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Leseprobe:
Die Welt ist voller Morden,
von Waltraut Kupf

Vorwort

Wenn das Leben sich seinem Ende nähert, tritt der Anfang wieder ins Bewußtsein. Während die Ahnen schon die Arme ausstrecken, um ihre Nachkommen zu sich zu holen, durchziehen Schwaden blasser Erinnerungen die Gedanken der noch Lebenden und formieren sich langsam zu einer Deutlichkeit, als lebten sie noch immer in jener Zeit. Das Wiedersehen, welches im Jenseits wohl niemals stattfinden wird, ereignet sich schon im Diesseits, und die Begegnungen sind ein Gemisch aus Gewissheit und Artefakt. Die Vorgeschichte, eigentlich nur aus Erzählungen bekannt, läuft ab wie ein Film, bei dem Unbekanntes interpoliert und geglaubt wird.

I. Zurück zu den Wurzeln

Schauplatz der Kindheit

Ich werde den Gedanken nicht los, daß auf dem Haus meiner frühen Kindheit ein Fluch gelastet haben könnte, der vielleicht in alle Ewigkeit andauert, wenn es nicht mittlerweile einer unschuldigen Lichtgestalt gelungen ist, ihn aufzuheben.

Das Haus Haizingergasse 31, in dem meine Familie vor dem Krieg wohnte, ist eine sogenannte Zinsvilla, die heute noch steht und allen, die darin wohnten, das Leben verdüsterte und Krankheiten bescherte, solche des Körpers oder der Seele.

Die Seitenfronten grenzen unmittelbar an die Nachbarhäuser, vorne liegt ein kleiner Vorgarten, hinten ein etwas größeres Gartenstück. Dort vegetierten einst ein zarter Prunus mit rosa Blüten und ein gewaltiger Nussbaum. Beide litten an Krebs, und man sah sie lange dahinkümmern, bevor man sie entfernte. Die Fassade des Hauses ist im Stil der gründerzeitlichen Neorenaissance gestaltet, mit Rustikablöcken und maskenähnlichen Gesichtern. Sie ist bedeckt von gelbem Rauhputz, in dessen Vertiefungen sich schwärzlicher Schmutz absetzt. Die Vorgartenstücke rechts und links vor dem grünen Eingangstor sind mit schwarzen Gusseisengittern auf niedrigen Mäuerchen gegen die Straße abgegrenzt. Die Erde dahinter wird nie von der Sonne beschienen; sie ist feucht und riecht nach Keller. Es wachsen dort Hortensien, blassrosa und blassblau, und ein paar seltsam künstlich wirkende Koniferen, wie sie auch auf Friedhöfen anzutreffen sind. Die Gittertür des Vorgartens ist verschnörkelt und hängt schief in den Angeln. Der Weg zum eigentlichen Haustor ist mit einem fliesenähnlichen hellgelben Pflaster belegt, das schief getreten ist und voll von Brüchen und Sprüngen.

Das Stiegenhaus ist überraschend hell; die großen Fenster gegenüber dem Eingang gehen nach Süden zum Garten hinaus. Man kann nicht nach außen sehen, die Scheiben sind aus Milchglas mit Verzierungen wie Eisblumen. Das abgezirkelte Ornament der Bodenfliesen ist blau-grün und kalt. Die Stützen des Treppengeländers sind aus schwarzem Gusseisen, ornamental verschlungen. Die beiden Wohnungstüren rechts und links im Erdgeschoß zeigen eine dunkelbraun gemalte Holzmaserung. Im ersten und zweiten Stock gibt es nur je eine Türe in der Mitte, deren Milchglasfüllungen in der oberen Hälfte durch graue, verschnörkelte Gitter gesichert sind.

Die Wohnungen sind zum Garten hin leidlich hell, gegen die Straße zu sehr dunkel, da die Lindenallee, insbesondere im Sommer, den größten Teil des Lichtes abfängt. Zuweilen werden die Bäume gestutzt und sehen dann aus wie amputierte Krüppel. Wenn die Äste der Linden stumpf abgeschnitten wie Müll auf dem Boden liegen bevor man sie entfernt, macht das traurig, trotz des kleinen Zuwachses an Licht.

Unser Hausarzt sagte, beim Betreten des Hauses habe er das Gefühl, einen Kübel kalten Wassers über den Kopf gegossen zu bekommen.

Obgleich ich in diesem Haus nicht geboren wurde, sondern im fashionablen Rudolfinerhaus, waren die Auspizien nicht die besten. Meine Mutter, die ich der Abwechslung und der Kürze halber öfter Anny nennen werde, schilderte das ein paar Jahre später sehr anschaulich und immer wieder..

„Also der Doktor Sturm, der hat gesagt: das war eine Geburt, wie der liebe Gott sie haben wollte! Wie der liebe Gott sie haben wollte!“ Sie lächelte verklärt. Den Erzählungen war andererseits zu entnehmen, daß sie an die drei Tage laboriert haben mußte, bis es endlich geschafft war. Einige Einzelheiten trugen dazu bei, daß ich mich vor dem Kinderkriegen panisch fürchtete.

Kaum war es überstanden, sagte die bösartige Hebamme. „Ja, diese verwöhnten jungen Frauen“ hier kniff Anny die Lippen zusammen und erhöhte ihre Stimmlage, „machen immer so ein Theater. Ja, Kinder wollen sie haben, das wohl, aber die Schmerzen, nein, die wollen sie nicht!“ Die Säuglingsschwester, zu allem Überfluß noch eine „Reichsdeutsche“, setzte noch eins drauf. Das Stillen klappte nicht so recht, allerdings nur, weil diese hinterlistige Person mich heimlich mit Tee fütterte und ich dann keinen Hunger mehr hatte. „Du armes Würmchen! Deine Mutti kann Dir nichts geben!“

„Der Doktor Sturm“ sagte Anny mit funkelnden Augen, „ist bei deinem Anblick auf und ab gehüpft wie ein Gnom und hat ´diese Augen, diese Augen´ gerufen, ´die werden noch viel Unheil anrichten´.“ Sie war offenbar stolz über diese Prognose, da sie darunter die Betörung der „Mannsbilder“ verstand, die es nicht besser verdienten, als daß man sie anlocken und ihnen alsbald die kalte Schulter zeigen sollte. Eindeutig trübe klang die überlieferte Prophezeiung meiner Urgroßmutter Fanny Friedrich, die bei meinem Anblick grämlich sagte: „Du armes Mäderl, was wirst du leiden müssen!“

Die Mutter machte sich einerseits über so viel Pessimismus lustig, andererseits nahm sie ihn vom Standpunkt des später so bezeichneten Feminismus ernst. Frauen waren ihrer Meinung nach im Leben nun einmal benachteiligt. Man müsse für seine Rechte kämpfen. Da kam es dann nicht mehr darauf an, daß noch dazu Karfreitag war.

Begegnung und Heirat der Eltern

Meine Eltern hatten einander auf dem Polizeikommissariat Boltzmanngasse im neunten Wiener Gemeindebezirk kennen gelernt. Der Vater war Polizeijurist, die Mutter Polizeifürsorgerin, eine Art Kombination aus Polizistin und Sozialarbeiterin, was es in dieser Form später nicht mehr gab.

Anny beschrieb die erste Begegnung und die Reaktion der beiderseitigen Eltern mit lebhafter Emphase etwa so: „Also, ich komm‘ nach Haus‘ und sag: heute, da hab ich einen kennen gelernt, der könnte mir gefallen. Ja, aber er hat mich nicht beachtet. Die Mama (betont auf der ersten Silbe) hat gesagt, so ist das halt, da tanzen alle um dich herum, und es interessiert dich nicht, jetzt ist es halt einmal umgekehrt. Er hat mir später dann erzählt, daß er zu seinen Eltern gesagt hat: heute hab‘ ich eine kennen gelernt, die werd‘ ich heiraten. Bist du verrückt, haben sie geschrien, wer ist denn das, du musst doch zuerst wissen, wer das überhaupt ist! Das ist mir egal, hat er gesagt, ich werde sie heiraten. Ja, und so ist es dann auch gewesen.“ Sie sah das als schicksalhafte Verbindung von Anbeginn.

Näher gekommen seien sie einander zu Silvester, erzählte sie. Beide hatten Journaldienst und, wie es zu Jahresende oft vorkommt, hatte sich ein Lebensmüder erschossen und sie wurden beide für den Lokalaugenschein eingeteilt. Das Gehirn des Toten sei an der Wand geklebt. Da habe mein Vater zum ersten Mal persönliche Worte gefunden. Ja, und von da an gingen sie oft gemeinsam zu seinen Theaterdiensten; sie habe eine ziemlich dumme Operette an die zwanzigmal mit ihm gesehen. „Unter einem Regenschirm am Abend“ umrundeten sie den ganzen ersten Bezirk und „wir haben geredet, geredet, geredet, nie ist uns der Gesprächsstoff ausgegangen!“

Als dies alles schon im Gange war, sagte ein Kollege meines Vaters „der Straub, das ist ein Trottel, weil er sich um eine so attraktive Frau nicht bemüht“. Die war sich ihrer Sache trotz der romantischen Spaziergänge, von denen niemand wußte, nicht ganz sicher. „Einmal war ich in seinem Büro, da hat er bei einem Telefonat so auffallend gestrahlt und war so charmant, daß ich gedacht hab´, das muß eine Frau sein. Also doch nichts! Ich bin blaß geworden! Aber dann hat er ganz maliziös gelächelt“ – sie ahmte seine Mimik nach – „und so ganz nebenbei hat er bemerkt, ein Freund war am Apparat.“

Es handelte sich um seinen Freund Michael Wessely, der später Selbstmord beging als er herausfand, daß er Halbjude war. Sein Vater hatte ihm diese Tatsache stets verschwiegen und den blonden Germanen und Wagnerianer gespielt. Von diesem Götterhimmel in die inferiore Welt des Halbjuden zu stürzen, das war mehr als er ertragen konnte.

Irgendwann muß es wohl einen Heiratsantrag gegeben haben, über dessen genauen Ablauf die Chronik schweigt. Eines Tages sollte meine Mutter ihren künftigen Schwiegereltern vorgestellt werden, was natürlich aufregend war, da sie als Tochter einer böhmischen Schneiderin und eines subalternen Beamten in der Offiziersfamilie meines Vaters als nicht standesgemäß betrachtet werden mußte.

Zwar hatte sie schon in der Volksschule als etwas besseres gegolten, was allerdings eine gewisse Vrhel zu der Äußerung veranlasste: „I waß net, wos ma ollawäu fir a G‘schisti-G‘schasti mocht mit den Frotz‘n von den Scheiß-Wochtmasta.“ Solche Episoden dürften sie doch irgendwie gekränkt haben, obgleich sie selbst es war, die lachend davon erzählte, mit der impliziten Botschaft, daß man nur außergewöhnlich genug sein müsse, um soziale Barrieren zu überwinden. Später empfahl ihr eine wohlmeinende Dame, sich doch lieber „Anita“ statt Anna zu nennen, das klinge nicht so sehr nach Hausgehilfin. Sie lehnte das ab und bestand darauf, daß Anna ein schöner, einfacher Name sei, machte aber später doch ein kleines Zugeständnis, als sie das von daheim gewohnte „Anni“ später mit Ypsilon schrieb; was schicker wirkte.

Mein Großvater väterlicherseits, Konrad Ritter von Straub, war pensionierter Oberst. Im Ersten Weltkrieg hatte er an der Italienfront Giftgas eingeatmet, worauf man sein viele Jahre später ausgebrochenes Lungensarkom zurückführte. Just am Tage der Verlobung meiner Eltern erlitt er einen Blutsturz und starb nach wenigen Monaten. Später wurde in den Raum gestellt, ob das bereits ein böses Omen war. Eine aufopfernde Krankenschwester namens Waltraut pflegte Konrad im Rudolfinerhaus bis zu seinem Ende; nach ihr erhielt ich den von mir nicht sehr geliebten Vornamen.

Die Hochzeit der Eltern fand im August 1931 in Mariazell statt, nur im engsten Familienkreis. Frack und Zylinder sowie ein weißes Brautkleid mit Schleier wurden nicht getragen. Meine Eltern hätten das für Firlefanz gehalten, auch hielt die Familie Sparsamkeit zu Anfang der Dreißigerjahre für angebracht, was auch durch den noch nicht lange zurückliegenden Tod Konrads zusätzlich gerechtfertigt wurde. Seltsamerweise blieben alle während des Aufenthalts, der als Hochzeitsreise gelten sollte, vor Ort. Meine Mutter empfand es als störend, daß man sie dort ständig beobachtete; mein Vater schien nichts dabei zu finden. Schon bald nach der Hochzeitsnacht erschien meine Großmutter, Else von Straub, mit Suppositorien, die allzu prompten Kindersegen verhindern sollten. Meine Mutter sagte erbost, sie habe ja schließlich geheiratet, um Kinder zu bekommen, was in Anbetracht der schlechten Zeiten und des niedrigen Einkommens meines Vaters ohne Beifall aufgenommen wurde.

Als sich das zweite Kind ankündigte, wurde gar das Ansinnen gestellt, es einem befreundeten kinderlosen Ehepaar zur Adoption zu überlassen. Meine Mutter war außer sich, beruhigte sich aber bald, da mein Vater das Kind in jedem Fall haben wollte. Die Tatsache, daß er sich Einmischungen solcher Art nicht schon im Vorfeld verbat und die Austragung von Kontroversen seiner Frau überließ, begründete er damit, daß sie im Vergleich zu seiner Mutter die Stärkere sei und wohl die Kraft habe, über dergleichen hinwegzusehen.

Umtriebe in Dornbirn

Als ich ein Baby von einigen Monaten war und meine Mutter das zweite Kind erwartete, wurde mein Vater von Wien nach Dornbirn in Vorarlberg versetzt. Zu den Gründen für die Versetzung meines Vaters in die kleine Stadt im fernen Westen Österreichs hatte meine Mutter ihre eigene Theorie. Sein Vorgesetzter, ein Jude namens Pollack, habe ihn als Schwiegersohn auserkoren. Als er nun merkte, daß es mit seiner unansehnlichen Tochter nichts werden würde, wurde er meinem Vater gegenüber aufsässig. Warum er ihn dann allerdings samt meiner Mutter, die damals bereits mit ihm verlobt war, privat in sein Haus einlud, scheint nicht ganz schlüssig. Vielleicht inszenierte er das, um sich für das Misslingen seines Planes zu revanchieren. Anny zitierte Herrn Dr. Pollack wie folgt: „Gnädiges Fräulein, Ihr Herr Bräutigam ist ja ein überaus korrekter, ehrenwerter Mensch, aber zum Karrieremachen ist er wohl nicht geboren.“ Sie war darüber höchst empört, durfte sich aber nichts anmerken lassen. Die Versetzung fand übrigens wesentlich später statt, mein Vater hatte ins Bundeskanzleramt gewechselt und war Pollack nicht mehr unterstellt. Pollack wurde aber dennoch für die Versetzung und deren verhängnisvolle Folgen verantwortlich gemacht.

Auf der Eisenbahnfahrt nach Dornbirn geschah etwas Merkwürdiges. Mein Vater bestand darauf, die schweren Koffer aus dem Gepäcknetz zu nehmen und unten zu deponieren, er habe „kein gutes Gefühl“. Anny respektierte irrationale Regungen immer, und so entfernte man das Gepäck einvernehmlich von seinem Platz. Bald darauf entgleiste der Zug, und einige Menschen wurden durch herabfallende Gepäckstücke verletzt. Ich war damals ein paar Monate alt und hätte erschlagen werden können. Als Grund für die Entgleisung wurde eine Bombe angegeben, die von Nationalsozialisten auf dem Bahnkörper deponiert worden war. Man trachtete, wie später bekannt wurde, einem in diesem Zug reisenden Politiker nach dem Leben. Den Tod fand statt dessen der Lokführer.

In Dornbirn wohnten wir in einem gemieteten Haus mit Garten. Es existiert noch ein Weihnachtsfoto von dort: Meine Eltern sitzen lächelnd auf einem Sofa vor einer dunklen Tapete mit Blumenmuster, mit mir auf dem Arm. Es war dies aber nur eine punktuelle Idylle.

Mein Vater mußte häufig auch in der Nacht Dienst machen. Es gab ständig irgendwo Umtriebe durch Nationalsozialisten, gegen die er einschreiten sollte. Er vermied es jedoch, auf sie schießen zu lassen, obgleich man das anscheinend von ihm erwartete. Als er nach Hitlers Einmarsch in Österreich um seine Aufnahme in die NSDAP ansuchte, führte er dies ins Treffen, wurde jedoch zunächst abgewiesen, allerdings mit der Aufforderung, es später nochmals zu versuchen, wenn er an Verdiensten mehr aufzuweisen hätte.

Ich bin mir nicht sicher, ob er damals schon einer anderen Überzeugung anhing als der, auf Menschen nicht zu schießen oder schießen zu lassen. Er wollte, so wurde es jedenfalls berichtet, eigentlich viel lieber Mittelschullehrer werden, am liebsten für Geographie und Geschichte. Sein Vater hatte ihn mehr oder weniger genötigt, entweder Offizier zu werden oder Beamter, was durch ein Studium der Rechtswissenschaften am besten zu verwirklichen war. Ohne Begeisterung war er der schlagenden Studentenverbindung Corps Alemannia beigetreten und hatte einen tiefen Schmiß auf der Wange.

Sein Großvater mütterlicherseits, er hieß Adolf Friedrich, war Professor für Brückenbau an der Hochschule für Bodenkultur, ein Jahr lang auch Rektor. Er war ein laut bekennender Deutschnationaler. „Ich brauche keine geheime Wahl“, brüllte er in der Öffentlichkeit. „Der alte Friedrich wählt deutschnational!“ Dies alles war wohl ein idealer Nährboden für das Sympathisieren mit dem Nationalsozialismus.

In Dornbirn befand sich mein Vater in massivem Zwiespalt. Er wußte beispielsweise, daß auf dem „Bödele“, einer Art Alm mit Hütte, ein Treffpunkt und Versteck der Nationalsozialisten war, ließ das aber nicht auffliegen. Die Nazi lauerten ihm anscheinend dennoch auf, so sah er zum Beispiel einmal einen Mann mit Gewehr aus dem Vorgarten des gemieteten Hauses davonlaufen. Gleichzeitig fiel er höchstwahrscheinlich seinen Vorgesetzten durch Mangel an Initiative und Durchschlagskraft auf.

Anny wachte in der Nacht oft schweißgebadet und mit Herzrasen auf und konnte sich im Ländle in keiner Weise einleben, schon allein der fremdartige Dialekt war ihr unangenehm. Daß man statt „gewesen“ „g‘si“ sagte, konnte sie kaum ertragen. „Fragt mich einmal die Nachbarin, ob ich auch mit Pörschl wasche. Pörschl? Was ist das, habe ich gefragt. Sie werden doch Pörschl kennen, sagt sie. Stellt sich dann heraus, daß sie Persil gemeint hat. Pörschl! Also bitte…“

Mein Bruder wurde jedenfalls in Wien geboren. Ob der Grund für die Rückversetzung des Vaters mit Annys gesundheitlichen Problemen und ihrer Schwangerschaft zusammenhing oder eher im beruflichen Bereich lag, ist mir nicht bekannt geworden.

Gerhards kurzes Leben

Im März 1934 kam mein Bruder Gerhard zur Welt. Er war kräftig und hellhäutig, seine Haare waren kupferrot. Doktor Sturm war auch bei ihm Geburtshelfer. Es war aber alles ganz anders als bei mir, seine Geburt war leicht. Als meine Mutter dann fragte, ob alles in Ordnung sei, sagte der Arzt traurig: „Da ist er, der Prinz.“

Als sie beunruhigt insistierte, ob denn auch wirklich alles in Ordnung sei, habe er plötzlich bitterlich zu weinen begonnen, so als hätte er den frühen Tod des Kindes vorhergesehen.

Später berichtete meine Mutter von einer abenteuerlichen Hypothese, der zufolge Gerhard einen Wasserkopf gehabt haben soll, der sich jedoch in manchen Fällen mit Hirn fülle und besonders intelligente Kinder bewirke. Auch war von einem möglichen Herzfehler die Rede, der auf den Kleinen wegen der schrecklichen Ereignisse in Dornbirn, übergegangen sei. Ob es sich hier um Ammenmärchen und Hirngespinste handelte oder, vielleicht zum Teil, doch um etwas Fundiertes, bleibt unklar.

Man machte an uns Beobachtungen über geschlechtsspezifisches Verhalten, gleichsam schon in den Windeln. Ich bekam schon früh einen winzigen Puppenwagen samt kleiner Puppe, bettete sie fürsorglich und verhielt mich, gemäß der Erzählung, zur Zufriedenheit aller Anwesenden rollenkonform. Noch zufriedener waren aber alle, nämlich Mutter, Großmutter, Urgroßmutter und „Bedienerin“, als mein Bruder seine Bubenrolle beispielhaft ausagierte. Die Mutter erzählte mir die Sache etwa so. „Also, es war ja urkomisch! Der Gerhard war vielleicht neun Monate und hat sich so irgendwie am Gitter der Gehschule entlang gehantelt. Du, in einer Ecke, hast ganz sanft gespielt. Plötzlich gibt er dir einen Stoß, du fällst hin und schreist. Er kommt und räumt den Puppenwagen aus, wirft alles auf den Boden und lacht. Du hast natürlich gebrüllt wie am Spieß. Alle haben sich sehr amüsiert.“ Ihr Feminismus setzte offenbar erst bei einer höheren Altersgruppe ein.

Gerhard habe wenige Tage vor seinem Tod mit elf Monaten die ersten Schrittchen gemacht. Und bereits einige Wörter gesprochen. „Apfel“ habe „Apf“ geheißen, „essen“ war „ess“‘. „Wo ist das Radio?“ habe man ihn gefragt, er zeigte hin und sagte „ga is“.

Eines Tages bekam er einen seltsam bellenden Husten. Doktor Sturm veranlasste seine Einweisung in das Privatspital Rudolfinerhaus. Nach ein paar Tagen ging es ihm gut. Er hielt sich am Gitter seines Bettchens fest und wippte auf und nieder. „Happ, happ“, sagte er. Es war Februar. Bei einem Besuch fand man ihn frisch gebadet auf dem Arm einer Krankenschwester am offenen Fenster. Bald darauf war er tot. In der Nacht kam die Polizei und verständigte meine Eltern. Gerhard sah nun aus wie sein Großonkel Günther, der vor einigen Jahren an Zungenkrebs verstorben war. Als Todesursache wurde bei Gerhard Kehlkopfdiphterie angegeben. Er war so kräftig, daß man seine Schultern in den Kindersarg zwängen mußte. Als man mir dies alles nur wenige Jahre später erzählte, konnte ich es mir genau vorstellen.

„Es ist das Schlimmste, ein Kind zu verlieren“, sagte die Mutter oft. „Den Mann verlieren, Eltern, Geschwister, das ist nichts im Vergleich dazu, ein Kind zu verlieren.“ Und: „Ich habe immer gewusst, daß ich eines von euch verlieren werde. Immer habe ich mich gefragt: welches wird es sein?“ Und weiter: „Das Kind war außergewöhnlich. Die Urli hat immer gesagt: warum hat denn nicht das Mädel diese wunderschönen, kupferroten Haare?“

Gerhards Tod warf eine Art Leichentuch über die nächsten Jahre. Die Mutter hatte lange Zeit keine Monatsregel und bekam Furunkulose. Mein Vater litt zweifellos darunter, daß es gerade der damals so bezeichnete Stammhalter war, der ihm genommen worden war. Es gab zu jener Zeit keinen Mann, der sich nicht in erster Linie einen Sohn gewünscht hätte. Meine Mutter sinnierte ihr ganzes Leben lang über den Tod des Kindes.

War es ein Frühvollendeter gewesen, ein Genie? War die Krankenschwester, die ihn der kalten Luft ausgesetzt hatte, eine Erfüllungsgehilfin des Schicksals? Oder hatte sie etwa im Wissen um eine schreckliche Krankheit Gerhards frühen Tod nicht ohne Absicht herbeigeführt? Wer konnte das mit Bestimmtheit sagen? Einen großen Teil der Schuld traf aber, so meinte Anny, den Juden Pollack. Ohne sein Zutun wäre es zu der fürchterlichen Zeit in Dornbirn nicht gekommen, und es war doch wohl völlig ausgeschlossen, daß solche Ereignisse an dem ungeborenen Kind spurlos vorübergehen konnten.

Dunkle Zimmer - Triste Lieder

Das Haus, in dem wir vor dem Krieg wohnten, habe ich schon eingangs beschrieben. Wir hatten die Fünf-Zimmer-Wohnung im ersten Stock inne. Die gartenseitigen hellen Räume wurden von meinen Eltern und mir bewohnt. In den drei straßenseitigen Zimmern wohnten meine Großmutter, Else von Straub, und meine Urgroßmutter, Franziska „Fanny“ Friedrich. Ihre Männer, Oberst Konrad Straub und Professor Adolf Friedrich, waren bereits verstorben. Die Damen hatten zwar mehr Wohnraum als wir, doch war es dort kühl und dunkel.

Anny erzählte aus ihrer Verlobungszeit, daß mein Großvater, ihr Schwiegervater Konrad vorgehabt habe, dem jungen Paar eine eigene Wohnung zu finanzieren, was aber nicht mehr in die Tat umgesetzt werden konnte. Mein Urgroßvater „Großpapa Friedrich“, der Originellere von beiden, erzählte ordinäre Witze in tschechischer Sprache, die er beherrschte, weil er längere Zeit in Brünn gelebt hatte. „Ein Glück, Engerl, daß du das nicht verstehst“, sagte er zu Anny, von der er natürlich wußte, daß sie jedes Wort verstand. Vor seinem Tod im Jahr 1932 habe er bereits einige Zeit am damals so bezeichneten Alterswahnsinn gelitten. „Kein Wunder“, sagte Anny, „er hat ja täglich Rindfleisch und Bouillon gegessen, da muß man ja hochgradig verkalken. Einmal hat er einen Tobsuchtsanfall bekommen, gegen die Urli und die Schwiegermutter. ´Ihr Hexen!´ hat er gebrüllt. ´Ihr Hexen! Man sperrt mich ein!´“ In seinen Aufzeichnungen über den eigenen Gesundheitszustand stand unter anderem der Vermerk „Flatus gelassen“.

Aber zurück zu meinen Erinnerungen. Der dunkle und der helle Teil der Wohnung in der Haizingergasse waren zwei getrennte Welten, deren Grenzen nur selten überschritten wurden. Else und Fanny führten dort eine Art Schattendasein, und man hörte nur selten Worte oder Geräusche aus ihrem Bereich. Ich hatte die Anweisung von meiner Mutter, die vorderen Räume generell nicht zu betreten. Obgleich es dort wenig anheimelnd war und man die dunklen Möbel wegen des dichten Lindenlaubs vor den Fenstern kaum erkennen konnte, fand ich es seltsam, daß mein Wunsch, dort gelegentlich einen kleinen Besuch abzustatten, anscheinend missbilligt wurde.

Der Salon, vor dem ein lang gestreckter schmaler Balkon mit Balustrade und Terrazzoboden kühl und funktionslos existierte, missfiel meiner Mutter besonders. Auf einem großen Perserteppich mit roten und blauen Ornamenten stand eine neubarocke Sitzgarnitur, deren Bespannung aus gauffriertem rotem Plüsch bestand. Hinter der Sitzbank hing ein Spiegel mit pompösem Goldrahmen, der wahrscheinlich nur bronziert und stellenweise schadhaft war. Daneben stand ein Kandelaber, der von einem Mohren mit goldenem Turban gehalten wurde. In späteren Jahren wurde diese Skulptur entfernt. In der Nähe des Fensters stand ein riesiger, rötlich-brauner Streicher Konzertflügel, der, wie ich später erfuhr, eine Kostbarkeit war.

Meine Urgroßmutter, genannt Urli, war dem Vernehmen nach einst eine gute Pianistin gewesen, spielte aber im Alter von Siebzig Jahren nicht mehr. Die Großmama mit dem Kosenamen Olinek konnte auch ein bißchen klimpern, wie das ja früher bei allen höheren Töchtern der Fall war. Sie sang manchmal und begleitete sich dazu. Ich dachte, daß Lieder eigentlich immer traurig wären. Sie sang etwas von einem Jäger, der keine Rast finden konnte und auch „Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht.“ Meine Mutter nannte ihre Schwiegermutter „die Eulmutter“ wegen deren Vorliebe für Eulen, die auch im Straubschen Familienwappen vorkamen. Für ihren Gesang hatte sie nichts übrig.

Anny selbst sang ohne Begleitung gerne mit dunkler brüchiger Stimme Lieder aus der „Winterreise“ von Schubert, etwa das Lied vom Leiermann, der barfuß auf dem Eise hin und her wankt und dessen kleiner Teller immer leer bleibt. „Der Tod und das Mädchen“ mit den Anfangsworten „Vorüber! ach vorüber! Geh´, wilder Knochenmann“ schien ihr sehr zu liegen. „In stiller Nacht zur ersten Wacht ein‘ Stimm‘ begann zu klagen“ oder „Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt‘ ich auf mein Grab, juvallera“ hörte ich ebenfalls des öfteren. Eines ihrer Lieblingslieder handelte von den Blaublümelein, die dem Reif in der Frühlingsnacht zum Opfer fielen. Es gipfelte in der traurigen Feststellung, daß sie „verdorben, gestorben“ seien, in dumpfestem Moll matt rezitiert. Da gefiel mir Olineks Lied von den zwei Grenadieren, von denen einer die Leiche des anderen nach Frankreich mitnehmen sollte, noch um einiges besser.

Das links gelegene Zimmer war wegen seiner Butzenscheiben das allerdunkelste und wurde „Speis‘zimmer“ genannt, allerdings nur zu festlichen Anlässen benützt. Meine Erinnerung an dort gefeierte Weihnachtsabende ist eher unbestimmt. Der nicht sehr große Christbaum wurde auf einem Beistelltisch in Fensternähe postiert, war mit Ringen aus „spanischem Wind“, wie man ein unerträglich süßes Schaumgebäck damals nannte, behängt sowie auch mit Silberlametta und metallisch-bunten, bürstenähnlichen Girlanden. Der festlich gedeckte Tisch war prächtig, mit Damasttischtuch samt Fransen und passenden Stoffservietten, geschliffenen Kristallgläsern, Silberbesteck und einem zauberhaften Porzellanservice mit spinnwebdünn hingehauchten schwarzen Ornamenten und zarten Goldverzierungen auf weißem Grund.

Von den erhaltenen Geschenken erinnere ich mich nur an meine große, dunkelhaarige Gliederpuppe Renate mit einem Kleid aus olivgrün-violett-karierter Seide mit Spitzenkragen und Samtschleife. Renate war eine jener Puppen, die Jahrzehnte später zu hohen Preisen gehandelt wurden und noch mancherorts in Museen oder Ausstellungen anzutreffen sind. Sie hatte braune Schlafaugen mit dicken steifen Wimpern und ein vornehm-schönes Gesicht, wie ich es auch gerne gehabt hätte.

Die Familienfeste verliefen immer sehr ruhig und ohne irgendwelche Besonderheiten. Zwischen den Familien meiner Eltern stellte sich niemals eine Beziehung ein, die über das formell gebotene Minimum hinausging. Daß meine Eltern nicht allein wohnen konnten, wurde von den mütterlichen Großeltern als Unglück empfunden. Es hatte aber niemand das Geld, einen finanziellen Beitrag dafür zu leisten.

Trübsal und Giftgas

Erst später erfuhr ich den Grund, warum die beiden Bereiche in der Wohnung Haizingergasse, seitdem ich denken kann, so strikte getrennt waren. Es wurde schon früher erwähnt, daß Einmischungen seitens der „Schwiegermutter“ in intime Angelegenheiten bereits auf der Hochzeitsreise in Mariazell begannen, die Mutter berichtete aber auch, daß Else in der Wiener Wohnung schon frühmorgens in ihr Zimmer gekommen sei und sich auf ihr Bett gesetzt habe, noch bevor es für den Tag als Sofa zusammengeklappt worden war. Sie sei so einsam.

Sie war überbesorgt, daß ihrem Sohn auch alles recht gemacht würde. Er wurde allgemein in seiner Familie „Duschi“ genannt, mit stimmhaftem „sch“, obgleich es vom tschechischen Wort „duša“ (mit stimmloser Konsonantenverbindung) abgeleitet und von Klein-Adolfs böhmischer Amme geprägt worden war. Sie hatte ihn immer „dušenka“, Seelchen, genannt, und das war ihm geblieben. Sein erstes Wort war dem Vernehmen nach „pivo“, Bier, dem die Amme zur Ankurbelung der Milchproduktion eifrig zusprach.

Annys Erzählungen ist mittelbar zu entnehmen, daß Else trotz einiger unliebsamer Gewohnheiten doch etwas mehr Mitgefühl und Verständnis verdient hätte, als sie ihr zuteil werden ließ.

Sie hatte den kleinen Adolf, der bei seiner Geburt außergewöhnlich schwergewichtig war, mit ungefähr zwanzig Jahren bekommen. Wegen einiger Komplikationen durfte sie kein zweites Kind haben, was ihre von den Eltern gestiftete Ehe sehr belastete. Auf Umwegen wurde ruchbar, daß Konrad sich in der Garnison Krakau, wo sich anfangs auch Else und der kleine Duschi aufhielten, später mit einer Balletteuse vergnügte, während Else mit dem kleinen Buben in Wien Trübsal blies. Konrad, ganz Ritter, beauftragte seinen vierjährigen Sohn, gut auf seine Mutter aufzupassen. Wie einem Foto zu entnehmen ist, sah der Kleine mit Pagenkopf und Kleidchen wie ein Mädchen aus, sein Blick war todtraurig, und er sagte später, daß er sich von seiner Kindheit keinen einzigen Tag zurückwünsche, worüber seine Mutter sich bitter kränkte.

Die Kindheit meines Vaters scheint tatsächlich wenig Fröhliches an sich gehabt zu haben. Als einigermaßen angenehme Episode wurde von seiner Verschickung in das vom Ersten Weltkrieg nicht in Mitleidenschaft gezogene Holland berichtet. Mit damals vierzehn Jahren lernte er in kurzer Zeit Holländisch mit perfekter Aussprache und amüsierte sich darüber, daß an den Türen zum „Bellen“ aufgefordert wurde.

Zu Hause wurde er von seiner Mutter verzärtelt, was durch das Fehlen von Geschwistern begünstigt wurde. Er dürfte daher auch für den Umgang mit gleichaltrigen Rauhbeinen ziemlich untauglich gewesen sein, sehr zum Missfallen seines Vaters. Um hier gegenzusteuern, drängte ihn dieser, wie schon erwähnt, in eine schlagende Studentenverbindung, wo er sicher völlig fehl am Platze war. Man würdigte als Zeichen von Männlichkeit, daß er einmal betrunken nach Hause kam, mit der Spitze seines Säbels irgendwie einen Kurzschluß verursachte und sich dann nach vollendeter Verbeugung mit den Worten „gute Nacht, Mama, gute Nacht, Papa“ (natürlich auf der zweiten Silbe betont) zur Ruhe begab.

Oberst Konrad Ritter von Straub wird als fideles Haus beschrieben, als Offizier ohne Dünkel, der seine Mahlzeiten mit den einfachen Soldaten einnahm und von diesen vergöttert wurde. Als im Ersten Weltkrieg in Italien ein Giftgasangriff stattfand und er seine Gasmaske nicht zur Hand hatte, riß sich ein Soldat seine eigene vom Kopf und stülpte sie ihm über das Gesicht. Vielleicht kam diese heldenmütige Handlung zu spät oder gelang nicht ganz, jedenfalls dürfte Konrad eine ordentliche Dosis Gelbkreuz eingeatmet haben, was wahrscheinlich zu seiner späteren tödlichen Erkrankung beitrug, wie bereits früher erwähnt.

Andererseits starben fast alle seine Geschwister (es waren fünf) ebenfalls an Krebs, darunter die rothaarige Tante Adolfine, die einst einen Juden liebte und ehelos blieb, da man ihr diese Verbindung nicht gestattete. Wie weit man bei allen diesen Erkrankungen genetische Veranlagung oder exogene sowie vielleicht auch psychische Faktoren vermuten muß, ist schwer zu sagen, jedenfalls fürchtete ich mich zeitlebens vor dem Krebs, da ich der Meinung war, daß die väterliche Familie von ungesunder Konstitution sei und ich, zumindest nach Meinung der Mutter, eher nach der Familie des Vaters geraten war.

Nach dem Krieg wurde Konrad in seiner Eigenschaft als Offizier degradiert, was mit dem Herunterreißen der Schulterstücke einherging, so wurde es mir jedenfalls erzählt. Er arbeitete eine Zeit lang als Taxifahrer, bis ihm irgendwann eine kleine Pension zugesprochen wurde.

Bis zum Ende des Krieges 1918 gab es eine Köchin, ein Stubenmädchen und einen Diener, der den Hund Smaun mit „Sie“ anzusprechen hatte. Es wurde berichtet, daß der böhmische Diener dem Hund mit erhobenem Zeigefinger befohlen habe: „Sie! Schlafen Sie!“ Jeden Tag zog Konrad frische weiße Glacéhandschuhe an, und Else führte ein großes Haus, in dem auch der höhere Adel verkehrte. Sie galt als Schönheit, war in Gesellschaft sehr charmant, konnte jedoch das Alleinsein nicht ertragen und wurde dann melancholisch. Sie konnte sich die Augen aus dem Kopf weinen, wenn sie zu irgendeiner illustren Gesellschaft nicht eingeladen war. Nach dem Krieg mußte das Personal entlassen werden, und es gab unter Assistenz der Bedienerin nur noch einen wöchentlichen Jour, zu dem Tee gereicht wurde.

Die Ehe zwischen Konrad und der viel jüngeren Else wurde einerseits als Liebesehe bezeichnet, andererseits klang auch durch, daß die Verbindung der noblen, aber verarmten Straubs (genau genommen dürften sie nie etwas Nennenswertes besessen haben) mit den arrivierten und vermögenden Friedrichs bewusst als vorteilhaft für beide angestrebt worden war.

Else war von ihren Großeltern, die aus bescheidenen Verhältnissen kamen und denen noch ein wenig das Odium der Parvenüs anhaftete, daran gehindert worden, sich irgendwelcher Haushaltstätigkeiten zu befleißigen, da es nicht standesgemäß gewesen wäre, sich etwa in der Küche mit den Dienstboten aufzuhalten und niedere Arbeiten zu verrichten.

Mit einer gewissen Häme mokierte sich meine Mutter darüber, daß Else nicht in der Lage sei, ein Naturschnitzel zu braten; es schmecke nach nichts und sei weiß und schlabberig wie ein Lappen. Es sei auch kein Wunder, wenn sie zeitlebens an Blutarmut gelitten hätte, da es ja als unfein galt, rohes Obst zu essen. Sie merkte kopfschüttelnd an, daß Else wegen möglicherweise in der Zukunft auftretender Probleme schlaflose Nächte hatte und am Tage darüber Tränen vergoß, als wäre das Befürchtete bereits zur Wirklichkeit geworden. Es gab ein Märchen, das dieses Phänomen bis zur Absurdität beschrieb. Sinnigerweise hieß die Geschichte „Die kluge Else“. Ich las sie später mit Interesse, da ich mich ebenfalls darin porträtiert sah.

Schustak und Schebestak und die Urgroßeltern

Ich hatte ein sehr schmales, längliches Kinderzimmer, das ein Fenster mit weißem Scherengitter zur großen Sonnenterrasse hatte. Das Zimmer war weißlich-gelb ausgemalt, das Messinggitterbett war mit einem großmaschigen Baumwollnetz gesichert. Es gab kaum einen Farbfleck, fast wie im Krankenhaus. Meine Steppdecke war dünn, das Kissen, genannt „Caprice-Polster“ flach, hart und mit Rosshaar gefüllt. Der Bezug war mit einem Hohlsaum, als „Ajour“ bezeichnet, umrandet; in der Mitte prangte ein Familienmonogramm, weiß auf weiß in dichten Spannstichen gestickt. Wenn ich Fieber hatte und die Kälte durch die Glieder rann, konnte der Caprice-Polster keinen Trost spenden.

Anheimelnd wirkte aber der sogenannte Fensterschützer, ein Behang, der etwas über dem Niveau des Fensterbretts rechts und links mit Ring und Haken am Fensterstock befestigt wurde und gegen Zugluft und Winterkälte schützen sollte. Auf einer groben, grau-braunen Wolldecke prangten zwei aufgenähte Hirsche aus rehbraunem Stoff. Einer hatte gestickte Augen aus roter Wolle, der andere aus blauer, und sie hießen Schustak und Schebestak. Meine Urgroßmutter aus Mähren hatte diese Arbeit ausgeführt, die Namen der Hirsche wurden vom Urgroßvater beigesteuert. Die Hirsche Schustak und Schebestak waren für mich etwas Märchenhaftes, Symbole für die wilde und doch sanfte Natur, das Raunen des Waldgeistes, das Leben, die Phantasie.

Die kleine Terézka, meine mährische Urgroßmutter, war eines von zwölf oder dreizehn Kindern, konnte keine Schule besuchen und hütete die Gänse auf dem Anger. Niemand hatte Zeit, mit ihr zu sprechen oder ihr irgendetwas zu erklären. Als sie ihre erste Regel bekam, erschrak sie sehr und meinte, sie müsse sterben. Irgendwann lernte sie ihren Josef kennen, sie heirateten und bekamen sieben Kinder, von denen zwei ihr Glück in Wien versuchten, während die anderen in Mähren blieben. Nach Theresia Duchoňová sowie auch nach der heiligen Thérèse von Lisieux habe ich meinen zweiten Vornamen erhalten. Meine Urgroßmutter fand trotz der vielen Kinder samt mühsamem Haushalt Zeit, lesen und schreiben zu lernen und sich weiterzubilden; besonders gern las sie medizinische Bücher. Sie war winzig klein und zart und hatte ein regelmäßiges Gesicht mit einer edlen Nase, die ein wenig nach unten gebogen war.

Josef war Postbeamter, groß, blond, mit gezwirbeltem Schnurrbart, ansehnlich, aber immer zu Dummheiten aufgelegt. Wenn die Leute auf der Straße Briefe durch den Schlitz in der Mauer des Postamtes warfen, griff er hin und wieder blitzschnell zu und hielt ihre Finger fest. Oder er schmierte Hundekot auf die Türklinke der Synagoge. Solche Scherze galten damals nicht als Akte der politischen Feindseligkeit, sondern gewissermaßen als Streiche eines Till Eulenspiegel. Einmal fing er eine Ratte und hängte ihr ein Glöckchen um den Hals. Ich habe die verschwommene Erinnerung, man habe erzählt, er hätte diese Ratte mit Petroleum übergossen und angezündet, worauf sie bimmelnd noch eine Zeitlang durch die Straße lief. Gleichzeitig galt er als Seele von einem Menschen. Ungereimtheiten hinsichtlich der Moralauffassung mancher Leute blieben für mich unauflösbare Rätsel.

Terézka Duchoňová billigte das alles wohl nicht, soll ihn aber dennoch treu geliebt haben. Zu ihr kamen die Menschen um Rat. Sie heilte zum Beispiel ein diphteriekrankes Kind, indem sie ihm die Gurgel mit ihrem in Petroleum getauchten Zeigefinger ausschmierte. Sie bot einer Zigeunerin ein Stück Zwetschkenkuchen frisch vom Blech an und lachte herzlich, als diese mit dem ganzen Kuchenblech abzog. Sie besuchte Gastspiele von Wanderbühnen und spielte zu Hause verschiedene Szenen mit großem Pathos nach. Auch machte sie für die damalige Zeit ganz unkonventionelle Handarbeiten, abstrakte Kompositionen in schrillen Farben mit großen dichten Spannstichen. Anny ließ sich davon inspirieren und stickte einen ziemlich irre aussehenden Kissenbezug, der eingerahmt hinter Glas noch existiert.

Josef Duchoň, dessen Name dem Vernehmen nach aus dem Hugenottischen stammt, schüttelte über das alles den Kopf, wurde aber seinerseits gelegentlich als nicht ganz bei Trost empfunden. Eine Episode ist überliefert, der zufolge er seine Frau auf einen hohen Schrank setzte, von dem sie nicht herunterkonnte, weil sie sehr klein war und sich nicht zu springen getraute. Einige ihrer Kinder waren anwesend und lachten. „Kinder, betet“, sagte sie auf Tschechisch, „der Vater spinnt.“

Meine Mutter war die Tochter von Marie Duchoňová, der ältesten Tochter von Theresia und Josef. Marie war um zwanzig Jahre älter als ihre jüngste Schwester Anda, und Theresia soll es als sehr peinlich empfunden haben, so spät noch ein Kind zu bekommen, das Zeugnis von der noch immer innigen Beziehung zu ihrem Mann ablegte. Theresia war der Lebensmensch meiner Mutter, die Geschichte ihres Todes scheint das zu beweisen. Weder Marie noch Anny wußten von ihrem bevorstehenden Ableben, Marie forderte Anny aber auf, sofort nach Weißkirchen zu fahren, was diese, ohne das genauer zu hinterfragen, unverzüglich tat, im Vertrauen darauf, daß diese Anweisung einen wichtigen, wenn auch unbekannten Grund hatte. Am Ziel angekommen, betrat sie das Zimmer der Großmutter, die in ihrem Bett lag. Sie erblickte Anny, breitete die Arme aus, rief „Annerle“, sank zurück und starb. Anny nahm sie liebevoll in den Arm und zog ihr für die Aufbahrung ein schwarzes Kleid an. Sie erwähnte später, daß der Körper ihrer Großmutter trotz ihres Alters noch immer schön gewesen wäre. Ich fand das irgendwie grausig und war sicher, daß ich zu dieser Handlung nicht fähig gewesen wäre.

Marie, meine spätere Großmutter, lernte in Wien Schneiderei und heiratete hier Karl Popp, einen kleinen Beamten des Heeresministeriums. Er war aus Jägerndorf in Schlesien mit vierzehn Jahren ausgerissen, da sein Vater, ein Müller, soff und seine Mutter anscheinend eine kaltherzige Person war, die den Kontakt mit ihrem Mann mied. Karl, mein lieber Opapa, war ein etwas kontaktarmer Mensch, gottesfürchtig und asketisch. Marie, die ein unberechenbares Gefühlsnaturell hatte, harmonierte mit ihm naturgemäß nicht sehr, und auch Anny konnte sich für ihren Vater nicht wirklich erwärmen.

Glück und Unglück der Kindheit

Meine Mutter stellte der unfrohen Kindheit meines Vaters gerne ihre geradezu paradiesisch verlaufene gegenüber, allerdings nur jenen Teil, der bei ihren Großeltern in Mährisch-Weißkirchen verbracht worden war. Sie schilderte das, lebhaft schwelgend, etwa so: „Mein Gott, was war das für eine herrliche Zeit in Weißkirchen! Meine Großeltern, ganz kleine Leute waren sie, ja, aber sie waren vernünftig, alle Kinder waren gut ernährt. Diese herrlichen Äpfel aus dem Garten an der Bečva! Und gespielt habe ich mit den ganz armen Kindern aus der Judengasse, und wir haben uns alle gut vertragen. Da war der Atschi Gewürz (sie sagte „Gewirtz“) und der Batschi Gewürz, und der Schmule. Der Herr Ignaz war auch oft zu sehen, der hat so einen komischen Gang gehabt (sie demonstrierte es, indem sie die Knie bei jedem Schritt fast bis zum Kinn hob), und die Kinder haben hinter ihm hergerufen: Herrr Ignatz, Herrr Ignatz! Und die jüngeren Tanten, die waren für mich wie Geschwister, die Steffi, die Olga, die Anda, und auch der Robert. Was haben wir doch für eine Hetz‘ gehabt!“

Die Quelle dieses Glücks war aber wohl vor allem der Kontrast zu ihrem Elternhaus in Wien. Ihre Mutter, Marie Popp, für mich später die Omama, lag jede Woche mehrmals mit Migräne im verdunkelten Schlafzimmer, mit rasenden Kopfschmerzen und schier unstillbarem Brechreiz, der auch manchmal außer Haus schon beim Anblick eines gelben Rapsfeldes zum Ausbruch kam.

Meine Mutter hatte eine um vier Jahre jüngere Schwester namens Helli. Dieses Kind war außerordentlich intelligent. Sie merkte sich im Alter von vier Jahren, kurz vor ihrem Tod, Reime aus dem Wilhelm-Busch-Album, aus dem ihr der Vater, Karl Popp, mein späterer Opapa, vorlas. „Im Ameisenhaufen wimmelt es, der Aff‘ frißt nie Verschimmeltes“, sagte sie und fuhr mit dem kleinen Zeigefinger richtig die gedruckten Zeilen entlang. Es gibt von ihr ein Foto in ovalem Passepartout, mit einer weißen Schürze samt Spitzenvolant auf einem hohen Schemel sitzend, ein Puppenkännchen in der Hand. Blondgelockt, blauäugig, stupsnäsig, hübsch und doch mit einem etwas kritischen Blick.

Das Unglück geschah, als die ganze Familie während des Ersten Weltkrieges in Hohenruppersdorf weilte, wo Marie als Hausschneiderin arbeitete und dafür ein paar Lebensmittel einhandeln konnte. Man wohnte bei einem Weinbauern namens Kautz Die Gehöfte im Dorf waren weiß gekalkt, in der Mitte der Höfe gab es Brunnen mit langen hölzernen Pumpenschwengeln; Laubengänge mit Rundbogen zierten die Innenseite der Häuser. Hier bekam meine Großmutter Marie Popp samt beiden Kindern eines Tages die Ruhr. Mein Großvater, Karl Popp, blieb verschont, weil er unablässig Zwiebeln und Knoblauch aß, wovon genug vorhanden war und die man als wirksame Hausmittel kannte. Medikamente gab es damals kaum, jedenfalls waren sie vor Ort nicht verfügbar. Man hätte sich allenfalls noch mit Reisschleimsuppe kurieren können, aber auch Reis gab es nicht.

Eines Tages starb die kleine Helli, und man begrub sie in aller Stille auf dem Dorffriedhof. Über das Leichenbegängnis wurde nie etwas erwähnt. In der Nacht ihres Todes bellten alle Hunde des Dorfes, und ihr langgezogenes Heulen drang allen durch Mark und Bein. Anny erkrankte nicht so schwer, als daß ihr Zustand kritisch geworden wäre. Sie aß eines Tages unreife Zwetschgen und wurde angeblich davon gesund.

Marie hatte keinen Lebenswillen mehr und lag mit eingefallenen Augen und spitzer Nase bei Kerzenlicht in dem düsteren, feuchten Bauernschlafzimmer. Karl, der still auf einem Stuhl saß und wahrscheinlich betete, erhob den Kerzenleuchter, um nach Marie zu sehen. Sie sah aus wie eine Tote, er erschrak heftig, und während er laut „Marie!“ rief, geriet er mit der brennenden Kerze unter ihre Nase. Sie zuckte zusammen, öffnete die Augen und gesundete.

Nachdem alles überstanden war, setzte Marie ihre Tätigkeit als Hausschneiderin fort und trug dem Geschmack der Dorfmädchen Rechnung, obgleich sie in einer vornehmen Werkstätte ausgebildet worden war und normalerweise einen unaufdringlichen Chique pflegte, wie ich später selbst sehen konnte. Die Hohenruppersdorfer Mädchen bevorzugten stechendes Rosa, Giftgrün und andere schrille Farben, dazu viele Rüschen und Samtschleifen. Mit ihren Prachtkleidern gingen sie dann auf den „Kiritoh“, den Kirtag, und zum Sonntagsspaziergang ins „Akazi-Wäudl“, das nahe Akazienwäldchen, wo sie nach Burschen Ausschau hielten und kicherten.

Anni war unter anderem damit beschäftigt, Hühner zu „hypnotisieren“, indem sie sie mit einem geschickten Griff auf das Genick zu Boden drückte, worauf sie eine Weile regungslos in dieser Stellung verharrten. Ab und an hörte man den Kautz Schani Flügelhorn oder Baßtuba üben, jedenfalls wurde das Instrument „Bombardon“ genannt und gab langgezogene tiefe Töne von sich. Indessen wunderte sich die Bäuerin, warum die Kühe so röhrten.

Nach einiger Zeit ergab sich auch Kontakt mit der Familie des Bürgermeisters Epp, dessen Töchter Johanna, Zita und Elisabeth hießen. Offenbar war der Bürgermeister ein treuer Anhänger des Kaiserhauses, wie auf dem Land üblich. Johanna, „die Hansin“, studierte Gesang und heiratete später einen Hochschulprofessor. Im Hause Epp lernte Anny häusliche Liederabende kennen und lieben. Liesl betrieb mit einigen Freundinnen trotz frommen Elternhauses das sogenannte Tischerlrücken, das Anny interessiert beobachtete. Sie beteuerte später, das Tischchen wäre ohne ersichtlichen äußeren Grund wie verrückt herumgefahren, und es wären auch auf der Tischplatte unerklärliche Phänomene aufgetreten. Liesl starb später an Miliartuberkulose, der sogenannten galoppierenden Schwindsucht, die Anny in ihrer Symptomatik und Verlaufsform ausführlich schilderte.

Karl, Marie und Olga

Anny hatte, wie sie immer wieder erzählte, eine Zwillingsschwester namens Mariechen gehabt, die bei der Geburt in Mährisch-Weißkirchen starb. Der beigezogene Arzt kam mit der Steißlage des Kindes nicht zurecht und brach ihm das Genick. Man führte noch in aller Eile eine Nottaufe durch.

Mariechen war die stärkere der beiden Frühgeburten gewesen, und es war für Anny eine Art Erfolg, daß sie als die Schwächere überlebt hatte. „Ich bin nämlich von Zwilling‘ “ erzählte sie später Dutzende Male, „Von Zwilling´“ klang fast wie ein Adelsprädikat. „Zwilling‘ “ war die Kurzform von „Zwillinge“. Hier wurde wohl zunächst von Marie die Präposition „von“, die ja den dritten Fall regiert, mit dem vierten kombiniert, wie es in weniger gebildeten Schichten allgemein vorkommt. Anny, die eher das korrekte Deutsch ihres Vaters sprach, machte hier seltsamerweise eine Ausnahme und sagte stets, „von Zwilling‘ “, gewissermaßen reflexartig.

Sie führte vor, wie eine Nachbarin beim Blick in den Kinderwagen geunkt hatte: „Meiiiin Gott, so was Kleines, sooo ein Z‘nichterl, no, das werden Sie nicht aufziehen, mein Gott! Daß g‘rad‘ das stärkere Kind hat sterben müssen, ach ja.“ Wie schon gesagt, war sie in gewisser Weise stolz darauf, diese Prognose Lügen gestraft zu haben.

Es gab dann übrigens auch die Fehl- oder Frühgeburt eines Knaben. Als Marie ihrem Mann von einer Schwangerschaft Mitteilung machte, habe er erwidert, er könne sich an nichts erinnern, was die Voraussetzung dafür hätte sein können.

Es lässt dies wohl auf eine gewisse Kälte des Ehelebens schließen. Marie habe sich maßlos aufgeregt, was wohl das Unglück irgendwie herbeizog. Über die näheren Umstände dieser Fehlgeburt wurde nicht gesprochen. Gab es hier ein sinisteres Geheimnis? Es wurde nicht hinterfragt.

Eigentlich soll Maries große Liebe ein Offizier gewesen sein, mit dem eine Heirat wegen ihrer Mittellosigkeit und wohl auch wegen des Standesunterschiedes nicht in Frage kam.

Offiziersbräute hatten vor der Eheschließung eine Kaution in namhafter Höhe zu erlegen. Das wäre für meine Großmutter völlig unmöglich gewesen und wurde als Hauptgrund für das Scheitern ihres Lebensglücks angegeben, nicht ohne einige klassenkämpferische Bitterkeit.

Als Marie mit der noch sehr kleinen Anny mit Rüschenkleid und Schleppe auf der Ringstraße promenierte und mit einem Offizier (war es jener, den sie geliebt hatte?) ein paar Worte wechselte, sagte Anny, die sich schüchtern an ihre Schleppe klammerte: „Du Mama (auf der ersten Silbe betont), so einen Papa möcht‘ ich haben!“ woraufhin Marie errötend flüchtete. Anny erzählte diese Geschichte sehr gerne, obgleich das einer Demütigung ihres Vaters gleichkam.

Anny berichtete auch andere Vorkommnisse, durch welche die Autorität ihres Vaters in Frage gestellt wurde, offensichtlich gerne. Er war sehr gottesfürchtig, jedoch auch weltlichen Autoritäten mit einer gewissen Beflissenheit zu Diensten, da er das hierarchische Gefälle zwischen Obrigkeit und Untertanentum für gottgewollt hielt. Marie soll einmal gerufen haben: „Karl, du bist wie ein Lakai!“, was er mürrisch ignorierte. Einmal war er wirklich erbost, schlug mit der Handfläche auf den Tisch und schrie: „Wer ist hier der Herr im Haus?“ worauf die noch sehr kleine Anny sagte: „Du, Papa, aber unter‘m Tisch.“ Über diese Episode wurde immer wieder gelacht, Karl schien das nicht übelgenommen zu haben.

Einmal erwähnte Anny, daß sie sich an ihren Vater habe schmiegen wollen, von ihm jedoch brüsk abgewiesen worden sei. Er hatte wohl in seiner fast schon zölibatären Korrektheit Angst vor jeder tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen inzestuösen Regung.

Anny war als Kind schüchtern und weinerlich. Marie, die noch mit vierzig Jahren auf Bäume und Gerüste stieg, war ungestüm und lustig, außerdem das, was man als „fesch“ bezeichnet. Sie war sehr umtriebig, opferte sich ständig für andere Leute auf, verschenkte gerne auch Dinge, die ihr eigentlich gar nicht gehörten und war gelegentlich jähzornig. Sie flehte Anny geradezu an, nicht immer so entsetzlich brav zu sein. Später bekam sie die Basedowsche Krankheit und zuletzt Angina Pectoris.

Marie hatte nach ihrem dreißigsten Jahr schlohweiße Haare und war zu ihrem Kummer einmal für die Mutter ihres Mannes gehalten worden, der allerdings nur ein Jahr jünger war als sie. Auch dieser kleine Altersunterschied wurde nach Möglichkeit verschwiegen, da er in der damaligen Zeit als nicht normgerecht und beinahe unstatthaft galt. Das mag wohl ihr Selbstwertgefühl stark beeinträchtigt haben. Ihre um achtzehn Jahre jüngere Schwester Olga, die in Wien Modistin werden wollte, wohnte eine Zeit lang bei Karl und Marie in der Hahngasse. Sie war groß, hatte einen makellosen Teint, breite Backenknochen und schmale grünliche Augen. Marie bildete sich ein, sie mache Karl Avancen und er spreche auf seine zurückhaltende Art doch irgendwie darauf an. Eines Tages wies Marie ihre Schwester aus dem Haus und soll sie, horribile dictu, verflucht haben. Wenn ich an das ihr eigene ungebärdige Pathos denke, kann ich mir vorstellen, daß das sogar stimmt, ich hoffe aber für sie, daß sie die Tragweite dieser Handlung nicht ganz erfaßte.

Olgas später geschlossene erste Ehe wurde geschieden, was in der damaligen Zeit und insbesondere in der Kleinstadt Weißkirchen, Hranice, ein Skandal war. Ihrem Ehemann, einem gewissen Zwozil, sei sie noch in der Hochzeitsnacht stante pede davongelaufen, so jedenfalls die offizielle Version. Sie heiratete dann einen Polizisten namens Vaculik. Als ein gärendes Marmeladeglas auf dem Kleiderschrank explodierte, habe er seine Dienstpistole gezogen und „kdo tam?“ gebrüllt, was „wer da?“ heißt. Der erste Sohn Vladja war schön und wohlgeraten, das zweite Kind Zdenek bekam Gehirnhautentzündung und war seither schwachsinnig, wie man das damals noch nannte.

Alle diese schlimmen Geschichten kannte ich in den Dreißigerjahren, von denen ich ja zunächst eigentlich erzähle, noch nicht in vollem Umfang. Ich erwähne sie, um die Personen aus meinem Umfeld mit all ihren Vorgeschichten gewissermaßen ex post darzustellen und ihre oft widersprüchlichen Handlungen, von denen noch die Rede sein wird, wenigstens teilweise verständlich zu machen. Auch scheinen sich aus den Wesenselementen der Vorfahren wie chemische Verbindungen neue Eigenschaften und Verhaltensweisen zu bilden, die nicht von ungefähr kommen.

In der Bassenawohnung

Jeden Sonntag waren meine Eltern und ich bei den Großeltern Popp zum Mittagessen eingeladen. Sie wurden von mir „Omama“ und „Opapa“ genannt und wohnten in der Hahngasse 14 im neunten Wiener Gemeindebezirk. Es war ein richtiges Bassenahaus mit Wasser und Klosett „am Gang“.

Ich erinnere mich noch, daß etliche dicke Frauen mit blau-weiß-gemusterter Kleiderschürze das Wasser mit großen Kannen in ihre Wohnungen holten. Die Wasserkannen waren meistens weiß emailliert, hatten einen ovalen Grundriß und ein dickes Rohr zum Ausgießen. Der Deckel war zur Hälfte fix mit dem Unterteil verbunden, die andere Hälfte hing an Scharnieren in der Mitte, war mit einer muschelartigen Prägung versehen und wurde zum Wassereinlassen hochgeklappt. Beim Ausgießen hielt man die Kanne mit der einen Hand an einem quer über das Gefäß geführten Griff, mit der anderen an einem Henkel, der an der Schmalseite angebracht war. Die weißen Kannen waren immer sehr sauber; manche Leute hatten allerdings auch welche in dunkelbraun oder blau-grau mit winzigen weißen Pünktchen, auf denen allfälliger Schmutz weniger leicht zu erkennen war.

Meine Großeltern hatten eine sonnige Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Von der Wohnungstür aus kam man ohne Vorzimmer sofort in die Küche, die nur durch die Glasfüllung der Eingangstür und ein daneben befindliches sehr schmales Fenster ein wenig Licht bekam. Die nach außen schnörkelig vergitterten Scheiben waren mit durchscheinendem Papier mit Spinnwebmuster von innen beklebt. In den Ecken löste sich das Papier nach einiger Zeit ab und bildete eselsohrähnliche Umbiegungen. Die Klingel funktionierte nicht elektrisch, sondern durch Drehen eines flachen Griffes aus Zinkblech, den man zwischen zwei Finger nahm und auf einer runden Metallscheibe im Uhrzeigersinn bewegte, worauf ein zaghaft-brüchiges Rasseln zu vernehmen war.

Die langgestreckte Küche wurde an der rechten Seite mit einem Baumwollvorhang in verblichenem Schwarz mit weiß-gelbem Margaritenmuster abgeteilt und verbarg einige wenig präsentable Gegenstände. Es gab hier ein bräunlich-rostiges Gestell mit einem so genannten Gasrechaud darauf; auf einer darunter befindlichen Abstellfläche stand ein dunkel emailliertes Gasbackrohr von undefinierbarer Farbe. Beide Geräte waren mittels bunt umsponnener Gummischläuche, an deren Enden Messinghähne montiert waren, mit dem Gasauslaß an der Wand verbunden.

Weiters gab es einen Tisch, auf dem man in ovalen „Schaffeln“ mit Griffen auf beiden Seiten das Geschirr wusch. Sie waren dunkel emailliert, wodurch die abgesprungenen Stellen und die Schmutzränder des Abwaschwassers weniger auffielen. In kleinen ovalen Behältern stand Soda bereit, das für Reinigungszwecke verwendet wurde. Manchmal sparte man sich die Mühe des Spülens und saugte das Abwaschwasser, auf dem in seltenen Fällen auch Fettaugen schwammen, mit dem Geschirrtuch auf. Das Schmutzwasser schüttete man in einen Eimer, dessen Inhalt in das Gang-Clo geleert wurde.

Eine abgestoßene weiß lackierte „Kredenz“, so nannte man in Wien einen Küchenschrank in zwei Etagen mit Abstellfläche, und eine Brennstoffkiste im finstersten Winkel gehörten ebenfalls zum Inventar. In der Nähe der Wohnungstür war die größte Errungenschaft: ein weißes Steingutwaschbecken samt vernickeltem Wasserhahn, der nach der glorreichen Einleitung Kaltwasser spendete, so daß meine Großmutter es nicht mehr nötig hatte, mit der Wasserkanne zur Bassena zu pilgern und an dem sprichwörtlichen Tratsch teilzunehmen.

In einer Ecke lehnte eine Sitzbadewanne aus Zinkblech, die mit erwärmtem Wasser vom Gasrechaud aus einem großen braunen Topf beschickt wurde. Nach Benützung mußte das schwere Gefäß von zwei Personen gehoben und in den Blecheimer entleert werden. Oftmals gelang dies nicht ohne Verschütten größerer Mengen Schmutzwassers auf dem grau geflammten Linoleumboden. Auf diese Art wurde einem die Körperpflege etwas verleidet.

Omama war eine begnadete Köchin. Sie kochte auf böhmische oder mährische Art, sehr üppig. Mein Vater genoß es, jeden Sonntag ein echtes „Omama-Essen“ vorgesetzt zu bekommen. Sehr oft gab es Schweinsbraten mit Reis oder Knödeln, dazu grünen Salat, der in seiner Marinade schwamm, was heute verpönt ist.

Man aß im Wohnzimmer, Teller und Schüsseln waren aus weißem Steingut mit grob gewelltem Rand, das Besteck aus grau-mattem Metall. Unter dem Esstisch lag Linoleum mit dem Muster eines Perserteppichs, am Rand waren stellenweise kleine Stückchen ausgebrochen. Der eigentliche Fußboden war ein fischgrätenartig verlegtes Parkett, das Opapa regelmäßig selbst bohnerte und mit einer Bürste polierte, die .unter dem rechten Fuß mittels einer breiten Schlaufe festgehalten wurde.

Omama machte die Stimmung fröhlich. Sie hatte ein rundes, rotes Gesicht mit kleinen himmelblauen Äuglein und schönen schlohweißen Haaren, die im Nacken mit Haarnadeln zu einer Rolle zusammengesteckt waren. Sie böhmakelte noch etwas und nötigte alle strahlend zum Zugreifen. Gerade weil sie in ihrer Kindheit in Armut gelebt hatte, war es ihr eine Freude, nun wenigstens am Essen nicht mehr sparen zu müssen und andere daran teilhaben zu lassen. Es wurde von ihr berichtet, daß sie als kleines Kind einmal dunkelbraune Kügelchen aufgesammelt und nach Hause gebracht hatte. Was sie für Bohnenkaffee gehalten hatte, war Ziegenkot gewesen.

Sehr interessant waren für mich Omamas Nähutensilien, die ihren Platz im Schlafzimmer hatten. Es stand dort eine uralte Nähmaschine mit schön verschnörkeltem Eisengestell, auf dem das Wort „Singer“ in goldenen Buchstaben prangte. Der Schwungriemen war aus Leder und an einer Stelle mit einer Metallklammer zusammengehalten. Man mußte den Mechanismus durch Treten auf ein prächtig ornamentiertes rechteckiges Eisenpedal betätigen. Die Abdeckhaube sah aus wie eine Art rundgebogene Holzwanne, die ich gerne umdrehte und mich hineinzwängte wie in eine Wiege. Es gab auch eine Schneiderpuppe ohne Kopf. Die mit bräunlichem Papier beklebte Figur endete oben in einer dunklen Metallscheibe auf dem gleichsam abgeschnittenen Hals. Ich malte mit Bleistift ein Gesicht auf den Halsstumpf wie auf einen zu klein geratenen Kopf, was der Puppe das Aussehen einer Missgeburt verlieh. Es gab auch eine Sammlung der herrlichsten Knöpfe aus Perlmutt, geschliffenem Glas und Metall in allen Größen und Farben, teilweise mit glitzernden Steinchen darauf. Mit einem Stoffmusterbuch konnte man gustieren und Verkaufsgespräche erfinden.

Nach dem Essen holte der Opapa, ein sehr kleiner stiller Mann mit schönem Gesicht, ein großes dickes Buch in Querformat, das schon etwas zerfleddert war. Es enthielt blaustichige oder bräunliche Fotos von Landschaften und berühmten Bauwerken aus aller Welt. Unter den großformatigen Bildern war auf einem schmalen Textblock die Beschreibung zu lesen. Ich freute mich immer auf dieses Buch und ließ mir gerne alles erklären. Opapa sprach ein leicht schlesisch gefärbtes Hochdeutsch mit deutlicher Artikulation und angenehm beruhigender Stimme. Ich kniete auf einem Thonetsessel mit Armlehne und runder Sitzfläche, auf der ein mit ziegelrotem Jacquard bezogenes flaches Kissen lag. Das gemeinsame Betrachten des Buches ist mir als ungetrübte Freude in Erinnerung. Der Großvater, der nur die Pflichtschule besucht hatte, sprach zwar wahrscheinlich viele Ortsnamen falsch aus, was mir aber damals nicht auffallen konnte und dem traulichen Vergnügen auch keinen Abbruch getan hätte.

Neben einem Holzofen, dessen strohgelbe Kacheln reliefartige Mohnblumen zeigten, standen ein kleines rundes Tischchen mit weißer, spitzenartiger Strickdecke und zwei weitere Thonetstühle mit Armlehne. Hier stopfte sich der Großvater oft mit einem länglichen Gerät Zigarettenhülsen mit duftendem Tabak, was billiger kam, als wenn man fertige Markenzigaretten gekauft hätte.

Auch saß er hier oft still mit aufgesetzten Kopfhörern und konzentrierte sich auf Sendungen aus dem Detektorradio, einem kleinen schwarzen Kästchen. Die Großmutter ärgerte sich oft, wenn er sich auf diese Art dem allgemeinen Gespräch entzog. Er war voll Wissensdurst, kommentierte aber normale Konversationen gelegentlich mit „Larifari“ und „ immer nur leeres Stroh dreschen“. Meine Mutter erzählte mir sehr viel später, daß die Omama in ihrem Ärger die Kopfhörer mitunter als „Arschhörer“ bezeichnet hatte. Das durfte ich allerdings damals noch nicht wissen.

Alt-Wiener Idyllen

Es gab im Haus und zeitweise auch in der Wohnung der Großeltern Wanzen, was zunächst in meiner Anwesenheit nicht erörtert wurde. Man rückte ihnen, wie ich später selbst sehen konnte, mit der sogenannten Flit-Spritze zu Leibe. Flit hieß das flüssige Gift, das man in einen kleinen Kanister mit Schraubverschluß füllte; dieser war mit einer blasebalgartigen Pumpe oder Spritze verbunden. Durch heftiges Herausziehen und Hineinstoßen des Griffs wurde das Gift zerstäubt. Das Gerät hatte einen blaß schwefelgelben Anstrich, auf dem graublaues und bräunliches Ungeziefer abgebildet war. Obgleich Opapa das Vertilgungsgerät geradezu rabiat betätigte, kamen die Wanzen immer wieder durch das Fenster herein, und zwar angeblich aus der Wohnung einer Jüdin namens Gangl, die einen Stock höher wohnte und ihre Staubtücher samt Wanzen ausschüttelte. Sie war auf der als sozial höher stehend eingestuften Ersten Stiege die einzige, der man fahrlässigen Umgang mit Wanzen zutraute. Solche Leute gab es nach allgemeiner Ansicht sonst nur auf der berüchtigten Zweiten Stiege, die man durch Passieren eines Tores mit roten und blauen Glasscheiben und Durchqueren des Hinterhofes erreichte.

Hier wohnten Mutter und Tochter Blaschek, die einen schier unglaublichen Lebensstil pflegten. Tochter Blaschek trug zu jeder Jahreszeit einen missfarbenen, durchlöcherten Herrenmantel, der ihr um mehrere Konfektionsnummern zu groß war und ihr bis zu den Fersen reichte. Sie schielte mit einem Auge weit auswärts und hatte sehr kurze klebrige Haare. Die Mutter ist mir nicht in Erinnerung. Beide unterzogen sich nicht der Mühe des Aufsuchens der Gangtoilette, sondern erledigten ihre Geschäfte auf einem großen Kohlehaufen, der sich in ihrer Wohnung befand, da auch das Kohleholen aus dem Keller zu mühsam gewesen wäre. Diese Sensation wurde entdeckt, als es einen Stock tiefer durch die Decke tropfte, was sich rasch herumsprach.

Ansonsten kannte und grüßte man die Leute auf der zweiten Stiege nicht, es handelte sich gewissermaßen um Unberührbare. Auf der ersten Stiege hingegen waren die Leute überwiegend honett, wie etwa das Schneidermeisterehepaar Cihelna und die Polizistenwitwe Sauer, die wegen ihrer Korpulenz allgemein auffiel und quasi als Maßstab für dicke Leute im allgemeinen diente, insoferne nämlich, als diese fast so dick, gleich dick oder in seltenen Fällen noch dicker waren als die Frau Sauer. Herr Weidner schielte gewaltig, war Anstreicher und schnarrte auf dem Gang huldvoll „greaß Se“.

Gegenüber unserer Zinskaserne stand ein sehr hübsches Spätbiedermeierhaus, dessen nach außen zu öffnende Fenster bündig mit der schön gegliederten, schlichten Straßenfront glänzten. In diesem Haus, dessen Fassadendekor nach dem Krieg brutal abgeschlagen wurde, wohnte die von meiner Großmutter so bezeichnete „Rivalin“. Diese beobachtete durch ihr offenes Fenster meinen schon in jüngeren Jahren pensionierten Großvater, der ein angenehmes Äußeres hatte, jedoch wegen seiner überförmlichen und mitunter etwas mürrischen Art über den Verdacht erhaben war, irgendwelchen Frauen schöne Augen zu machen, schon gar nicht dem ältlichen Fräulein Hrdi. Die Großmutter wußte das, wollte ihn aber ein wenig aufziehen und in Verlegenheit bringen.

In dem nämlichen Haus wohnte eine Person, die in ihrer Wohnung unbekleidet hinter offenen Fenstern umherzugehen pflegte, worüber sich einige Leute, die offenbar unverwandt von Nummer vierzehn hinüber zu glotzen pflegten, sittlich entrüsteten und verlangten, sie solle an ihren Fenstern gefälligst Vorhänge anbringen. Die Betreffende, Jüdin übrigens, soll darauf, ihrerseits empört, geantwortet haben: „Ich? Wieso ich? Soll´n sie sich machen lassen e Vorhang!“ Anny erzählte das mit Genuß und wendete diese Replik in analogen Fällen fraglicher Zumutbarkeit kräftig jüdelnd an.

Es war schön, zum Greißler zu gehen. Ecke Hahngasse-Grünentorgasse gab es die Kolonialwarenhandlung Frank, die bunte Blechtafeln mit Emblemen für Malzkaffee und andere Produkte außerhalb des Geschäfts montiert hatte. Innen roch es herrlich nach Bohnenkaffee, der mit Gerassel aus zylinderförmigen, prächtig glänzenden Metallbehältern hervorrollte. Die Geschäftsinhaber verhielten sich sehr beflissen und entsprachen ein wenig dem, was im Wiener Jargon „Budelhupfer“ genannt wurde. Zu Hause klemmte die Omama ihre hölzerne Kaffeemühle zwischen die Knie und kurbelte heftig. Man sprach nicht vom Mahlen, sondern vom Reiben des Kaffees. Im Hause Hahngasse 14 war das Friseurgeschäft des Herrn Makowsky, mit glänzend-rundem Zunftzeichen. Vertreter dieses Berufsstandes wurden mitunter abwertend „Putzifus“ genannt. Die Gegend glich einem Bild von Zadrazil.

Auf dem dörflichen Platz vor der nahen Servitenkirche wurde alljährlich der berühmte Peregrinimarkt abgehalten. Das kirtagsähnliche Fest fand im Mai statt, als auch die Marienandachten täglich am frühen Abend mit Weihrauch und frommen Liedern zelebriert wurden. Anlaß für den Markt war das Fest des heiligen Peregrin. Sein Abbild saß hinter Glas in einer Kapelle im Klostergang, umhangen von diversen Gliedmaßen, da er der Schutzpatron aller mit Geschwüren Behafteten war, insbesondere jener, die an den „offenen Beinen“ litten. Draußen auf dem Markt gab es die riesigen Peregrinikipfel, auch die Baumkraxler, kleine bunte Männchen aus Holz, die dank eines ausgeklügelten Mechanismus auf einer spiralig gedrehten Metallachse auf- und niederkletterten. Wie ich erst später erfuhr, stellten sie den heiligen Zachäus dar, der in Jerusalem auf eine Palme kletterte, um Jesus besser sehen zu können.

Zu diesem besonderen Anlaß bekam ich die so genannten Stoppellocken, mit Zuckerwasser und Papilloten sorgsam gedreht, samt gelber Haarschleife und gelbem Hängerkleidchen. Aus unerfindlichen Gründen zwängte ich meinen Kopf durch das Gitter, das den Sockel der Marienstatue auf dem Kirchenplatz umgab. Ich blieb darin stecken und geriet in Panik, da ich glaubte, nun verhungern zu müssen. Mein lautes Gebrüll erregte Aufsehen, man half mir sicher schnell, allerdings scheint mein Urvertrauen nicht sehr groß gewesen zu sein.

Die Hahngasse und das Servitenviertel waren damals noch ein Beispiel für das echte alte Wien, von dem nur noch Reste vorhanden sind.

In Mariazell

In Mariazell war, wie schon erwähnt, der etwas ungleiche Ehebund meiner Eltern geschlossen worden, und sie machten danach dort noch zweimal Urlaub. Beide Male waren die Popp-Großeltern dabei. Pater Innozenz, ein Servitenpater, der die Trauung der Eltern vorgenommen hatte, vermittelte uns ein preiswertes Quartier bei seiner Schwester und seinem Schwager, einem Briefträger namens Habertheuer. Das fromme Ehepaar lebte mit seinen drei Kindern in einem schattigen Häuschen auf einer Anhöhe außerhalb des Ortskerns.

Anny erzählte später gerne über unsere Quartiergeber. Frau Habertheuer war eine fröhliche Frau mit einer hübschen Singstimme. Einmal sang sie aus Leibeskräften das bekannte Lied aus dem Zigeunerbaron „…der Dompfaff, der hat uns getraut“. Der äußerst kirchentreue Herr Habertheuer, der einem kräftigen Schluck niemals abhold war, schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte, in seinem Hause habe das Wort „Pfaff“ nicht ausgesprochen zu werden. Daß der Dompfaff ein Vogel war, ließ er nicht gelten. Einmal konnte er nachts bei seiner Rückkehr aus dem Wirtshaus die Eingangstür nicht finden und versuchte, durch den Kaninchenstall in sein Haus zu gelangen, blieb allerdings im schadhaften Maschengitter hängen und wurde erst nach einigen Stunden befreit. Niemand nahm derlei Dinge besonders tragisch.

Ein ausnahmsweise lustiges Lied, das eigentlich eine Parodie auf die frommen Wallfahrerlieder war, gab Anny später, als der Schmerz um Gerhard milder zu werden begann, gerne zum besten. Mit gen Himmel gedrehten Augen sang sie in gedehnten Tönen: „An schen‘n Gruaß aus Mariazöll, wer net bet‘t, der kummt in d‘ Höll, wa-ann nur ka Hagel kam über uns‘re Zweschbenbam und über unsare Kohlraaaaaa-abi.“

Mein Vater scheint sich von seiner Trauer um Gerhard ein wenig mit dem Fotografieren abgelenkt zu haben, da es von damals viele winzige Schwarz-Weiß-Fotos mit modisch gezackten Rändern gibt, die nur er gemacht haben kann.

Opapa unterwies mich im Sprechen, und ich verdanke es ihm, daß ich schon frühzeitig schwere Wörter artikulieren konnte, zum Beispiel „Herbstzeitlose“. „Blumen, Bäume, Blätter“ sprach er mir langsam und deutlich vor, und ich wiederholte die Wörter andächtig. Die Mutter versorgte mich und die Habertheuerkinder mit Kränzen aus Margariten und Farnkraut, und wir versteckten uns in einem hohlen Baumstumpf.

Jemand brachte uns aus dem Ort Puppenbestecke mit, und wir schnitten mit silbrig glänzenden stumpfen Messern schokoladeüberzogene Lebkuchenbrezeln an einem verwitterten Tisch vor dem Haus. Die Sonne blinkte durch die schwankenden Zweige der Bäume auf dem Vorplatz, man konnte die Türme und die Kuppel der Basilika sehen, und ich war vorübergehend wunschlos zufrieden.

Im Gasthaus beim Wirten Lang bekam man die Rindsuppe aus geschweiften Metalltassen mit Henkel brühheiß auf den Teller gegossen, und sie schmeckte viel besser als zu Hause, wahrscheinlich nach Muskat, Mangold und Piment, wohl auch ein wenig nach Maggiwürze.

Bevor ich allerdings in den Genuß der Suppe kam, war für mich eine fürchterliche Hürde in der Gestalt eines Hirschkopfes zu überwinden, der im Vorraum neben diversen Geweihen an der Wand hing. Die Glasaugen des Hirsches sahen so sprechend aus, als lebte er noch. Der Gedanke, daß ihm der Kopf einfach abgeschnitten worden war und er jetzt unbeweglich und hilflos an der Wand hing, war mir völlig unerträglich. Ich versteckte das Gesicht in den Kleidern der Eltern und schrie: „Kann den Hirsch nicht anschauen!“ Die Erwachsenen versuchten, mir meine Phobie mit sehr vernünftigen Argumenten auszureden, fanden sich dann aber damit ab, daß ich jedes Mal die gleiche Szene abführte.

In Mariazell bekam ich eines Tages die Masern. Das Zimmer, in dem ich liegen mußte, war feucht und schattig; ich glaube, es wurde zusätzlich noch verdunkelt, da man dachte, daß Licht den Augen schaden würde. Als ich auf dem Wege der Besserung war, zeigte mir eines der Kinder ein winziges, weißes Kaninchen, an dessen Hals Blutstropfen zu sehen waren und das schwer atmete und zitterte. Eine Katze hatte es gebissen. Ich starrte es an, bis es dann weggebracht wurde, bevor es starb.

Ich hatte nun das Gefühl, daß überall etwas Furchtbares lauern konnte, und als ich über eine steile Wiese bei grellem Sonnenschein und großer Hitze hinauf zum Wald gehen sollte, erschien mir selbst das Gras und alles, was da kreuchte und fleuchte, bedrohlich. Es gab hier viele Disteln, deren Stacheln sich in meinen braunen, gerippten Baumwollstrümpfen verfingen, als wollten sie mich festhalten. Die brennende Sonne erschien mir streng und gnadenlos.

Manchmal wurde davon gesprochen, daß es auf der Wiese und im Wald an sonnigen Plätzen Kreuzottern gebe, vor denen man sich in Acht nehmen müsse. Wenn die einen bissen, war man tot. Ich ging mit der Omama, die immer sehr rüstig ausschritt und Spaziergängen einen Hauch von Abenteuer verlieh, oft in den Wald. An einer Lichtung stand ein Bildstock unter einem verwitterten Schindeldach, davor ein Betschemel. Ich ließ mich darauf nieder, faltete die Hände und sagte, wie man es mir beigebracht hatte: „Lieber Gott, mach‘ mich fromm, daß ich in den Himmel komm‘.“ Als wir auf einem etwas verwachsenen Waldweg weitergingen, der von sonnenbeschienenem Gestrüpp gesäumt war, blieb ich stehen, streckte den Zeigefinger aus und sagte: „Schau, Omama, eine Kreuzotter“. Meine Großmutter ließ ihre kleinen himmelblauen Augen erschrocken hin- und herflitzen, sah dann tatsächlich eine Schlange, klemmte mich unter den Arm und lief davon, so schnell sie konnte. Sie erzählte die Geschichte noch jahrelang und schwor, daß es wirklich eine Kreuzotter gewesen war. Just vor dieser hatte ich mich nicht gefürchtet.

Im Juli 1936 wurde der 30. Geburtstag meiner Mutter in Mariazell gefeiert. Einige Gratulanten, widmeten ihr einen Teller mit Moos, auf dem Edelweißblüten die Zahl dreißig bildeten. Wie aus verschiedenen Alpenliedern und Heimatfilmen bekannt ist, wurde das Edelweiß als eine ganz kostbare Sache betrachtet, da es in der freien Natur nur durch waghalsiges Klettern in unwegsamem Felsgebiet zu erlangen war und daher als Symbol für äußerste Wertschätzung galt, da man ja bereit war, für die zu beschenkende Person sein Leben aufs Spiel zu setzen. Nun glaube ich zwar, daß die vielen Edelweiße eher in einem Alpengarten gezüchtet worden sein mußten, aber immerhin wollte man dem Geburtstagskind eine große Freude damit machen. Leider fand das Geschenk keine Gegenliebe. Es muß eine Atmosphäre der Betretenheit geherrscht haben, und später erzählte Anny, es sei doch wirklich kein Grund zur Freude, wenn man auf das vorgerückte Alter von Dreißig so deutlich hingewiesen werde.

Alle Übel dieser Welt

Ich habe nie einen Menschen kennen gelernt, der mehr von Krankheit, Tod, Blut, Eiter, Krieg, Hungersnot, Sittlichkeitsverbrechen und allen sonstigen Übeln der Welt gesprochen hätte als meine Mutter.

Es begann beim Ersten Weltkrieg, der bis nach dem zweiten kurz als „der Weltkrieg“ bezeichnet wurde. Da gab es gemäß ihren Berichten nichts zu fressen, in dem zerfallenden Brot waren Kukuruz und Sägespäne, während jüdische Kriegsgewinnler den Soldaten Winterstiefel mit Pappendeckelsohlen lieferten, so daß diese sich die Füße abfroren und sie elend krepierten oder als Krüppel heimkehrten, ohne Arme und Beine, oder blind. Zu Anfang hatten sie hurra geschrien darüber, daß sie in den Krieg gehen durften, „durften“, bitte sehr, „in der Heimat, in der Heimat, da gibt‘s ein Wiederseh‘n“ hatten sie gesungen. Und die Pfaffen hatten die Waffen auch noch gesegnet. „Da habe ich mir schon damals gedacht, als achtjähriges Kind, bei den Feinden, da lassen sie vielleicht auch die Waffen segnen. Was wird wohl der Herrgott dann machen? Habe ich mir gedacht.“

Ihre Mutter hatte sich für sehr viel Arbeit wenig Schmalz und Erdäpfel eingehandelt. Die Bauern waren ja so raffgierig, sie hätten am liebsten gar nichts hergegeben. Da brachten die Leute oft Perserteppiche und Klaviere hin, um nicht zu verhungern. Und grausam waren die Bauern. Da gab es den großen Fleischhackerhund Bello, dem eine Bäuerin aus purem Sadismus einen großen Weitling voll mit brühheißer Selchsuppe über den Rücken geschüttet hatte. „Das muß man sich einmal vorstellen! Es war zum Erbarmen, wie er gewinselt hat, auf allen Vieren ist er dahergekrochen.“ Anny verband seine Wunden und sagte „ja, ja, brav bist du“. Als es dem Bello schon wieder ganz gut ging, „ist doch das Biest noch immer auf allen Vieren gekrochen, um gestreichelt zu werden.“

Viel später dann, als sie nach einigen schulischen Wirren, von denen noch die Rede sein wird, Fürsorgerin wurde, waren diverse Praktika zu absolvieren, eines davon am orthopädischen Spital, wo in einer speziellen Abteilung Leute mit Knochentuberkulose lagen. „Da war ein junger Bursch, den hat man aus dem Bett heben und in die Badewanne tragen müssen, weil er nicht gehen konnte“, berichtete sie. „Wenn man ihm den Verband abgenommen hat, ist einem der Eiter entgegengespritzt, richtig auf die Schürze gespritzt! Das muß man sich vorstellen! Mir ist es dann auch immer schlechter gegangen in diesen Wochen, man hat schon gedacht, ich hab‘ auch die Tbc erwischt. Und dann im Sophienspital, das war ja auch was. Da hat es alte Leute gegeben, die haben die Leibschüssel hundert Mal verlangt, fast schon aus Bosheit. ´Schweesta, die Schießl´, hat eine unausgesetzt gerufen, aber bevor man sie ihr untergeschoben hat, ist es schon losgegangen, pfl, pfl, pfl (sie stellte akustisch die Diarrhöe dar), und schon hat man die Bescherung auf der Hand gehabt. Mit dem Essen waren sie auch manchmal heikel, wollten keine Diätkost. Auf der Männerstation, da war einer, der mußte salzlos essen, das hat ihm natürlich nicht geschmeckt. Das Kartoffelpüree hat er zurückgeschickt und zu mir gesagt: ´Mit den kennan S‘ Ihnare Fiaß eischmier‘n‘.“

Es gab auch noch andere Themen, über die sie immer wieder in aller Ausführlichkeit referierte, so etwa ihre schulische Laufbahn, „Jüdinnen“, „Katecheten“ sowie „Pfaffen“ im allgemeinen.

Der Katechet Fuchs, er war rothaarig („rote Haare, Gott bewahre“), setzte sich zu Anny in die Schulbank und versuchte eng an sie heranzurücken; einer anderen Schülerin soll er gar die Hand auf den Oberschenkel gelegt haben. Pater Staviel wiederum hatte ein Verhältnis mit einer Lehrerin.

Ein Ausbund an Niedertracht war allerdings der Monsignore Matzinger. Als Anny ungefähr fünfzehn Jahre alt war, wurde ihre Schulklasse von ihm in Religion unterrichtet. Er lud sie eines Tages zu einem Treffen einer Mädchenkongregation ein. Als sie an der angegebenen Adresse eintraf, war außer ihr und dem Monsignore niemand anwesend, es schien sich überdies um seine Privatwohnung zu handeln, was aber nicht sofort ersichtlich war. Das Ambiente war jedenfalls sehr prächtig, es wurde Tee angeboten und der Monsignore erging sich in Lobeshymnen über Annys Vorzüge, vor allem solche charakterlicher und geistiger Natur, versteht sich.

„Ich könnte dir alle Wege ebnen und dich in die Gesellschaft einführen, wenn du nur nicht so kratzbürstig wärst! Wenn du ein bißchen lieb wärst, dann könntest du es ja so weit bringen!“ Anny versäumte nie, den genauen Wortlaut mit schwärmerischem Unterton zu zitieren. Bald habe sie aber erkannt, daß hier etwas nicht stimmen konnte und wollte sich verabschieden. Es gelang nach einiger Verzögerung, ins Vorzimmer zu gelangen. Dort nun geschah das Unfassbare: der Monsignore half ihr in den Mantel und drückte sie dabei an sich! Man stelle sich das vor, ein hoher geistlicher Würdenträger! Sie versetzte ihm einen Stoß, daß er taumelte und kündigte an, sie werde diesen Vorfall bekannt machen. Da rief der Gottesmann höhnisch: „Und du glaubst, einem kleinen Mädchen wird man mehr glauben als dem Monsignore Matzinger?“ Sie rannte davon und erzählte diesen Paradefall pfäffischer Lüsternheit jahrzehntelang wohl Dutzende Male, wobei sie sich aufregte wie am ersten Tag. Seltsamerweise hörte man nichts darüber, wie denn nun die weiteren Konfrontationen in der Schule verlaufen seien und ob sie tatsächlich etwas von dem Vorfall laut werden ließ. Am wahrscheinlichsten ist, daß ihre Eltern es für besser hielten, darüber Stillschweigen zu bewahren.

Für den Servitenpater Anselm hatte sie einiges übrig. Sie lernte ihn durch Kontakte in der Pfarre Roßau kennen, die vor allem durch die Mitarbeit ihrer Mutter im Verein „Frohe Kindheit“ zustande kamen. Pater Anselm war ein brillanter Prediger, der ihr in keiner Weise nahezutreten versuchte. Das war allerdings insoferne nicht verwunderlich, als man ihm pädophile wenn nicht gar päderastische Neigungen nachsagte, was sie aber merkwürdigerweise gleichgültig ließ. Sie fand es äußerst originell, daß er auf der Kanzel das Gebaren diverser Betschwestern nachäffte und sie „Kirchenwanzen“ nannte. Zu Anny sagte er anerkennend, daß sie nicht so dumm sei wie die meisten Frauen und daß man mit ihr reden könne wie mit einem Mann. Sie war darauf stolz und desavouierte damit eigentlich ihre frühen feministischen Ansätze.

Auch über Klosterschwestern gab es etwas zu berichten. Anläßlich ihrer Spitalspraxis als Fürsorgerin kam sie auf eine Station mit schwerst behinderten Kindern. Anny fragte erbittert, wie denn Gott so etwas zulassen könne, worauf eine Schwester antwortete: „Durch diese Kinder können wir uns Stufen in den Himmel verdienen“, was sie zutiefst empörend fand, während ich insgeheim zu der Ansicht neigte, dann habe das alles doch wenigstens irgendeinen Sinn.

Übrigens hatte sie auch einmal als Aufsichtsperson oder Erzieherin in einem Jugendlager gewirkt, das die Servitenpfarre in Schloß Haus in Niederösterreich veranstaltet hatte. In dem anscheinend ziemlich verwahrlosten Gebäude hatte es im Schlafsaal Wanzen gegeben, die von einigen Kindern mit dem Zeigefinger an der Wand zerdrückt wurden, was bogenförmige rote Striche an der Wand zu einem phantasievollen Muster konfigurierte. Ein Kind (das nach Annys Meinung wahrscheinlich nur so tat, als habe es noch nie eine Wanze gesehen) rief anklagend: „Tantä! Da kräul‘n solchane rode Viecherln umadum!“

Nicht sehr luxuriös waren wohl auch die privaten Sommerquartiere in Maria Langegg, welche die Popps zusammen mit der befreundeten Familie Wotle bezogen, deren Reisegepäck größtenteils aus verschnürten Pappschachteln bestand. Herr Wotle wurde von Frau Wotle „Katzi“ gerufen, womit sie ihre energischen Imperative einzuleiten pflegte.

Diese Erzählungen nehmen in meiner subjektiven Erinnerung einen so breiten Raum ein, daß alles andere, das ja auch stattgefunden haben muß, in den Hintergrund tritt, soferne es Annys Person betrifft.

Anny und das Judentum

Die Tage waren zum guten Teil auch mit Annys Berichten aus ihrer Schulzeit gefüllt. Ihre über den Haufen geworfene schulische Laufbahn schien für sie ein zentrales Problem zu sein, und das bis ins hohe Alter. Es war nicht ganz einsichtig, warum das so war, da sie sich gleichzeitig stets beeilte zu versichern, daß letztlich doch alles gut so gewesen wäre; schließlich hätte sie andernfalls ihren Mann nicht kennen gelernt. Über Leute, die offenkundig an einem unverarbeiteten Problem litten, pflegte sie zu sagen, sie hätten „einen Knoten in der Seel‘ “. Erst viel später fiel mir auf, daß dieses Phänomen wohl auch bei ihr selbst vorlag.

Während ihrer Volksschulzeit kamen Ostjuden in großer Zahl nach Wien, vornehmlich aus Galizien. Sie sprachen zunächst nur jiddisch und hätten sich in der Schule in Wien wohl nicht zurechtgefunden, wenn man ihnen nicht geholfen hätte. Die Lehrerin hielt Anny für pädagogisch so begabt, daß sie sie mit dem Nachhilfeunterricht für die zugewanderten Mädchen betraute, eine Aufgabe, der sie mit Begeisterung nachkam. Noch oft erwähnte sie Sure Brane Kalman und andere Namen.

Ihre Kontakte beschränkten sich aber nicht auf die armen Ostjüdinnen, sondern umfaßten auch jüdische Mädchen aus begüterten oder intellektuellen Kreisen. Die Eltern Popp sahen es gerne, wenn Anny bei Gerti Schaar und Elli Raab eingeladen wurde, da sie auf diese Art mit „besseren Kreisen“ in Verbindung kam. Ich hörte viel von einer gewissen Erni Friedmann, deren Mutter Bauchwassersucht hatte und, während Anny dort zu Besuch war, vom Arzt punktiert wurde. Herr Friedmann saß still in einer Ecke, mit langem Bart und Kippa auf dem Kopf. Sie lernte auch, was es mit koscheren oder nicht-koscheren Speisen und Geschirren auf sich hatte.

Wegen Annys Erfolg als Instruktorin der Ostjüdinnen redete die Lehrerin ihren Eltern ein, sie müsse unbedingt die Lehrerbildungsanstalt besuchen, hier läge der ideale Beruf für sie. Irgendetwas lief dann mit der Lehrerbildungsanstalt schief, sei es, daß sie aufgelöst wurde oder ein anderes exogenes Problem entstand. Da man damals von der Bürgerschule nicht in eine Mittelschule übertreten konnte, mußte man sich ein späteres Studium aus dem Kopf schlagen. Nur in der sehr berühmten Schwarzwaldschule war man nicht so pingelig, weshalb Anny dort eintrat.

Eugenie Schwarzwald wurde von ihr als genialer Wirbelwind beschrieben, der ohne Ankündigung in die Klassen brauste, dort den Unterricht unterbrach und außerordentliche Einlagen mit Gesang und Tanz veranstaltete. Die Kunst war an dieser Anstalt großgeschrieben. Die Liste der Berühmtheiten, die entweder hier zeitweilig unterrichteten oder in Eugenie Schwarzwalds Salon verkehrten, ist lang. Auf Anhieb fallen mir die Namen Wittgenstein und Kokoschka ein.

In Annys Klasse waren nur zwei damals so bezeichnete Arierinnen, die anderen waren Jüdinnen aus reichen Häusern. Sie glaubten sich daher manches erlauben zu können, was Anny nie gewagt hätte. Da gab es zum Beispiel eine gewisse Susanne Diamant, die täglich, „wohlgemerkt täglich!“, zu spät kam. Sie hatte der Beschreibung nach schöne schwarze Locken, die als typisch geltende gebogene Nase und einen fleischigen Mund. Sie schlenderte bei ihrer morgendlichen Ankunft gemächlich durch das Klassenzimmer, unter dem einen Arm die Schultasche, den anderen vom Ellbogen an gehoben, wobei sie die Hand lässig herunterhängen ließ. Anny imitierte sie mit Genuß und ging mit outriert laszivem Hüftschwung durch das Zimmer. „Es war eine Stärung auf die Elektrische“ hat sie jeden Tag gesagt. „Auf die Elektrische! Jeden Tag! Das nennt man Chuzpe!“

Irgendwann gab es für Anny Probleme mit Englisch. Es kam eine neue Lehrerin, Frau Professor Häsele, die irgendwie merkwürdig aussah. Sie soll eines Tages, was ich kaum glauben kann, unter einem Pelzmantel nur Unterwäsche getragen haben. Anny bildete sich ein, von ihr immer so seltsam vom Katheder aus angestarrt zu werden. Eines Tages erklärte Häsele vor Zeugen: „Die Popp kann sich auf den Kopf stellen, bei mir kriegt sie einen Fünfer.“ Den bekam sie dann auch, sodaß es mit der Matura nichts wurde. Von ihren tatsächlichen Englischkenntnissen war in diesen Erzählungen nicht die Rede. „Sitzenbleiben“ wäre damals geradezu ehrenrührig gewesen, ihre Eltern hätten diese Schmach nicht überlebt. Da war es das kleinere Übel, von der Schule abzugehen.

Ein Ausweg war die Arlt-Schule, eine Lehranstalt für Hauswirtschaft, die auch die Ausbildung zur Fürsorgerin beinhaltete. Auch in der neuen Schule gefiel es Anny. Die Schulleiterin Ilse Arlt habe schlampig ausgesehen und anstelle von Strumpfbändern Spagatschnüre verwendet, wie sich einmal durch Zufall herausstellte. Man habe gelernt, wie man mit sparsamsten Mitteln einen Haushalt improvisiert. Hatte man kein Geschirr, konnte man leere Konservenbüchsen verwenden, war kein Gasherd vorhanden, füllte man leere Schuhwichsdosen mit Brennspiritus und kochte darauf, und so fort. Da lernte man was für‘s praktische Leben.

In der Zeit der Arlt-Schule freundete sie sich mit einer gewissen Isa Lauer an. Isa stammte aus einer orthodox jüdischen Familie, schien allerdings selbst ziemlich liberal zu sein. Sie hatte Kontakt mit Künstlern, Intellektuellen und Kommunisten, und Anny war begeistert, bedeutenden Persönlichkeiten vorgestellt zu werden; sie nannte neben anderen auch den Namen des berühmten Geigers Hubermann.

Isa besuchte mit ihr, ohne inskribiert zu sein, diverse Vorlesungen berühmter Lehrer. Anny war besonders stolz, Wagner-Jauregg persönlich gehört zu haben, der Experimente mit Hypnose vorführte. Einer Geisteskranken wurde suggeriert, sie befinde sich im Himmel, rieche den Duft herrlicher Blumen und müsse über eine Mauer steigen. Anny beschrieb die verzweifelten Versuche der Kranken, die nicht vorhandene Mauer zu überwinden; das Erregende an der Situation und die Teilhabe an der Demonstration eines tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen wissenschaftlichen Fortschritts schien für sie die Zurschaustellung der Patientin weitgehend zu rechtfertigen. Die Methode Coué, der zufolge die Autosuggestion das - zumindest subjektive - Wohlergehen der eigenen Person beeinflussen sollte (später nannte man das „positives Denken“), wurde von Anny auch später noch mit deftig gejüdeltem „es geht mir immer besser, ich brauch‘ ka Fiebermesser“ kommentiert.

Isa Lauer hatte ein grobes Gesicht und trug eine dunkel gerandete Brille. Als Anny bei ihr zu Hause eingeladen war, lobte ihr Vater, ein strenggläubiger Jude, ihre blonden Haare und blauen Augen. „A sou a schejner blonder Engel! Aber de Ishe, nebbich, joijoijoi, a sou a miese Maad!“

Eines Tages sagte Isa zu Anny, daß es Leute gebe, welche sie beide für ein Paar hielten, was ihr offenbar in keiner Weise unangenehm war. Anny war das nun doch nicht geheuer, sie lockerte den Kontakt mit Isa, der schließlich versandete.

Anny wurde übrigens, als sie auf Besuch zu ihren Verwandten in ihre Geburtsstadt Mährisch-Weißkirchen kam, von einem jüdischen Fabrikanten namens Heller verehrt; der Himmel weiß, wie dieser Kontakt zustande gekommen war. Sie war sehr sozial gesinnt und sagte, sie habe während der durchaus ehrbaren Spaziergänge, zu denen er sie abholte, viel über die Notwendigkeit von Sozialleistungen gesprochen. Sie schilderte in ausführlicher Wiedergabe der Dialoge seine zunächst sehr kapitalistische Denkungsart, er habe dann aber sogar die Bereitschaft gezeigt, eine Werkssiedlung zu bauen. Als er Anny einen Heiratsantrag machte, sei ihr Blick auf ein Werbeplakat gefallen, auf dem zu lesen stand: „Berson Absätze sind die besten.“ Statt nun auf das von ihm Geäußerte einzugehen, sagte sie beiläufig: „Finden Sie nicht auch, daß Berson Absätze die besten sind?“ Heller war wie vom Donner gerührt und empfahl sich alsbald. Sie schien auf diese Art, einen unerwünschten Antrag abzulehnen, stolz zu sein und erzählte auch diese Geschichte nicht selten.

Großmutter Popp, ging mit Juden auf einfachere Art um. Als auf der Straße ein geil aussehender Mensch, den sie für einen Juden hielt, Anny ihrer Meinung nach frech anstarrte, streckte sie, bereits in gesetztem Alter, die Zunge heraus. Oft stellten sich Mutter und Tochter im Theater oder in der Oper um Stehplatzkarten an. Marie hatte eine geschickte Art, sich in der Warteschlange nach vorne zu manövrieren und dabei die eine oder andere Person zu überholen. Anny verhielt sich in der Öffentlichkeit eher passiv, wurde aber von ihrer Mutter unauffällig mitgezogen. Einmal fiel das einem tatsächlichen oder vermeintlichen Juden auf, der empört „Se drängen!“ rief. „Ich?“ schrie Marie. „S i e drängen!“ Da man allgemein der Meinung war, es seien prinzipiell die Juden diejenigen, welche sich nach vorne schlängelten, mußte der Angreifer schließlich klein beigeben. Diese Anekdote wurde mit sehr viel Befriedigung zum Besten gegeben.

Haushalt, Puppen, Freundinnen

Ich hatte immer schon eine Vorliebe für Haushaltsgeräte und war recht glücklich mit meinem kleinen Waschtrog aus Holz samt Bottich, Waschrumpel und Kluppen, wie bei den richtigen Hausfrauen, die damals noch keine Waschmaschinen hatten und mit gelber Schichtseife und grober Bürste arbeiteten und die Wäschestücke dann händisch spülten und auswrangen. Wer es sich leisten konnte, ließ diese Schwerarbeit. durch Hilfskräfte in der Waschküche besorgen. Von Waschmaschinen hatte man schon irgendwie gehört, sie waren aber ein neuzeitlicher Luxus, den es nur in Amerika gab. Wahrscheinlich nur für Millionäre. Als Spiel, mit hinten gebundenem Kopftuch, war das Wäschewaschen aber allemal eine nette Sache. „Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh‘, und sehet den fleißigen Wäscherinnen zu“ sang man mit den kleinen Mädchen und hüpfte auf der Stelle, immer abwechselnd einen Fuß vorstreckend.

Auch Kühlschränke hatten die wenigsten Leute, man kochte die Milch ab, um ihre Haltbarkeitsdauer zu verlängern; im übrigen kaufte man notgedrungen nur kleine Mengen verderblicher Lebensmittel in kurzen Abständen ein.

Ein Badezimmer war nur etwas für große Wohnungen der privilegierten Klasse. Wasser für die Wanne erwärmte man in einem säulenförmigen „Badeofen“ aus Metall. Er enthielt einen Kessel, unter dem durch eine Ofentür Feuer gemacht wurde und der mittels eines Wasserhahns in die Badewanne entleert werden konnte. Ein derartiges Badezimmer hatten wir sogar. Anny entnahm übrigens das abgekühlte Wasser für unser quaderförmiges Goldfischaquarium dem Badeofen und erkannte diesen Umstand erst ziemlich spät als Ursache für den regelmäßig eintretenden Tod sämtlicher Fische, die offenbar zu wenig Sauerstoff bekamen und dann mit den weißen Bäuchen nach oben in dem schalen Wasser schwammen.

Ich hatte viele Puppen, die ganz unterschiedliche Persönlichkeiten waren und meine Welt belebten. Olga war aus Zelluloid mit braunen Augen und mit einem Köfferchen voll herrlicher Kleider, Mäntel und Schuhe ausgestattet, ein Geschenk von Tante Olga. Renate war die größte und edelste aller Gliederpuppen mit Porzellankopf und echten Haaren, Lieselotte hatte blonde Zöpfe aus Werg, einen Pappmachékopf mit knallroten Backen, einem winzigen Mündchen und gemalten blauen Augen unter dünnen, staunend hochgewölbten Brauen, Peter hatte einen übergroßen Kopf mit glotzenden Kulleraugen, deren glänzende Pupillen sich unter glasähnlichen Wölbungen hin und her bewegten, Johannesl war eine große Babypuppe mit Porzellankopf und blauen gläsernen Schlafaugen unter steifen schwarzen Wimpern. Seine Kautschukgliedmaßen zeigten kleine Fettwülste, und in der Mitte des Rumpfes tastete man den Mechanismus, der ihn „Mama“ sagen ließ. Später, als der Krieg schon ausgebrochen war, sollte ich eine meiner Puppen dem Winterhilfswerk spenden, für ein „armes Kind“. Ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen, dies abzulehnen. Schließlich war ich selbst kein „armes Kind“, da mußte ich froh sein und einen Tribut dafür zahlen. Letztlich mußte ich mich zwischen Renate und Johannesl entscheiden, und das war traurig. Schließlich war es Johannesl, den ich schweren Herzens opferte. Ich bekam später gleich zwei Babypuppen, die mir aber niemals ans Herz wuchsen. Warum kaufte man den „armen Kindern“ eigentlich nicht gleich eigene neue Puppen?

Ich hatte übrigens, gewissermaßen als Sündenbock für alles, eine so genannte Fetzenpuppe, die meine Mutter aus einem Leintuch angefertigt und mit einem gemalten Gesicht und schwarzen wollenen Haaren versehen hatte. Sie trug ein schlabberiges Kleid aus grün kariertem Stoff und sah schlampig aus. Ihr Name war Trine, und sie wurde von mir ständig beschimpft, herumgezerrt und geprügelt. Aus heutiger Sicht kann ich nur sagen: glücklich die Puppenmütter, die eine schöne Seele haben und gut zu ihren Puppenkindern sind.

Der dunkelste Punkt war eine Puppe, die ich nicht mochte. Sie sah aus wie Gretel Schöps, und ich gab ihr deren Vornamen. Ich verfuhr dann mit ihr auf eine Art, die mir bis ans Ende meiner Tage Schuldgefühle verursachen wird: Ich zerschnitt sie und riß ihr sogar die Glasaugen aus dem Zelluloidkopf. Ich ermordete sie gewissermaßen. Warum ich diese Tat beging, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich die lebendige Gretel, die einmal im Gebüsch des Gartens eine Art Doktorspiel mit mir angezettelt hatte, in Wahrheit haßte. Vielleicht auch, weil meine Mutter nicht ohne Stolz erzählte, sie habe nie im herkömmlichen Sinn mit Puppen gespielt, sondern diese meist „seziert“, da sie sehr neugierig war und eigentlich schon frühzeitig Ärztin werden wollte, woraus aber dann nichts wurde. Ich erinnere mich nicht, daß jemand über meine an der Puppe Gretel begangene Untat Entsetzen geäußert hätte. Kaum eine gewisse moderate Missbilligung. Es wäre für mich besser gewesen, bestraft zu werden.

Zwei Erbstücke aus der Kindheit meines Vaters hatte ich gern und hielt sie hoch in Ehren, einen abgeschabten gelben Teddy, der aussah wie ein ehrwürdiger und gütiger Großvater und den Affen Fips, eine Handpuppe aus braunem Plüsch mit fahlrosa Händen aus Filz mit einem Mottenloch. Mit seinen goldbraunen Glasaugen blickte er wissend und verschmitzt, ein wahrer Freund.

Reale und imaginäre Damen

Die Langeweile wurde in unserem Wohnungssektor nur selten unterbrochen, etwa wenn der Baron Gustl Slatin mit weißer Mähne und wehendem Schal hereinbrauste, ein paar launige Worte rief und wieder verschwand oder „Tante“ Esther, die, anders als ihr Name es vermuten ließ, die Schwester eines deutschnationalen Burschenschafters war, der kurz vor dem Attentat auf Dollfuß einem Autounfall zum Opfer fiel. Sie war Anny gegenüber sehr anhänglich, trug aber zur Unterhaltung wenig bei.

Sonstige Besuche kamen fast ausschließlich zu meiner Großmutter Else. Sie hielt einen „Jour“, zu dem meine Mutter manchmal gerufen wurde. Sie leistete dieser Einladung nur widerwillig Folge, da ihrer Meinung nach dabei nur hohles Gewäsch abgeführt wurde.

Anny fand stets neue Façetten der Lächerlichkeit an den Teilnehmerinnen des Jour. Else und ihr Damenzirkel gehörten zu einer Kongregation, welche die christliche Demut auf ihre Fahnen geheftet hatte. Man lud zum Beispiel Hausgehilfinnen und andere einfache Frauen ein, denen dann die Damen in die Mäntel halfen, was ihnen selbst Tränen der Ergriffenheit über die eigene Güte in die Augen trieb. Anny imitierte sie mit erhobener Nase und gespitzten Lippen: „Die Liebe lieben!“ flötete sie das Motto der frommen Gemeinde.

Man hörte die Namen Lobkowitz und Colloredo-Mannsfeld, sowie auch Pollack, Garay und andere. Eine Frau Neidhart schenkte mir einmal ein schwarzes Lackköfferchen, weshalb von mir besondere Artigkeit ihr gegenüber erwartet wurde, „…mach schön ein Knicksi!“

Die Mutter, die ja in ihrer Jugend, wie schon zuvor erwähnt, viel mit Jüdinnen verkehrt hatte, schien ihnen in zunehmendem Maße abhold zu werden. Ich hörte sie gelegentlich sagen, es sei alles verjudet. Aber auch der Adel war bei ihr nicht gut angeschrieben. Ihre Sympathie gehörte den „kleinen Leuten“, mit denen sie sich einerseits nicht in allen Belangen identifizieren mochte, die aber andererseits als eine abstrakte Masse, deren Interessen man vertreten mußte, ihr durchaus angelegen waren.

Just in Anwesenheit der Damen des Jour, sagte ich, nachdem ich eingangs meinen Knicks gemacht hatte, „jetzt red´ ich!“ und erklärte, daß alle Juden und Grafen „hinausgehaut gehörten“. Man war befremdet und betreten. „Was hat das Kind gesagt?“ fragte eine der Damen argwöhnisch. „Ach nichts, nichts, was Kinder so zusammenreden“ versuchte die Mutter den faux pas zu vertuschen. Ich war dann auch etwas verlegen. In späteren Erzählungen galt diese Schnurre als besonders launiges Beispiel meiner Originalität, obgleich mein Ausspruch ja nur eine vereinfachte Darstellung des zu Hause Aufgeschnappten gewesen war und ich glaubte, das sei eine allgemein anerkannte Ansicht, durch die sich niemand betroffen fühlen konnte.

Ich erfand übrigens zwei absolut antagonistische Phantasiegestalten, von denen eine planlos und verrückt war, die andere pflichtbewusst, aber langweilig. Die Wahnsinnige hatte vierzehn Kinder, die Normale nur eines, und zwar eine Tochter. Ich stellte mir vor, wie die Irre mit fliegenden Haaren durch Wald und Flur raste, während die andere ein schwarzes Kleid trug und sich unauffällig verhielt. Letztere hieß Kolomannsfeld, was wahrscheinlich auf einer Assoziation mit der Gräfin oder Fürstin Colloredo-Mannsfeld beruhte. Deren Widersacherin war die Felddurchsaus, die so hieß, weil sie eben durch die Felder sauste. Vielleicht hatte das auch etwas mit der Geschichte vom fliegenden Robert zu tun, in der es heißt „Wenn der Regen niederbraust, wenn der Sturm das Feld durchsaust…“ Die Kolomannsfeld kritisierte stets in altjüngferlich nörgelnder Weise das Verhalten der Felddurchsaus, die aber ihr unmögliches Treiben weiter fortsetzte und sich durch nichts beirren ließ. Meine Felddurchsaus-Geschichten gefielen insbesondere meinem Vater. „Puppi“, sagte er bisweilen, „sag‘, was gibt‘s denn Neues von der Felddurchsaus?“ Mir fiel immer etwas ein, und er amüsierte sich.

Entsetzlich langweilig war es, wenn jemand mit mir in den Türkenschanzpark ging. Meist war das an einem sonnigen Vormittag, die Gärten waren am Morgen gespritzt worden, und auf dem Weg durch das Cottage roch es nach Blättern und feuchter Erde. Es waren nur wenige Leute unterwegs, und der Weg zum Park, während dessen ich mich artig an der Hand führen ließ, dehnte sich ziemlich. Meist steuerte man den großen Spielplatz an und erwartete, daß ich in der Sandkiste spielen würde. Der Sand war feucht und kratzig, und ich wußte eigentlich nicht, was ich hier anfangen sollte. Hatte ich dennoch einmal mit den Förmchen ein paar Sandkuchen gebacken oder sogar einen Tunnel durch einen kleinen Sandhügel gegraben, so kam garantiert irgendein schlimmer Bube, der alles wieder kaputt machte.

Manchmal kamen Else und Fanny zu uns auf die Terrasse, setzten sich auf zwei blassgrün gestrichene Gartenstühle aus gebogenen elastischen Metallstreifen, die auf der Haut scheuerten und kniffen und beobachteten mich schweigend.

Der Blick vom Balkon richtete sich auf die Hinterfronten der Häuser der Cottagegasse und der Hofstattgasse, die glatt, grau und nichtssagend waren. Die Rasenflächen und Baumkronen der Gärten waren, von oben betrachtet, wie ein schattiger, feuchter Dschungel.

Ängste, Träume

Meine Großmutter Else zeigte viel Verständnis für mich. Ich nannte sie, wie schon früher erwähnt, verballhornend „Olinek“, was eigentlich „Eulinek“ heißen sollte, „Eulchen“, ein Kosename, dessen verkleinernde Nachsilbe inkonsequenterweise dem Böhmischen entnommen war. Die Eule war in der Familie ein wichtiges Tier, da sie, neben Habichten, im Straubschen Wappen vorkam. Die Mitglieder der Familie Straub nannten einander wechselseitig „Eulinek“. Es gab auch eine ausgestopfte Eule, die Else zum Zeichen der freundlichen Aufnahme Annys in die Familie in das gemeinsame Zimmer meiner Eltern stellte. Anny machte allerdings keinerlei Hehl daraus, daß das staubige und ruppige Ding in ihrem Bereich unerwünscht sei, worüber Else sich gekränkt zeigte und den Vogel wieder an sich nahm.

Ich hatte für Else-Olinek eine gewisse Sympathie. Ich fühlte, daß ihre von Anny als hohl erlebte Vornehmheit in irgendeiner Weise einem edlen Kern entsprechen müsse. Es stimmte wohl, daß sie für das „praktische Leben“ nicht gerüstet war und vielen Alltagsproblemen völlig hilflos gegenüberstand. Ihre Eigenschaft, bei Mangel an Gesellschaft trübsinnig zu werden, war ebenfalls ein Verdachtsmoment in die Richtung, daß es ihr an Lebensweisheit und innerem Reichtum ein wenig fehlte. Vielleicht war aber die Sucht nach Gesellschaft der verzweifelte Versuch, der vermissten Zuwendung doch noch von irgendeiner Seite teilhaftig zu werden. Sie machte pietistisch anmutende kleine Gedichte, in denen ihr etwa das liebe Jesulein oder die Muttergottes freundlich zuwinkten. Wenn ich sie, selten genug, besuchen durfte, so ging sie ganz auf mich ein, machte kleine Späße und sprach wenig von sich selbst und ihrer Vergangenheit, sehr im Gegensatz zu meiner Mutter, über die sie übrigens keinerlei Bemerkungen machte, während diese es an Kommentaren zur Lebenseinstellung ihrer Schwiegermutter nicht fehlen ließ.

Olinek hatte ein schönes, regelmäßiges Gesicht mit olivfarbenem Teint und traurigen goldbraunen Augen unter kräftigen, geraden Brauen. Ihr allzu feines Haar, das ich wohl von ihr geerbt habe, war kastanienbraun gefärbt und wuchs an den Haarwurzeln weiß nach. Sie wollte wohl, jetzt Ende fünfzig, sich nicht wirklich zu ihrem Alter bekennen, da ihre Schönheit stets die Quelle der Anerkennung und Hofierung durch andere Menschen gewesen war und sie darauf nicht verzichten mochte.

Gerne sang sie irgendein Phantasieliedchen, das sie mit einer kleinen Pantomime untermalte. Einmal deutete sie, mit Daumen und Zeigefinger an ihrem Nacken hinuntergleitend, einen Zopf an, hob dann die Zeigefinger beider Hände neben ihrem Gesicht abwechselnd hoch, trippelte durch den düsteren Salon und sang im Takt ihrer Schritte: „Der Chines‘ mit dem langen Zopf. Tralala, tralala, trala-lala-la!“ Mir gefiel das, und ich machte es ihr nach.

Ein anderes Mal knetete sie aus Plastilin eine kleine Krone für mich. Sie war gelb-grün, und auf die Zacken setzte sie kleine Kügelchen in bunten Farben, das waren die Edelsteine. Als das Gebilde fertig war, stellte sie sich hinter mich vor einen großen Standspiegel, der schräg geneigt auf einem dunklen verschnörkelten Holzgestell angebracht war, und setzte mir die Krone langsam und vorsichtig auf den Kopf. Ich fühlte ein wohltuendes Kribbeln auf der Kopfhaut und war schläfrig, fast in Trance. „Jetzt bist du eine Prinzessin“, sagte sie zu mir, und es klang weit weg. Ich hatte Mühe, wieder in einen hellwachen Zustand zurückzufinden.

Manchmal sah sie mit mir Bilderbücher an oder las daraus vor. Es gab damals eine Serie von Heftchen, darunter die Abenteuer des Marienkäfers Kribbel-Krabbel-Kugelrund, der in die Gefangenschaft einer Spinne gerät. Die schwarz-weiße Zeichnung der riesigen Spinne mit hakeligen, haarigen Beinen ist mir in fürchterlicher Erinnerung. Mir graute vor Spinnen schon im frühesten Alter ganz außerordentlich, und ich bestand darauf, bei dieser Abbildung nicht zu verharren, sondern ganz schnell umzublättern. Olinek wollte mir nun in einfühlsamer Weise diese Furcht abgewöhnen und handelte mit mir, ich sollte doch wenigstens einen kurzen Augenblick die Spinne betrachten, so schlimm sei sie ja doch eigentlich gar nicht. Wir machten nun öfter Spinnen-Gewöhnungsspiele, die zunächst nicht ganz ohne Erfolg zu sein schienen. Später stellte sich allerdings leider heraus, daß meine Angst vor Spinnen völlig unausrottbar war, was aber ganz bestimmt nicht an Olinek lag.

Schon frühzeitig hatte ich auch Angst vor dem Tod. Das hatte auch etwas mit Frau Schreiber, der „Bedienerin“, zu tun. Sie war nicht mehr jung, und es hieß, sie sei zuckerkrank. Sie hatte keine Zähne im Mund und auf dem Kopf ein kleines Gewächs, das sie als Beule bezeichnete und das unter ihrem schütteren Haar zu sehen war.

Ich war gerne dabei, wenn sie unsere Zimmer sauber machte. Wir hatten einen Staubwedel, auch Flederwisch genannt, der aus einer Bambusstange und einem daran befestigten Federbusch bestand. Ich spielte mit Frau Schreiber das Spiel „Federlsuchen“. Es galt, die schönsten Federn zu finden, darauf zu zeigen und sie entsprechend zu beschreiben und zu würdigen. Außer dem Staubwedel hatte ich auch den Staubsauger sehr ins Herz geschlossen. Er hatte das Aussehen eines grün emaillierten, aufrecht stehenden Zylinders, auf dem das Wort „Protus“ zu lesen war. Das Gerät heulte fürchterlich, andererseits war es faszinierend, wie prompt darin Staubflusen und Krümel verschwanden.

Wie nett das auch alles war, eines Tages sprach Frau Schreiber vom Tod. Der Tod, ein Gerippe. Er hole alle Menschen, und er lauere überall. Da mir das dunkle Vorzimmer immer schon etwas unheimlich gewesen war, kam ich zu der Überzeugung, daß hier der bevorzugte Aufenthaltsort des Todes sei. Wenn ich durch das Vorzimmer zum Klosett gehen mußte, führte kein Weg vorbei an einem dunkelbraunen Schrank. Durch das Milchglas der Eingangstür fiel ein schwacher Lichtschimmer auf ihn, der auf der Politur reflektiert wurde. Wenn ich so schnell wie möglich vorüberhuschte, bemerkte ich die schwachen Umrisse meines Spiegelbildes wie ein gespenstisches Schemen auf der Schranktür. Ich dachte nun, dies sei der Tod, der mir stets auf den Fersen sei.

Verliefen meine Tage schon nicht ohne Ängste, so wurde wurde es für mich nachts oftmals noch aufregender. An einen schrecklichen Traum erinnere ich mich gut. Ich war im Dachstübchen eines kleinen, hübschen, dunkelbraunen Holzhauses. Überall waren goldgelbe Märzenbecher, damals meine Lieblingsblumen. Plötzlich hörte ich ein dumpfes Dröhnen und rhythmisches Stampfen, das unerbittlich näher kam. Ich wußte, daß es ein Stier war, dessen Sinnen und Trachten dahin ging, mich aufzuspüren und mir irgendetwas Schreckliches anzutun. Der Stier trampelte zielstrebig über die schmale Treppe des Hauses, daß es ohrenbetäubend hallte, und er kam immer näher und näher. Es sträubte sich mir das Haar, und ich wurde durch Erwachen aus dieser Situation errettet.

Ein anderer Traum handelte von einem kranken Pferd. Sinnigerweise war der Schauplatz die Sechsschimmelgasse im neunten Bezirk. Ich hatte, vermutlich von meiner Mutter, etwas von einem armen Pferd gehört, das von einem rohen Kutscher geprügelt wurde, da es einen schweren Wagen nicht ziehen konnte. Auch hatte sie mir mehrmals das Lied „ich hab‘ mein Roß verloren, mein apfelgraues Roß“ vorgesungen, das sich auf dem Schlachtfeld sterbend vom Reiter mit treuem Blick verabschiedet. Mein Traumpferd war voll mit Wunden und brandigen, faulen Stellen, ich stellte mir vor, daß es fürchterlich stinken mußte und getraute mich nicht in seine Nähe.

Irgendwelche Menschen, die ich nicht kannte, hoben nun das Pferd in eine Sitzbadewanne aus Zink, wie sie meine Großmutter in ihrer Küche stehen hatte. Es machte im Traum nichts aus, daß man ein Pferd nicht einfach in ein kleines Behältnis setzen kann. Vielleicht spielte hier auch unterschwellig die Geschichte von dem jungen Mann herein, der wegen Knochentuberkulose im Orthopädischen Spital in die Badewanne gehoben werden mußte. Jedenfalls saß nun das fahle Traumpferd mit hohlen Augen in der Badewanne und litt dermaßen, daß es nicht einmal mehr einen Laut von sich gab. Obgleich mein Mitleid unerträgliche Ausmaße annahm, war der Ekel doch noch größer. Ich starrte aus einiger Entfernung auf die furchtbare Szene und war wie gelähmt.

Schattauer

Gewisse Episoden aus dem Leben meiner Mutter begannen später nach oftmaliger Wiederholung zu nerven, irgendwann hörte ich ihre Geschichten aber zum ersten Mal und fand sie spannend oder witzig oder melodramatisch, was mehr an ihrer Präsentation als am Inhalt liegen mochte.

Es gab da die Geschichte von einem gewissen Albert Schattauer, der mit seinen Eltern im Schloß in Mährisch-Weißkirchen wohnte, wo sie ihn während der Schulferien kennengelernt hatte. Anny war damals vierzehn Jahre alt. Sie trug ihre blonden Haare schulterlang, an den Schläfen hochgekämmt und mit einer großen Schleife zusammengebunden. Es gibt ein Foto, auf dem ihre hellen Augen, auf die sie übrigens sehr stolz war, verträumt blicken, man könnte vielleicht auch sagen, ein wenig mondkalbhaft. Sie hatte einen üppigen Mund, die Oberlippe war etwas aufgeworfen. Anny wurde öfter ins Schloß eingeladen, was anscheinend seitens der Großeltern Duchoň als große Ehre empfunden wurde. Schattauer senior war Offizier, Mutter Schattauer stammte aus einem alten preußischen Adelshaus. Mama Schattauer nannte Anny immer „kleine Maus“ und muß wohl versucht haben, ihr so etwas wie gesellschaftlichen Schliff und hauswirtschaftliche Kenntnisse beizubringen. „Auf jedem Gebiete die Elite“ lautete ihre Maxime.

Ihr einziger Sohn Albert war siebzehn oder achtzehn Jahre alt, hatte braune Augen und kurz geschnittene braune Locken, war Gymnasiast und stand kurz vor der Reifeprüfung. Er hatte offenbar ein gewisses Interesse für Anny und pflegte mit ihr Kontakt in allen Ehren, immer im Beisein von Begleitpersonen, die damals Anstandswauwau oder Elefant genannt wurden. Er war von betont deutschnationaler Gesinnung und gab sich darin sehr missionarisch. Anny muß in ihn wohl unsterblich verliebt gewesen sein; interessanterweise hörte man aber von dieser Romanze eigentlich wenig, während das unerfreuliche Ende in aller Ausführlichkeit behandelt wurde.

Die Begegnung mit Schattauer (sie sprach von ihm meist unter Verwendung seines Zunamens) vermittelte ihr ungeahnte neue Dimensionen. Das war die Welt der gesellschaftlichen Eleganz, der höheren Bildung, der Ritterlichkeit und eines hitzigen Eifers im Vertreten von Überzeugungen.

Als sie wieder in Wien war, wurde zwischen Albert und ihr ein Briefwechsel gepflegt. Sie zeigte mir in späteren Jahren einen Brief, dessen deutsche Kurrentschrift starr und unbewegt aussah. Der Inhalt wirkte prinzipienreiterisch und lehrhaft.

Über das Ende der Romanze gab es zwei Erzählvarianten, die Anny jeweils gleichermaßen für wahr zu halten schien. Sie schrieb in ihren Briefen viel über kulturelle Veranstaltungen oder sonstige starke Eindrücke, und es ist ihr durchaus abzunehmen, daß sie trotz ihrer Jugend für vieles aufgeschlossen war, sich frühzeitig eigenständige Urteile bildete und zu ihren Überzeugungen stand, zumindest für eine gewisse Zeit. Nur ein aus ihr selbst kommender

Umschwung konnte ihre Ansichten ändern oder gar in deren Gegenteil verkehren. Da man aber die Basis, auf der man einmal etwas für richtig gehalten hat, letztlich nicht völlig aus den Tiefen der Seele entfernen kann, kam es zu einem unglaublich kräftezehrenden Nebeneinander widerstreitender Meinungen, die je nach augenblicklicher Stimmung und Beleuchtung in verschiedenen Farben schillerten.

Eines Tages schrieb sie Albert Schattauer, daß sie ein Werk Gustav Mahlers stark beeindruckt hätte. Als Antwort wurde ihr mitgeteilt, daß jüdische Machwerke für einen deutsch empfindenden Menschen völlig unannehmbar seien und daß sie erst lernen müsse, sich die richtige Meinung über dergleichen zu bilden. Anny war zutiefst getroffen, weil er die ihr zustehende individuelle Ansicht missachtet und geringgeschätzt hatte. Während die meisten anderen Mädchen ihre Überzeugungen, soferne sie überhaupt welche hatten, freudig wegen eines für sie wichtigen Mannes über Bord geworfen hätten, war das nicht ihre Art. Sie erwartete Toleranz, für die sein Gefühl wohl nicht ausreichte, die vielleicht eine ihm völlig wesensfremde Einstellung war. Anny sagte, sie hätte auf seinen Brief nicht geantwortet, und das sei dann das Ende gewesen.

Obgleich sie es war, die den Briefwechsel abgebrochen hatte, muß für sie eine Welt zusammengebrochen sein, sonst hätte sie nicht so oft davon erzählt. Sie hatte wohl erwartet, Albert werde neuerlich Kontakt mit ihr aufnehmen und konziliante Töne anschlagen, was aber nicht geschah. Dafür hatte sie eine Erklärung parat: ihre Mutter habe ihr später gestanden, sie hätte Albert gebeten, von Anny zu lassen, da sie doch noch so jung sei. Und er, ganz Kavalier und Ehrenmann, hatte sich daran gehalten. Auf den Gedanken, ihre Mutter habe ihr eine fromme Lüge aufgetischt, um Alberts Schweigen nicht zu einer Kränkung für sie werden zu lassen, schien sie nicht zu kommen. Sie erzählte die Geschichte wieder und wieder, natürlich in gewissen Abständen.

Ihre Vorliebe für traurige Lieder, hatte sie etwas mit Schattauer zu tun? Oder entsprang sie ihrer angeborenen Grundstimmung? „Wegewarte, Wegewarte, du blühst ja nicht mehr“, sang sie, schleppend, ein wenig unrhythmisch. Und „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht...“

Zu der Zeit, über die ich jetzt berichte, gewissermaßen als Vorgeschichte zu späteren Ereignissen, kannte ich erst die kindertümliche Version der Geschichte, wenn überhaupt. Frau Oberst Schattauers riesiger Hut mit Vogelflügel und Schleier wurde mit outrierter Komödiantik veranschaulicht.

In der Ramsau

Im Winter 1937 machten wir Urlaub in der Ramsau bei Schladming in der Steiermark. Mein Vater gerierte sich gern als Sportler und schaffte mit vor Anspannung verzerrtem Gesicht den Stemmbogen, was in der damaligen Zeit schon eine gewisse Leistung war. Der Kristiania, im Sportlerjargon „Kristl“ genannt, dürfte ein unerreichtes Ziel geblieben sein. Er sang gerne das Lied „Der Winter, der is ma net z‘wieder“, dessen bekannter Refrain „Zwoa Brettl‘n, a g‘führiger Schnee, juchee....“ Sportlichkeit und Lebensfreude ausdrückte und sehr beliebt war.

Meine Mutter war nachgerade stolz darauf, völlig unsportlich zu sein. Sie hatte zwar eine Ski-Ausrüstung, ich erinnere mich aber nicht, sie je fahren gesehen zu haben. Duschi habe Anny zunächst über den grünen Klee gelobt und als ausgesprochen talentiert bezeichnet, sie sei aber überall im Schuß hinuntergefahren, konnte nicht stehen bleiben und sei irgendwo mit dem Kopf nach unten im Schnee stecken geblieben, was ihr weitere Bemühungen verleidete.

Auch ich war kein sportliches Talent. Bevor sich das herausstellte, bekam ich zu Weihnachten Ski aus dunkelbraun gebeiztem Holz mit schmalen länglichen Fortsätzen an den Spitzen. Die Bindungen wurden mit Lederriemen über den Schuhspitzen festgeschnallt; auch um die gekerbten Absätze der steinharten Schnürschuhe gingen Riemen, die mit Schnallen reguliert und mit metallenen, hebelartigen Verschlüssen zusätzlich justiert wurden. Der Gipfel des Modernen waren dicke, gebogene Metallfedern um die Absätze, aber so etwas hatte ich noch nicht. Dazu gab es Haselstöcke mit Tellern aus einem Riemchengeflecht, manche Leute hatten auch Bambusstöcke, was schicker war. Ich war selig über so viel nagelneue Zweckmäßigkeit.

In der Pension Steiner war es schön. Hier hielten sich unbeschwerte, sportliche Menschen auf, beweglich, unternehmungslustig, sorgenfrei, fröhlich, gewöhnlich, normal. Es roch nach deftigem Essen, feuchter Wolle und Leder. Der Blick aus dem Fenster zeigte die weiten Berghänge der Niederen Tauern, dunkel blau-grüne Nadelwälder im Schnee, der bläulich schimmerte.

Anny hatte einen Rodelschlitten ausgeborgt, auf dem sie mich ein wenig die Wege entlang zog. Unter glitzernden Schneekristallen und halb verdeckt von dürren Zweigen entdeckte sie weiße Schneerosen und eine Pflanze namens Seidelbast. Mit ihrer dunklen, etwas brüchigen Stimme sang sie ein Lied, das, wie fast alle ihre Lieder, traurig war. „Im Wald drauß´ blüht der Seidelbast, im Graben liegt der Schnee, und das du mir geschrieben hast, das Brieflein tat mir weh.“

Im Sommer fuhren wir, weil es im Winter dort so schön gewesen war, wieder in die Ramsau, diesmal in ein anderes Haus. Es war der Bauer Simonlehner, vulgo Feisterer, dessen Hof neben einem Wildbach lag. Er vermietete mehrere hübsche Zimmer, jedes anders eingerichtet, eines mit knallbunten Pseudo-Bauernmöbeln, eines in schlichter Kiefer, eines jugendstilig weiß lackiert mit schwarzen Schwänen an den Betthäuptern und Schranktüren. Das Klosett war ein Plumpsclo, blitzsauber in hellem Holz, aus der runden Öffnung roch es nach Ammoniak. In den Zimmern gab es einen Waschtisch mit Lavoir und Waschkrug, mehr verlangte man nicht, die schöne Landschaft war das Wesentliche. In jenem Sommer waren vierzehn Kinder von Sommerfrischlern im Haus, von denen ich das jüngste war.

Der Bauernhof war unten aus weiß getünchtem Mauerwerk, oben aus Holz, mit durchbrochenen schwarzbraunen Holzbalkons verziert, auf denen bunte Begonien blühten.

Mit dem Wohnhaus verbunden waren der Kuhstall und die Scheune, der „Stadel“. Es gab sieben Kühe im Stall, die alle individuelle Persönlichkeiten waren. Ich memorierte ihre Namen in der Reihenfolge ihrer Standplätze und weiß sie noch heute. Bella und Zirnhof hatte ich am liebsten. Tagsüber wurden die Kühe aus dem Stall auf die Weide geführt, und das eine oder andere Mal ging ich mit, ausgerüstet mit einem großen Stecken, mit dem ich die Kühe in die gewünschte Richtung dirigierte.

In dem schattigen, U-förmigen Hof befand sich ein Brunnentrog aus einem bemoosten Baumstamm, in den klares Wasser aus einem dünnen Metallrohr floß. In dem Trog wimmelte es von Kaulquappen, die graubraun mit schlängelnden dünnen Schwänzen sich hier tummelten. Ich fing manchmal welche, betrachtete sie auf der Handfläche und entließ sie dann wieder ins Wasser.

Vor dem Haus stand eine riesige alte Linde, unter der man an einem verwitterten Holztisch auf Bänken mit Lehne sitzen konnte. Hinten, nahe am Waldrand, befand sich ein windschiefer, schon etwas gebrechlicher Schuppen, der ebenfalls den Kindern zur Verfügung stand. Es gab dort alte Eisenpfannen und Siebe, löcherige Kochtöpfe und andere ausrangierte Küchengeräte. Wir kochten dort aus Erde und Wasser Suppen und Saucen, auch Gulasch, das mit Zapfen der Nadelbäume hergestellt wurde. Einmal fand ich ein faustgroßes, bräunlich-speckig glänzendes Mineral, das an einigen Stellen in Regenbogenfarben schimmerte. Ich hielt es für einen großen Schatz, die älteren Kinder reagierten mit gönnerhaftem Desinteresse.

Es gab in der Nähe des Haupthauses eine weiß getünchte Dependance mit Küche. Die Omama war immer dabei, um uns zu versorgen. Oft gingen wir in den Wald Heidelbeeren sammeln, und sie machte herrlichen Kuchen und dunkelblaues Kompott. Einmal buk sie einen wunderbaren, fetten Gugelhupf, den wir im Wald an einem Platz mit Tisch und Bank aus grau-verwittertem Holz verzehrten, nachdem wir ihn mit Opapas Taschenmesser zerteilt hatten. Hinter uns ragten steil und streng die Berge des Dachsteinmassivs auf, am Himmel segelten weiße Wolken, und es roch nach Lärchen. Ich war wunschlos glücklich.

Am Abend oder bei Schlechtwetter saßen die Sommergäste mit der Familie Simonlehner in der Stube. Wie es sich gehört, gab es dort einen Kachelofen und einen großen quadratischen Holztisch vor einer Eckbank. Alle zusammen spielten einfache Gesellschaftsspiele, die Stadt und Land und alle Altersgruppen vereinigten. Ich erinnere mich an „Mensch, ärgere dich nicht“, „Fang´den Hut“ und Mikado. Zu Hause wurde nie etwas gemeinsam gespielt, und es war unbeschwert gemütlich, in eine wohlwollende Gemeinschaft eingebettet zu sein. Wer gewann oder verlor, war mit egal.

Es war auch ein Grammophon vorhanden, das bei Regen oder nach Feierabend auf den Tisch gestellt wurde. Es funktionierte nicht mehr mit dem früher gebräuchlichen riesigen Schalltrichter, sondern bereits mit einem moderneren Verstärker. Das Laufwerk wurde noch mit einer Kurbel aufgezogen, der gewundene verchromte Tonarm wurde mit groben Nadeln versehen, die man in großen Mengen in runden Blechschächtelchen aufbewahrte und ständig auswechseln mußte. Aus schwarzen Alben mit braunen Papierumschlägen wurden die Schelllacks genommen und mit lautem Knistern und Rauschen ertönten flotte Foxtrotts, laszive Tangos und von frech schnarrenden Tenören gesungene Schlager. Die Nebengeräusche gehörten dazu, und wenn der Aufzug schwächer wurde und die Musik immer langsamer und tiefer wurde bis sie in einer Art Rülpsen endete, nahm man es von der humoristischen Seite. Hier war man offenbar trotz aller Bodenständigkeit moderner als manche Städter, wir hatten jedenfalls zu Hause kein Grammophon.

Matthias war damals um die zwanzig Jahre alt, hatte goldblonde Haare und sah aus, wie man sich Siegfried aus der germanischen Mythologie vorstellt. Es gab auch die Geschwister Hans, Robert und Hilda, eine ernste, aufrechte junge Frau, die mit über dreißig noch nicht verheiratet war und wohl keine Kompromisse schließen wollte. Der alte Simonlehner rauchte Pfeife und trug Lederhosen und graue Wollstutzen, seine Frau war klein und ruhig, mit ziseliertem Profil..

Es trat bald zutage, daß Anny körperlich und seelisch erschöpft war, was sicher mit Gerhards Tod zusammenhing, der ja erst zweieinhalb Jahre zurücklag. Sehr behutsam versuchten Hilda und Hans, sie wieder aufzurichten; so jedenfalls schilderte sie es später. Einmal wetteten sie mit ihr, sie werde es schaffen, mit ihnen den Dachstein zu besteigen, der für sie so etwas wie ein mystischer Berg war. Tatsächlich gelang das Unternehmen, obgleich Anny zunächst nicht daran hatte glauben wollen. Gerne erzählte sie von einem dramatischen Zwischenfall: Auf einer Geröllhalde rutschte sie aus und wäre fast ins Tal gestürzt, wurde aber von Hans mittels eines Eispickels, den er in den Gürtel ihrer Windjacke hakte, gerettet. Es war für sie ein Schlüsselerlebnis, und sie sagte, von diesem Tag an hätte sie wieder Lebensmut geschöpft.

Mein Vater schien sich in seiner Haut nicht wohl zu fühlen. Seit er einmal mit dem Fieberthermometer unter der Achsel in der Stube erschienen war und nach einer Weile das Ergebnis ablas, ignorierten ihn die Simonlehners mehr oder weniger.

Begegnung mit der Herrenrasse

Meine Eltern waren von der Familie auf dem Feistererhof fasziniert und meinten, daß dieses uralte Bauerngeschlecht, das in einer evangelischen Enklave seit Jahrhunderten hier ansässig war, ja doch viel vornehmer sei als irgendwelche spät geadelte oder sonst wie emporgekommene Parvenüs aus der Stadt.

Die Söhne gingen regelmäßig bergsteigen und klettern, waren sich für keine Arbeit zu schade und zeigten noble Zurückhaltung im Umgang mit den Gästen. Keinesfalls glichen sie sich an deren Lebensart an, sondern bewirkten eher, daß diese es ihnen gleichtun wollten. Sie waren keine Hinterwäldler und allem Modernen aufgeschlossen in der Gewißheit, doch immer sie selbst zu bleiben.

Von Zeit zu Zeit sangen sie mehrstimmige Heimatlieder, die Arme am Rücken verschränkt. Mein Vater war voll der Bewunderung für urwüchsiges und unverfälschtes Volkstum. Er sang ebenfalls, wenn auch nur im Familienkreis, steirische Lieder, wie zum Beispiel „z‘nachst han i a Roas g‘macht ins steirische Land“, oder „die Gamslan schwoaz und braun, die san gar liab anschau‘n, und bals‘ d‘ es schiaßen willst, dann muaßt‘ di aufitraun“. Sehr authentisch wirkte er damit nicht. Er war eher von südländischem Typus und fühlte sich gegenüber der Kaste der „Einheimischen“, die überwiegend blond und blauäugig waren, nicht ganz vollwertig. Sie schienen auch ihm gegenüber auf Distanz zu bleiben, während sie der Mutter das Gefühl gaben, eine der Ihren zu sein; später wurde zwischen Hilda und ihr das Du-Wort getauscht.

Die Eltern begannen sich damals für die spezifischen Eigentümlichkeiten der diversen Rassen zu interessieren und diese auch zu bewerten, obgleich die Hitlerzeit für Österreich noch nicht angebrochen war. In der Ramsau waren die Leute meist „nordisch“, nämlich blond, blauäugig und mit Langschädel, was bedeutete, daß der Kopf nach hinten etwas ausladend und die Distanz von der Stirn bis zum höchsten Punkt des Hinterhaupts relativ lang war. Was eben noch anging, war der nordisch-dinarische Typ, der eine vorspringende gebogene Nase und brünette Haare haben durfte, dazu einen kürzeren Schädel. Nicht so wünschenswert war die westische Rasse mit braunen Augen, dunklem Teint, schwarz-braunen Haaren und Kurzschädel. Vollends geringgeschätzt war der ostische Rundschädel oder gar der ostbaltische Typus mit schmalen Schlitzaugen.

Der Vater stellte mit Bedauern fest, daß er selbst und ich wohl westisch waren. Bei mir war allerdings auch noch die Frage, ob ich nicht etwa gar den ostischen Rundschädel hätte, was der Vater durch Messung meines Kopfes mittels Lineal und Maßband mit sorgenvoller Miene als möglicherweise gegebene Tatsache in den Raum stellte. Da dies aber zu inferior gewesen wäre, als daß man damit hätte leben können, entschied man sich dafür, daß dies eigentlich doch nicht der Fall wäre. Äußerstenfalls hätte ich, wenn ich schon nicht westisch war, als „edel-ostisch“ gelten können, ein Terminus, der faktisch auf eine Akzeptanz des Minderwertigen honoris causa hinauslief.

In launigen Momenten verstieg sich mein Vater zu der Behauptung, er habe an den Augenlidern die sogenannte Mongolenfalte und bezeichnete sich scherzhaft als einen direkten Nachfahren von Dschinghis Khan. Ich fand diesen Einfall etwas skurril, als ich hörte, Dschinghis Khan sei das Haupt eines rabiaten hunnischen Reitervolkes gewesen.

Jedenfalls wurde es für meine Eltern so etwas wie ein anthropologisches Steckenpferd, alle Leute nach bestimmten Kriterien zu kategorisieren, einschließlich der eigenen Person. Wies jemand die Merkmale einer für edel befundenen Rasse auf, bescheinigte man ihm, daß er „einen guten Kopf“ habe.

Gekoppelt mit körperlichen Merkmalen waren auch solche des Charakters. Ich erinnere mich an den Begriff des Darstellungsmenschen, den man später, wenn auch nicht auf wissenschaftlicher Ebene, als Selbstdarsteller bezeichnet hätte. Dieser Typus wurde eher abschätzig beurteilt und kam, zumindest in der Theorie, nicht beim nordischen Menschen vor. Man fand es stimmig, Elemente des Darstellungsmenschen an mir festzustellen, womit ich mich nolens volens abfand.

Sprachkapriolen

Obgleich mein Vater im täglichen Leben außerhalb des engsten Familienkreises steif und zurückhaltend wirkte, wird von ihm berichtet, daß er in seiner Gymnasialzeit als talentierter Schauspieler einen zahnlosen alten Bauern zur allgemeinen Erheiterung geradezu denkwürdig dargestellt habe. Das hing wohl auch mit seinem auffallenden Sprachentalent zusammen, das ihm die akzentfreie Aussprache fremder Idiome und diverser Dialekte ermöglichte, bei denen er etymologische Wurzeln und Zusammenhänge eigenständig entdeckte, ohne das studiert zu haben.

Die tschechische Sprache, die er in Bruchstücken begierig von meiner Mutter lernte, hatte es ihm angetan; sie hatte für ihn von ihrer ganzen Beschaffenheit her etwas Humoristisches und war für die Artikulation von Skurrilitäten besonders geeignet. Manchmal kreuzte er Deutsch und Tschechisch nach dem Muster des bekannten Spruches „hausmeistrová putzuje na gangů Winterrock“ oder „nedĕlejte vatrlandů šandů.“

Es gab in Wien damals noch viele Tschechen, welche die deutsche Sprache nicht wirklich beherrschten, und man machte sich gerne ein bißchen lustig darüber. Beispielsweise erzählte ein wackerer Böhme meinen Eltern ehrfürchtig, jemand habe „ten Krajtz am Bandes des Tapfrkajt“ im Weltkrieg verliehen bekommen, was gerne zitiert wurde.

Der Vater besaß übrigens einen fürchterlichen, völlig ausgeleierten Schlafrock aus dickem braunem Stoff, den er „Hader“ nannte, nach dem tschechischen „hadr“, was mit Fetzen oder Putzlappen übersetzt werden kann. Er trug ihn stets auf dem Klosett, wo es im Winter besonders kalt war. Oft klemmte er eine Zeitung unter den Arm und fragte gebieterisch: „Wo ist mein Hader?“ Meine Großmutter Marie fand das abgetragene braune Ding dermaßen gräßlich, daß sie es sich nicht nehmen ließ, ihrem Schwiegersohn aus dickem Flanell einen schönen neuen Morgenrock anzufertigen, der aus liebgewordener Gewohnheit auch wieder Hader genannt wurde.

Wenn mein Vater jemanden für leicht verrückt hielt, apostrophierte er ihn mit dem tschechischen „blázen“, während Anny eher das jiddische „meschugge“ anwendete, nicht ohne einen anerkennenden Zwischenton.

Verrückt war bei ihr das Gegenteil einer kleinbürgerlichen Spießerhaftigkeit. Der sogenannte Surm, der sich für nichts interessiert und „mit dem Bierkrügel in der Hand“ stumpfsinnig im Gasthaus sitzt, war für sie so etwas wie ein Feindbild. Besonders vielseitig anwendbar war das Wort „nebbich“, mit dem sie prätentiös-aufgebauschte Berichte anderer Leute relativierte. Wo mein Vater wertloses Zeug eher als „hovno“, nämlich Scheißdreck, bezeichnete, bevorzugte sie „Tinnef“, und als Steigerung „Tinnef mit Lakref“. Über primitive Angeber machte sie sich gerne lustig. „Moische macht sach groiß“ war ihre bevorzugte Randbemerkung. Zu Spuren des Alters an einer Person äußerte sie gerne „nichts dauert ewig, auch der schönste Jud‘ wird schäbig“. Aufgetakelte Frauen, die lächerlich wirkten, wurden mit einem Zitat bedacht, das Großvater Duchoň, der Till Eulenspiegel von Mährisch-Weißkirchen, mitunter verwendet oder sogar kreiert hatte, nämlich: „Do hůby mrkvů, do řiti metlů, a bude z‘tebe pták“, was bedeutet „ins Maul eine Möhre, in den Arsch einen Schneebesen, und es wird ein Vogel aus dir.“ Manchmal bezeichnete sie eine Art von List oder Manipulation als „jiddische Chochmes“.

Eine gewisse Vorliebe hatte sie anscheinend auch für die jüdelnden Schlager der Dreißigerjahre mit unernstem Inhalt, obgleich sie diese mit einer Art herablassender Geringschätzung bruchstückweise zum Besten gab. „Was macht der Mayer am Himalaya“ und „Fräulein, bitte woll‘n Sie Shimmy tanzen, Shimmy Shimmy ist der Clou vom Ganzen“ gehörten dazu. Es fiel mir erst viel später auf, daß ihre deutschen Volkslieder todtraurig waren, während sie angesichts der jüdisch anmutenden Schlager eine Art von pfiffiger Ausgelassenheit entwickelte. Auch parodistische Verfremdungen schienen ihr Vergnügen zu bereiten, wie etwa „Blaue Luft, Blunzenduft, Leberwurst und Kraut, eß´ ich gern, eß´ ich gern, aber ohne Haut“, was, wie ich erst später feststellen konnte, ein Gedicht von Theodor Körner war, das ein Scherzbold umgearbeitet hatte. Ich erinnere mich auch daran, daß sie auf das Wagnersche Siegfriedmotiv „Sarah, haste gewaschene Fieß?“ sang.

Sie selbst wurde vor 1938 mitunter für eine Jüdin gehalten. Ihr gelegentliches Jüdeln wurde später als peiorative Verächtlichmachung des Jüdischen interpretiert, was gleichzeitg richtig und unrichtig war.

Der Einmarsch des Führers

Die Zeit, bevor Hitler in Österreich einmarschierte, erlebte ich als Stimmung lebhafter Diskussionen zwischen den Eltern. Meine Mutter war hier die Wortführerin, während Kommentare und Repliken des Vaters eher verhalten ausfielen.

Mir gefielen die mimisch und gestisch stark unterstrichenen politischen Analysen meiner Mutter gut. Die zuvor stets etwas lähmende Einförmigkeit und Tristesse wurde durch eine gewisse hoffnungsträchtige Erregtheit abgelöst. Ich verstand den Inhalt der Gespräche nicht, mischte mich aber gerne ein, indem ich erfundene Szenarien mit real existierenden Personen erstellte. Ich ließ Hitler, Schuschnigg, Seyß-Inquart und andere aufeinander los wie Teufel, Kasperl und Krokodil und formulierte aggressive Dialoge und Befehle. Eine weitere handelnde Person war die Frau Ef, deren Existenz auf einem akustischen Missverständnis beruhte. Es handelte sich um die Vaterländische Front, kurz VF genannt.

Obgleich ich natürlich nicht wußte, was sich in diesen Tagen anbahnte, merkte ich doch, daß die Eltern mit Hitler, der irgendwo in Deutschland sitzen mußte, sympathisierten. Das wiederholt zu hörende Wort „illegal“ war wohl mit Hitlers Freunden in Zusammenhang zu bringen. Bei meiner Großmutter tauchte einmal, als wir am Sonntag dort waren, ein halbwüchsiger Junge auf, welcher der Sohn eines Tapezierers namens Kirchlehner war und von Kommunisten bei einer Schlägerei verletzt worden war. Er wurde verarztet und gelabt; anscheinend war er illegal bei der Hitlerjugend. Das Ganze hatte etwas Spannendes, Verschwörerisches.

Eines Tages nahm die Aufregung atemberaubende Ausmaße an, es wurde Radio gehört, telefoniert, kommentiert. Dann zogen meine Eltern ihre Mäntel an und setzten Hüte auf; ich wurde mit einem von der Popp-Großmutter geschneiderten blauen Mantel bekleidet, dazu trug ich einen beigefarbenen Filzhut mit runder, aufgebogener Krempe und Schlaufe unter dem Kinn. Wir fuhren mit der Straßenbahn „in die Stadt“, um den Führer zu sehen, der an jenem Tag im Triumph in Wien einzog. Ich weiß noch, daß wir am Stubenring nahe dem Luegerplatz postiert waren; mein Vater setzte mich auf seine Schultern, damit ich im Gedränge nicht erdrückt würde und das große Ereignis besser verfolgen könnte. Unzählige Leute säumten die Prachtstraße, viele schwenkten Hakenkreuzfähnchen aus Papier, die an dünnen hellen Holzstäbchen klebten. Ich wollte auch ein Fähnchen haben und fuchtelte damit herum.

Nach einiger Zeit kamen Motorräder und Autos in großer Zahl, die Stimmung wurde orgiastisch. Man hörte einen tosenden Klangbrei aus „Heil“-Rufen und erregten Kommentaren. In einem offenen Wagen stand in einer bräunlichen Uniform ein Mann, der wohl der Führer sein mußte. Er hatte den rechten Arm am Ellbogen abgewinkelt und hielt den Unterarm hoch, wobei die Handfläche leicht zurückgebogen war, so als wolle er signalisieren: Leute, bleibt mir vom Leib.

Der Führer beeindruckte mich überhaupt nicht, wohl aber der bis zur Raserei gehende Enthusiasmus der Menschen. Ich fühlte, daß hier etwas Besonderes vor sich ging, daß hier die Summe isolierter Einzel-Iche zu einer Kraft von elementarer Wucht und Dynamik verschmolz. Als der Führer unseren Standort passiert hatte, setzten sich die Leute hastig in Bewegung, um ihn am Heldenplatz erneut zu sehen. Auch wir trieben uns dort herum, die Menschenmenge war aber so dicht, daß wir etwas abseits blieben. Ich war schon recht müde und habe nur eine vage Erinnerung an nasal bellendes Geifern und immer wieder aufbrausendes Getöse. Wenn ich mich nicht irre, begaben wir uns noch zur Mariahilferstraße, die der Konvoi später passierten sollte. Es war jedenfalls ein anstrengender Tag.

Es folgte eine Zeit der Euphorie, es war von „Überstellung“ die Rede, um die mein Vater ansuchen mußte, täglich wurde der „Völkische Beobachter“ gelesen. Auf dem Titelblatt war der Name der Zeitung in schöner Antiqua gedruckt. Ich kannte die meisten Buchstaben schon, und es gelang mir bald, mit Hilfe bereits bekannter Wörter auch die Bedeutung neuer zu erschließen. Das war unterhaltsam und interessant, alles war einfach weniger öde als bisher.

Gott-schütze-dich

Mein fünfter Geburtstag war im April 1938. Ich schlief damals in dem ausgezogenen Doppelbett der Eltern, da ich mich in meinem Zimmer oft fürchtete. Die Mutter mußte mir, wenn ich im Kinderzimmer schlafen sollte, die Hand halten und das Licht brennen lassen. Sie las meistens an meinem Bett in einem eigenen Buch, zog ihre Hand jählings weg, wenn ich ihre Fingerkuppen auf eine Art berührte, die sie nicht mochte und schien ungeduldig darauf zu warten, daß ich endlich einschliefe, was die Sache natürlich erst recht verzögerte.

Am Morgen des Geburtstags waren die messingfarbenen Vorhänge noch zugezogen und es herrschte warme Dämmerung. Ich sah die Umrisse von Märzenbechern und allerlei Dingen, die auf der Tischplatte verteilt lagen. Nach dem allgemeinen Erwachen durfte ich alles in Augenschein nehmen. Ich erinnere mich an keine Torte mit Lichtern, an keine richtige Feier, aber an ein Geschenk, das Olinek in einem hübschen Etui hingelegt hatte.

Es war eine emaillierte kleine Medaille, deren eine Seite das bekannte Engelchen nach Raffael mit pastellbunten Flügeln zeigte, das sich nachdenklich auf einen Arm stützt. Auf der anderen Seite stand in schwarzer Fraktur auf schneeweißem Grund geschrieben: „Gott schütze Dich!“ Das Medaillon war oval, mit einem schmalen goldenen Rand eingefasst und hing an einem dünnen Goldkettchen. Nach einigen Jahren geriet es in Verlust, worüber ich traurig war. Jahrzehnte später stellte ich fest, daß der Anhänger in ähnlicher Art wieder erzeugt wurde; die Schrift war aber dem Zeitgeschmack angepasst und gefiel mir nicht. Liebgewordene Dinge sind eben durch nichts zu ersetzen.

Eines Tages fand ich auf Grund von unklaren Bemerkungen meiner Eltern heraus, daß Olinek krank sein mußte, irgendwann fiel auch das Wort „Krebs“. Ich fragte, was das sei, worauf Anny sich ausführlich über die Heimtücke dieser Krankheit verbreitete.

„Am Anfang, da merkt man überhaupt nichts. Man glaubt, man ist gesund. Und wenn man dann Beschwerden kriegt, da ist es meistens schon zu spät. Da kann man operieren und bestrahlen, es nützt nichts mehr. Es entstehen im ganzen Körper Geschwülste, das sind die Metastasen, und die zerfressen alle Organe. Und zuletzt, ja, da kommen die Schmerzen! Da kann man nur noch Morphium geben, das ist eigentlich ein Gift, das wie ein Betäubungsmittel wirkt. Da dämmert der Kranke so dahin, bis es dann irgendwann aus ist. Der Krebs kann jedes Organ befallen.“

Als ich nun fragte, welcher Körperteil denn bei der Olinek befallen sei, sagte man mir nach kurzer Verlegenheitspause, sie habe Magenkrebs. Später stellte sich heraus, daß es Gebärmutterkrebs war, nur war die Gebärmutter ein Organ, dessen Funktion und bloße Existenz man mir nicht erklären wollte.

Olinek ging mit sorgenvoller Miene durch die Wohnung, und ich wurde angewiesen, nicht über ihre Krankheit zu sprechen und sie besser auch gar nicht zu besuchen, da sie das anstrengen würde. Es stellte sich später heraus, daß die Mutter den Krebs für möglicherweise ansteckend hielt, obgleich das von der Forschung bisher nicht hatte festgestellt werden können. Olinek wurde operiert und bestrahlt und fuhr danach zur Erholung in ein Sanatorium in Niederösterreich.

Von dort bekam ich, ich alleine, einen Brief von ihr, der in der Form eines Gedichtes abgefasst war und auch ein paar mit Tinte und Feder gemachte schwungvolle Zeichnungen enthielt. Es ist mir entfallen, was genau in dem Gedicht zu lesen war, jedenfalls endete es aber mit den Worten „schön grüßt dich deine Olinek“, was sich elegant auf die vorhergegangene Zeile reimte. Ich habe noch ihre große steile Handschrift vor Augen, mit spitzen Winkelbindungen. Das O von „Olinek“ war oben ein wenig eingerollt. Der Brief wurde zunächst aufbewahrt, verschwand aber in der Unruhe der folgenden Jahre.

Am Sonntagberg

Eines Tages erfuhr ich, daß ich ein Geschwisterchen bekommen würde. Fragen zu diesem Thema wurden mit Hüsteln sehr unklar beantwortet. Im Frühsommer 1939 war meine Mutter hochschwanger, und wir mieteten uns bei einem Bauern namens Ebner in Kematen am Sonntagberg ein.

Das Wetter war anfangs kühl und feucht, und der Aufenthalt in dem ungemütlichen Zimmer, das eigentlich fast nur Betten enthielt, war mehr als unangenehm. Ich wußte nicht, was ich den ganzen Tag über anfangen sollte. Da man damals normalerweise kein Auto besaß, reiste man mit der Bahn oder dem Autobus und konnte folglich nur das Nötigste mitnehmen, wozu das Spielzeug nicht zählte. Ich mußte mich also mit einem Blatt Papier und einem Bleistift zu meiner Unterhaltung begnügen.

Da das Haus tief in eine abschüssige Wiese geduckt lag, waren die Fenster von innen gesehen auf der Hangseite etwas erhöht und mit hölzernen Parapeten versehen. Die ganze Fensterseite entlang lief eine Holzbank, auf der ich stehend zeichnete und das breite Fensterbrett als Unterlage benützte. Ich war sehr verdrießlich und machte mir Luft, indem ich viele bogenförmige Hinterteile zeichnete, die längliche, schwarz ausgemalte Würste absonderten. Ich kritzelte aber auch Engelchen auf das Papier. Diesmal wurden Doppelbögen in senkrechter Anordnung gezeichnet, in der Mitte deutete ein spitzer kleiner Fortsatz die Nase an, in einem zu drei Vierteln vom Betrachter abgewandten pausbäckigen Profil. Spiralenförmige Linien stellten die Locken dar, die ich mir blond dachte, jedoch keinen gelben Farbstift zur Verfügung hatte. Der Körper war mit einer Art Nachthemd mit breiten, tütenförmigen Ärmeln verhüllt, die Finger waren kleine Zacken.

Meine Mutter, die wegen „ihres Zustands“ nicht sehr aktiv war, klagte darüber, daß in dem Zimmer wegen knuspernder Geräusche Mäuse zu vermuten waren, ja sie entdeckte sogar deren Exkremente in ihrem Bett. Es muß für sie furchtbar gewesen sein, da sie in gleichem Maße über Mäuse in Panik geriet, wie ich über Spinnen.

Als das Wetter schön wurde, sah man auf den Wiesen junge Frauen in blauen Kleidern mit roten Kopftüchern, die hinten gebunden waren, Heu machen. Das waren die so genannten Arbeitsmaiden, die gerade den obligaten Reichs-Arbeitsdienst ableisteten. In der Nähe des Wallfahrtsortes Sonntagberg mit der barocken Kirche war irgendwo ein Lager, in dem sie kaserniert waren. Die blauen und roten Kleckse auf dem Grün der gemähten Wiesen waren ein farbenfroher Anblick. Am Sonntag schwärmten die Mädchen in ihren Galauniformen aus. Das waren grünlich-braune, klassisch geschnittene Kostüme mit weißer Bluse; zwischen den Kragenspitzen saß eine große runde Brosche aus bronzeartigem Metall mit Hakenkreuz und Kornähren. Viele trugen ein Hütchen in der Farbe des Kostüms und sahen sehr schick aus. Alle schienen fröhlich, hübsch und gesund zu sein.

Mein Vater, der nur zum Wochenende kam, erschien eines Tages und machte mit uns einen Spaziergang auf einem breiten Waldweg. Helle Sonnenflecken wechselten auf dem Boden mit tiefen Schatten, und irgendetwas an der Stimmung ließ mich Böses ahnen. Dann sagte der Vater, daß die Urli, meine Urgroßmutter Fanny Friedrich, jetzt im Himmel sei. Ich war schockiert und brach in reflexartiges Weinen aus. Die Eltern trösteten mich, und der Vater fuhr allein nach Wien zurück, weil ein Begräbnis für Anny „in ihrem Zustand“ anscheinend für unzumutbar gehalten wurde, vielleicht dachte man auch, es wäre für mich abträglich. Jedenfalls erinnere ich mich nicht, daß wir ihr die letzte Ehre erwiesen hätten. Urli hatte ihren Tod für den Fall angekündigt, daß wir nach Deutschland, ins „Altreich“ gehen würden, und das war zu jenem Zeitpunkt bereits so gut wie sicher. Ein Leben allein mit ihrer kranken, traurigen Tochter schien ihr wohl nicht lebenswert.

Ingrid

Damals, lange vor der Erfindung der Ultraschalldiagnostik, war die Erwartung eines Babys viel spannender als in späteren Zeiten. Man hielt noch streng darauf, daß kleine Buben hellblau, Mädchen rosa angezogen wurden. Es war schön, bei der Vorbereitung der Babywäsche zuzusehen. Auf ein weißes Jäckchen stickte die Mutter eine Bordüre aus rosa Röschen und hellgrünen Lebensrunen, auch Gesundheitsrunen genannt. Sie drehte für die Blümchen das Moulinetgarn zwischen Daumen und Zeigefinger und erzeugte dadurch einen kleinen Wulst, den sie mit der Nadel durchstach und fixierte, sodaß das Ergebnis winzigen Knospen glich. Steckkissen, sogenannte Wickelpolster, mit Stickerei und Volants, sehr prächtig, waren noch gebräuchlich.

Steppdecken für den Kinderwagen hatten oft eine rosa und eine hellblaue Seite. Der neue Kinderwagen selbst war mit cremegelbem und weißem Wachstuch bespannt. Das Verdeck bestand aus einem plachenartigen Dach, das wie bei einem Cabriolet zurückgeschoben werden konnte; die Seitenfenster klappte man bei schönem Wetter herunter. Ich fand dieses Patent großartig und untersuchte alles genau.

Die Räder waren niedrig, sodaß die Gefährte solide und schwerfällig wie Panzer wirkten. Es gab auch Wagen aus Korbgeflecht, die als der Gipfel des Luxus galten und sehr teuer waren. Wir begnügten uns mit einem preiswerten Modell. Ich genoß das alles und war mit dem Leben zufrieden.

Als Ingrid da war, gab es ein Quäntchen unausgesprochene Enttäuschung, da damals die Ankunft eines „Stammhalters“ allgemein bevorzugt wurde, besonders von den Vätern. Weil aber Ingrid so auffallend hübsch und anscheinend gesund war, verbreitete sich allgemeine Freude und Zufriedenheit.

Als meine Mutter mit dem Kind nach Hause kam, bezog sie mich in die Fürsorge ein, ließ mich kleine Handreichungen machen und gab mir das Gefühl, gleichfalls sehr wichtig zu sein. Alles war recht anheimelnd.

Kaltenleutgeben

Ein paar Wochen später fuhren wir zur Erholung nach Kaltenleutgeben bei Wien in eine etwas verwahrloste Villa, die von einer alten Frau vermietet wurde. Es lebte dort auch ein Schäferhund, der in dem abschüssigen, sehr verwilderten Garten umherlief und von Ungeziefer befallen war. Einmal hüpfte ein Floh über Ingrids Steckkissen und war in seiner bräunlichen Schwärze auf dem schneeweißen Baumwollstoff gut zu erkennen. Ich erlegte ihn, indem ich mit dem Zeigefinger nach ihm stach und ihn zerdrückte, worauf ich sehr stolz war. Flöhe waren damals im übrigen nichts besonderes; nach fast jedem Kinobesuch kam man mit mindestens einem Floh nach Hause.

In Kaltenleutgeben gab es eine Zementfabrik, die gewaltige Staubwolken absonderte, und ein Schwimmbad, das von einer gewissen Frau Semler betrieben wurde. Das Bad befand sich neben einer gelben Villa mit brauner Holzveranda und durchbrochenen Dekorverschalungen. Hier wohnte meine Großtante Poldi Gröpl, eine Schwester meiner Großmutter Marie Popp. Sie war ebenfalls aus Mährisch-Weißkirchen nach Wien gezogen und hatte dort einen stillen Oberlehrer namens Ferdinand Gröpl geheiratet. Ihr Sohn, der den Vornamen seines Vaters trug und Fery genannt wurde, war gleichfalls Lehrer und schien sehr feinsinnig zu sein; jedenfalls dichtete er. Seine hübsche Schwester hieß wie ihre Mutter Leopoldine, genannt Poldi.

Onkel Fery besuchte uns in der vergammelten Villa und trug eine kurze Lederhose, was zu seinem blässlich-schöngeistigen Habitus nicht so recht passte. Er unterhielt sich oft und lang mit meiner Mutter; mir gegenüber machte er gönnerhafte Bemerkungen, über die ich mich ärgerte. Später heiratete er eine brünette Lehrerin namens Hertha, von der Anny meinte, sie verstehe ihn seelisch nicht und sei überhaupt für ihn viel zu grobschlächtig. Jahre später starb er in Stalingrad an Typhus. Anny wies gerne darauf hin, daß sein letzter Brief an sie gerichtet war.

Tante Poldi, die Ältere, böhmakelte noch kräftig wie ihre Schwester Marie. Einmal waren wir bei ihr zur Jause in ihrer sauberen und ordentlichen Veranda eingeladen. Es gab eine von ihr selbst gemachte Kaffeecremetorte. Die war sehr hoch und mit kunstvoll gespritzten Cremekringeln verziert, auf denen Mokkabohnen aus Bitterschokolade prangten. Die Kaffeetafel war mit einem aufwändig bestickten Tischtuch gedeckt, das Service hatte Blümchen und einen Goldrand, und ich war über diese adrette Pracht sehr beglückt.

Anny hätte es als Zeitverschwendung betrachtet, sich mit der Anfertigung einer so prunkvollen Torte zu beschäftigen. Das von ihr gekochte Essen war einfach, gut und bekömmlich, und sie dachte auch stets an die nötigen Vitamine, was zur damaligen Zeit sehr fortschrittlich war. Luxus und Verspieltheit im kulinarischen Bereich waren ihr aber völlig fremd. Das Essen, von ihr mitunter lieblos als „die Fresserei“ bezeichnet, war für sie lediglich eine Notwendigkeit.

Aber zurück zu Tante Poldis Veranda. Von hier aus konnte man auf ein Schwimmbad sehen und durch den Hall verwischtes fröhliches Rufen, Quietschen, Klatschen und Spritzen der Badegäste hören. Es gab zwei Schwimmbecken. Das eine Becken enthielt sauberes und klares Wasser, das aber sehr kalt war. Das Wasser des anderen war grüngelb und fast lauwarm, vermutlich mit beträchtlichen Urinbeimengungen. Ich nehme an, daß die Sanitätspolizei nach späteren Maßstäben dort eingeschritten wäre.

Manchmal gingen wir auf die sogenannte Doktorwiese, die später ein Truppenübungsplatz wurde, im Sommer 1939 aber nicht gemäht war. In schwelgerischer Buntheit schwankten hier abertausende Wiesenblumen im Wind. Die Mutter stellte oft einen Strauß für das Zimmer zusammen, den sie mit ausgestrecktem Arm sorgfältig prüfte und ihm viel von seiner Zufälligkeit und Wildheit beließ.

Wenn wir dann wieder in der Flohvilla waren, empfand ich das Dasein neuerlich als sehr öde. Eine etwas ordinäre Frau, die auch irgendwo im Haus ein Zimmer hatte, ließ sich herbei, mir aus einem in der Villa vorgefundenen Kinderbuch vorzulesen, das „Osterhasengeschichten“ oder so ähnlich hieß. Aus unerfindlichen Gründen störte es sie, daß doch tatsächlich jede der kurzen Erzählungen vom Osterhasen handelte, obgleich das nach dem Titel nicht anders zu vermuten war. Ab der zweiten Geschichte brach sie jedes Mal ab, wenn neuerlich ein Osterhase auf den Plan trat. „Scho wieder von an Hos‘n“, sagte sie in breitestem Dialekt und ging zum nächsten Kapitel über, wo erwartungsgemäß ein weiterer Hase ihren Unmut erregte.

Im Garten der Villa wucherten die Sträucher hemmungslos; es war hier abschüssig und schattig, das Gras war im Spätsommer schon verdorrt, niemand sprengte den Rasen. Es war entsetzlich langweilig, und kaum jemand hielt sich hier länger auf, zumal es keine Gartenmöbel gab.

Traurige Klänge

Am Rand einer Nebenstraße des kleinen Ortes stand eine dörfliche barocke Kirche, die meine Großmutter einige Male mit mir besuchte. Im Vorraum hing ein hölzerner, farbig gefaßter Kruzifix. Ich schaffte es kaum, ihn anzusehen. „Ich kann den Mann nicht anschauen“, sagte ich zum Entsetzen der Großmutter, die dazu meinte, nur der Teufel habe Angst vor dem Kruzifix. Es war aber nun einmal fürchterlich, einen Menschen zu sehen, der irgendwo angenagelt war und bei dem das Blut in dicken Tropfen neben den Nägeln hervorquoll. Dazu noch eine große, klaffende Wunde in der Rippengegend. Wer hatte das getan, warum, wozu? Wem konnte so etwas nützen? Der geköpfte Hirsch aus Mariazell, das kranke Pferd aus dem Traum und der gekreuzigte Gott, das war kaum zu ertragen. Mir schwante, daß Gott mich vielleicht nicht mochte und ich ihn auch nicht so wirklich. Gedanken solcher Art wies ich aber von mir, weil das einfach nicht sein durfte.

Täglich läuteten die Glocken am frühen Abend. In einer Art triolenartiger Gruppierung erklangen in immer wiederkehrendem schnellem Hintereinander drei Töne. Vom Grundton, der am stärksten betont war, ging es eine reine Quart abwärts, von dort wiederum eine große Sext aufwärts und danach eine große Terz abwärts, womit der Grundton wieder erreicht war. Natürlich wußte ich von all dem noch nichts, die Tonfolge blieb mir aber in unauslöschlicher Erinnerung. Der Klang kehrte wieder und wieder und erzeugte in mir ein Gefühl der Trübsal, die durch das scheinbar heitere Dur noch verstärkt wurde. Es war, wie wenn jemand, den man ins Gesicht geschlagen hat, einen anlächelt. Dazu schien die Abendsonne mit dem abgeklärten Glanz des Spätsommers so unendlich triste.

Das erinnerte mich an das traurige Lied von der goldenen Abendsonne, das ein Soldatenchor in einer Radiosendung gesungen hatte und das auch sonst anscheinend allgemein bekannt war. Der Text (damals „die Worte“ genannt) lautete: „Als die gold‘ne Abendsonne sandte ihren letzten Schein, zog ein Regiment von Hitler in ein kleines Städtchen ein. Traurig klangen ihre Lieder durch die kleine stille Stadt, denn sie trugen ja zu Grabe einen Hitlerkamerad.“ Das Lied erhielt allerdings einen forschen und beinahe ironischen Beigeschmack durch sein breites Dur und dadurch, daß die Worte „letzten Schein“ und „stille Stadt“ gleichsam echoartig nachäffend wiederholt wurden.

Wirklich schwermütig war hingegen ein Lied, das auf den misslungenen Putsch der Nationalsozialisten vor der Münchener Feldherrnhalle gemünzt war, wir mir später erklärt wurde. „Der Himmel grau und die Erde braun, da schritten die Männer zum Sturme. Und die Glocke klang und die Glocke sang ihren letzten Gruß vom Turme.“ Die Melodie (damals „die Weise“ genannt) war in Moll, das ja gemeinhin als traurig gilt. Es war in sich stimmiger und erzeugte nicht die Empfindung des Grinsens angesichts des Grauens.

Als wir nach Wien zurückkehrten, war ich froh, daß es nun keine Flöhe und kein trauriges Geläute mehr gab.

Krieg

Ab dem Sommer 1939 war ständig die Rede von der Versetzung meines Vaters in das so genannte Altreich, wobei Berlin und Karlsruhe im Gespräch waren. Einer der beiden Orte würde es werden, wir würden dann dorthin übersiedeln, und überhaupt würde alles ganz anders werden.

Jeden Tag um die gleiche Stunde stellte die Mutter das Radio auf den Sender Bratislava, von wo ein politischer Kommentar in tschechischer oder slowakischer Sprache (die Anny gut verstand) ausgestrahlt wurde. Stereotyp fragte eine männliche Stimme jedes Mal „bude válka?“ Mir fielen diese oft wiederholten Worte auf, und ich erfuhr, daß das wörtlich „wird Krieg?“ hieß. Ich habe auch noch die immer wieder vorkommende Phrase „pravda vitĕzí“ im Ohr, was „die Wahrheit siegt“ heißt.

In der Zeit des Schulanfangs und der Planungen für Berlin brach der Krieg aus. Irgendwie ging das Ganze an mir vorbei; zu wichtig waren die Änderungen im persönlichen Leben, auf die der Kriegsausbruch keinen Einfluß hatte. Es schien auch so, daß die Spannung, die vorher geherrscht hatte, durch konkrete Ereignisse ersetzt wurde, die man empfand wie eine erlösende Gewissheit, deren Schattenseiten man in Kauf nimmt. Es war einfach soweit, das seit Langem Erwartete war eingetreten, und man vertraute darauf, daß der Führer das Richtige tat.

Meine Mutter zog anscheinend in keiner Weise in Betracht, daß die von ihr so gerne geschilderten Fürchterlichkeiten des Ersten Weltkrieges nun auch wieder in gleicher Weise stattfinden könnten. Schließlich konnten nun keine jüdischen Fabrikanten mehr Winterstiefel mit Pappsohlen für die Soldaten erzeugen. Man reagierte auf das einschneidende Ereignis ohne hysterischen Enthusiasmus, aber auch ohne Furcht oder Panik. Es war wie eine eherne Notwendigkeit, an der es nichts zu hinterfragen gab und die als Preis für eine befreite und glorreiche Zukunft des Deutschen Volkes und mithin jedes einzelnen verstanden wurde. Alles schien wohlbedacht, man war bestens gerüstet, man hörte, wie schnell die deutsche Armee in Polen vorankam und nahm das als Zeichen, daß alles gut gehen würde. Man glaubte, daß unzweifelhaft die Feinde begonnen hätten zu schießen, wie es der Führer in einer Botschaft an das Volk kundgemacht hatte.

Der Polenfeldzug war ein Anlaß, sich ein wenig mit Geographie zu beschäftigen. Mein Vater liebte Landkarten, und es wurde im Zusammenhang mit Nachrichten und Zeitungsmeldungen festgestellt, bis wohin die deutsche Armee bereits vorgedrungen war. Als die Frontlinie sich immer mehr nach Osten auszubuchten begann, nahm Deutschland einen rundlichen Grundriß an. Man setzte die Frontlinie mit der Landesgrenze gleich. Ich schrieb mit ungelenken Buchstaben auf ein Blatt Papier: „Deutschland ist ein Knödel.“ Man sagte mir, daß ich das nicht schreiben oder sagen sollte, denn das könnte ja vielleicht jemand so verstehen, daß ich Deutschland lächerlich machen wolle, und da könne man vielleicht Schwierigkeiten bekommen. Ich dachte, daß die Leute doch alle miteinander sehr komisch seien.

Was mein Vater über den Krieg wirklich dachte, weiß ich nicht. Er kam meistens sehr spät nach Hause, oft schlief ich bereits. Als ich einmal wissen wollte, was er denn im Büro tue, sagte er „Akten erledigen“, worunter ich mir nichts vorstellen konnte, ich begnügte mich aber mit der Auskunft.

Erste Schulzeit und die Tücke der Objekte

Die Entscheidung bezüglich der Versetzung ins „Altreich“ zog sich eine Weile hin, sodaß ich im September zunächst noch in Wien in die Volksschule eintrat.

Ich fürchtete mich schon ein wenig davor. So hoffte ich inständig, daß ich eine Lehrerin bekommen würde und nicht etwa einen Lehrer. Von Lehrern hatte ich schon genug gehört, so etwa vom Lehrer Bauch, alias Flieder, der Anny beim Geigenunterricht immer den Rhythmus auf ihre Füße gestampft hatte.

Aus Anlaß des Schulbeginns bekam ich von Gretl Schöps, die ich eigentlich gar nicht mochte, ein hübsch bebildertes Buch in Querformat, das mit einer Widmung versehen war, von der ich noch weiß, daß sie mit dem 6. September 1939 datiert war. Es handelte von zwei Mäusen namens Pops und Pepi, die fröhlich in Speisekammern zwischen tönernen Milchtöpfen und löchrigem Emmentalerkäse ihr Unwesen trieben. Pepi fing sich in einer Mausefalle, und Pops konnte „dem armen Pepi“ nicht mehr helfen. Der Erzähler faßte sein Bedauern in den leichten Ton einer gewissen Belanglosigkeit dieser traurigen Geschichte. Ich litt mit Pepi wegen seines unentrinnbaren Schicksals und empfand, wie noch öfter, die Unvereinbarkeit zwischen Erwägungen der Vernunft und der Sachzwänge auf der einen Seite und der einfühlenden Empathie andererseits.

Vor Schulanfang wurden die nötigen Utensilien gekauft. Großvater Popp bestand darauf, daß es das Beste vom Besten sein mußte. Meine Schultasche, die den Krieg lange überdauerte, war aus dickem dunkelbraunem Leder, durch das aderähnlich geprägte Furchen liefen. Ein starker Riemen war unter solid genieteten Lederlaschen auf der Rückseite an drei Stellen durchgezogen, auf der Außenseite diente ein silberfarbener Metallclip mit drei einschnappenden Zähnen als Verschluß, verstärkt durch Schnallen mit Riemchen an beiden Seiten. Der Griff war hart und robust, die Tasche duftete herrlich nach Leder, war aber für mich zu groß und sah wie der Besitz eines Beamten aus. Ich hätte gerne ein schickeres Modell gehabt, nach Art eines kleinen Tornisters, am liebsten in Rot oder Gelb, was aber als Firlefanz abgetan wurde. Ähnlich war es mit dem Pennal, pläonastisch „Federpennal“ genannt. Es gab lustige Holzkästen mit Schiebedeckel zu kaufen, teilweise mit bunten oder eingebrannten Motiven darauf. Ich bekam aber ein hochnobles Etui aus glattem braunem Leder, mit Schnappverschluß aus Metall. Es wurde sehr bewundert, roch ebenfalls sehr gut und enthielt in Lederschlaufen alles zum Schreiben Nötige.

Der erste Schultag war zu jener Zeit noch eine feierliche Sache, und man wurde dafür ganz besonders herausgeputzt. Ich trug ein Mantelkleid aus braunem Samt mit rundem Spitzenkragen in ecru, von Omama perfekt genäht. Um meine kurzen, dünnen Zöpfe wurden passende Seidenschleifen, genannt Zopfmaschen, gebunden.

Meine Volksschule war in der Michaelerstraße. Olinek, die damals schon krank, aber noch in erträglichem Zustand war, begleitete mich zur Schule. Das Klassenzimmer war dunkel, die Schulbänke schienen uralt und abgenützt und sahen aus, als könne man sich alle Augenblicke einen Schiefer einziehen. Die Schreibflächen waren schräg, das Licht kam, wie es sein soll, von links. Die Lehrerin hieß Frau Hlawaczek und trug einen dunkelgrauen Arbeitsmantel aus Kloth, einem leicht glänzenden Baumwollstoff. Sie erschien mir ziemlich alt, trug nickelgerandete Brillen und verbreitete eine Atmosphäre stiller Liebenswürdigkeit und Fürsorge.

Anstelle einer Fibel bekam jedes Kind eine Mappe aus dünnem Karton in einer Pastellfarbe, in die man nach und nach beschriebene Blätter einheften konnte. Das Deckblatt war mit der Figur eines Mädchens mit Zöpfen und Schultasche verziert, umgeben von einem bunten Blumenkranz. Jedes Kind bekam ein Unikat. Die Motive waren von einer höheren Klasse aus glänzendem Buntpapier für die Kleinen geklebt worden. Die Einlegeblätter waren in Kurrentschrift geschrieben und auf Spezialpapier mit kreidiger Oberfläche in einer Art Hektographieverfahren kopiert worden. Die Texte waren ganz persönlich auf die Klasse zugeschnitten. Der erste Satz lautete: „Elfi, Liane, Ilse, Traute kommen heuer in die Schule.“ Alle kamen in weiterer Folge in den kleinen Geschichten der Fibel vor. Die Methode des Lesen- und Schreibenlernens war grundlegend anders als in Berlin, wie ich später sehen konnte.

Man plagte sich mit den Gebrauchsgegenständen des Schulalltags weidlich ab, wie sich bald herausstellte. Federhalter, in Österreich Federstiele genannt, waren aus farbenfroh lackiertem Holz und hatten am dickeren Ende einen blecherner Einsatz mit Schlitzen, in die man Stahlfedern steckte. Man tauchte sie zum Schreiben in ein gläsernes Tintenfaß, das in Aussparungen am rechten oberen Ende jedes Pults versenkt war. Der Schulwart, damals teilweise noch Schuldiener genannt, mußte für das Vorhandensein von Tinte sorgen. Die war mitunter vertrocknet oder enthielt klebrige Flusen, die sich dann in der gespaltenen Federspitze verfingen und ungleichmäßig verdickte Striche oder gar die gefürchteten und verpönten Tintenkleckse erzeugten.

Man mußte auch darauf achten, den Federstiel nicht zu tief einzutauchen und die überschüssige Tinte am Rand des Tintenfasses abzustreifen, da die Farbe von den Fingern nur schwer zu entfernen war. Ich erinnere mich daran, fast immer einen dunkelblauen rechten Mittelfinger gehabt zu haben. Man mußte auch für jedes Heft ein Löschblatt haben, ohne das die Blätter zu einem verschmierten Chaos geraten wären. Das Ganze war eine schwierige und mühselige Angelegenheit, weshalb man anfangs noch mit Bleistift schrieb. Füllfedern mit Kolbenaufzug gab es zwar schon, man durfte sie aber erst in höheren Schulstufen verwenden, da der Umgang damit einige Geschicklichkeit erforderte Kugelschreiber kamen bei uns erst nach dem Krieg in Gebrauch und galten lange als Luxus.

Der Bleistiftverlängerer diente dazu, das Schreiben auch mit ganz kurzen Stiften zu ermöglichen. Man steckte den Stummel in einen dicken hohlen Holzstiel, dessen Durchmesser man mit einem bunten verschieblichen Ring regulieren konnte, sodaß auch kürzeste Bleistifte fest im Stiel saßen. Damals war diese Sparmeisterei völlig normal

Liane Rubas besaß einen Gegenstand, um den ich sie glühend beneidete. Es war ein vanillepuddinggelber breiter Ring aus einem Kunststoff namens Galalith. Wie eine Kamee saß das Emblem der Backmittel- und Puddingpulverfirma Dr. Oetker (von unserem späteren Hausmädchen beharrlich „Oteker“ genannt) an der Stelle eines Edelsteins in kontrastierender Farbe auf dem Ring. Es war der reliefartige Lockenkopf einer Frau mit klassischem Profil. Man mußte nur drei Packungen Puddingpulver kaufen, um in den Besitz dieses Kleinods zu gelangen. Ich äußerte den Wunsch nach einem solchen Ring, den es auch in anderen Farben gab, mehrfach. Zu Hause vergaß man immer wieder auf den Kauf des Puddingpulvers und maß dem Besitz des Galalithjuwels anscheinend keine Bedeutung bei. Eine Freundin schenkte mir dann einen Ring in hellgrün, aber der war mit der Prächtigkeit eines gelben Exemplars nicht zu vergleichen.

Einstimmung auf Berlin

Eines Tages fiel die Entscheidung, daß mein Vater nach Berlin ins Innenministerium gehen würde. Als er vor uns nach Berlin fuhr, um dort einiges zu regeln, fehlte er mir eigentlich nicht. Wenn er bei uns war, wurden immer irgendwelche schwerwiegende Dinge erörtert, die ich nur teilweise oder gar nicht verstand. Er machte sich stets Sorgen darüber, ob dieses oder jenes einen guten Eindruck machen würde, ob das Verhalten dieser oder jener Person in einem Zusammenhang mit einer gegen ihn gesponnenen Intrige stehe und ähnliches mehr. Es wurden reichlich Namen mir unbekannter Personen genannt und Überlegungen angestellt, welche Rolle diese wohl spielten und wie das Ganze zu interpretieren sei.

Für mich begann nun eine lustige Zeit. Meine Mutter und ich spielten täglich „Wiener und Berliner“, das heißt, wir führten aus dem Stegreif Dialoge zwischen einem imaginären Berliner und einem Phantasiewiener. Die Rollen wurden immer wieder getauscht, wobei sich jede bemühte, den jeweiligen Dialekt möglichst perfekt nachzuahmen. Man hatte aus Radio, Kino und Witzblättern eine gewisse Ahnung davon. Es ging in diesen Gesprächen um Missverständnisse, die der unterschiedlichen Terminologie im Alltagswortschatz entsprangen.

Das Ganze hörte sich dann etwa folgendermaßen an: „Mensch, jeben Se mir mal ‚nen schön‘ Blum‘kohl und ‚n Pfund Möhren!“ „Woos woll‘n S‘? Des homma net“. „Wat denn, wat denn junge Frau, det seh‘ ick doch, dat Se Blum‘kohl und Möhren haam!“ „Naa! - Ah, Se manan Karfiol und Karotten! Des miaß‘n S‘ glei sog‘n!“ Oder: „Mensch, wenn Se so‘n Dussel sind, setzt‘s ne Backpfeife!“ „Backpfeife! Wos is‘n des fir a Bledsinn! A Watsch‘n wer‘n S‘ kriagn, doß in Stephansturm fir a göbe Ruab‘n auschaun!“ Ich lachte mich schief bei diesen Spielen, wobei es unwichtig war, daß die Diktion wohl nicht immer ganz originalgetreu ausfiel. Die kleine Ingrid schlief friedlich grunzend in ihrem Bettchen, und es war sehr gemütlich.

Die Mutter strickte damals gerade ein Kleid für mich aus einem heute nicht mehr verwendeten Material, das man „Glaswolle“ nannte. Schon damals begann man Kunstfasern herzustellen; es galt als sensationell, daß man unglaublicherweise Glas oder Holz zu Textilfäden verspinnen konnte. Das Material für mein Kleid war schneeweiß mit Noppen in allen Regenbogenfarben und gleißte betörend. Leider dehnten sich schon während des Strickens die Maschen dermaßen, daß das Werkstück immer länger und länger wurde und zuletzt bedauerlicherweise unbrauchbar war. Es gab natürlich auch gelungene Stücke aus normaler Wolle, und ich machte mich gerne nützlich, indem ich zum Wollewickeln bereitwillig die Hände und Unterarme ausstreckte, auf welche die Wollsträhnen gehängt und von dort zu Knäueln abgewickelt wurden.

Der Vater suchte inzwischen in Berlin eine Wohnung für uns. Eines Tages hatte er eine geeignete gefunden, in der Bayreutherstraße in Berlin West, Schöneberg. Er schickte einen mit der Füllfeder gezeichneten Wohnungsgrundriß, damit wir inzwischen nachdenken könnten, wie die Räume gewidmet werden sollten. Ich fand großen Gefallen an diesen Überlegungen, und wir machten abends beim Schein der Tischlampe Pläne. Die Mutter sprach mit mir wie mit einer erwachsenen Person, und ich war stolz darauf, daß meine Ideen anscheinend in die Überlegungen einbezogen wurden.

Unter Hitler wurde das sogenannte Pflichtjahr eingeführt. Abgängerinnen der Pflichtschule wurden im Alter von vierzehn Jahren verpflichtet, ein Jahr als Haushaltshilfe zu arbeiten, wobei Familien mit Kindern Anspruch auf ein Mädchen hatten. Vorgesehen und gesetzlich geregelt waren Kost, Quartier, Taschengeld, Freizeit und Familienanschluß. Die Mädchen sollten in allen Belangen des Haushalts und der Kinderpflege unterwiesen werden und durch die Praxis einiges lernen. Bei uns tauchte in Wien im Spätherbst 1939 ein Mädchen aus Münichschlag bei Neu-Bistritz im Waldviertel auf, das damit einverstanden war, mit uns nach Berlin zu gehen.

Sie hieß Marie Friedrich, war groß und hager und verkörperte das, was man damals als Hopfenstange bezeichnete. Sie trug ein grün kariertes Winterkleid aus Flanell, roch nach Achselschweiß, zog die Schultern hoch und bewegte sich ein wenig verkrampft. Sie hatte ein langes Gesicht wie von Modigliani, mit einer etwas schiefen Nase, deren äußerste Spitze nach oben zeigte und ihrem Gesicht etwas Pfiffiges verlieh. Sie war aber, zumindest anfangs, sehr schüchtern, und es war kaum ein Wort aus ihr herauszubekommen.

Noch vor Weihnachten 1939 fand der Umzug nach Berlin statt. Der Vater kam nach Wien, um uns hier abzuholen und mit uns die Reise im Schlafwagen zu absolvieren. Marie sollte nachkommen.

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