Neu-Autorenbetreuung mit System

Leseprobe:
Gate to the Dreams - Gate to the World,
von Maximilian Wiezorek

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Chapter 1 – Willkommen, willkommen …

„Willkommen, willkommen … zum diesjährigen Championship-Finale der Schwergewichtsklasse. Es tritt der seit zehn Kämpfen ungeschlagene Citren Rougeau gegen den gegenwärtigen Champion Bruce Chest an. Nur noch wenige Karten sind übrig. Greifen Sie zu! Lassen Sie sich diese Chance nicht entgehen.“

Die überaus nervige Stimme des Radiokommentators nehme ich gerade so wahr, während ich im Halbschlaf über die Sinnlosigkeit des ersten Schultages philosophiere. Ich liege in meinem Bett, die Sonne scheint angenehm durch mein Dachfenster und die Vögel zwitschern. Eigentlich nicht anders als die letzten drei Monate. Davon abgesehen, dass ich heute zwei Stunden eher aufstehen muss und die Schule wieder beginnt. Jeder kennt dieses Gefühl, nach den Sommerferien, die aus grundlegender Erholung, einhergehend mit produktivem Nichtstun, bestehen, auf einmal wieder in die Schule zu gehen.

Man muss sich wieder komplett umstellen. Hausaufgaben, lernen, ein geregelter Schlaf-Wach-Rhythmus. Ehrlich Leute, das ist das Schlimmste.

In den Ferien juckt es keinen, ob ich um zwei Uhr nachts zocke und mir meinen Schlaf am nächsten Tag von elf bis drei Uhr nachmittags hole. In der Schule macht es jedoch einen großen Unterschied.

Da heißt es dann: „Brian, anscheinend hast du ein geringes Aufmerksamkeitsproblem. Wie wäre es denn, wenn du den Unterrichtsstoff zu einem für dich besseren Zeitpunkt nachholst? Freitag, so gegen 16 Uhr.“

In solchen Fällen würde man gerne Folgendes antworten: „Natürlich Mrs. Heet, soll ich Ihnen noch ’nen Kaffee vorbeibringen? Wenn Sie wollen, backe ich auch meinen speziellen Apfelkuchen für Sie. Und wenn wir schon einmal dabei sind, Sie können sich natürlich gerne in meine Hängematte legen oder in meinem Pool ’ne Runde drehen.

Währenddessen lese ich schon mal Hamlet, Antigone und Sophokles.“ Aber nein, um einer noch größeren Strafe zu entgehen, entschuldige ich mich, da es in unserem Arschkriecher-System keine bessere Alternative gibt.

Doch ich rege mich jetzt nicht mehr auf – zu diesem Schluss komme ich immer irgendwann – ich nehme es einfach hin, spare mir die Kraft und denke daran, dass ich nur noch zwei Jahre vor mir habe. Blöd nur, dass für diese Erkenntnis 15 Minuten draufgegangen sind. Jetzt heißt es schnell unter die Dusche springen, anziehen, Sachen packen und dann los. Ich komme also aus dem Badezimmer, mit halb nassen Haaren und einem Wattestäbchen im Ohr, sprinte die Treppe hinunter und bleibe etwas erleichtert in der Küche stehen. Dort liegt meine volle Brotdose, mit einem kleinen Schokoriegel daneben, darauf ein kleiner Zettel, er ist von meiner netten Mami.

Lieber Brian,

hier ist Dein Frühstück.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag an Deiner neuen Schule.

Vergiss bitte nicht, Jay heute Nachmittag aus dem Kindergarten abzuholen.

Hab Dich lieb.

Mami

Jayden, Spitzname Jay, ist mein kleiner Bruder. Mit meinem Vater und meinem anderen Bruder, Owen, ist die Familie Chained komplett. Doch allesamt sind entweder in der Schule, im Kindergarten oder auf der Arbeit. Das ist gerade auch ganz gut. Somit habe ich wenigstens erst mal meine Ruhe, auch wenn ich die gerade nicht sehr genießen kann.

Und so renne ich runter in die Garage, schmeiße mich auf mein Fahrrad und radle los. Vorher noch fix die Kopfhörer zur Entspannung reingesteckt. Ich weiß, dass ich keine Musik beim Fahrradfahren hören sollte, und eigentlich müsste ich einen Helm tragen, aber na ja, was soll man sagen, ich bin weder bereit, mit platt gelegener Frisur noch ohne eine ordentliche Mischung Musik in die Schule zu kommen. Die Radiosender haben anscheinend das Prinzip noch nicht so ganz verstanden. Da hat man schon einen Radiowecker und was passiert? Die labern fünf Minuten über einen Boxkampf. Jetzt hab ich ja zum Glück meine Dröhnung. Wenn ich mir das recht überlege, klingt das fast wie bei ’nem Junkie. Noch fix ’ne Line und dann kann der Tag beginnen. Ich muss etwas schmunzeln, ganz so schlimm ist es dann doch nicht.

Was meine Mutter mit „einen schönen Tag an Deiner neuen Schule“ meinte, soll nicht bedeuten, dass wir umgezogen sind, sondern nur, dass ich von der Junior High School auf die Senior High School gewechselt bin. Zugegeben: Zehn Meter Entfernung und der Wechsel von Junior zu Senior klingt nicht wirklich eindrucksvoll, aber es ist trotzdem was anderes. Neue Lehrer, neue Mitschüler, neue Räume, alles ein bisschen anders. Und hey, es sind nur noch zwei Jahre. Irgendwie freue ich mich jetzt sogar ein bisschen. Irgendwas sagt mir, dass das Jahr ganz interessant werden könnte. Das ist keine bloße Vorahnung, mehr so ein Gefühl, das hochkam und sich gerade exponentiell steigert. Na jaaa … oder ich hab einfach nur Stimmungsschwankungen. Vor 30 Minuten hab ich mich noch über das Schulsystem aufgeregt und jetzt so was. Manchmal frage ich mich, was das mit mir werden soll. Doch jetzt schnell zum Klassenzimmer, ich will doch am ersten Tag nicht gleich zu spät kommen.

Ich schließe mein Fahrrad ab, werfe einen flüchtigen Blick nach hinten und gehe zum ersten Mal durch die große Eingangshalle der Mammoth Senior High School. In der EMail steht: „1. Etage, Raum 108.“ Ich laufe an den ersten Räumen vorbei. 105, 106, ah, da hinten! In dieser Sekunde klingelt die eindrucksvoll nachhallende Schulglocke. Sie ist bei Weitem imposanter als die von meiner alten Schule.

Ich gehe in den Raum, schließe die Tür, mehr oder weniger lässig, mit einem leichten Schubs durch meinen rechten Fuß, und begebe mich schleunigst zu dem ersten freien Platz, den ich sehe. Rechts neben mir sitzt ein bekanntes Gesicht. Sarah Nilson. Also nicht, dass ich sie gut kennen würde, aber sie war mit mir zusammen auf der Middle School. Allerdings hatten wir da nicht sonderlich viel miteinander zu tun. Ich begrüße sie noch mit einem knappen „Hi“, bevor die neue Lehrerin zur Begrüßungsrede ansetzt. „Mein Name ist Mrs. Ruffels. Ich bin eure neue Kursleiterin“, beginnt sie. „Ja, ihr habt richtig gehört, ab jetzt werdet ihr in Kurse eingeteilt, nicht mehr in Klassen. Aber wer das nicht weiß, ist hier gänzlich falsch. Bei mir werdet ihr Mathe und Englisch haben, so viel steht schon mal fest. Die übrigen acht Kurse werde ich jetzt jedem separat vorlesen.“

Ich hab soeben mal durchgezählt. Wir sind 20 Leute. Zwanzig mal vier macht insgesamt 80. Ich weiß, ich weiß, Mathe-Genie und darüber hinaus sprachlich talentiert, sodass ich Worte wie „exponentiell“ lückenlos in meinen Sprachgebrauch integrieren kann … Ganz ehrlich, manchmal bin ich froh, dass sich solche Gedanken stets in meinem Kopf abspielen. Noch abgehobener geht es fast nicht mehr.

Aber worauf ich eigentlich hinauswollte, ist, dass wir 80 Leute in unserem Jahrgang sind, das ist relativ viel für Mammoth-Verhältnisse. Das bedeutet, dass ich gute Chancen habe, die Kurse zu belegen, die ich als Erst- oder zumindest als Zweitwunsch gewählt habe. Und so ist es auch.

Da der Anfangsbuchstabe meines Nachnamens ein „C“ ist, bin ich dementsprechend weiter vorn im Klassenbuch – Pardon, Kursbuch – und erfahre somit relativ früh meine Fächer. Zusätzlich werden mir noch die Lehrer und die Räume gesagt, aber mit denen kann ich im Moment eh nicht so viel anfangen. Siebzehn Leute warten noch auf ihre Ansage und so entscheide ich mich, Sarah erneut anzusprechen. Ich frage: „Naa, wie waren deine Sommerferien?“ Sie dreht ihren Kopf leicht geneigt zu mir, guckt mit ihren tiefblauen Augen, in denen ich mich nun spiegele, und ihrem wundervoll blonden, von der Sonne in Szene gesetzten Haar zu mir und … Okay, okay, das war gerade kompletter Bullshit. Das ist jetzt definitiv nicht so ein „Liebe-auf-den-ersten-Blick“-Moment. In Wirklichkeit reagiert sie erst gar nicht. Dann, wahrscheinlich als sie im Seitenwinkel erkennt, dass ich sie anschaue, guckt sie zu mir. Aber sie guckt nicht nur einfach so, nein, sie guckt so wie ein Hund, dem man vergessen hat ein Leckerli zu geben, jedoch trotzdem ein Kunststück verlangt. Man kann richtig die Gedankengänge in ihrem Kopf erkennen: Spricht er gerade mit mir? Nein, doch! Warum sollte er sonst zu mir gucken? Aber wir kennen uns doch gar nicht. Letztendlich, ich hatte es nicht mehr für möglich gehalten, antwortet sie dann doch.

Das kam jetzt gemeiner rüber, als es eigentlich sollte. Immerhin kenne ich das selbst nur zu gut, wenn ich mich auf etwas anderes konzentriere, mich jemand nebenbei ablenkt und ich dann verwundert bin. Außerdem habe ich sie viel schlauer in Erinnerung, was sie jetzt mit ihrer Antwort unter Beweis stellt. Davon abgesehen hat sie wirklich schöne Haare, auch wenn ihr Blick ein Foto wert gewesen wäre.

Sie erzählt von ihrem Ausflug in den Death-Valley-Nationalpark. Klingt nicht gerade einladend, ist aber ein sehr spektakulärer Ort. Ansonsten verstehen wir uns ganz gut. Ich versuche, nicht so langweilig rüberzukommen. Meine Ferienerlebnisse hätte man locker in einem Satz zusammenfassen können. Doch dann unterbricht uns Mrs. Ruffels: „Sarah Nilson. Sport bei Mrs. Chew, Sozialkunde bei Mrs. Fog, im Raum 223, Biologie Mr. Kessler, Raum 225 …“ So geht das noch fünf weitere Fächer. Dabei stelle ich fest, dass wir fast alle Kurse zusammen haben. Mensch, was für ein Zufall. Und ich weiß, was ihr kleinen Schlaumeier jetzt denkt: Ach, das war doch bestimmt alles mit Absicht, und klar war es sowieso und außerdem geplant. Aber woher hätte ich denn bitte schön wissen sollen, was sie für Kurse wählt? Ich bin einfach nur froh, jemand Bekannten getroffen zu haben.

Obwohl die Mammoth Junior nur einen Katzensprung von der Senior High entfernt ist, wechselte gerade mal ein Dutzend von der alten auf die neue Schule. Der Rest meiner jetzigen Kollegen kommt von anderen Schulen, aus der Umgebung.

Der weitere Verlauf der Stunde sollte sich – wer hätte es geahnt? – außerordentlich langweilig gestalten. Doch ich beschwere mich nicht. Immerhin besser als Unterricht.

Nach ungefähr einer Stunde beendet Mrs. Ruffels den Unterricht, etwas erschöpft klingend. Sie wünscht uns allen noch einen erholsamen Nachmittag, denn morgen geht es dann richtig los. Ich verabschiede mich von Sarah und schlendere kurz durch meine neue Schule, hin zu meinem Spind. Die Zahlenkombi, die per Mail zugeschickt wurde, wird eingegeben und zack, das Ding ist offen. Gut, was habe ich darin erwartet? Es ist halt nur ein Spind. Da wir unsere Bücher erst morgen bekommen, war dieser Gang relativ sinnlos.

Ich will mich gerade wegdrehen und die Tür schließen, da entdecke ich einen kleinen Zettel. Heute habt ihr es aber auch mit altmodischen Nachrichten, oder? Wofür gibt es denn Handys?

Ich nehme das schwarze, säuberlich gefaltete Papier heraus, falte es auf und lese die zwei in weißer, schnörkeliger Schrift, per Hand geschriebenen Wörter: „Willkommen, willkommen!“ Das soll wohl ein schlechter Scherz sein. So atemberaubend ist das Erlebnis, wieder in die Schule zu gehen, nun auch wieder nicht. Die Lehrer, oder wer auch immer das war, hätten sich ruhig die Zeit sparen können, um die Stundenpläne rechtzeitig zu vollenden. Ich denke, dass wir heute nur deshalb keinen Unterricht hatten, weil der Schulleiter samt seiner Kollegenschaft genauso faul ist wie wir und auch immer alles auf den letzten Drücker macht. Immerhin kam die EMail, die Auskunft über Stammkurs, Kursleiterin und Spindnummer gibt, erst gestern Abend. Und zur heutigen Begrüßungsstunde muss ich auch nicht viel sagen. Da gab es weder eine Vorstellung noch eine Bekanntmachung der Lehrer oder Schüler oder sonstige Dinge, die interessant sein könnten.

Vielleicht dachte sich die gute Frau: Probieren geht über Studieren. Vielleicht hatte sie aber auch einfach keinen Bock.

So oder so, ich hab jetzt frei und kann gemütlich nach Hause fahren. Dort angekommen, lege ich meine Sachen ab und hole Jay aus dem Kindergarten ab. Der wird sich freuen, dass er heute Mittagskind ist. Das bedeutet zwar, dass ich ihn die ganze Zeit an der Backe hab, aber der Kleine ist schon süß. Wahrscheinlich gehen wir noch ein bisschen raus, bei dem schönen Wetter, spielen Fußball oder fahren Fahrrad.

Der Nachmittag gestaltet sich dann doch eher wie in den Ferien. Ausruhen, spielen, zocken und wieder ausruhen. Bis uns Mama so gegen 18 Uhr zum Abendbrot ruft: „Nur noch zwei Minütchen, bitte, bitte“, höre ich Jayden wehmütig betteln. Ich sage zu ihm, dass heute nicht der letzte Tag war. Er entgegnet schluchzend: „Ja, aber jetzt beginnt wieder die Schule und da haben wir viel weniger Zeit.“ Also wo er recht hat, hat er recht. Mama, die unsere Unterhaltung gehört haben muss, entscheidet sich für ein: „Na gut, ich frag Owen, ob er den Tisch deckt, aber in fünf Minuten seid ihr drinnen.“ Jay flippt vor Freude aus. Was fünf Minuten bewirken können! Ich frage mich, ob er schon ein so ausgeprägtes Zeitgefühl hat wie wir. Nichtsdestotrotz holt er aus dieser wirklich kurzen Zeit das Beste raus.

Ganz erschöpft lässt er sich drinnen auf die Couch fallen. „Mmh, das riecht aber lecker“, höre ich ihn sagen. „Was gibt’s denn?“ „Zur Feier des Tages habe ich euren Lieblingsauflauf gemacht“, antwortet ihm Mama aus der Küche. „Au jaaa“, rufen wir beide im Chor und klatschen ab. „Was für eine Feier?“, entgegnet Ow, der mit hängenden Schultern zum Tisch trottet. Ich wuschle ihm leicht durch die Haare und sage: „Kopf hoch.“ Er verzieht das Gesicht und dreht sich unzufrieden weg. Doch Jayden, der immer noch viel zu gut drauf ist, springt von der Couch, klettert auf den Tisch, wuschelt ihm ebenfalls durch die Haare und ruft: „Hey, was ist denn los mit dir, Kumpel?“ Diesem Euphemismus kann er jetzt nicht mehr entkommen. Auch wenn sich Ow die Haare genau so zurechtlegt, wie sie einige Sekunden zuvor lagen, kann man doch ein kurzes Lächeln erkennen. „Ich hatte auch ’nen Scheißtag“, kündigt sich Papa an. „Papaaaaaa“, schreit Jay, während er in seine offenen Arme rennt.

Wir haben noch viel Spaß am Abendbrottisch. Mama berichtet von ihrer neuen Geheimzutat. Papa erzählt uns, warum sein Tag so ätzend war. Und Jay ist felsenfest davon überzeugt, mit Timmy, seinem besten Freund, den bösen Drachen besiegt zu haben. Detailgetreu beschreibt er, wie sie ihn erst aus seiner Höhle gelockt haben, um ihn anschließend den Berg runterzuschubsen. Keiner wagt es, ihm zu widersprechen beziehungsweise einzuwenden, dass Drachen fliegen können. Wir wollen ihm seine wundervolle Fantasie nicht nehmen. Owen und ich sind etwas ruhiger. Er, weil er einfach keinen Bock hat, von seinem Tag zu erzählen, und ich, weil ich ihm mit meinem „Alles neu – alles cool“-Geschwafel nicht auf die Nerven gehen möchte. Danach waschen wir ab. Das heißt, ich spüle, Owen trocknet und Jay springt die ganze Zeit hin und her. Später mache ich mich bettfertig und springe in die Heia. Wie alt bin ich? Fünf? Egal, ich finde das Wort einfach niedlich.

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