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Leseprobe:
Erinnerungen eines Globetrotters,
von Frieder Wolf

Der Autor: Frieder Wolf, geboren 1945 in Dresden, aufgewachsen in Westberlin, Ausbildung zum Reisebürokaufmann von 1962 bis 1965, danach zur sprachlichen Entwicklung für ein Jahr nach Großbritannien.

Es folgten 4 Jahre als Flugbegleiter bei der größten, europäischen Fluggesellschaft, die mit dem Kranich, von 1967 bis 1970. Anschließend zog es mich zu dem größten, europäischen Reiseveranstalter in Hannover. Gemeinsam mit 2 Kollegen übernahm ich für rund neun Jahre den touristischen Einkauf für alle Fernreisen weltweit.

Später baute ich nacheinander die Abteilungen Städte- und Gruppenreisen auf und leitete abschließend die Hauptabteilung Verkauf Flugreisen.

Nach insgesamt 16 Jahren bei diesem Veranstalter erfüllte ich mir noch einen lange gehegten Wunsch. Zusammen mit meiner Ehefrau Renate gründete ich 1986 ein Reisebüro in Burgdorf bei Hannover. Nach sehr erfolg- und erlebnisreichen 25 Jahren verkauften wir unser Reisebüro an den o. g. Veranstalter. In enger Absprache blieb ich beratend weiter für unser ehemaliges Büro tätig. Für ganz besondere Gruppenreisen plante und organisierte ich dann in den nächsten Jahren für unser Büro diese Reisen. Alle Ziele besuchte ich stets vorher und kaufte alle touristischen Leistungen, nach jeweiliger Prüfung vor Ort, persönlich ein.

Je nach Anzahl der Teilnehmer wurden diese Reisen von mir und manchmal gemeinsam mit meiner Frau stets auch persönlich begleitet. Alle Teilnehmer wurden selbstverständlich von zu Hause abgeholt. Nach insgesamt 62 durchgeführten Reisen von LISSABON im Westen bis ST. PETERSBURG / MOSKAU im Osten, von HAMMERFEST im Norden bis SIZILIEN und MALTA im Süden erstreckten sich die Ziele und Rundreisen; ergänzt wurde dieser Bogen von Reisen nach JORDANIEN und den VEREINIGTEN ARABISCHEN EMIRATEN.

Über den gesamten Zeitraum der vielen Jahrzehnte im Tourismus war ich natürlich sehr, sehr viel mit den unterschiedlichsten Verkehrsmitteln (meist dem Flugzeug) auf Achse, manches Mal waren es, verteilt über das Jahr, bis zu 5 Monate. Ich habe nicht genau gezählt, aber an die 100 verschiedene Länder durfte ich bereisen. Ca. 2.800 bis 3.000 Starts und Landungen habe ich gut überstanden! Rund 50 Jahre habe ich im nationalen, internationalen und interkontinentalen Tourismus arbeiten, denken und leben dürfen, hautnah. Ich weiß sehr gut, es war ein besonderes Privileg! Heute lebe ich, auch nach über 40 Jahren, sehr gerne und zufrieden mit meiner Frau in der Nähe von Hannover, freue mich über meine Kinder und Enkelkinder und die unzähligen Erinnerungen eines Weltenbummlers.

Very British. Das Jahr 1962, Wolfgang-Borchert-Schule, Berlin-Spandau, Abschlussklasse. Meine Mitschüler hatten alle längst einen Ausbildungsplatz, nur ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Mein Klassenlehrer war schier am Verzweifeln. Bei einem der zahlreichen Gespräche mit ihm fielen dann seine außergewöhnlichen, sehr bemerkenswerten Worte: „In Gottes Namen, dann werde doch einfach Playboy!“ Eine verlockende Perspektive! Doch für dieses Berufsbild, für diesen Weg, fehlte mir doch eine sehr wesentliche Grundvoraussetzung. Meine Eltern verfügten leider nicht über die Möglichkeit, mir ein paar Millionen als Anschubfinanzierung zur Verfügung zu stellen. Also musste ich diese verlockende Alternative schnell wieder verwerfen. Meine endgültige Wahl fiel dann auf die Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann. Wie sich im Verlauf der Jahre herausstellte, eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe. Ohne zu wissen, welch großartige Türen sich mir in den folgenden Jahrzehnten öffnen würden, habe ich einfach Gas gegeben.

Du musst schon die Grundhaltung in dir haben, auf Menschen, die dir auf dieser Erde begegnen, vorurteilsfrei zuzugehen. Da gebührt meinen Eltern ein großer Dank für eine sehr offene und liberale Erziehung.Es ist grundsätzlich völlig ohne Bedeutung, ob dein Gegenüber Buddhist, Hinduist, Christ, Mohammedaner ist oder irgendeiner anderen Religion angehört, ob er eine schwarze Hautfarbe, ob er eine gelbe oder weiße Hautfarbe hat. Ich habe viele, sehr viele Menschen auf dieser Welt getroffen, ich kann aus vielen Jahrzehnten Erfahrung nur feststellen: Im Internationalen Tourismus gibt es keinen Rassismus! Unsere nationale / internationale Fluggesellschaft hatte ein Verkaufsbüro in Berlin. Bei einem Besuch des Verkaufsleiters im Reisebüro, meiner damaligen Arbeitsstätte, fragte er mich: Sag mal, Frieder, hättest du nicht Lust, als Steward bei uns zu fliegen? Bitte als was? Steward! Ich kannte bis dahin nur den Begriff Stewardess. Wieder etwas gelernt. Es gibt also weibliche und männliche Flugbegleiter. Ich war elektrisiert. Eine kleine, eventuelle Chance, dem immer enger werdenden Leben in einer eingeschlossenen Stadt zu entfliehen.

Unterlagen angefordert, Bewerbung verschickt, Einladung zum Test erhalten, auf nach Frankfurt.

Über 2 Tage ging damals so eine Aufnahmeprüfung. Getestet wurden u. a. Allgemeinbildung,Fragen zu Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport, soziale Einstellung / Haltung, Belastbarkeit, umfassende geografische Kenntnisse, Teamfähigkeit, englische Sprachkenntnisse auf hohem Niveau. Es gab damals eine sehr bemerkenswerte, gefürchtete, alles beherrschende Chefstewardess, nennen wir sie Frau Cramer. Sie war Chefin aller Flugbegleiter. Markenzeichen: dunkle Sonnenbrille, sehr distanziertes Auftreten. An dieser ehemaligen Chefstewardess, eine der ersten ausgewählten und besten Flugbegleiterinnen, kam keiner vorbei. Natürlich auch ich nicht! „Herr Wolf, wirklich tolles Testergebnis, wir nehmen Sie gern, nur ihre englischen Sprachkenntnisse reichen leider nicht aus. Sollten sie eine Möglichkeit haben, diese auf unser hochwertiges Niveau (!) zu bringen, würde ich mich freuen, sie hier wiederzusehen. Was tun? Ich wollte diesen Job!

Ich rief meinen Vater an. Er hatte eine Idee. Er geriet Ende 1944 in englische Gefangenschaft: PRISONER OF WAR / P.O.W. Er kam in ein Lager in East Anglia, auf einen ehemaligen Flugplatz der Royal Air Force, die Gegend von Norwich, Ipswich, Great Yarmouth. Die gesunden Kriegsgefangenen wurden tagsüber zu Arbeitseinsätzen abgestellt. Mein Vater kam zu einem Bäckermeister in Beccles, einem kleinen Ort, zur Clarke Family: Vater, Mutter und 6 Kinder (5 Mädchen, 1 Junge, der Nachzügler). Diese Konstellation sollte sich wenig später als sehr wichtig erweisen. Diese englische Familie nahm den Kriegsgefangenen, meinen Vater, außergewöhnlich freundlich auf. Bald bat Mr. Clarke den Kommandanten des Lagers um Erlaubnis, meinen Vater von Montag bis Freitag gänzlich im großen Haus der Familie einzuquartieren.

Eine höchst bemerkenswerte Geschichte aus dieser Zeit. Vor wenigen Monaten noch gehasster Kriegsfeind, fand er Aufnahme bei einer englischen Familie. Aus dieser Beziehung entstand ein freundschaftliches Verhältnis. Dieser alte Kontakt wurde nun für mich aktiviert! Ende 1965 ging es dann für mich per Eisenbahn und Fähre über Hoek van Holland nach Harwich. Nie vergesse ich diese Überfahrt, nie wieder wurde mir bei einer Seereise so schlecht. Selbst einen Hund habe ich kotzen sehen.

Meine Einreise in das Vereinigte Königreich erfolgte offiziell als Tourist, Arbeitsaufnahme war nicht gestattet. Aber ich wollte doch wenigsten ein kleines Kostgeld bei Mrs. Clarke abliefern. Der Familienrat wurde einberufen und fand folgende Lösung: Mit Hilfe der zahlreichen Familienmitglieder und ebenso vielen Verwandten und Bekannten der Clarke Family wurde ein geniales Netz von jeweils 1 – 3 Wochen dauernden Jobs für mich aufgebaut. Natürlich schwarz und bar auf die Kralle bezahlt. Mein erster Job: Bohnenpflücker bei einem Großbauern. Auf den Knien, wahlweise in gebückter Haltung, wurden die Säcke gefüllt, dann zum Sammelplatz gebracht und mit Namenschild versehen.

Nach kurzer Zeit taten mir alle Muskeln und Knochen weh, erste arrogante Gedanken tauchten auf. Hast du das eigentlich nötig? Warum tust du dir das an? Ich entschied mich schweren Herzen dafür, Zähne zusammenbeißen und durch. Bei einer Teepause bemerkte ich einen jungen Mann, der sich auffällig bei den gestapelten Bohnensäcken herumtrieb. Ich beobachte ihn und bekam mit, dass dieser Schweinehund unsere Namenschilder heimlich gegen seine eigenen austauschte. In mir steigen grenzenlose Wut und Zorn auf. Ich sah mich um meinen kargen Lohn und um meine Arbeit gebracht. Ich stürzte auf ihn zu, nutzte den Überraschungseffekt und schlug 2-3-mal zu. Er war überhaupt nicht meine Gewichtsklasse, viel größer und stärker als ich. Er rappelte sich auf, jetzt war ich es, der einstecken musste. Gott sei Dank, der Farmer kam und trennte uns. Mein Gegner hätte mich sonst krankenhausreif geprügelt.

Ich erklärte dem Bauern mit blutendem, aber hocherhobenem Haupt, dass mein Job als Bohnenpflücker mit sofortiger Wirkung beendet ist. Zu meinem großen Erstaunen fragte er mich, ob ich auch Mähdrescher fahren könne? Mähdrescher? Kein Problem! Hab mein Leben lang nichts anderes gemacht!!! Nur raus aus dieser unglaublich schmerzhaften Nummer. O. k., komm morgen früh gegen 06:30 Uhr. Ich zeige dir den Führerstand, die Hebel und Knöpfe. Du fährst schräg hinter David, wenn du Schwierigkeiten hast, sprecht ihr euch am Wendepunkt ab. Zurück bei meinen Gasteltern versorgte mich Mrs. Clarke, wie Mütter es wohl immer tun, wenn ein „Mitglied der Familie Hilfe braucht!!“ Dicke Lippe, eine Augenbraue aufgeplatzt und Gesicht geschwollen. Am nächsten Morgen legte ein wunderbarer Sonnenaufgang sein Licht auf die weiten Felder von East Anglia, eine der wichtigsten Kornkammern des Königreiches.

Nach den gestrigen heftigen „Niederschlägen“, fühlte ich mich wie King Louis. Ich thronte ein paar Meter über dem Feld und fühlte mich deutlich besser. David hat mich eingewiesen: Du fährst versetzt, schräg hinter mir, wenn unsere Speicher im Fahrzeug voll sind, fahren wir zu den am Feldrand angestellten Anhängern und laden unsere Fracht dort ab. Größe der Felder: ca. 5 km mal 3 km, jede Menge Staub, ich konnte David manchmal nicht mehr sehen, fast 4 Liter Wasser habe ich bis 13 Uhr geschluckt oder mir über den Kopf gegossen. Hatte ich schon erwähnt, zu dieser Zeit gab es weder Airconditioning, noch Musikbeschallung, noch eine Minibar in der Fahrerkabine?! Gegen Mittag erschien ein Fabelwesen. Die Tochter des Farmers war beauftragt, uns zum Mittagessen Sandwiches und Tee zu bringen. Welch ein grandioser Anblick in der Hitze des Tages. Ich wusste schon fast nicht mehr, wie zauberhaft so ein weibliches Wesen aussehen kann.

„Hi, I am Emily, what is your name?“ Ich kam leicht ins Stottern, erinnerte mich dann aber doch noch an meinen Vornamen. Sie hatte wunderschöne braune Augen, trug ein einfaches, buntes Sommerkleid, hatte ein sehr ausdrucksvolles Gesicht und war einfach nur bezaubernd. Die Zeit verging leider viel zu schnell. Am Abend schlief ich mit ihr ein, allerdings nur in Gedanken! Während des Dreschvorgangs warf das Ungetüm hinten das gedroschene Stroh raus. Andere Helfer bündelten das Stroh und schichteten es an verschiedenen Punkten des Feldes zu großen Ballen (Mieten) auf. Ich genoss meinen privilegierten Posten – noch! Ich war natürlich nicht so schnell wie David, der hatte sich am Nachmittag nach getaner Arbeit bereits verabschiedet. „See you tomorrow.“ Ich kam mit meiner letzten Ladung Getreide zum Hänger, entlud die Körner, freute mich schon auf ein verdientes Feierabendbier, dann passierte es: Der kleine Frieder verwechselte Vor- und Rückwärtsgang und brachte einen großen Teil der bereits aufgeschichteten Strohmieten zum Einsturz.

Ich erspare dem geneigten Leser die groben Flüche, es waren auch bereits eine Reihe von englischsprachigen Flüchen dabei (Warum lernt man eigentlich diese Dinge so früh?). Es half alles nichts. Ich musste per Hand die Ballen wieder aufschichten. Nach getaner Arbeitschlich ich auf meinem alten Fahrrad nach Hause, duschen und ab ins Bett, völlig erschöpft! Ich verbrachte in den nächsten Wochen noch eine gute Zeit auf dem Trecker, durfte etwas über das Pflügen, gerade Furchen ziehen (ziemlich schwierig!), Gülle auf Felder bringen und die Aussaat lernen. Und es gab Geld! Ich war unsäglich stolz, Mrs. Clarke meine ersten brit. Pfund als Kostgeld in die Hand zu drücken. Für Zigaretten blieben auch noch ein paar Pence.

Aber ich musste weiterziehen. Mein nächster Job lag am und auf dem Wasser. Die Norfolk Broads sind ein bedeutendes Wasser- und Kanalsystem in East Anglia. Zauberhafte kleine Wasserwege, gesäumt von langen Weidenalleen. Ehemals dienten diese Verkehrswege der Versorgung, der oft sehr einsam gelegenen Dörfer, Häuser und landwirtschaftlichen Höfe. Reger Schiffsverkehr bestimmte das Geschehen. Bootsbauer und kleine Werften hatten sich an den Ufern niedergelassen.

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