihr beliefert. Darauf wird der sich stürzen.“

„Ja, da muss ich aufpassen. Aber den hat der beliefert“, Michael deutete dabei auf die Bahre, „und einer der Vampire war dabei.“ Roland zuckte mit den Schultern. Diese Details waren ihm, wie Magnus auch, egal.

„Nun gut, ich konnte ihn identifizieren, hast du noch andere Fragen?“

Roland schüttelte zuerst den Kopf. „Ich melde mich sobald Magnus ankommt.“

„Danke.“ Michael ging. Es hatte auch keinen Sinn sein Treffen mit Kath weiter hinauszuzögern. Es war ihm peinlich. Aber er musste sie weiter schützen. Ein Heiler war er nicht und eine Heilerin brauchte er. Renate war noch nicht so weit. Man konnte ihr die komplizierteren Fälle noch nicht überlassen, wie er am eigenen Leib herausgefunden hatte. Und Michael hing an seinem Leben.

Kath sah ihn fragend an als er das Wohnzimmer betrat. „Ivan ist tatsächlich tot und den anderen konnte ich nicht finden. Ich kann mich nicht einmal an den vollständigen Namen erinnern“, berichtete er bedauernd.

Kath war wieder bleich geworden. Sie war den Tränen nahe. Bernd sah ihn für ein paar Sekunden an. „Siegfried Kern oder so etwas“, lautete dessen Antwort.

„Aber den werde ich heute nicht mehr aufsuchen. Wir können uns darauf vorbereiten, dass Magnus kommt. Roland hat gesagt, dass er über zwanzig Leichen innerhalb von zwei Tagen nicht mehr decken kann. Damit ist sicher, dass wir in den nächsten Tagen weiteren Besuch erhalten, und bis dahin sollten wir gute Antworten haben. Also müssen wir diese Antworten finden. Bei Ivan ist zusätzlich das Blöde, dass er selbst zwei Mal angegriffen hat. Der andere hat sich lediglich verteidigt. Das hat ein Zeuge gesehen und ausgesagt. Ich habe Ivan davor gewarnt, aber er hat das nicht ernst genommen. Weiß der Geier warum.“ Kath nickte immer noch schockiert.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Vincent.

„Das, was ich gesagt habe. Wir fangen andersherum an. Lass uns nach den Tätern suchen.“

Michael setzte sich neben Bernd. „Sieh mal nach, ob du mit den Bildern, welche ich dem Schädel von diesem Gastgeber entzogen habe, etwas anfangen kannst. Es ist der, dem ich zuerst den Nagel durch die Schulter getrieben habe.“ Bernd berührte Michael am Kopf und schloss die Augen.

„Auf jeden Fall wissen die Bescheid. Die arbeiten mit einem Seher. Sie haben ihr Gesicht nicht gezeigt. Die wissen was sie tun“, lautete Bernds erster Kommentar.

„Ja, das war klar. Also auch du kannst keine Gesichter oder andere Zusammenhänge erkennen?“

„Nein, aber diese komischen Sätze, mit dem, dass wir zu weich wären und abgelöst werden würden, kommen auch nicht von denen.“

„Glaubst du nicht?“

„Nein, die haben das auch von jemand anderem.“

„Ja, es geht nicht um Kath oder eine andere Heilerin! Das tatsächliche Ziel sind eindeutig wir“, schlussfolgerte Michael.

Bernd nickte. „Richtig, das Ziel seid eindeutig ihr.“ Vincent nickte nun ebenso.

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