Neu-Autorenbetreuung mit System

Leseprobe:
Die Fliege - Familiendrama,
von Rita Zecher

Vorlage_Leseprobe_1104

Kapitel 1

Die Giftspritze

Sie kommt immer wieder und setzt sich auf mein Bein. ‚Was sie wohl will?‘, denke ich und verscheuche die lästige Fliege. Blitzschnell ist sie wieder da und setzt sich auf das gleiche Stückchen Haut. Ob sie meinen Schweiß leckt? Die Sonne blendet und brennt angenehm, ich sitze im leichten rosa Sommerkleidchen auf einem alten Gartenstuhl und schaue in die wuchernden Pflanzen und Blumen von Stans ökologischem Hobbybauernhof, wo ich eine Wohnung gemietet habe, eine hübsche, idyllisch ausgebaute Scheune. Immer wieder schüttele ich die lästige Fliege ab, bis ich sie mir anschaue: eine wunderschöne Kreatur, grün-metallisch glitzernder Körper, der goldene Funken versprüht, blutrote Augen, silberne Flügel. Minutenlang bewundere ich sie, sie verharrt in meiner liebevollen Betrachtung. Dann fliegt sie weg, zufrieden, und lässt mich in Ruhe.

Gegen Abend sitze ich im Dachzimmer, verbannt aus meinem Wohnzimmer. Neben dem Bett stehen Kisten mit Büchern und offene Taschen mit Klamotten. Ich liege verkrampft auf einer alten Gartenliege von meiner Mutter, die mit neunzig Jahren unvorhergesehen bei mir eingezogen ist.

Unten sind die Lichter aus, die Mutter schläft schon oder noch immer – sie ist nur ein paar Stunden am Tag wach. Ihre Anwesenheit füllt die komplette untere Etage, mein Wohnzimmer, die Küche, das Badezimmer. Ihr kranker Kater döst auf der

Fensterbank, keine Nacht, wo er sich nicht erbricht, irgendwohin, auf die Fliesen, den Tisch, das Bett, einen bräunlichen Brei, den er aus der Tiefe seiner Gedärme hinaufwürgt und mit einem spitzen Schrei in hohem Bogen in die Welt spuckt.

Ich verrutsche auf der alten Liege, vermisse meinen teuren Ledersessel, den ich untergestellt habe bei Self-Storage, wo ich einen siebzehn Kubikmeter Stellraum miete. Dort sind auch ein paar gut erhaltene Möbel meiner Mutter gelandet – Waschmaschine, Kühlschrank und Holztisch – alles andere war zerkratzt durch Katzen und Hunde, die sie die letzten dreißig Jahre bei sich hatte - in der Erwartung, dass mein jüngster Sohn Ituah seine eigene Wohnung einrichten wird in Dormagen.

Materiell ist meine Mutter wie auch ihre Mutter immer großzügig gewesen. Geld war da gewesen, um es auszugeben. Aber das Akzeptieren von anderen Meinungen, das Relativieren des eigenen Standpunktes, darin waren die Frauen in meiner Familie weit weniger großzügig. Meine Mutter empfindet die meisten Leute dumm oder langweilig, nicht der Rede wert, Schwachköpfe, auf die man verzichten kann! Ab und zu hat eine Verliebtheit, ob in Mann oder Frau, sie leidenschaftlich geblendet. War der Wahn vorbei, hinterließ sie achselzuckend zerstörte Seelen.

„Meine Seele wird sie nicht kriegen!“, habe ich mir heimlich als Kind schon gesagt.

Einerseits liebte ich sie wahnsinnig, andererseits hielt ich zu ihr eine wachsame Distanz. Seit ich existiere, kämpfe ich mit meiner Mutter. Jahrelang bin ich ihr entronnen, nun hat das Schicksal uns wieder zusammengebracht.

Ich liebe sie und hasse sie, und das ergibt bisweilen eine merkwürdige Gleichgültigkeit. Aber unter dieser Gleichgültigkeit schlummert der Schmerz. Der Schmerz, nie vertrauen zu können, nie zu wissen, wie die Mutter im nächsten Moment reagieren wird, liebevoll oder zornig, bissig, hasserfüllt, ohne Grund.

In regelmäßigen Abständen wird sie wach, um kurz die Nachrichten zu hören, böse darüber, dass nicht alles gesagt wird, denn eins ist sicher, der Dritte Weltkrieg kommt ganz bestimmt, und den will sie noch erleben.

Wieder setzt sich eine Fliege auf meinen Arm, ich schüttele sie ein paar Mal ab, aber sie ist hartnäckig. Ich betrachte sie, das einzige Lebewesen, das mir heute Abend Gesellschaft leistet. In der Dämmerung leuchtet sie hellgrün, mit rosaroten Augen. Vielleicht die Inkarnation einer bekannten Seele? Ich lasse sie sitzen und lese weiter in meinem Roman. Irgendwann gehe ich zu Bett. Im Morgengrauen werde ich wach, die Fliege hat neben mir auf dem Kopfkissen geschlafen, ohne mich zu stören.

“Gift brauche ich, Gift“, schreit meine Mutter, während ich die steile Treppe runterkomme, den Eimer mit meinem nächtlichen Urin in einer Hand, die andere Hand fest am Geländer. ‚Wenigstens kann sie diese Treppe nicht hochkommen‘, denke ich immer wieder.

„Wo ist die Giftspritze gegen Insekten? Da hat mich eine Fliege die ganze Nacht belästigt. Ich kenne das, nachher sind es Wespen, ganz viele Wespen! Da muss man sofort handeln! Ich weiß, wovon ich spreche, als das Wespennest bei mir im Haus aufbrach, habe ich wochenlang mit Tausenden von diesen Viechern gekämpft, ich habe sie vergiftet, aufgesaugt, weggefegt, bis ich sie besiegt habe!“

„Ich habe keine Giftspritze!“, sage ich laut, denn meine Mutter ist schwerhörig. “Hier wird kein Gift gespritzt! Es geht um zwei Fliegen, eine, die dich belästigt hat und eine, die bei mir oben war. Wahrscheinlich Geschwister”, sage ich grinsend, aber sie versteht den Humor nicht, sie nickt ernst und böse, sie weiß, wie schlecht die Welt sein kann, sie vertraut niemandem. Wochenlang hat sie sich mit Tausenden von Wespen rumgeschlagen, ohne Hilfe zu rufen. Alle ehemaligen Freunde hatte sie längst hinausgeworfen, die Putzfrau kam nur alle drei Wochen mal vorbei.

Keine einzige Wespe hat meine Mutter gestochen. Keiner war Zeuge dieser karmischen Wespenschlacht. Nur mein wöchentlicher Anruf erreichte sie, während sie keuchend die zuckenden Tiere aufsaugte. Mitleid habe sie mit den Wespen, aber sie musste sie nun mal töten, das könne sie alleine, denn die Feuerwehr würde sie wahrscheinlich ein paar Tage aus dem Haus setzen und das komme für sie auf keinen Fall infrage.

“Irgendwo muss doch meine Giftspritze sein, ist die denn gar nicht mit dem Umzug mitgekommen??“

„Wenn du Gift spritzt, ziehe ich aus!”

“Hahaaa!”, schreit meine Mutter, „wo willst du denn hingehen??“

Ihre Worte treffen mich wie ein Hieb. Lerne ich denn nie dazu? Ich kenne sie nun schon 65 Jahre!

Unwillkürlich erinnere ich mich daran, wie ich als einjähriges Mädchen im Buggy von meiner Mutter durch Berlin Zehlendorf geschoben wurde, ein herrlicher Sommertag. Da setzte sich eine Biene auf meinen Finger. Meine Mutter sagte: “Lass sie sitzen, die tut dir nichts!“ In diesem Augenblick stach das Tier, und der Finger quoll auf. Ich schrie, meine Mutter lachte. Ich wunderte mich. Schon als Einjährige wusste ich, dass eine Mutter nicht lachen sollte, wenn ihr Kind Schmerzen hat. Da konnte was nicht stimmen.

Vor zwei Wochen habe ich sie aus Belgien aus dem kleinen Dorf Heide abgeholt, wo sie zusammen mit ihrem kranken Kater gnadenlos aus ihrer Wohnung gesetzt wurde, in der sie dreißig Jahre gewohnt hatte, inmitten eines blühenden Gartens. Die Eigentümerin war verstorben, die Erben wollten das Haus verkaufen, meine Mutter hatte nur einen mündlichen Vertrag. Ein überfülltes Heim kam nicht infrage, das wird in meiner Familie nicht gemacht.

Meine Großmutter, die Edith Kiel, eine Filmlegende in Belgien, die viele Filme produziert hat für Flandern und die auf großem Fuß gelebt hat, hat immer alles für meine Mutter getan, eine Amme als Baby, die besten Kindermädchen, die teuersten Klamotten, das beste Essen. Nur ihre körperliche Gegenwart hatte sie ihr entzogen, diese hatte sie ihren Männern geschenkt gegeben.

Ihr belgischer Mann und Partner fürs Leben, der Jan van der Heyden, der meine Großmutter, schwanger von ihrer einzigen Tochter, geheiratet hat, wurde speziell von meiner Mutter gehasst. Dieser Hass breitete sich aus, spaltete ihre Seele.

Nun habe ich sie bei mir in den Niederlanden aufgenommen, in Apeldoorn, wo ich arbeite als Psychiater.

Meine Privatsphäre hat sich in Windeseile reduziert auf mein Bett und einen Gartenstuhl. Meine Zahnbürste im gemeinsamen Badezimmer muss ich verstecken, denn meine Mutter erträgt keine zweite neben ihrer. Meine Mutter weiß, dass ich sie niemals raussetzen würde, der helle, weiche, kindliche Teil ihrer Seele ist mir auch sehr dankbar, aber da sie mir ein Döschen Schmuck in Obhut gegeben hat und ich über einen Teil ihrer kleinen Pension verfügen darf, kann sie sich immer sagen, dass ihre Tochter es ja auch nur fürs Geld macht, denn wo gibt es schon wahre Liebe? Hildergard Knef sang “Der Mensch an sich ist feige…!” Meine Mutter würde singen “Der Mensch an sich ist schlecht und ganz besonders die Deutschen!“ Ihr Gesang würde in schallendem, hexenhaftem Gelächter enden. Der Selbsthass feiert in solchen Momenten Hochzeit. Zu groß war das Trauma des Zweiten Weltkrieges. Geglaubt hatte sie an Hitler, ihre beste Zeit hatte sie auf der deutschen Schule in Antwerpen, während der Besatzung. Sie hat ein Pferd geritten, war Wettschwimmerin, Schnellläuferin, übte sogar den Fechtsport aus, alles ohne Geld dafür zu bezahlen, in der herrlichen Umgebung des Nachtigallen Parks. Die Hitlerjugend war ihre glücklichste Zeit.

Dann brach ihr Weltbild zusammen, die Alliierten gewannen den Krieg. Plötzlich waren die Deutschen die unermesslich Schlechten, die Feinde. Mit ihrer Mutter Edith und ihrem Stiefvater Jan musste sie flüchten, und zwar nach Berlin, denn die Belgier drohten mit Gefängnisstrafen für Jan – Es spielte nicht die geringste Rolle, dass er mit meiner Großmutter bereits achtzehn Spielfilme für Flandern produziert hatte. Er hatte nämlich mit der SS Hände geschüttelt und unter der Besatzung weiter Filme gedreht. Das machte ihn in Belgien zum Landesverräter.

Meine Mutter identifiziert sich gerne mit ihrem jüdischen Vater – denn, wenn man jüdisch ist, ist man auf der besseren Seite - meinen Großvater, ein intelligenter Berliner Verleger, den ich nie kennenlernen durfte. War er wirklich jüdisch? Keine Ahnung. Könnte sein. Aber doch egal, er war ja auch Deutscher. Genauso wie meine deutsche Urgroßmutter mütterlicherseits jüdisch war. Zusammen mit ihrem Mann, meinem evangelischen Urgroßvater, hatte sie jeden Glauben abgelegt. Beide waren wegen der Mischehe verstoßen worden von Ihren Eltern. Beide fanden den Fanatismus der Religionen hirnrissig. Meine Ahnen sind intelligent und mutig gewesen. Es waren Deutsche so wie ich, genauso wie meine Kinder.

Wenn ich über die zunehmende Zahl der Mädchen klage, die in Apeldoorn durch nordafrikanische Flüchtlinge vergewaltigt werden, lacht meine Mutter. Wenn ich befürchte, dass die Masse an Immigranten in Deutschland unsere Kultur zerstören wird, grinst sie hämisch:

„Welche Kultur?! Hör bloß auf mit diesem Blödsinn! „Niemand ist so schlecht wie die Deutschen!“, schreit sie mit funkelnden Augen.

„Deine Tochter und Enkel sind Deutsche, und wir sind nicht schlecht, wir sind keine Mörder!“, kontere ich. “Wir sind existenzberechtigt! Ich bin stolz darauf, Deutsche zu sein!“

Meine Stimme überschlägt sich. Es hat mich Jahrzehnte gekostet, mich zu trauen, stolz zu sein auf meine eigene Kultur, Jahrzehnte, in denen ich um die Welt gereist bin, ohne jemals zu Hause zu sein. Und noch immer wage ich es kaum auszusprechen, dass ich gerne eine Deutsche bin. Ich zittere am ganzen Körper.

Meine Mutter schaut aus, als ob sie in die Scheiße getreten ist. Ich gehe raus, schmeiße die Tür zu. Stunden verharre ich mit klopfendem Herzen im dunklen Garten und traue mich nicht wieder hinein.

Zaghaft öffne ich die Tür spät am Abend. Die Mutter liegt mit dem Gesicht zur Wand in Embryohaltung und tut so, als ob sie schläft.

„Lassen wir das Thema“, höre ich ihre Stimme. „Lass uns nie wieder über damals reden! Es ist schon so lange her!“

Und natürlich versöhnen wir uns, was bleibt uns anderes übrig? Wir wünschen uns eine gute Nacht, und ich schleiche mit meinem Eimer die Treppe empor.

Fünfundsechzig, Psychiater und Kinderpsychiater, mit besten Einkommen und habe trotzdem weder Geld noch Bleibe, denke ich erschrocken über unseren harten Wortwechsel. Jetzt im Alter geht es hart auf hart. Mutter gegen Tochter, Tochter gegen Mutter. Was mich vorher verletzt hat und mich immer wieder fassungslos gemacht hat, lasse ich nicht mehr zu – ich habe geübt an Tausenden Patienten, geübt authentisch zu bleiben, stark zu sein und trotzdem zu lieben.

“Wie erträgst du diese Situation?“, fragen meine niederländischen Kollegen. Keiner von ihnen wäre bereit, seine alte Mutter zu versorgen. Diese Aussage bestürzt mich. Was ist mit den Menschen los?

Ja, ich ertrage die Situation erstaunlich gut, denke ich, sie ist meine Mutter mit Sonnen- und Schattenseiten. Und ja, in schwierigen Momenten hilft der Gedanke an das Kästchen Schmuck und ihre Rente, die mir hilft, meine Schulden zu tilgen, wodurch ich möglicherweise nächstes Jahr etwas weniger arbeiten muss und – Hilfe! - mehr Zeit für meine Mutter haben kann. Dabei wollte ich zu zwei meiner Kinder ziehen, für die ich ein großes Haus in der Lüneburger Heide miete.

Dies ist der Final Countdown, denke ich immer wieder in diesen ersten Tagen. Aber der Final Countdown kann lange dauern. Und über wessen Countdown grübele ich denn nach?

Wer wird als Erstes ins Jenseits gehen? Meine Mutter? Der kranke Kater? Ich?

Ich glaube an die Genesung des Katers. Er heißt Tino. Ich habe mich mit ihm angefreundet. Ein silbergrauer, mit hellgrünen Augen, Saphire, die an Sonnentagen den blauen Himmel spiegeln. Ein ängstliches Wesen. Meine Mutter glaubt, er ist todkrank und dass er bald eingeschläfert werden muss. Unsere Überzeugungen kollidieren.

Wenn ich da bin, ihm homöopathische Tropfen Nux Vomica ins Trinkwasser träufele, ihm Bio-Lachs füttere, dann belebt er sich, schnurrt, schmust mit mir. Wenn ich weg bin, verkriecht er sich, geht in Hungerstreik, meidet meine Mutter, die ihn mit Sahne und Roastbeef lockt. Sie ist zutiefst verletzt, das ist ihr noch nie passiert, dass ein Tier sich von ihr abwendet. Wirklich?

Die Tiere in ihrem Leben konnten sich kaum von ihr abwenden, da sie abhängig von ihr waren. Der Schäferhund Tatzio lag plötzlich tot unterm Tisch, kaum drei Jahre alt, der Bearded Collie Jury mit den grünen Augen ist mit dem Hausarzt mitgegangen. Jahrelang hatte sie zwei französische Beagles, einen schwarzen bissigen und einen blonden lieben. Der schwarze vergewaltigte den blonden täglich, bis dieser an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte und meine Mutter ihn einschläfern ließ. Nur bestimmte Wesen ertragen meine Mutter.

“Du ahnst nicht, wie viele Tiere ich im Garten vergraben habe!“, prahlt meine Mutter.

Ich lache.

“Im Ernst, gut begraben, tief in der Erde!”

“Das glaube ich dir!“

Und wie viele Seelen hat sie begraben?

Die Leonie, die Hildegard und bald die Monika?

Mich hat sie nie fangen können. Sie wollte, dass ich als Kind immer bei ihr bleibe, nie heirate, nie Kinder bekomme, nie studiere. Ich bin gegangen, habe studiert, hatte viele Männer, war zweimal verheiratet und habe vier Kinder. Zur großen Wut meiner Mutter.

Nach meiner Verlobung mit Valentin hat meine Mutter mich verstoßen und durch Leonie ersetzt. Sie überhäufte die arglose Frau mit Geschenken und Küssen, bis diese sich scheiden ließ. Der Ex-Mann freute sich, haute ab nach Thailand und kaufte sich dort eine Kindfrau. Nun war Leonie plötzlich eine langweilige Beute. Meine Mutter verstieß sie, ließ sie nächtelang heulend im Regen vor ihrem Haus stehen und murmelte:

„Blöde Kuh!!“

Als Leonie Jahre später, schwer krebskrank, ein letztes Mal Abschied nehmen wollte, weigerte sich meine Mutter, sie zu empfangen. Die Serie „Sturm der Liebe“ war ihr wichtiger. Leonie ist einsam gestorben.

Die Hildegard, verführt von meiner Mutter, blieb im letzten Moment doch bei ihrem Mann. „Wie kann man so blöd sein, bei diesem Typ zu bleiben!“, schrie meine Mutter voller Verachtung.

Die fünfzehn Jahre jüngere Hildegard wurde kränker und kränker. Als sie meine Mutter ein letztes Mal, gestützt von ihrem Mann, besuchen wollte, bevor sie Heide verließ, weigerte sich meine Mutter, sie zu empfangen.

Nun zappelt die zwanzig Jahre jüngere Monika noch im Netz. Die hat sich unter Giselas Einfluss von ihrem fassungslosen Mann scheiden lassen und wird seit Jahrzehnten von meiner Mutter immer wieder aufs Gröbste rausgeworfen.

„Die Monika hat kein Rückgrat! Kommt immer wieder angekrochen! Und die ist ja so krank!“

Hat sie das nicht auch von mir behauptet? Ich hätte kein Rückgrat? Ich wäre ja abhängig von ihr, würde sie immer wieder anrufen, weil ich nicht ohne sie leben könnte? Bin ich denn wirklich so abhängig? Es gab doch auch Jahre, wo ich mich nicht bei ihr gemeldet habe. Nur bei wichtigen Angelegenheiten, wie zum Beispiel nach einer Geburt.

Als ich sie aus San Francisco anrief, dass ich mein drittes Baby bekommen hatte, ein süßes Mädchen, die Iria, da legte sie den Hörer auf. Ich dachte die Verbindung war unterbrochen.

Als ich sie noch einmal anrief, sagte sie: “Es ist doch nicht mein Baby, worüber soll ich mich freuen?!”

Immer war ich unterwegs und wechselte die Kontinente. Entweder war die Arbeit oder der Mann oder das Land unerträglich. Ein Psychoanalytiker sagte mir, ich habe immer meine Mutter im Rucksack, egal, wohin ich auch gehen würde.

Ich könne nicht fliehen, es sei denn, ich würde eine jahrelange Psychoanalyse machen.

„Da kannste lange warten“, habe ich mir damals gesagt, in ordentlichem Berliner Dialekt „Det löse ich schon selba und billiga!“

Jetzt wohne ich mit meiner Mutter in einer sechzig Quadratmeter Wohnung.

Ich habe sie nicht mehr im Rucksack – wodurch ich immer Männer gewählt habe wie sie, gespaltene, traumatisierte, unberechenbare Männer, die nicht zu retten waren. Ich habe sie ganz real in meiner unmittelbaren Nähe. Ihre Präsenz ist allgegenwärtig.

Aber meine Aura ist stark, ich werde mich wehren.

Meine Mutter, einst eine attraktive, aufreizende Frau, ist jetzt eine zarte Alte mit Buckel. Ihre einst schwarzen Haare nun silbergrau – die schneidet sie selber - hängen weich über der Stirn, das heißt, wenn sie gewaschen sind, sonst kleben sie am Schädel. Ihre große Nase, im Alter noch größer geworden, gibt ihr einen besonders kritischen Ausdruck, die dunkelbraunen Augen wachsam, aber jeglichen Kontakt vermeidend. Sie behauptet, kaum noch sehen zu können, sieht aber erstaunlich viel, zum Beispiel Schmetterlinge, die in der Ferne über den Blumen flattern oder dass bei der Tageschau Angela Merkel unzufrieden dreinschaut. Sie sagt, oft an Schwindel zu leiden, und das stimmt, denn bei jedem Schritt muss sie sich festhalten, sie geht von Stuhl zu Stuhl bis in die Küche.

Sie bestellt monatlich tiefgefrorene Delikatessen, die sie in ihrem elektrischen Ofen aufwärmt: indische Suppen, Chicken wings, Pommes, Garnelen in Currysoße und ganz viel Eis am Stiel mit Schokolade, Vanille, Mandeln. Überhaupt trinkt sie morgens eine große Tasse Nescafé mit Sahne und fünf Stück Zucker, an manchen Tagen lebt sie von Schokoladenkeksen und Kuhmilch. Das Ganze wird gekrönt mit täglich einem halben Liter Weißwein bester Qualität. Sie verdaut alles, im Gegensatz zu mir, die seit ein paar Jahren überhaupt keine Weizengluten mehr verträgt und Lactose intolerant ist.

Meine Mutter schaut mitleidig, wenn ich meine Gemüsesuppe koche oder mein Gluten freies Knäckebrot knabbere. Unsinnig findet sie das und schmunzelt.

Ich zeigte mich aber schon als Jugendliche intolerant gegenüber weißen Semmeln und Milch. Ich verdaute stundenlang die Sonntagsbrötchen oder Omis Schokoladengrießbrei mit Vanillesoße, bis ich anorektisch wurde und als androgynes Leichtgewicht durch meine Gymnasialzeit spazierte, den Kopf in den Wolken meiner Fantasie, in konstanter Flucht vor der Unerträglichkeit des Zuhauses und der Schulbank, und als einzige Pause von alledem den langen, herrlich einsamen Schulweg. Erst nach Jahren, als ich zur Universität ging, weg von zu Hause, normalisierte sich mein Gewicht.

Der silbergraue Tino ist geschwächt, seine Haare struppig verklebt, fallen aus in Büscheln, seine Flanken sind eingefallen. Wenn er sich endlich in den Garten traut, überfällt ihn ein dicker schwarzer Kater mit roten Augen. Er krallt sich an Tino fest, will mit seinem Maul ihm das Genick brechen. Ich schreie.

“So ist das, wenn man ein Feigling ist!“, sagt meine Mutter und füttert den schwarzen Kater. „Der Tino hatte schon immer Angst, dem ist nicht zu helfen!“

Nun sitzt Tino am Fenster und schaut raus, in die lodernden Augen des blutrünstigen Katers, Nase an Nase.

Tino verkriecht sich tagelang elend unter meinem Bett. Zum Tierarzt darf ich ihn nicht bringen, da Mutter kein Vertrauen zu ihm hat, das wäre ja nur Quälerei fürs Tier. Allerdings vertraue ich auch wenig Ärzten, und da Tino nichts Akutes hat, sein Stuhlgang ist prima, seine Nase kühl, er schmust mit mir und geht spazieren – will ich ihn am liebsten homöopathisch oder schamanistisch behandeln.

Ich schaue raus, der schwarze Kater hat sich drohend vor die Tür gestellt.

Spinne ich? Warum sehe ich überall diese Gespaltenheit? Warum identifiziere ich mich mit Tino? Und Tino mit mir? Der Kater draußen, wohl genährt, Mutters dunkle Seite?

Mit dem Umzug meiner Mutter ist ein kaputtes, lila angestrichenes Kinderstühlchen mitgekommen. Da hätte ich als Kind drauf gesessen, sagt meine Mutter. Ich glaube ihr kein Wort. Ich habe dieses Stühlchen nie gesehen, aber wenn meine Mutter das meint. Ich darf es nicht wegschmeißen, sagt sie sentimental. Wochenlang steht es in meinem Schlafzimmer. Abends hockt Tino zitternd auf dem Stuhl, obgleich er weich auf der Liege kuscheln könnte. Er sieht elend aus. Verkörpert er mein Gefühl als Kind?

Weg mit dem Ding, sage ich mir und schmeiße es in einen tiefen Wandschrank.

Auch die Gartenliege kommt wieder runter. Mutter freut sich, dass sie wieder in der Sonne liegen kann. War schon ungehalten, dass die Liege oben war, obwohl ich ihr sagte, dass ich etwas bräuchte, wo ich gemütlich lesen kann, da ich meine Couchgarnitur für sie aufgegeben habe.

Schnell einen Lesesessel, einen kleinen Schreibtisch und Stuhl bei Ikea bestellen. Schnell, weil ich durch meine Arbeit kaum Zeit habe. Aber während der am Abend rar gewordenen Zeit ist Schreiben meine Überlebensstrategie geworden.

Tino schläft im Badezimmer, er macht einen Bogen um Mutters Bett.

“Das ist mir noch nie passiert!“, schreit sie, dass ein Tier, das ich liebe, mich nicht mehr anschaut!”

“Man muss im Leben alles mal erleben”, sage ich kühl mit unterdrückter Ironie. Sie nickt, misstrauisch, etwas unsicher in meine Richtung schauend. Dass ich gefasste Antworten gebe, das ist sie von ihrer Tochter nicht gewöhnt.

Beim abendlichen Gespräch, wobei ich mich nach den deutschen Nachrichten, die meine Mutter nun doch hören möchte, seitdem ich mich selbstbewusst im Sinne „German Pride“ geäußert hatte, an ihr Bett setze, erzählt Mutter strahlend, sie hätte ein gutes Angebot gehabt vor ihrem Umzug. Ein Angebot, in ein katholisches Altersheim in Kalmthout zu ziehen. Ich bin perplex. Mir hatte sie gesagt, sie sitzt auf der Straße, die einzige Alternative wäre ein überfülltes staatliches Altersheim gewesen oder der Einzug bei Chris, ein rüstiger Achtziger, nur dass Chris - wie alle Menschen - ihr furchtbar auf die Nerven gehe. In einer Aufwallung aus Mitleid hatte ich ihr daraufhin angeboten, sie bei mir aufzunehmen, gleichzeitig hatte ich das schreckliche Gefühl, mein Leben aufzugeben. Meine Mutter hatte mich beim Wort genommen:

„Du hast gesagt, du nimmst mich auf!! Versprochen ist versprochen!!!“, hatte sie durchs Telefon geschrien.

„Ja, ja, ist schon gut“, hatte ich gewinselt.

Und jetzt redet sie von einem privaten, katholischen Luxusheim, wo sie hätte einziehen können? Eine Weile stelle ich es mir vor: Ich habe noch meine Ruhe, meine eigene Wohnung und Mutter, eine hart gesottene Atheistin, sitzt im Luxusheim, Kater Tino wird durch Nonnen gesund gefüttert. Irgendetwas stimmt an diesem Bild nicht. Sie sagt es nur, um mir ihre Unabhängigkeit zu verdeutlichen.

“Schade”, sage ich, das Thema wechselnd, “dass ich deinen Vater, den bekannten jüdischen Berliner Verleger, meinen Großvater, nie kennengelernt habe”, sage ich. Meine Großmutter hatte sich scheiden lassen, angeblich, weil der gute Mann manisch-depressiv war. Nach der Scheidung sind sie zum Abschied nochmal zusammen ins Bett gegangen und huch, da wurde meine Mutter empfangen. Bei der Geburt gab meine Großmutter “Vater unbekannt” an.

“Mutti wollte, dass kein Mann etwas über ihr Kind zu bestimmen hatte”, strahlt meine Mutter.

“Einmal habe ich meinen Vater in Berlin besucht! “, erzählt sie. “Als ich ging, da hat er geweint!“, fügt sie stolz hinzu, als wäre es eine Sensation. In Gedanken sehe ich den Mann auf dem alten Schwarz-Weiß-Foto, ein Mann mit intelligenten Augen und markanter Nase, weinen. Wie gerne hätte ich ihn gekannt.

Möchten Sie das Buch: Die Fliege - Familiendrama, jetzt bestellen!

Zum Shop

Zurück zur Übersicht

arrow_back