Neu-Autorenbetreuung mit System

Leseprobe:
Der "gemeine Ossi",
von Dr. Uwe Lawrenz

Warum noch ein weiteres „Ossi-Buch“?

Ritchie, ein Ökologiestudent, der in meiner Firma ein paar Jahre als studentische Hilfskraft gearbeitet hatte, schrieb seine Abschlussarbeit an der Universität Greifswald über den „Gemeinen Sackträger“. Das ist ein kleiner, ziemlich unscheinbarer Schmetterling, der anscheinend vom Aussterben bedroht ist, aber hier in Vorpommern wohl noch recht häufig vorkommt. Auch der „Gemeine Ossi“ wird früher oder später zwangsläufig aussterben. In den vergangenen 30 Jahren sind haufenweise Bücher über das Leben in der DDR, die Wendezeit oder die Arbeit der Treuhand erschienen, doch nur wenige von ihnen versuchen sich an einer ehrlichen Ursachenanalyse. Aus diesem Grund wollte ich einmal ein neues Konzept ausprobieren, ein kombiniertes Sachbuch verbunden mit autobiografischen Elementen.

Ich hätte nie geglaubt, einmal meine „Memoiren“ schreiben zu müssen. Wer mich näher kennt, der weiß, dass ich oftmals ein ziemlich bescheidener Mensch sein kann. Zudem ist mir völlig klar, dass der Titel dieses Buches gleich in doppelter Hinsicht eine Provokation darstellt. Zum einen gibt es den „Durchschnittsossi“ nicht, jeder Mensch, auch in den „Neuen Bundesländern“, ist einmalig mit seiner Biografie, seinen Stärken und Schwächen oder seiner Lebensleistung. Außerdem weiß ich selber, dass mein Leben eben nicht für den Durchschnittsmenschen in der früheren DDR steht. Dafür waren die Umbrüche in meinem Leben aber möglicherweise interessanter als bei anderen. Zudem muss ich betonen, dass ich nicht gemein bin, jedenfalls meistens nicht. Das können alle meine Mitarbeiter im Unternehmen bestätigen, ich habe sie schon entsprechend instruiert, falls jemand nachfragen sollte. Mich reizte einfach die Doppeldeutigkeit dieses Buchtitels. Natürlich gibt es hunderte von Büchern über das Leben in der DDR oder die Zeit der Wende, hauptsächlich Sachbücher und Romane. Trotzdem sind die Menschen aus den „Neuen Bundesländern“ für viele, vor allem aus dem Westteil der Republik, bis heute ein Rätsel geblieben. Von Zeit zu Zeit muss ich mich wundern, wenn unbedarfte Journalisten aus dem Westen in den Zeitungen ihre Theorien und Erklärungen ausbreiten, warum die „Ossis“ anscheinend anders sind als „normale Menschen“. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil mich meine Freunde aus den „Alten Bundesländern“ immer wieder nervten, dass sie viel zu wenig über das Leben im Ostteil des Landes wissen. Meine Freunde und Bekannten aus dem Osten meinten dagegen, dass die Generation, welche die DDR und die Zeit der „Wende“ miterlebt hat, langsam ausstirbt oder senil wird. Es müsste mal jemand ein gutes Buch über diese Zeit schreiben und vor allem darüber, warum der “Ossi“ offensichtlich so anders tickt als der „gemeine Wessi.“ Bevor ich selbst alt und vergesslich werde, wollte ich diese Idee umsetzen. Besonders mein Freund Dietrich, den ich anfangs überhaupt nicht leiden konnte und Ulla, die in diesem Buch nur am Rande vorkommt, weil sie erst viel später in mein Leben getreten ist, haben mich in dieser Idee bestärkt.

Weil ich ausdrücklich keine Memoiren schreiben wollte, beschränke ich mich in diesem Buch auf die Zeit zwischen zwei Wendepunkten im Leben und schreibe neben den einzelnen autobiografischen Kapiteln viele Informationen über das Leben in der DDR, die Zeit der „Wende“ und den gewaltigen Umbruch danach, der wohl auch die meisten anderen Menschen völlig aus der Bahn geworfen hätte. Ganz nebenbei wollte ich mit diesem Buch auch der Klasse 11 F der EOS „Geschwister Scholl“ ein kleines Denkmal setzen, die beste Gruppe von Menschen, die mir im Leben je begegnet ist. Von einer absoluten „Verliererklasse“ aus zusammengewürfelten Jugendlichen hat sich diese Klasse zu einem selbstbewussten Kollektiv entwickelt, welches immer füreinander eingetreten ist. Soweit ich die Lebenswege der früheren Mitschüler später verfolgen konnte, hat sich keiner von ihnen aus der Bahn werfen lassen, jeder hat seinen eigenen Weg gefunden. Alle Begebenheiten in diesem Buch sind wahr, nur die zeitliche Abfolge der Ereignisse wurde aus Gründen der Dramaturgie manchmal ein wenig geändert. Wer sich in diesem Buch wiedererkennt, möge mir verzeihen, aber noch viel mehr diejenigen, welche es verdient hätten, erwähnt zu werden und die ich ebenfalls aus dramaturgischen Gründen weggelassen habe. Selbstverständlich ist mir klar, dass ich diese Begebenheiten aus meiner eigenen, individuellen Sicht schildere und dass andere diese Zeit vielleicht ganz anders in Erinnerung haben.

1. Die Verliererklasse

Dumpf hallten die Schritte in den hohen Tonnengewölben des früheren Franziskanerklosters. Es roch nach altem Holz, nach Bohnerwachs, irgendwie kam es mir so vor, als ob ich unter den vielen undefinierbaren Gerüchen auch eine Prise Angstschweiß entdeckt hätte. Worauf hatte ich mich da nur eingelassen? Verdammt, ich war zu spät, ausgerechnet an dem wohl wichtigsten Tag in meinem neuen Leben. Der fahrplanmäßige Bus, der von unserem Vorortviertel in das Stadtzentrum fuhr, war wieder einmal ausgefallen, ich musste den nächsten nehmen. Im Stillen verfluchte ich mich und Herrn W., den Direktor meiner alten POS, der Polytechnischen Oberschule „Ernst Thälmann“ in Wismar. Er hatte mich dazu überredet, nach der zehnten Klasse zur EOS, der Erweiterten Oberschule zu wechseln.

Herr W. war ein unkonventioneller und kluger Lehrer, irgendwie anders als die meisten Lehrer in meiner alten Schule. Er unterrichtete Geografie und Staatsbürgerkunde, ich kann mich bis heute nicht daran erinnern, dass er mal platte Parteiparolen verbreitet hatte. Für einen Stabi-Lehrer war das eher untypisch. Herr W. war der Meinung, dass ich mein Potenzial verschenken würde, wenn ich nicht zur EOS ginge. Ich mochte ihn und seine offene Art, allein deshalb hatte ich mich von ihm überzeugen lassen. Dabei wäre doch alles so schön einfach geblieben, wäre ich meinen ursprünglichen Weg weitergegangen. Ich wollte Zootechniker mit Abitur werden, einen Ausbildungsvertrag mit einem Rindermastbetrieb hatte ich längst in der Tasche. Der Betrieb war einer der modernsten in der DDR, er hatte mehr als 800 „raufutterverzehrende Großvieheinheiten“, wie Kühe in der DDR offiziell hießen. Er lag in einem kleinen Dorf unweit meiner Heimatstadt. Wohnen könnte ich bei meiner Tante im nächsten Dorf. Ein Motorrad, eine MZ TS 150 mit dem polizeilichen Kennzeichen AO 23-25 aus dem VEB Motorradwerk Zschopau, besaß ich seit knapp einem Jahr. Ich hatte es meinem Cousin gebraucht abgekauft, als dieser sich ein größeres Motorrad zulegen wollte. Nach der Lehre mit Abitur hätten mir alle erlaubten Wege in der DDR offengestanden. Vielleicht hätte ich danach Veterinärmedizin studiert und mich irgendwo in einem Dorf oder einer kleinen Stadt, von denen es in Mecklenburg so viele gibt, als Tierarzt niedergelassen. Tiere mochte ich schon so lange, wie ich denken konnte. Ich nahm meinem Vater immer übel, dass er in unserer 3-Zimmer-Neubauwohnung im Plattenbau außer Zierfischen keine Tiere duldete. Jeden Freitagabend wäre ich mit dem Motorrad zur Dorfdisco gefahren, wo sich regelmäßig um halb zwölf die jungen Burschen des Dorfes mit denen der umliegenden Dörfer wegen Mädchen oder anderer Nichtigkeiten prügelten. Ansonsten wäre mein Leben bis zur Rente und sogar darüber hinaus schon fest vorgeplant gewesen, Hochzeit, vielleicht ein paar Kinder, irgendwann die Scheidung, wie bei so vielen Paaren in der DDR und die täglichen Kämpfe um „Versorgungsgüter“, insgesamt ein ruhiges und unspektakuläres Leben wie das fast aller DDR-Bürger. Der Staat war fürsorglich, er kümmerte sich nicht nur um die Wohnung oder Arbeitsstätte, sondern er nahm seinen Bürgern sogar das Denken ab. Nach Beginn der Rente hätte ich, so wie die anderen DDR-Rentner, meine Verwandten im Westen, besonders meine Lieblingstante, die in der Nähe von Hamburg lebte, besuchen dürfen, wenn sie dann noch gelebt hätte.

Unwillkürlich kam mir Magrit in den Sinn, meine beste Freundin seit dem Kindergarten. Sie war bereits nach der achten Klasse zusammen mit den beiden anderen Schülern unserer Klasse, die Bestleistungen zeigten, zur EOS gewechselt. Magrit hatte sich in dieser Zeit sehr verändert. Aus dem unbefangenen, lustigen Mädchen, mit dem ich noch vor ein paar Monaten völlig sinnbefreit und ziemlich schräg zu der Musik der Beatles johlte „She loves you, yeah, yeah, yeah …“ oder „Michelle, my belle …“, war eine reife junge Frau geworden. Sie wirkte ernster und distanzierter, man merkte ihr irgendwie an, dass es ihr peinlich war, immer noch mit mir herumzuhängen. Schließlich gehörte sie jetzt zur Elite des „real existierenden Sozialismus“, den gerade mal zehn Prozent der Schüler, die an einer Erweiterten Oberschule ihr Abitur ablegen durften. Am Wochenende war wieder einmal mein ältester Bruder zu Besuch gewesen. Er hatte sich im Gegenzug für seine Ausbildung als Baufacharbeiter mit Abitur dazu verpflichtet, für die NVA, der Nationalen Volksarmee der DDR, ein Zivilstudium in Cottbus aufzunehmen. Damit verbunden war seine Verpflichtung, für mindestens 25 Jahre als Offizier in der Nationalen Volksarmee zu dienen. Auch er hatte sich in Cottbus stark verändert, den Bruder, den ich einmal kannte, gab es nicht mehr. Er wirkte jetzt steifer, entrückter und gleichzeitig weltmännischer. Ich musste an die Zombie-Filme denken, die ich in den vergangenen Monaten heimlich und verbotenerweise gesehen hatte. Wie in diesen Filmen schienen Magrit und Heiko ihre ursprüngliche Persönlichkeit verloren zu haben, sie wirkten auf mich eher, als hätte eine fremde Macht von ihrem Gehirn Besitz ergriffen. Ich dachte daran, dass ich wohl schon in wenigen Monaten auch so ein Zombie sein würde wie sie …

Auf dem Flur kam mir ein spritziger, agiler Enddreißiger entgegen. Ich wusste, wer er war. „Manner“, wie er von seinen Schülern liebevoll genannt wurde, war Lehrer für Sport und Geschichte, er war der Klassenlehrer meiner Freundin Magrit. Ich glaube, sie war heimlich ein wenig in ihn verschossen, so liebevoll, wie sie von ihm erzählte. Ich wusste auch, dass seine Schüler für ihn alles gegeben hätten. Nur bei uns beiden stimmte die Chemie von Anfang an nicht. So wie es Liebe auf den ersten Blick gibt, so gibt es wohl auch Abneigung von der ersten Sekunde an. „Manner“ war ein guter Bekannter meines Vaters. Dieser war auch Lehrer, er unterrichtete Mathematik, Physik und Astronomie an einer Polytechnischen Oberschule. Als Fachberater für guten Unterricht war er an fast allen Schulen der Stadt unterwegs. Ich versuchte später oft herauszufinden, warum „Manner“ und ich uns von Anfang an so unsympathisch fanden, vielleicht lag es ja daran, dass ich in vielen Dingen völlig anders war als mein Vater. Wir merkten beide sofort, dass wir an dieser Schule noch oft aneinandergeraten würden. Ich fragte ihn, wo ich meine neue Klasse, die 11 F, finden könnte. Er zeigte auf eine Tür nur ein paar Meter weiter. Viel später, zum Ende der Abiturzeit, sollte es ausgerechnet „Manner“ sein, der dafür sorgte, dass ich doch noch studieren durfte, was nach den geltenden Regeln eigentlich nicht mehr möglich war. Wie er das geschafft hat, weiß ich bis heute nicht. Doch allein dafür möchte ich ihm alles abbitten, was einmal zwischen uns gestanden hat. Trotzdem will ich diese Begebenheit in meinem Buch verschweigen, man muss ja schließlich nicht alles erzählen.

Unsicher, beklommen, ja, ein wenig ängstlich sah ich mich in meiner neuen Klasse um. Zum Glück hatte die Einführungsveranstaltung noch nicht begonnen, sonst wäre ich gleich am ersten Tag unangenehm aufgefallen. Am Fenster saß eine Gruppe von Jungen und Mädchen, die offensichtlich zusammengehörten. Ihr Wortführer war ein groß gewachsener Junge mit dunklen, lockigen Haaren. Stefan, wie ich bald mitbekam, war so eine Art Überflieger auf seiner alten Schule. Er war der geborene Agitator und Anführer. Aus den Wortfetzen, die ich hörte, schloss ich, dass es hier nicht nur um normale junge Leute ging, für die ein neuer Abschnitt des Lebens begann, sondern um viel größere Fragen – den weiteren Aufbau des Sozialismus in der DDR und den Weltfrieden. Die Wandlung zum Zombie hatte wohl schon bei einigen bereits eingesetzt. Die Gruppe gehörte zur sogenannten R-Klasse, eine Klasse mit erweitertem Sprachunterricht und einem deutlich höheren Unterrichtsniveau als dem der normalen Schüler. Aus allen 14 Polytechnischen Oberschulen der Stadt und den Schulen der benachbarten Dörfer hatte man für die neue Klasse die Schüler zusammengesucht, die noch ein gewisses Potenzial versprachen. Es war die „Verliererklasse“, die 11 F, wo nur die Schüler hinkamen, welche im ersten Auswahlverfahren in der achten Klasse nicht gut genug waren. Von den sechs elften Klassen an der Schule war das die „Verliererklasse“ und ich kam mir innerhalb dieser Klasse als der größte Loser vor. Alle anderen schienen mir um Längen besser zu sein als ich, nicht nur in den schulischen Leistungen, sondern auch in ihrer „Marxistisch-Leninistischen Weltanschauung“, die man für die EOS unbedingt brauchte. Ich war bisher kein schlechter Schüler, brauchte mich aber bei dem Niveau meiner bisherigen Schule nie anstrengen. An der EOS wehte dagegen ein deutlich härterer Wind. Wer hier nicht bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit ging, konnte nicht bestehen. Von den anderen Schülern fiel mir noch ein stilles, freundliches Mädchen mit Brille und langen, hellbraunen Haaren auf. Sabine wurde bald meine beste Freundin an der Schule, die mein späteres Leben wohl mehr beeinflusst hat als viele andere Menschen. In der zweiten Reihe saß ein Junge mit einer Adlernase und langen dunklen Haaren, die ihm weit über die Schulter fielen. Er gefiel mir, weil er ein wenig rebellischer und nicht so linientreu wirkte wie die meisten anderen in dieser Klasse. Wie ich etwas später mitbekam, war er ein mitreißender Musiker, der seine Gitarre beherrschte wie kaum ein anderer. Für die kommenden zwei Jahre sollte er nicht nur mein Banknachbar in der Schule sein, wir würden gemeinsam auch viel Blödsinn anstellen. Obwohl er in diesen zwei Jahren an der EOS „Geschwister Scholl“ wohl mein bester Kumpel war, haben sich nach dem Abitur unsere Wege getrennt, ich habe seitdem nie wieder etwas von Detlef gehört.

Die Tür ging auf und Frau G., unsere neue Klassenlehrerin für die kommenden beiden Jahre, kam herein. Obwohl ich schon bald mitbekam, dass sie im Grunde eine warmherzige, intelligente und humorvolle Lehrerin war, fand ich sie erst einmal ziemlich grässlich und irgendwie sozialistisch militant, zombiemäßig eben. Auch sie sprach von den großen Aufgaben zum weiteren Aufbau des Sozialismus, vom immer unsicherer werdenden Weltfrieden, der von den Rüstungsplänen der Amerikaner und ihren Lakaien in der Bundesregierung bedroht würde und von unserer Rolle als die künftige intellektuelle Elite des Staates. Ich dachte wieder an die Zombies und verfluchte mich einmal mehr, dass ich auf Herrn W. gehört hatte ...

Das Schulsystem der DDR

Für alle Schüler in der DDR gab es eine Schulpflicht und eine Einheitsschule, die Polytechnische Oberschule oder POS. Mit Ausnahme der besonders schlechten Schüler, welche bereits nach der achten oder neunten Klasse die Schule verlassen konnten sowie der besonders guten Schüler, die nach der achten, seit 1982 auch der zehnten Klasse auf die EOS wechselten, gingen alle anderen Schüler bis zum Ende der zehnten Klasse auf die POS. Das Bildungssystem wurde zweimal grundlegend reformiert. 1959 wurde mit dem „Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens“ die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule (POS) als einheitlicher Schultyp für alle Schüler eingeführt. Das Bildungsmonopol in der DDR hatte der Staat und damit die SED, die Sozialistische Einheitspartei, als verfassungsmäßig festgeschriebene führende Partei der DDR. Das zentral organisierte Bildungswesen unterstand von 1963 bis zum Ende der DDR 1989 der Volksbildungsministerin Margot Honecker, der Ehefrau des Staatschefs Erich Honecker. Bis auf eine Ausnahme, der Katholischen Theresien-Schule in Berlin-Weißensee, gab es keine staatlich anerkannten privaten Schulen. Kernpunkt des staatlichen Bildungsauftrags war die Erziehung zur „allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeit“. Das Ministerium für Staatssicherheit, das MFS, überwachte die Linientreue der Lehrer und Schüler. Verhaltensauffällige oder regimekritische Jugendliche wurden in die sogenannten „Jugendwerkhöfe“ geschickt, in denen körperliche und seelische Zwangsmaßnahmen an der Tagesordnung waren. Ziel des DDR-Hochschulsystems war es, eine parteiloyale Machtelite heranzuziehen. Der Staat bestimmte, wer überhaupt studieren durfte, legte durch die Studienauswahl in den EOS fest, welche Studienfächer die Abiturienten belegen durften und vermittelte durch die „staatliche Absolventenverordnung“ nach Studienende auch die Arbeitsstätten der Akademiker.

Die Polytechnische Oberschule

Ab 1959 war die Polytechnische Oberschule, die POS, der grundlegende Schultyp der DDR. Die Kinder wurden mit sechs bzw. sieben Jahren nach einer ärztlichen Schultauglichkeitsüberprüfung eingeschult, Stichtag dafür war der 31. Mai. Kinder, die erst danach sechs Jahre alt wurden, kamen mit sieben Jahren in die Schule. Ausnahmen von dieser Regel waren auf Wunsch der Eltern möglich mit der Zustimmung des zuständigen Arztes, welcher die Schultauglichkeitsüberprüfung durchgeführt hatte. Die POS gliederte sich seit 1958 in die Unterstufe von der ersten bis zur vierten Klasse und die Oberstufe von der fünften bis zur zehnten Klasse. Ab 1965 gab es eine weitere Differenzierung, es gab jetzt die Unterstufe von der ersten bis zur dritten Klasse, die Mittelstufe von der vierten bis zur sechsten Klasse und die Oberstufe von der siebten bis zur zehnten Klasse. In der Unterstufe erfolgte der Unterricht durch speziell dafür ausgebildete Unterstufenlehrer, meistens Lehrerinnen, welche fast alle Fächer mit nur wenigen Ausnahmen selbst unterrichteten. Daneben waren diese Lehrerinnen auch die Klassenleiter ihrer Klasse und Ansprechpartner für alle Belange ihrer Schüler. Eine Benotung der Leistungen gab es von der ersten Klasse an. Ab der Mittelstufe kamen weitere Fächer auf den Lehrplan. Geschichte, Russisch als erste Fremdsprache, Geografie und Biologie gab es ab der fünften Klasse. Ab der sechsten Klasse kam Physik dazu und ab der siebten Klasse Chemie, als fakultatives Fach dazu noch Englisch, Französisch oder Polnisch als zweite Fremdsprache sowie die „Einführung in die sozialistische Produktion“, ESP und „Produktives Arbeiten“, PA, in welchem die Schüler in ausgewählten Betrieben in der Produktion mitarbeiteten. ESP und PA lösten das Fach „Werken“ ab, welches bis zur sechsten Klasse unterrichtet wurde. Das Fach „Heimatkunde“ wurde durch den „Staatsbürgerkundeunterricht“, auch „Stabi“ genannt, abgelöst. Nur in der zehnten Klasse gab es das Fach Astronomie. Der Anteil der naturwissenschaftlich-technischen Fächer war gegenüber dem heutigen Schulsystem deutlich größer, man legte großen Wert auf eine „allseits gebildete Persönlichkeit“ der Kinder. Neben den obligatorischen Fächern gab es fakultativen Unterricht sowie Arbeitsgemeinschaften, in denen sich die Schüler entsprechend ihrer individuellen Interessen mit Themen beschäftigten, die über den allgemeinen Schulstoff hinausgingen. Abgesehen von den ideologischen Beeinflussungen war das Schulsystem der DDR wahrscheinlich weitaus besser als die jetzigen Schulsysteme dazu geeignet, junge Menschen auf ihr Leben vorzubereiten.

Die POS wurde mit schriftlichen Abschlussprüfungen in Russisch, Deutsch, Mathematik und einer Naturwissenschaft (Auswahl zwischen Physik, Chemie und Biologie) sowie einer Sportprüfung abgeschlossen. Darüber hinaus gab es zwei bis fünf mündliche Prüfungen. Mündliche Prüfungen waren zum Teil fakultativ, viele Schüler nutzten diese Prüfungen, um bestimmte Noten zu verbessern. Das Abschlusszeugnis der POS entsprach dem heutigen Realschulabschluss, der Mittleren Reife und wird auch als solcher anerkannt. Dieser Abschluss berechtigte zur Aufnahme einer Berufsausbildung sowie zum Studium an einer der zahlreichen Fachschulen, diese entsprechen den heutigen Berufsfachschulen. Das vorzeitige Beenden der POS nach der achten oder seltener nach der neunten Klasse war auf Antrag der Eltern und nach Zustimmung der Schule möglich. Mit diesen Zeugnissen konnte eine Berufsausbildung in bestimmten Berufen, vorwiegend in der Industrieproduktion, dem Handwerk und der Landwirtschaft, begonnen werden, welche in der Regel mit einem Teilfacharbeiterabschluss endete. Ein Abgangszeugnis der 9. Klasse der POS entspricht einem Hauptschulabschluss. Für die Zulassung zur EOS oder zur Berufsausbildung mit Abitur waren nicht nur überdurchschnittliche Leistungen in der Schule, sondern auch sogenannte „gesellschaftliche Aktivitäten“ und eine zweite Fremdsprache, wie Englisch, die Voraussetzung.

Die Erweiterte Oberschule und die Berufsausbildung mit Abitur

An der Erweiterten Oberschule, der EOS, konnten ausgewählte Schüler das Abitur ablegen. Sie bestand aus den Klassen 9 bis 12, seit 1983, abgesehen von Spezialschulen, nur noch aus den Klassen 11 und 12. Nur im Jahr 1982 wurden zusätzlich zu den Schülern, welche bereits nach der achten Klasse zur EOS gingen, parallel auch Schüler der zehnten Klassen der POS für die EOS zugelassen. Zu Beginn, in den 1960er Jahren, war der Besuch der Erweiterten Oberschule mit einer Berufsausbildung verbunden, später begannen die Abiturienten in der Regel ein Direktstudium an einer Universität oder Hochschule. Nur eine kleine Anzahl der Schüler eines Jahrgangs, sieben bis maximal 10 Prozent, durfte eine EOS besuchen. Für eine Zulassung zur EOS waren neben den schulischen Leistungen auch der Berufswunsch, eine gewisse politische „Linientreue“ und die soziale Herkunft der Eltern ausschlaggebend. Wer als Berufswunsch Offizier der Nationalen Volksarmee, des Innenministeriums oder des Ministeriums für Staatssicherheit angegeben hatte, hatte es nicht nur leichter, einen Platz an der EOS zu bekommen, die schulischen Leistungen dort wurden oft auch „wohlwollender“ benotet als bei anderen Schülern. Die Herkunft aus der „Arbeiterklasse“ war bis zum Ende der DDR wichtig, auch wenn viele Schüler aus Elternhäusern kamen, die im eigentlichen Sinne keine Arbeiter waren, sondern Funktionäre, Staatsangestellte wie Lehrer und Offiziere oder Akademiker.

Parallel zur EOS gab es die Berufsausbildung mit Abitur. Diese dauerte in der Regel drei Jahre, die Zugangsvoraussetzungen wurden nicht ganz so streng gehandhabt wie die zur EOS. Gegenüber dem Abiturstoff an einer EOS war der Lehrplan der Berufsausbildung mit Abitur deutlich „abgespeckt“, im Vordergrund stand der spätere Beruf. Etwa fünf Prozent eines Jahrganges durften eine Berufsausbildung mit Abitur beginnen. Ab 1981 erhielten die Abiturienten der EOS eine Ausbildungsbeihilfe, während Lehrlinge einer Berufsausbildung mit Abitur bereits seit längerer Zeit eine Ausbildungsvergütung erhielten. Schüler der elften Klasse der EOS erhielten 100 Mark im Monat, Schüler der zwölften Klasse 150 Mark. Darüber hinaus war in den meisten Kommunen der öffentliche Nahverkehr für Abiturienten kostenfrei. Viele EOS hatten eigene Internate, in denen die Schüler aus den umliegenden Dörfern wohnten. Diese fuhren in der Regel nur am Wochenende zu ihren Eltern. An einigen Universitäten und Hochschulen gab es einen ein Jahr dauernden Vorkurs für junge Facharbeiter zum Erwerb der Hochschulreife, die sogenannte Arbeiter- und Bauernfakultät, ABF. Die ABF spielten vor allem in der Frühzeit der DDR eine wichtige Rolle. Die erworbene Hochschulreife war fachgebunden und berechtigte zum Studium von betriebswirtschaftlichen und technischen Studienrichtungen. Auch ein anschließendes Studium mit dem Berufsziel Lehrer an der POS war möglich.

Ein weiterer Weg zum Abitur bestand darin, vergleichbar zum heutigen Abendgymnasium, sich an der Volkshochschule auf die Allgemeine Hochschulreife vorzubereiten. Um zum sogenannten Abendabitur zugelassen zu werden, bedurfte es der Zustimmung des örtlichen Schulrates.

Voraussetzung für ein Studium war neben dem Abitur auch die Zustimmung des jeweiligen Wehrkreiskommandos. Normalerweise wurde der achtzehnmonatige Grundwehrdienst vor dem Studium abgedient. Fast alle EOS hatten spezielle Studienberater, welche die Abiturienten mit mehr oder weniger subtilen Drohungen dazu drängten, sich für einen dreijährigen Wehrdienst als Unteroffizier auf Zeit zu verpflichten. Diese Schüler hatten es oft um einiges leichter als die, welche nur den Grundwehrdienst leisten wollten. Einige EOS gingen sogar so weit, dass die Verpflichtung zum Unteroffizier auf Zeit Teil der Zulassungsvoraussetzung war. Während des späteren Studiums gab es in der Regel im dritten Semester einen fünfwöchigen Reservedienst.

Die Sonderschulen

Körperlich oder geistig behinderte Kinder und Jugendliche sollten auf sogenannten „Sonderschulen“ im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu möglichst vollwertigen „Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft“ erzogen werden. Sie erhielten einen speziellen, auf ihre jeweiligen Handicaps angepassten Lehrplan und eine individuellere Betreuung. Während an den POS normalerweise 30 oder mehr Kinder in einer Klasse unterrichtet wurden, waren die Klassenstärken in den Sonderschulen deutlich kleiner. Zu den Sonderschulen gehörten neben den Hilfsschulen für geistig behinderte oder lernbehinderte Kinder auch die Körperbehinderten-, Blinden-, Sehschwachen-, Gehörlosen- oder Sprachheilschulen. Weiterhin hatten auch Schulen oder einzelne Klassen in Krankenhäusern und Rehabilitationsstätten einen Sonderschulstatus.

Spezialschulen und Förderschulen

Zur Begabtenförderung gab es eine ganze Reihe von Spezialschulen, wohl am bekanntesten waren die Kinder- und Jugendsportschulen, KJS, an denen die künftigen Athleten der DDR ausgebildet wurden. Darüber hinaus gab es spezielle Schulen für Musik, Mathematik, Naturwissenschaften, Elektronik sowie alte oder neue Sprachen. In einigen Fällen handelte es sich auch um Spezialklassen, die administrativ einer POS oder einer EOS angeschlossen waren, so wie die sogenannten R-Klassen, die Russischklassen, die ab der dritten Klasse besucht wurden. Diese Klassen hatten nicht nur einen erweiterten Sprachunterricht, auch das allgemeine Schulniveau war höher als in normalen Schulen oder Klassen. Einige Universitäten und Hochschulen betrieben besondere Förderklassen für hochbegabte Schüler mit dem Schwerpunkt Mathematik, Physik oder Chemie.

Die Volkshochschule

Die Volkshochschule war eine Art „Abendoberschule für die Werktätigen“. Sie war als staatliche Einrichtung in das allgemeine Schulsystem integriert und unterstand seit 1956 dem Ministerium für Volksbildung. Der Unterricht an der Volkshochschule erfolgte nach einem verbindlichen Lehrplan, ihre Zeugnisse berechtigten wie das Abitur zum Studium in bestimmten Fachrichtungen. Hauptsächlich war es die Aufgabe der Volkshochschule im zweiten Bildungsweg Arbeitern oder Genossenschaftsbauern den Erwerb des Abiturs zu ermöglichen. Genauso wie bei der Berufsausbildung mit Abitur war das Niveau der Volkshochschule nicht so hoch wie das der EOS, es wurde Rücksicht auf die „werktätige Bevölkerung“ genommen. Für Schichtarbeiter gab es spezielle Kurse, die wahlweise vor- oder nachmittags stattfanden. Die Abschlussprüfungen fanden parallel zu denen der EOS statt. Nach 1970 wurde etwas weniger Wert auf die Vermittlung der Ideologie gelegt, es gab wieder mehr Kurse in Fremdsprachen, Naturwissenschaften oder Kunst und Kultur. Finanziert wurde die Volkshochschule überwiegend vom Staat. Die Kursgebühren von einer Mark bei schulischen Abschlusskursen oder 3 Mark bei anderen Lehrgängen für jeweils 20 Stunden waren eher symbolisch.

2. Der rote Wedding marschiert

„Links, links, links, links! Die Trommeln werden gerührt.
Links, links, links, links! Der rote Wedding marschiert.
Wir tragen die Wahrheit von Haus zu Haus

und jagen die Lügen zum Fenster hinaus, bis der letzte Prolet uns gehört.

Roter Wedding, grüßt euch Genossen, haltet die Fäuste bereit!
Haltet die roten Reihen geschlossen, dann ist der Tag nicht mehr weit!
Schon erglüht die rote Sonne flammend am Firmament.
Kämpft Genossen, Sturmkolonnen!
Rot Front! Rot Front!“

Besonders kämpferisch hörte sich das nicht gerade an, was ich da vor der versammelten Klasse von mir gab, viel eher ähnelte mein Gesang wohl dem Piepsen einer verängstigten Maus. Für Arbeiterkampflieder war ich einfach nicht geschaffen. Ich sah in das leicht genervte Gesicht des Musiklehrers, Herrn S. Als der Hauch eines zynischen Grinsens über sein Gesicht strich, ahnte ich, dass ich wohl nicht zufällig hier vorne stand. Dabei liebte ich Musik, vor allem Klassik und die Neue Deutsche Welle, die gerade in Mode kam. Die minimalistische Musik von Trio – „Da, Da, Da, Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht ...“ oder Nena mit ihrer etwas amateurhaften, doch gleichzeitig auch sympathischen Schnappatmung in den „99 Luftballons“ waren einfach genial. Die Idee, die englische Punk- und New-Wave-Musik mit dem klassischen deutschen Schlager zu einer neuen Musikrichtung zu kombinieren, fand ich umwerfend. Ich kannte mich ganz gut in Musiktheorie aus und komponierte in der Freizeit selbst ein wenig. Bis heute habe ich wohl kaum eine Oper in unserem Theater ausgelassen. Obwohl das Greifswalder Theater als Provinztheater nicht über die materiellen Möglichkeiten wie andere Häuser verfügt, sind vor allem die Operninszenierungen oftmals hochklassig. Aber den Musikunterricht an der EOS „Geschwister Scholl“ fand ich damals dann doch höchst grenzwertig.

Wieder einmal verfluchte ich meine Entscheidung, an die EOS zu wechseln. Noch viel schlimmer als das war aber, dass dort vor mir nicht nur meine eigenen Klassenkameraden saßen, die mich mit meinen vielen Unzulänglichkeiten inzwischen halbwegs akzeptiert hatten, sondern auch die Schüler aus der 11 E, der Klasse von „Manner“. Der Kunsterziehungs- und Musikunterricht waren Wahlpflichtfächer, man musste sich für eines von beiden entscheiden. Wie wohl auch die anderen Klassen an der EOS sahen die Jungs und Mädchen aus der 11 E in uns immer noch die „Verlierer“, die an dieser Schule nichts zu suchen hatten. Ich schaute mich ein wenig in der Klasse um und sah das Feixen auf dem Gesicht von Roger, einem eloquenten, blonden Jungen mit Brille aus der Parallelklasse. Mir war klar, was er und die anderen aus seiner Klasse in diesem Moment über mich dachten. Zum Glück war Magrit im Kunsterziehungsunterricht und nicht in der Musikklasse, sonst wäre die Schmach wohl noch peinlicher gewesen.

Zweite Stunde, Russischunterricht bei Herrn H. Herr H. war ein fairer Lehrer, der versuchte, seine Schüler gerecht zu behandeln. Aber er war auch ein gewisses Niveau seiner Schüler gewohnt und das gab es an unserer Polytechnischen Oberschule einfach nicht. Für die Mitschüler, welche von der R-Klasse gekommen waren, mochte das ein Kinderspiel sein, jedoch nicht für mich. Während ich mich bemühte, die Feinheiten der russischen Grammatik mit ihren sechs Fällen und dem vollendeten beziehungsweise unvollendeten Aspekt der russischen Verben zu verstehen, schwirrte mir der Kopf. Von den meisten Vokabeln, die meine Mitschüler wie selbstverständlich benutzten, hatte ich noch nie etwas gehört. Nein, an dieser Schule hatte ich absolut nichts verloren. Wie viel einfacher wäre es jetzt, alles hinzuschmeißen und noch einmal neu anzufangen.

Doch die nächste Stunde versöhnte mich wieder halbwegs mit meinem Schicksal. Chemie bei Frau P., einer burschikosen Frau, die irgendwie immer gut drauf war. Wir waren ihre „lieben Kleinen“, ihre Lieblingsbegrüßung war: „Na ihr kleinen Plüschohren, wie geht es euch heute?“ Anfangs hatte ich, wie auch die meisten anderen, großen Respekt vor ihr, zumal auch sie meinen Vater gut kannte. Doch bereits in einer ihrer ersten Biologiestunden hatte ich vor der versammelten Klasse einen wirklich blöden und unbedachten Namenswitz auf ihre Kosten gemacht. Damals musste ich mich des Öfteren in Sarkasmus flüchten, wenn ich mich hilflos fühlte. Das kann ich bis heute nicht ganz vermeiden. Die Klasse johlte und wir beide strahlten uns an. Die Frau hatte anscheinend viel Humor und war auch nicht nachtragend. Seitdem hatten wir eine gewisse Hochachtung voreinander, zumal auch meine Leistungen in Biologie oder Chemie überzeugend für sie waren. Ich denke, im Nachhinein trug sie eine große „Mitschuld“ an meiner Entscheidung, Chemie zu studieren. Eigentlich war es nicht einmal meine eigene freie Entscheidung, aber davon später. Das Unterrichtsniveau in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern an den EOS war sehr hoch, in etwa vergleichbar mit den heutigen Leistungskursen am Gymnasium. Aber im Gegensatz dazu musste man damals alle Fächer absolvieren und konnte keines abwählen.

Auch die vierte Stunde war wieder wohltuend anders, Staatsbürgerkunde bei Herrn Dr. D., dem Direktor der Schule. Im Gegensatz zum Staatsbürgerkundeunterricht an der POS, der mehr auf plumpe Indoktrination setzte, war der Stabi-Unterricht an der EOS eher für halbwegs intelligente und kritische junge Menschen gemacht. Statt Parteiparolen durchzukauen, gab es eine Einführung in die klassische Philosophie. Auch Marx und Engels kamen später noch oft genug vor, aber viel interessanter waren die Gedankengänge von Platon und Aristoteles, Kant, Hegel oder Locke. Gleich am Anfang ging es um den Ausgangspunkt aller philosophischen Modelle, die Frage, ob sich der Mensch selbst seine Umwelt schafft oder ausschließlich durch sie geformt wird. Mir gefiel vor allem, dass Herr D. Wert aufs Argumentieren legte. Es „durften“ sogar Thesen diskutiert werden, welche der gängigen Parteilinie widersprachen, wenn sie denn plausibel und durchdacht vorgetragen wurden. Ich stellte mir wieder einmal die Frage, warum ein interessanter Unterricht so sehr von der Persönlichkeit des jeweiligen Lehrers abhängt.

Der letzte Tiefpunkt des Tages war dann natürlich die Geschichtsstunde bei „Manner“. Wer meine Bücher kennt, der weiß, dass ich von Geschichte recht viel verstehe. Schon seit der fünften Klasse liebte ich Geschichte und verschlang alles, was ich an historischen Romanen und Sachbüchern zu Hause oder in der Bibliothek fand. Ich hätte „Manner“ viel über die Anzugsordnung in den westrheinischen Heeren zur Zeit der Kabinettskriege oder zur Entwicklung der timokratischen Ordnung in der attischen Demokratie während der Regierungszeit Solons erzählen können, Dinge, von denen ich wahrscheinlich weitaus mehr wusste als er. Doch im Geschichtsunterricht einer EOS ging es nicht um solche Themen, sondern ausschließlich um die Geschichte der organisierten Arbeiterbewegung. Die Bibel war für uns der „Abriss der Geschichte der SED“ und ein kleines rotes Büchlein mit den Reden und Schriften führender Genossen. Heute stand die „Konferenz von Ziegenhals“ auf dem Lehrplan. Für diejenigen, die sich dafür interessieren sollten – knapp eine Woche nach der Machtübernahme der NSDAP trafen sich im Februar 1933 etwa 40 Funktionäre der KPD im Sporthaus Ziegenhals, einer Gaststätte in der Nähe von Berlin. Sie diskutierten dort über den „Klassencharakter des Hitlerregimes“ und welche Maßnahmen die schon bald illegale KPD dagegen ergreifen sollte. Gleichzeitig war es die letzte Parteikonferenz, in welcher der Vorsitzende der KPD, Ernst Thälmann, vor seiner Verhaftung gesprochen hat. Für einen überzeugten Genossen der SED war diese Konferenz sicherlich ein Höhepunkt der Weltgeschichte, aber ich gebe gerne zu, dass mich dieses Treffen einiger KPD-Funktionäre bis heute nicht gerade brennend interessiert hat. Zudem wusste ich bereits, dass es nicht allein der heroische Kampf der KPD war, welcher den Krieg beendet hatte, sondern dass auch die Alliierten und besonders die Rote Armee ein klein wenig dabei mitgeholfen hatten. Möglicherweise hatte ich einen leicht gelangweilten oder ironischen Zug auf dem Gesicht, jedenfalls rastete „Manner“ fast aus. Er wies uns mit scharfen Worten darauf hin, welch ein Meilenstein diese Konferenz doch für die Geschichte der Arbeiterbewegung war und dass wir ohne den aufopferungsvollen Kampf der KPD gegen das NS-Regime heute nicht an dieser Schule wären.

Nach der letzten Stunde an diesem Schultag musste ich mich irgendwie abreagieren. Mit ein paar anderen aus meiner Klasse ging ich in die „Grusinische Teestube“ am Boulevard. Dort gab es einen fantastischen Hirtentee, in größeren Mengen ein tödliches Getränk. Schwarzer Tee mit Zitrone, kombiniert mit viel Rotwein und dazu noch einem Schuss Weinbrand kann auf das ungeübte Hirn eines siebzehnjährigen Schülers eine enorme Auswirkung haben. Oder wie der irische Dichter Oscar Wilde einmal schrieb: „Alkohol in ausreichender Menge genossen bewirkt alle Symptome der Trunkenheit.“ Fürs Erste fühlte ich mich aber halbwegs glücklich, denn die anderen in der Klasse akzeptierten mich einfach so, wie ich war …

Die politische Indoktrination in den Schulen
der DDR

„Wir haben uns stets dazu bekannt und bekennen uns dazu, dass wir unsere Jugend ganz im Sinne der Lenin’schen Auffassung erziehen, wonach all das sittlich ist, was der Zerstörung der alten Ausbeuterschaft und dem Zusammenschluss aller Werktätigen um die Arbeiterklasse dient, die die neue, die kommunistische Gesellschaft aufbaut.“

Margot Honecker

Die langjährige Volksbildungsministerin Margot Honecker, die das Schulwesen der DDR bis zu ihrem Untergang 1989 beherrschte, fasste in diesem Zitat ihr Erziehungsideal einer sozialistischen Schule zusammen. Anstatt kritische, intelligente und offene Jugendliche zu fördern, setzte die Erziehung in der DDR bewusst auf linientreue Ja-Sager. Obwohl die vielen Probleme des Sozialismus im Laufe der achtziger Jahre immer offensichtlicher wurden, dachte Margot Honecker nie daran, das Erziehungs- und Bildungskonzept umfassend zu reformieren. An die Stelle von Reformen trat die Verschärfung der Indoktrinierung von Schülerinnen und Schülern. Grundlage der DDR-Pädagogik war die marxistisch-leninistische Lehre und die Sowjetpädagogik, die besonders von dem Pädagogen Makarenko geprägt wurde. Die marxistisch-leninistische Pädagogik sollte „als eine im Klassenkampf geschaffene Wissenschaft von der Erziehungs- und Bildungspolitik der revolutionären Arbeiterklasse“ verstanden werden. Innerhalb dieser Grundauffassung ging man von einer grundsätzlichen „Erziehbarkeit und ‚Formbarkeit‘ der Menschen“ aus. Im Jugendgesetz des Jahres 1974 liest sich diese „Aufgabe“ des Schulwesens so:

„Vorrangige Aufgabe bei der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft ist es, alle jungen Menschen zu Staatsbürgern zu erziehen, die den Ideen des Sozialismus treu ergeben sind, als Patrioten und Internationalisten denken und handeln, den Sozialismus stärken und gegen alle Feinde zuverlässig schützen. Die Entwicklung der jungen Menschen zu sozialistischen Persönlichkeiten ist Bestandteil der Staatspolitik der Deutschen Demokratischen Republik und der gesamten Tätigkeit der sozialistischen Staatsmacht.“

Oppositionelle Strömungen und Gruppierungen galt es auszuschalten, stattdessen sollten systemkonforme „sozialistische Persönlichkeiten“ erzogen werden, die nicht von der Norm abwichen. Nicht die individuelle Entwicklung des Kindes, sondern die Ausprägung des sozialistischen Idealbürgers war maßgebend für die Erziehung. Der Marxismus-Leninismus verstand den „Mensch[en] […] primär als gesellschaftliches Wesen“, welches durch eine geeignete Erziehung durch die sozialistischen Lehrkräfte zu dem Idealbild des „Neuen Menschen“ geformt werden könnte. Diese Erziehung sollte möglichst früh, schon bei den Kindergartenkindern einsetzen. Bereits in diesem Alter wurde den Kindern die „wissenschaftliche Ideologie der Arbeiterklasse“ und die „Liebe zur Sowjetunion“ nähergebracht. Von dieser frühen Berührung mit den Lehren von Marx, Engels und Lenin versprach man sich rasche Erfolge im Aufbau der neuen Gesellschaft. Die Auffassung, dass sowohl Charakter als auch Wesen, Talent und persönliche Einstellung sich im Kindes- und Jugendalter noch entscheidend formen ließen, bestärkte diese Vorgehensweise.

3. Ein Haus am See

Schon wenige Wochen nach der Einführungsveranstaltung in der EOS meldete sich unsere Klasse für das Wochenendhaus der Schule in Gallenthin an. Eltern von Schülern der EOS hatten zusammen mit Mitgliedern des Lehrkörpers in liebevoller Kleinarbeit ein ehemaliges Bauernhaus in diesem kleinen Dorf am Schweriner See renoviert.

Es gab dort ein Volleyballfeld, Tischtennisplatten, ein Klavier und Kanus. Hier konnten die Schüler mit oder ohne ihre Lehrer die Wochenenden verbringen. Vom Bahnhof in Bad Kleinen liefen wir die knapp zwei Kilometer bis zum Haus. Vorräte für das Wochenende hatten wir genügend, als junger Mensch braucht man nicht allzu viel. Gut, die Schlafsäle hätten vielleicht etwas komfortabler sein können, aber auch das störte mich nicht allzu sehr. In den wenigen Wochen, die wir jetzt zusammen waren, hatte unsere zusammengewürfelte Klasse eine enorme Wandlung hinter sich gebracht. Wohl alle hatten inzwischen verstanden, dass uns an der neuen Schule ein gewisses Stigma anhaftete, obwohl alle Schüler in ihren alten Schulen zu den Besten gehörten. Ich glaube bis heute, dass in dieser kurzen Zeit alle begriffen hatten, dass wir unser Image als Verlierer loswerden mussten und dass das nur durch Zusammenhalt und gegenseitiges Einstehen füreinander zu erreichen war.

Ich hatte mich in dieser Zeit ein wenig mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs beschäftigt und konnte ein paar unserer Jungs davon überzeugen, dass das, was sie im sozialistischen Geschichtsunterricht gelernt hatten, an der Realität so ziemlich vorbeiging. Inzwischen hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein und von den anderen akzeptiert zu werden. Ich fühlte mich nach diesen wenigen Wochen nicht mehr wie ein Fremdkörper in meiner neuen Klasse und hatte manchmal sogar den Mut, als Wortführer im Unterricht aufzutreten. Selbst beim Volleyball, wo ich und die meisten anderen meiner Klasse im Sportunterricht bei „Manner“ so offenkundig absolute Versager waren, machten wir auf einmal alle eine akzeptable Figur. Wahrscheinlich lag es nur daran, dass wir hier Spaß daran hatten und uns nicht ständig gegenseitig für unsere auch weiterhin vielen Fehler kritisierten. Bis heute spiele ich gerne Volleyball, obwohl ich es immer noch nicht richtig kann. Nach dem Abendessen setzte sich Antje an das Klavier und spielte „Für Elise“ von Beethoven, eine hinreißend schöne Melodie, wenn auch mit ein paar kleinen Patzern zwischendurch. Als Zugabe gab es dann noch den „Flohwalzer“. Ich glaube nicht, dass Antje sich diese Blöße gegeben hätte, wenn nicht auch sie sich inzwischen in ihrer neuen Klasse aufgehoben gefühlt hätte.

Die Zeit an der neuen Schule verging schnell und schon bald kam der Februar mit den Halbjahreszeugnissen. Zwar waren die Noten immer noch ziemlich schlecht, aber nicht mehr ganz so schlimm wie noch vor einigen Monaten, als ich gleich in mehreren Fächern auf Fünf, das heißt „Ungenügend“, die schlechteste Note im Schulsystem der DDR, stand. Ich war mir sicher, diese Noten bis zum Ende des Schuljahres verbessern zu können. Jetzt war ich bereit, diesen Kampf aufzunehmen und ich wusste, dass ich ihn gewinnen könnte. Inzwischen mochte ich meine Klasse und auch die wenigen Lehrer an der EOS, die einen jungen Menschen als Persönlichkeit ernst nahmen. Erst viel später im Leben, nach der „Wende“ in der DDR, merkte ich, dass es sich in vielen Fällen lohnt zu kämpfen, auch wenn die Ausgangslage völlig hoffnungslos ist und man ab und zu den Kürzeren dabei zieht. Sogar zwei Einsen fand ich auf meinem ersten Zwischenzeugnis, natürlich von Frau P., der Chemielehrerin und Dr. D., dem Stabi-Lehrer. Komischerweise werden Schulnoten immer dann besser, wenn ein Lehrer einem Schüler das Gefühl vermitteln kann, dass er trotz allem an ihn glaubt. Zum Ausklang des Halbjahres feierten wir in dem Klubkeller der Schule, den ebenfalls die Eltern zusammen mit den Schülern renoviert und eingerichtet hatten.

Kultur und Musik in der DDR

Kunst und Kultur standen in der DDR ganz klar unter der Vorherrschaft der Politik. Die offizielle Aufgabe der Kultur in der DDR war die Förderung und Idealisierung des Sozialismus. Der Artikel 18 der Verfassung der DDR erwähnte die Kultur nur als „sozialistische Kultur“ und machte so deutlich, dass nur Kunst im Dienste des Sozialismus einer Förderung durch den Staat würdig war. Eine freie Ausübung von Kultur galt in der DDR als zu bekämpfende „imperialistische Unkultur“. Die Verfassung der DDR erklärte ausdrücklich: „Das künstlerische Schaffen beruht auf einer engen Verbindung der Kulturschaffenden mit dem Leben des Volkes.“ Welche Kunst das war, hing jeweils von der Entscheidung des Politbüros ab. Auf dem 5. Plenum des Zentralkomitees der SED vom 17. März 1951 sagte Otto Grotewohl, der Ministerpräsident der DDR:

„Literatur und bildende Künste sind der Politik untergeordnet, aber es ist klar, dass sie einen starken Einfluss auf die Politik ausüben. Die Idee der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen.“

Die Regierung der DDR wollte offiziell allen DDR-Bürgern Zugang zum kulturellen und gesellschaftlichen Leben ermöglichen und die Kinder und Jugendlichen zu „allseitig gebildeten „sozialistischen Persönlichkeiten“ erziehen. Dabei war das Kulturleben der UdSSR und die Kultur der Arbeiter der Vorkriegszeit in vielen Bereichen ein Vorbild. Musik aller Stilrichtungen gab es natürlich auch in der DDR. Es gab Komponisten klassischer Musik genauso wie Schlagersänger, Liedermacher oder Rockbands. Auf der Bitterfelder Konferenz 1959 verkündete Walter Ulbricht:

„Es genügt nicht, die kapitalistische Dekadenz in Worten zu verurteilen, gegen Schundliteratur und spießbürgerliche Gewohnheiten zu Felde zu ziehen, gegen die ‚Hotmusik‘ und die ekstatischen ‚Gesänge‘ eines Presley zu sprechen. Wir müssen etwas Besseres bieten.“

Der auf diese Weise erfundene Tanz „Lipsi“ sollte den Rock ’n’ Roll aus den Tanzlokalen verdrängen – einer von vielen hilflosen Versuchen der Partei, die nicht ankamen. „Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je [...] sollte man doch Schluss machen“, befand Walter Ulbricht 1965. Doch auch im Osten waren Beat und Rock ’n’ Roll sehr beliebt. Im Oktober 1965 verfügte ein Erlass des Politbüros, dass Beatmusik in den Medien verboten und den Beatgruppen in der DDR die Lizenz entzogen werden sollte. Walter Ulbricht sah in der Beat-Musik den „Versuch westimperialistischer Drahtzieher, die akustische Kriegsvorbereitung in die DDR zu tragen“. So wurden englische Namen für Bands untersagt, fortan mussten sich Musikgruppen „Combos“ nennen. Die Kulturhäuser und FDJ-Klubs wurden wieder auf ihre ideologische Ausrichtung hin überprüft. Der Staat wollte dem eine „sozialistische Jugendtanzmusik“ entgegensetzen. DDR-Bands sollten einen eigenen, einen optimistischen Stil finden, der das positive Lebensgefühl der „Arbeiterklasse der DDR“ ausdrückte. Dieses Ziel sollte durch Verbote und Förderungen erreicht werden. In der Realität aber war die Dominanz der an englischen und amerikanischen Hits orientierten Musik nicht zu bekämpfen, die Titel überwanden spielend die Mauer. Mit ihren meist kritischen Texten eckten vor allem die Liedermacher der DDR oft an. Sie erhielten Auftrittsverbot oder wurden, so wie der Liedermacher Wolf Biermann, sogar aus der DDR ausgebürgert. Auf Tanzveranstaltungen galt eine Quote von mindestens 60 Prozent „Ostmusik“ zu maximal 40 Prozent „Westmusik“.

4. WPA

Meine Wandlung zum „sozialistischen Zombie“ war inzwischen vollständig abgeschlossen. Zu den ehemaligen Mitschülern von der POS hatte ich keinen Kontakt mehr. Wenn ich mal einen von ihnen zufällig traf, hatten wir uns eigentlich nichts mehr zu sagen. Die alten sinnbefreiten Spiele, die gemeinsamen Fahrten in die nächsten Dörfer oder das abendliche Treffen zum Baden waren Vergangenheit. Sie lebten weiter in ihrer alten Welt und ich musste mich mühselig in meiner neuen Welt zurechtfinden. Da immer noch zu viel Schulstoff nachzuholen war, den die anderen Jugendlichen in den Parallelklassen schon seit zwei Jahren konnten, blieb auch keine Zeit für irgendwelche Freizeitaktivitäten übrig. Wenn ich einmal das Haus verließ, traf ich mich mit den neuen Freunden von der EOS.

Auf dem Lehrplan erschien ein neues Fach, „Wissenschaftlich-Praktische Arbeit“ oder kurz WPA. Das Bildungsideal der sozialistischen Erziehung war die „allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeit“. Auch künftige Akademiker, Offiziere oder Funktionäre sollten den Kontakt zum „werktätigen Volk“ nicht verlieren. Von den angebotenen Themen suchte ich mir eines aus, bei dem ich auf der großen Werft in meiner Heimatstadt arbeiten konnte. Das Thema „Die Untergrundvorbehandlung von Werkstoffen im Rahmen des Korrosionsschutzes“ hörte sich irgendwie bedeutsam und spannend an, die Realität sah dann ein wenig nüchterner und prosaischer aus. Jeden zweiten Donnerstag saß ich jetzt in einer kleinen Baracke auf dem riesigen Werftgelände und konnte die vielen Widersinnigkeiten der sozialistischen Produktion aus nächster Nähe mit ansehen. Auch wenn ich als Jugendlicher noch nicht allzu viel über die Wirtschaft in der DDR wusste, kamen mir doch viele Prozesse und Abläufe wenig durchdacht vor. Obwohl es durchaus einige modernere Bereiche in der Werft gab, wirkten die meisten Anlagen irgendwie vorsintflutlich. Wenn zu einem Thema eine Entscheidung getroffen werden musste, ging der schriftliche Vorgang meistens über viele Schreibtische und kam irgendwann nach einigen Monaten wieder zu dem ursprünglichen Sachbearbeiter zurück. Auf der Werft und den unmittelbaren Zulieferbetrieben der Region arbeiteten zu dieser Zeit wohl mehr als 10.000 Menschen. Der Großteil von ihnen, mehr als achtzig Prozent, wurde nach der Wende abgewickelt, wie es damals so schön im Behördendeutsch hieß. Die Werft stellte nicht nur riesige Seeschiffe her, sondern baute im Rahmen der Konsumgüterproduktion zwischen 1954 und 1990 auch mehr als 75.000 Faltboote. Auch das war eines der vielen Dinge, welche ich schon damals nicht verstehen konnte, warum ohne Rücksicht auf die Rentabilität Industriebetriebe nebenbei noch mit weitaus höheren Kosten Konsumgüter für die Bevölkerung produzieren mussten. Auf einer meiner vielen dienstlichen Exkursionen traf ich Frank, einen meiner besten Freunde von der alten POS. Er hatte nach dem Abschluss der Schule als Lehrling auf der Werft angefangen. Aber wie ich schon bei den meisten Begegnungen mit früheren Schulkameraden mitbekommen hatte, lebten wir jetzt in verschiedenen Welten. Nach ein paar nichtssagenden Worten verabschiedeten wir uns. Ich habe ihn seitdem nie wiedergesehen.

Die Wirtschaftspolitik der DDR

Die Wirtschaftsgeschichte der DDR lässt sich grob in drei Phasen einteilen. Die erste Phase begann 1945 und endet 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer. Die zweite Phase, welche bis 1971 ging, war mit teils weitreichenden Reformen verbunden, an ihrem Ende stand die Absetzung Walter Ulbrichts durch Erich Honecker. Die dritte Phase, der Zeitraum von 1971 bis zum Untergang der DDR 1989/90, war durch die von Honecker verkündete „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ geprägt.

Nach sowjetischem Vorbild begann Walter Ulbricht die Kollektivierung der Landwirtschaft. Obwohl bereits die Kollektivierung der Landwirtschaft in der UdSSR zu gewaltigen Hungersnöten und einer stark sinkenden Produktion geführt hatte, sah man darin das richtige Mittel zum Machterhalt über die politisch unzuverlässige Landbevölkerung. Bereits seit dem Zweiten Parteitag der SED 1947 galten ehrgeizige Planziele für die Landwirtschaft, unabhängig davon, wie die Ernten ausfielen oder ob Seuchen die ohnehin geringen Viehbestände dezimiert hatten. Ab 1950 stieg das Plansoll für die Landwirtschaft weiter, die Mittelbauern mussten nun dreimal so viel Korn, Milch, Eier und Fleisch abliefern wie die Kleinbauern. Viele Mittelbauern wurden verhaftet oder flohen in die Bundesrepublik, wodurch die Ernährungssituation in der DDR noch prekärer wurde.

Im Juli 1952 verkündete Walter Ulbricht den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“. Mit massivem Druck wurden die Bauern in die neugegründeten LPGs, die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, getrieben. Zwar durften sie als Genossenschaft theoretisch selbst über ihre Produktion bestimmen, doch in der Praxis konnten die örtlichen Parteistellen alle Entscheidungen jederzeit aufheben. Bis Ende 1953 wurden mehr als 10.000 Höfe enteignet, der Rest ging mehr oder weniger freiwillig in die neuen LPGs. Zwischen 1952 und 1953 sank die Anzahl privater Höfe um mehr als 100.000. Parallel dazu begann mit teils sehr rabiaten Methoden die Verstaatlichung der vielen Kleinunternehmer in der DDR. Die privaten Betriebe, Gaststätten und Hotels wurden systematisch und oft unter fadenscheinigen Gründen beschlagnahmt. Das Ergebnis der Enteignungen war eine Wirtschaftskrise von gigantischem Ausmaß. Die Produktion von Landwirtschaft und Leichtindustrie sank besorgniserregend. Regelmäßig kam es zu Stromsperren, es gab weder genügend Grundnahrungsmittel noch Schuhe oder Kleidung für die Bevölkerung.

Obwohl sich die DDR gerne als „Arbeiter- und Bauernstaat“ bezeichnete, wurden 1952 die Normen für die Industriearbeiter um 10 Prozent heraufgesetzt. Gleichzeitig wurden die Preise vieler Konsumgüter teils drastisch erhöht. Für viele Arbeiterfamilien ging es jetzt um die nackte Existenz. Das Ministerium für Staatssicherheit war allgegenwärtig, allein von Juli 1952 bis Mai 1953 stieg die Zahl der inhaftierten „Wirtschaftssaboteure“ und politischen Häftlinge von knapp 30.000 auf 66.000 an. Die Erhöhung der Normen und die rigide Wirtschaftspolitik führten am 17. Juni 1953 an vielen Orten der DDR zu Arbeiteraufständen. Mithilfe der „Gruppe der sowjetischen Streitkräfte der Roten Armee“ wurden die Aufstände niedergeschlagen, viele Teilnehmer wurden als Rädelsführer verhaftet oder flohen in den Westen. Über die offenen Grenzen verließen von 1949 bis 1961 nach offizieller Statistik 2.737 Millionen Menschen die DDR, ziemlich genau die Hälfte davon junge Menschen unter 25 Jahre. Allein im Jahr 1953 gingen 331.390 Menschen in den Westen. Dieser Aderlass musste unbedingt aufgehalten werden, ansonsten wäre der neue Staat schon bald wieder Geschichte gewesen.

Nach dem Bau der „Berliner Mauer“ stabilisierte sich die wirtschaftliche Situation ein wenig. Es begann eine Zeit der Wirtschaftsexperimente, so hielt zum Beispiel die Kybernetik Einzug in die Wirtschaft, auch teils recht moderne Managementsysteme wurden ausprobiert. Obwohl sich viele dieser Experimente, so wie die Rinderoffenställe, als Fehlschlag erwiesen, war die Wirtschaft der DDR 1971 insgesamt in einem relativ guten Zustand.

Erich Honecker, der Nachfolger Walter Ulbrichts an der Spitze von Partei und Staat, wollte eine sozialere Wirtschaftspolitik durchsetzen. Er erhöhte mehrfach kleine Einkommen und Renten, baute die staatliche Kinderbetreuung aus und ließ mehrere Hunderttausend Plattenbauwohnungen bauen. Arbeiter erhielten mehr Urlaub und Mieten, Grundnahrungsmittel sowie der Nah- und Fernverkehr wurden mit staatlichen Subventionen massiv gestützt. Dazu wurden Ressourcen aus der Schwerindustrie in die Konsumgüterindustrie umgeleitet. Das Problem dabei war, dass die ökonomische Basis der DDR bei Weitem nicht ausreichte, um solch ein ambitioniertes Sozialprogramm zu finanzieren. Die Maschinen und Anlagen in den Betrieben waren hoffnungslos veraltet. Während im Jahr 1970, kurz vor dem Amtsantritt Honeckers, noch 11,4 Milliarden Mark an Subventionen für den Grundbedarf der DDR-Bevölkerung aus dem Staatshaushalt flossen, waren es 1988, ein Jahr vor dem Untergang der DDR, bereits 61,6 Milliarden Mark.

Es begann der Niedergang der DDR-Wirtschaft. 1977 musste der oberste Wirtschaftslenker der DDR, Günter Mittag, Honecker eingestehen: „Erstmals sind wir in akuten Zahlungsschwierigkeiten“. Die DDR-Wirtschaft war hoffnungslos veraltet und ausgeblutet, das Engagement der Beschäftigten in den Betrieben ließ zu wünschen übrig. Auch die vielen „materiellen Hebel“, Prämien und Auszeichnungen wirkten nicht mehr. Den Anschluss an moderne Technologien hatte man inzwischen verloren. Die mit enormem Aufwand aufgebaute Computer- und Mikroelektronikindustrie war von Anfang an nicht konkurrenzfähig. Während 1988 die Gestehungskosten für einen 256-kB-Speicherchip 534 Mark der DDR betrugen, kostete dieser Chip in der Bundesrepublik gerade mal 3,80 DM. Um überhaupt noch an die dringend benötigten Devisen zu kommen, verkaufte die DDR weit unter den Selbstkosten alles, was das Ausland abnahm, Schweine, Kaninchen, Pferde und Fische, aber auch Textilprodukte oder Lederwaren. Ein großer Teil der im Quelle- oder Neckermann-Katalog angebotenen Waren stammte aus DDR-Produktion. Den Todesstoß versetzten der DDR-Ökonomie die Drosselung der preiswerten Erdöllieferungen der Sowjetunion und der Einbruch der Ölpreise ab 1985. Innerhalb von nur zwei Jahren sanken die Erlöse aus dem Export von sowjetischem Erdöl von 2,5 Milliarden DM auf 900 Millionen DM.

Bereits 1979 gab die DDR mehr als anderthalbmal so viel Devisen für Zinsen und die Tilgung bestehender Kredite aus, wie sie aus ihren gesamten Exportgeschäften einnahm. Der Ausverkauf der DDR-Wirtschaft beschleunigte sich weiter, bald gab es nicht mehr genug Fleisch, Obst, Fisch oder Gemüse zu kaufen. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung nahm weiter zu, Ende der 80-er Jahre hatte nahezu jeder dritte DDR-Bürger einen Ausreiseantrag gestellt oder spielte mit diesem Gedanken.

4. Die Farm der Tiere

Ich glaube, es war Detlef, der mir ein dünnes Taschenbuch mitgebracht hatte. Wer mein Buch „Geld stinkt nicht – Eine kurze Geschichte von Wirtschaft und Steuern“ gelesen hat, möge mir verzeihen, dass ich die folgende Passage fast wortgleich aus diesem Buch übernommen habe. Wer genauer hinsieht, wird hier noch zwei andere Passagen finden, die zum Teil aus diesem Buch stammen. Ich bin bis heute ein großer Fan des Recyclings, auch von meinen eigenen Ideen und habe deswegen keine Probleme damit, diese Texte wiederzuverwerten, wenn sie denn gut sind.

Dieses Buch öffnete mir die Augen über das Grundproblem der DDR und später auch über das Leben in der BRD. Dass der Besitz dieses Buches in der DDR mit zwei Jahren Zuchthaus bestraft wurde, erfuhr ich erst viele Jahre später. In dieser Hinsicht war ich damals wohl etwas naiv, ich hatte das Buch nie versteckt. Zum Glück für mich wussten anscheinend auch die Unteroffiziere bei der NVA, welche die tägliche Spindkontrolle auf der Stube vornahmen, nichts über dieses „staatszersetzende“ Buch, welches da bei mir für alle deutlich sichtbar im Schrank stand. Ansonsten wäre ich wohl schon bald im Militärgefängnis von Schwedt, dem wohl unangenehmsten Ort in der DDR, gelandet. Der Titel des kleinen Buches von George Orwell war „Animal Farm“ oder im Deutschen „Die Farm der Tiere.“ Für diejenigen, welche das Buch nicht kennen, kommt hier eine kurze Inhaltsbeschreibung:

Auf einer kleinen englischen Farm versammeln sich eines Abends die Tiere. Old Major, ein alter Eber, erzählt seinen Traum von einer besseren, gerechteren Welt, in der die Tiere ohne ihre Menschen frei leben würden. Alles auf der Farm würde den Tieren gemeinsam gehören, gemeinsam würden sie sich ein schöneres und gerechteres Leben erarbeiten. Eines Tages, als der betrunkene Farmer Jones wieder einmal vergessen hatte, die Tiere zu füttern, erheben sie sich und verjagen die Menschen von der Farm. Alle Zeichen der Unterdrückung, wie Ketten, Peitschen oder Halfter werden abgeschafft. Die Schweine, die als die klügsten Tiere der Farm gelten, hatten inzwischen eine geschlossene Weltanschauung, den Animalismus, entwickelt. Das wichtigste Gebot des Animalismus lautet:

„Alle Tiere sind gleich.“

Die Arbeit auf der Farm ist zunächst hart, weil vieles ungewohnt war, aber die Tiere sind glücklich, weil sie nun für sich arbeiten. Zunächst werden alle Erträge der Farm brüderlich geteilt, doch schon bald beginnen die Schweine, für sich Privilegien einzufordern. Die Milch und die Äpfel müssen nun an die Schweine abgeliefert werden, weil diese als Kopfarbeiter doch bessere Nahrung benötigen als die anderen. Bald schon beginnen die Schweine, alle Prinzipien des Animalismus auf den Kopf zu stellen. Die frühere Meinungsfreiheit verschwindet, die Tiere müssen nun wesentlich härter arbeiten als unter dem alten Farmer Jones und die Erträge der Farm gehen immer mehr an die Schweine. Sobald eine Diskussion ausbricht, blöken die Schafe: „Vierbeiner sind gut, Zweibeiner sind böse.“ – Das Ende jeden Diskurses. Wenn auch das nicht reicht, kommen die Hunde, welche jetzt als Polizei fungieren und metzeln die Kritiker ab. Die sieben Gebote haben sich inzwischen verändert. Aus dem sechsten Gebot, „Kein Tier soll ein anderes töten“, wird plötzlich: „Kein Tier soll ein anderes töten ohne Grund.“ Irgendwann steht anstelle der ursprünglich sieben Gebote nur noch ein einziges an der Wand:

„Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“

Als eines Abends die Menschen der umliegenden Farmen die Schweine als die neuen Herren der Farm besuchen und ein Trinkgelage veranstalten, schauen die Tiere zum Fenster herein. Bei einem Kartenspiel spielen Napoleon, der Chef der Schweine und Mr. Pilkington von der Nachbarfarm gleichzeitig ein Pik-Ass aus, wodurch eine Keilerei entsteht. Die Tiere, welche von draußen hereinschauen, können nicht mehr unterscheiden, wer nun Mensch und wer Schwein ist …

Natürlich war dieses „Machwerk“ in der DDR staatszersetzende Hetze. Da waren sie wieder, die „sozialistischen Zombies“ und „Schweine“, die es sich mit den vielen schönen Sachen aus dem „Intershop“ oder ihren Beziehungen in der DDR gut gehen ließen, aber gleichzeitig in der Öffentlichkeit ihre sozialistischen Parolen schwangen. Manche dieser „Schweine“ erkannte ich bald wieder, einige davon gab es sogar an unserer EOS. Ich will jetzt nicht ungerecht sein, der überwiegende Teil der Lehrer an unserer Schule war fair zu uns und trug seine „sozialistische Zombie-Maske“ nur soweit es unbedingt notwendig war, um in diesem System zu bestehen. Es gab nur einige wenige, die tatsächlich so ideologisch verdreht und menschlich daneben waren wie die „Schweine“ in dem Buch von Orwell. Doch gerade diese wenigen waren deshalb besonders prägend für mich. Viele Jahre später las ich die Geschichte von Baldur Haase. Er hatte das zweite große Buch von George Orwell, „1984“ unerlaubterweise in seinem Besitz gehabt.

George Orwell in der DDR

(Auszüge aus einem Text von MDR-Kultur)

„Haase hatte das Buch von einem jungen Mann aus Westdeutschland bekommen, den er auf einem von der SED organisierten gesamtdeutschen Arbeiterjugendtreffen in Erfurt kennengelernt hatte. Dieser schickte es in einem ganz normalen Westpaket mit Kakao, Schokolade und Süßigkeiten, eingepackt in Zeitungspapier. Orwell beschreibt in seinem Roman die Dystopie von der total überwachten Gesellschaft. Im Riesenreich Ozeanien hat die alleinherrschende Partei ein System errichtet, in dem es keine Freiheit mehr gibt. Die Gedankenpolizei sorgt für totale Kontrolle und permanenten Terror. Gefühle, vor allem Liebe, sind in Ozeanien verboten. Mit dem Slogan „Big brother is watching you“ werden die Menschen fortlaufend an die Überwachung erinnert.

Was Baldur Haase in dem Roman las, kam ihm bekannt vor, so wie solche Aussagen: „Was immer die Partei für die Wahrheit hält, ist die Wahrheit.“ Hier sei es ähnlich, schrieb er an seinen Freund aus dem Westen und nannte Beispiele aus dem Buch. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Die Staatssicherheit liest längst mit. Sein damaliger Schwager, ein inoffizieller Mitarbeiter des MfS, hatte ihn bereits ein Jahr zuvor wegen undurchsichtiger Westkontakte denunziert.

Die Staatssicherheit in Gera war zunächst unsicher, wie sie George Orwells Roman einordnen soll. Ein Gutachten bei dem der SED unterstehenden Deutschen Institut für Zeitgeschichte kam im September 1958 zu dem Urteil:

Das Buch ist nicht nur staatsgefährdend, sondern stellt in der Hand eines Lesers feindliches, besonders gegen die UdSSR und alle sozialistischen Staaten gerichtetes Material dar. Die Verbreitung und jeder Vertrieb sollten unter allen Umständen beobachtet und mit allen staatlichen Mitteln verhindert werden.

(Deutsches Institut für Zeitgeschichte, Gutachten im Auftrag des MfS)

Am 13. Januar 1959 wurde Haase auf seiner Arbeitsstelle verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit nach Gera gebracht. Er hatte keine Ahnung, was ihm eigentlich zur Last gelegt wurde. Noch bis zur Vernehmung am nächsten Tag war er davon überzeugt, hier müsse ein Versehen vorliegen. 1959 wurde er vom ersten Strafsenat des Gerichtes in Gera zu drei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt, wegen Besitzes und Verbreitung staatsgefährdender Literatur.

Als George Orwell 1948/49 seine Dystopie von der total überwachten Gesellschaft als Roman schrieb, hatte er die beiden großen totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erfahren. Er war in den 1930er-Jahren mit sozialkritischen Reportagen aus Englands Elendsvierteln bekannt geworden. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte er gegen Francos Faschisten. Als Mitglied einer trotzkistischen Splittergruppe, der POUM, geriet er hier zwischen die Fronten und sah sich plötzlich von stalintreuen Kommunisten bedroht. Gerade noch rechtzeitig gelang ihm die Flucht aus Spanien. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges schrieb er mit seinen Texten nun gleichermaßen gegen Faschismus und Stalinismus an.“

6. Die „Republikflucht“

Ich muss den Lesern an dieser Stelle ein Geständnis machen, schon seit meiner Kindheit bin ich süchtig, süchtig nach Büchern. Dabei ist es mir völlig egal, ob es sich um „gute“ oder „schlechte“ Literatur handelt, Hauptsache etwas zu lesen. Wer einmal den Roman von Patrick Süskind: „Das Parfüm – Die Geschichte eines Mörders“ gelesen hat oder die Verfilmung des Buches gesehen hat, kann das vielleicht nachvollziehen. Wahrscheinlich würde ich nie so weit gehen wie Jean-Baptiste Grenouille, der tragische Held des Buches, der für seine Leidenschaft Menschen tötete, aber diese Sucht lässt sich einfach nicht kurieren. Selbst heute noch ist Dietrich oft erstaunt oder entsetzt, wenn ich ihm mal wieder eine „besondere Perle“ aus dem reichen Fundus der Schundliteratur des sozialistischen Realismus mitbringe. Er würde sich das freiwillig nie antun, einen solchen Mist zu lesen.

Schon mit zehn Jahren hatte ich alle meine Kinderbücher und auch die meiner beiden Brüder ausgelesen, danach kamen die weit über 100 Bücher dran, die bei meinen Eltern im Wohnzimmer standen. Dass es sich dabei in vielen Fällen nicht gerade um kindgerechte Literatur handelte, merkte ich meistens erst später. Viele Monate lang hatte ich Albträume, nachdem ich das Buch „Die Hutnadel“ gelesen hatte. Da wohl niemand dieses Buch kennt, muss ich kurz die Handlung erzählen: Ein Mann, ein kleiner Angestellter, begeht den größten Fehler seines Lebens, er heiratet. Seine labile und gewalttätige Frau bereitet ihm die Hölle auf Erden. Sie beginnt zu trinken, lässt sich immer mehr gehen und quält ihn, wo sie nur kann. Als sie eines Tages wieder betrunken in ihrem Unrat auf der Treppe liegt, nimmt er ihre Hutnadel und sticht ihr durch das Herz. Dem Gerichtsmediziner fällt die kleine Wunde unter ihrem Busen nicht auf, er bescheinigt ohne Bedenken einen natürlichen Tod. Jetzt macht der Mann den zweiten entscheidenden Fehler, er geht zur Polizei und gesteht die Tat. Die Richter, welche den Fall entscheiden sollen, sehen zwar die besondere Notlage des Mannes. Sie können aber nicht anders, allein die Tatsache, dass der Mann für die Tat keine Axt oder ein Messer, sondern eine unscheinbare Hutnadel verwendete, spricht nach den Buchstaben des Gesetzes für die besondere Heimtücke, ein klares Mordmerkmal. Er wird zum Tode verurteilt und stirbt unter der Guillotine. Mein Gerechtigkeitsgefühl als Kind stand damals völlig auf dem Kopf, ich konnte absolut nicht verstehen, warum die Richter so und nicht anders entschieden. Erst viel später, als ich mich auch ein wenig mit Strafrecht beschäftigt hatte, verstand ich auf einmal die Notlage der Richter. Trotzdem muss ich bis heute zugeben, dass gerade im Strafrecht so manches dem Gerechtigkeitsgefühl des „Normalbürgers“ widerspricht. Dieses Buch erwähne ich hier nicht zufällig, es kommt zum Schluss dieses Buches noch einmal vor.

Nachdem auch in der Wohnung der Eltern nichts mehr für mich zu finden war, kamen die Bücherschränke der Freunde, der Nachbarn und die örtliche Leihbibliothek dran. Im Schnitt brauchte ich pro Woche zwei bis drei Bücher, oft las ich sie parallel, damit ich schneller damit fertig war. Unsere Wohnungsnachbarin, eine freundliche und stille Lehrerin war eine besonders ergiebige Quelle für meinen Hunger nach Büchern. Eines Tages war die Lehrerin weg, ihre Wohnung stand auf einmal leer. Nur ihre Bücher hatte sie mir vor die Kellertür gelegt, sie wusste, dass diese bei mir in guten Händen waren. Einige davon habe ich bis heute aufgehoben. Sie hatte „rübergemacht“, sie war in den „goldenen Westen“ gegangen. Nach einer genehmigten Westreise war sie einfach nicht mehr zurückgekommen, in der DDR war das eine schwere Straftat. Mein Vater sprach von diesen Menschen, die es in der DDR nicht mehr aushielten, immer nur voller Verachtung. Obwohl auch er nicht besonders linientreu war, konnte er es absolut nicht verstehen, warum es Menschen gab, die nicht in diesem Staat leben wollten. Er war in der NS-Zeit aufgewachsen, das Kriegsende 1945 wurde seine erste große Enttäuschung. In der DDR konnte er als einfacher Handwerker studieren und war als Lehrer ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft. Die DDR war nun seine neue Heimat, nachdem ihn die erste so schwer enttäuscht hatte.

Die Republikflucht und die ständige Ausreise aus der DDR

Im offiziellen Sprachgebrauch der DDR war „Republikflucht“ die Bezeichnung für das illegale Verlassen des Landes. Nach § 213 StGB wurde der ungesetzliche Grenzübertritt mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren, in schweren Fällen mit bis zu acht Jahren geahndet. Dieses Strafmaß war insofern wichtig, da laut § 27 des Grenzgesetzes der Einsatz der Schusswaffe nur zur Verhinderung eines Verbrechens, aber nicht eines Vergehens zulässig war. Ein Verbrechen war laut § 1 III StGB-DDR aber nur eine Tat, die mit einer Mindeststrafe von zwei Jahren belegt war. Im Normalfall behandelte die Rechtsprechung der DDR deshalb den ungesetzlichen Grenzübertritt als einen schweren Fall und verhängte Freiheitsstrafen von mehr als zwei Jahren, da wegen der Grenzsicherungsmaßnahmen die Republikflucht ohne Hilfsmittel oder Täuschung der Behörden nicht möglich war. Der Republikflucht strafrechtlich gleichgestellt war die Nichtrückkehr in die DDR nach einer Westreise. Besonders die Familienmitglieder von Republikflüchtigen hatten Repressalien zu befürchten. Sie wurden in der Regel der Mitwisserschaft verdächtigt und verloren ihre Arbeitsstelle oder ihre Wohnung. In vielen Fällen wurden Kinder von Republikflüchtigen den Eltern entrissen und zur Adoption freigegeben oder landeten in staatlichen Kinderheimen.

In den 80er Jahren wurden schätzungsweise jährlich 1.500 bis 2.000 Personen deswegen inhaftiert. Zwischen August 1961, dem Bau der „Berliner Mauer“, und Oktober 1989 flohen knapp 95.000 Menschen aus der DDR. Über 800 von ihnen bezahlten ihren Fluchtversuch aufgrund des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze mit dem Leben. Der Bau der Mauer wurde für die DDR-Politiker überlebenswichtig, da allein 1957 etwa 262.000 Menschen, die meisten von ihnen gut ausgebildete junge Menschen, in den Westen Deutschlands flohen. Die DDR drohte auszubluten. Der spätere Staatschef Erich Honecker leitete und koordinierte die Aktion in Berlin.

Bürger, welche die DDR dauerhaft verlassen wollten, stellten einen „Antrag zur ständigen Ausreise aus der DDR“, welcher durch die zuständigen „Organe“ genehmigt werden musste. Jeder Versuch, die DDR ohne Zustimmung der Behörden zu verlassen, galt als „Ungesetzlicher Grenzübertritt“. Obwohl sich die Antragsteller seit 1975 auf das Grundrecht auf Freizügigkeit aus der KSZE-Schlussakte von Helsinki berufen konnten, welche auch die DDR unterschrieben hatte, wurden sogenannte „rechtswidrige Übersiedlungsersuche“ mit massiven persönlichen, familiären und beruflichen Repressalien belegt. Sie verloren ihre Arbeit oder ihre Wohnung und wurden von der Staatssicherheit überwacht. Da ein Ausreiseantrag im Behördendeutsch ein „rechtswidriges Ersuchen“ oder kurz RWE war, wurden die Anträge zwar registriert, aber nicht formell bearbeitet. Kein einziger Antragsteller erhielt einen schriftlichen Genehmigungs- oder Ablehnungsbescheid. Die geheime Anweisung des Ministeriums des Innern: „Über die Bearbeitung und Entscheidung von Anträgen auf Übersiedlung von Bürgern der DDR in die BRD und nach West-Berlin“ regelte das Verfahren. Wer einen Ausreiseantrag eingereicht hatte, wurde zu einer „Aussprache“ vorgeladen, in deren Verlauf die Motive für die Ausreise ausführlich ergründet wurden. Im Normalfall wurde der Antrag anschließend als rechtswidrig abgewiesen. „Anträge auf ständige Ausreise“ wurden grundsätzlich erst dann entgegengenommen, wenn intern geklärt war, dass Aussicht auf Erfolg bestand. Von vornherein aussichtslos waren Anträge von aktiven oder ehemaligen Angehörigen der bewaffneten Organe, „Geheimnisträgern“ oder ihren Verwandten sowie Kindern und Ehegatten von „Republikflüchtigen“. Die Zurückweisung seines Gesuchs wurde dem Antragsteller grundsätzlich mündlich und ohne Gründe mitgeteilt. Viele Ausreisewillige wurden im Beruf schikaniert und bewusst kriminalisiert. Fast immer wurde der Personalausweis eingezogen, das wichtigste Dokument des DDR-Bürgers, welches er stets bei sich zu tragen hatte. Stattdessen erhielt der Ausreisewillige einen sogenannten PM-12, im Volksmund auch „Klappkarte“ genannt. Im Falle einer Genehmigung des Antrages erhielten die Ausreisewilligen oft nach jahrelangen Schikanen eine mündliche Bestätigung. In den letzten Jahren der DDR machten zahlreiche Antragsteller mit einem weißen Band an der Autoantenne ihren Ausreiseantrag öffentlich. Die Volkspolizei verfolgte dieses „Vergehen“ als „unerlaubte Standartenführung“.

Von 1961 bis 1988 konnten etwa 383.000 Menschen die DDR legal mit einem Ausreiseantrag verlassen. Weitere 222.000 Menschen verließen im gleichen Zeitraum durch Republikflucht oder Nichtwiedereinreise die DDR. In den letzten Monaten der DDR nahm die Zahl der Ausreiseanträge enorm zu, von Januar bis September 1989 konnten 102.000 Menschen der DDR legal den Rücken kehren.

7. Die Walpurgisnacht und das GST-Lager

Um die Weihnachtszeit herum hatte unsere Klasse eine wirklich geniale Inszenierung von Goethes „Faust“ im Schweriner Theater gesehen. Die Höhepunkte des Stückes waren für uns die wilden Orgien der Hexen auf dem Brocken in der Walpurgisnacht. Kurze Zeit später, in den Winterferien, fuhren wir ohne Frau G. oder einem anderen Lehrer auf Klassenfahrt in ein kleines Dorf in der Nähe von Leipzig. Immerhin waren die meisten von uns inzwischen 18 Jahre alt und damit volljährig. Wohl für jeden, der an dieser Klassenfahrt teilgenommen hat, bleiben diese Tage bis heute einer der Höhepunkte im Leben, auch wenn seitdem über 35 Jahre vergangen sind. Diese Unbekümmertheit und Leichtigkeit des Lebens, die wir in den wenigen Tagen erfahren hatten, erlebt man wohl nur einmal, sie ist mir seitdem nie wieder begegnet. Die Tage vergingen mit Wanderungen und Fahrten in die umliegenden Städte, mit Tischtennisspielen oder Eislaufen. Abends machten wir Kissenschlachten, kochten zusammen oder erzählten einfach nur über alles, wonach uns gerade der Sinn stand. Es gab keine Tabus. Eines Abends diskutierten wir mal wieder über die Szenen aus der Walpurgisnacht, die wir im Theater gesehen hatten. Wir stellten ein paar Betten zu einem einzigen großen Bett zusammen und verbrachten dort als Klasse die Nacht. Wohl nie zuvor und auch nie wieder danach haben wir uns alle gleich in mehrfacher Hinsicht so nahe gefühlt wie in dieser Nacht. Und falls zufällig ehemalige Lehrer oder Eltern dieses Buch lesen sollten – Nein, in jener Nacht ist kein „Schweinskram“ passiert. Ich zumindest für meinen Teil streite alles ab!

Die ganze Klasse johlte und prustete und ich stand wieder einmal im Mittelpunkt des Interesses. Selbst unsere Deutschlehrerin, Frau G., konnte sich das Lachen nicht verkneifen, Tränen standen ihr in den Augen. Doch diesmal war es kein Lachen der Schadenfreude oder des Spottes, sondern der neidlosen Anerkennung. Was war passiert? Nach der Klassenfahrt, auf der wir uns endgültig zusammengerauft hatten, stand mal wieder einmal ein Aufsatz im Lehrplan. Diesmal konnte ich ein freies Thema wählen und entschied mich für einen satirischen Aufsatz über die vielen Unzulänglichkeiten der Gastronomie in der DDR, das Schlangestehen vor den Restaurants, die Schilder „Bitte warten, Sie werden platziert“ oder die manchmal grenzwertige Qualität des Essens oder der Hygiene. Bissig, ironisch, mit Wortwitz und überraschenden Pointen ist der Aufsatz selbst heute noch lesenswert. Schon seit einiger Zeit wusste ich, dass das, was ich schreibe, bei meinen Mitschülern ankam, es konnte sie berühren, zum Lachen bringen oder auch zum Nachdenken über die vielen Ungerechtigkeiten des Lebens. Ich nahm mir vor, irgendwann einmal das Schreiben zum Hobby zu machen.

Das Klima an der EOS war inzwischen etwas liberaler und weniger zombiehaft geworden, man durfte sogar Kritik an den Missständen des „real existierenden Sozialismus“ üben, solange man das Gesamtsystem nicht infrage stellte. Ein wenig hatte dieser Umschwung wohl auch mit dem Direktor der Schule, Dr. D., zu tun, der erst kurz vor meinem Wechsel an die EOS diese Position übernahm. Sein Vorgänger war ein gefürchteter Mann, nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei vielen Lehrern. Auch in der großen Weltpolitik gab es Bewegung. Vor knapp einem Jahr war der langjährige Generalsekretär des ZK der KPdSU, Leonid Breschnew, gestorben. Bereits 1974 hatten seine Ärzte eine zunehmende Hirngefäßverkalkung festgestellt, die Breschnew wohl auch in seine Wirtschaftspolitik übertragen hatte. Die Sowjetunion stagnierte, von unseren sowjetischen Bekannten hörten wir haarsträubende Geschichten über die Zustände in den Betrieben. Der Nachfolger von Breschnew, der frühere KGB-Chef Juri Andropow, kannte die Zustände im Land wohl besser als kein anderer. Aber als langjähriger Parteikader konnte er sich nicht entscheiden, ob er den neostalinistischen Kurs seines Vorgängers beibehalten oder tatsächlich Reformen in seinem Land auslösen sollte. Dazu kam eine veritable politische Krise. Das NATO-Manöver „Able Archer“ im Jahr 1983 hatte beinahe zum Ausbruch eines Atomkrieges zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt geführt, eine tiefgreifende Verunsicherung blieb auf beiden Seiten. Den Lehrern an der EOS fehlten nach dem Tod Breschnews auf einmal klare Vorgaben, wie sie sich vor den Schülern positionieren sollten. Aber vorerst blieb vieles wie gewohnt, es kam der Ernst der sozialistischen Wehrerziehung.

„Uh Kalt! Grüne Heringe, Grüne Heringe
Kraaaben, Aale, alle, alle. Lange, kurze, dicke, dünne
Aber gnädige Frau, den brauchen Sie nicht so lange in der Hand zu halten, davon wird er auch nicht dicker.
Man ist das kalt … Na denn Prost!

Im Dezember aufm Fischmarkt läuft die Arbeit nur mit Grog. Auf’m Tisch wird mir der Fisch hart und der Grog macht dumm im Kopp.
Auf’m Tisch wird mir der Fisch hart und der Grog macht dumm im Kopp.

Hatschi, noch ’nen Grog, uh kalt …

Oben schüttelt Frau Holle ihre Betten wieder aus. Unten verkauf ich Lachs und Scholle und will ganz schnell wieder nach Haus.

Ganz billig, billig, will ich, will ich Leute, auch meine Krabben frisch von Boot, und schmecken astrein, stehen bleiben Leute, und sind erst eine Stunde tot.“

Lachend fielen alle im heißen Hochsommer in den Refrain mit ein. Die Band „Torfrock“ war gerade unter uns Jugendlichen angesagt und Detlef hatte seine Gitarre in das GST-Lager, der paramilitärischen „Gesellschaft für Sport und Technik“, mitgebracht. Schon vor einiger Zeit mussten sich alle Jungen der EOS auf dem Wehrkreiskommando der Nationalen Volksarmee melden und wurden dort in Einzelgesprächen mit mehr oder weniger subtilem Druck bedrängt, sich für mehr als den achtzehnmonatigen Grundwehrdienst zu verpflichten. Bei den Jungen der EOS aus der benachbarten Kreisstadt war es sogar eine Zugangsvoraussetzung für die Zulassung zur EOS gewesen, sich mindestens für einen dreijährigen „freiwilligen“ Wehrdienst zu verpflichten. Ich war froh, dass die drei Herren vom Wehrkreiskommando meine faulen Ausreden schluckten, warum ich auf keinen Fall mehr als den Grundwehrdienst ableisten konnte. Nur einer von ihnen wies mich darauf hin, dass ich dann wohl doch noch so einige Nachteile in der Schule zu erwarten hätte.

Auch in der Schule hatte inzwischen das Paramilitärische Einzug gehalten. Neben den obligatorischen Einheiten im Sportunterricht, wie Handgranatenweitwurf oder Ausdauerlauf, gab es Exerzierübungen, Unterricht mit der Gasmaske oder der ABC-Schutzausrüstung und vor allem Schulstunden, in denen wir über die „wahren Absichten des aggressiven US-Regimes und seiner Handlanger in der Bundesrepublik“ aufgeklärt wurden.

Das Wehrlager in Prerow, einem idyllischen kleinen Urlaubsort an der Ostsee war der Höhepunkt und Abschluss unseres obligatorischen Wehrkundeunterrichts. Die Tage vergingen mit Waldläufen, Orientierungsmärschen, Exerzierübungen oder dem Unterricht an verschiedenen Waffen. Soweit ich mich heute erinnern kann, übten wir dort ausschließlich mit Kleinkaliberwaffen. Wahrscheinlich hatten die Verantwortlichen Sorge, dass die immer noch recht unreifen Jugendlichen mit richtiger Munition wohl Blödsinn anstellen würden. So ganz hatten sie damit wohl nicht unrecht, wir haben uns in diesen Wochen nicht immer wie „allseits entwickelte sozialistische Persönlichkeiten“ benommen. Ganz ohne mein Zutun wurde ich dann während des Studiums auch noch Offizier der Nationalen Volksarmee, aber davon soll später erzählt werden.

Die sozialistische Wehrerziehung

Ein integraler Bestandteil des Erziehungskonzeptes war die Einführung des Wehrunterrichts, der vormilitärischen Ausbildung. Bereits seit Mai 1955 gab es die Wehrerziehung in den Schulen der DDR. Ab den sechziger Jahren griff die vormilitärische Ausbildung auch auf den Freizeitbereich der Jugend über und nur 10 Jahre später mussten neben den Schülern und Studenten auch Auszubildende die vormilitärische Ausbildung absolvieren. Nach der Einführung der Polytechnischen Oberschule wurde die paramilitärische „Gesellschaft für Sport und Technik“, die GST, in das neue Schulsystem integriert. Die Kinder und Jugendlichen übten militärisches Exerzieren, Geländeläufe, den Handgranatenziel- und -weitwurf, Sturmbahnläufe oder das Anlegen von Gasmaske und ABC-Schutzausrüstung.

Zum einen ging es darum, dass die Jugendlichen eine ausreichende physische Leistungsfähigkeit für den Militärdienst entwickeln, zum anderen darum, militärische Inhalte im Unterricht immer präsent zu halten. Alle Lehrer waren dazu angehalten, in ihren Unterrichtsfächern zur militärischen Ausbildung beizutragen. Besonders in dem Fach Staatsbürgerkunde und im Sportunterricht war der physische und psychische Drill enorm. So wurden sie im Stabi-Unterricht über die „verbrecherische Politik des US-Imperialismus und ihrer Lakaien in der Bonner Regierung“ aufgeklärt. Aber auch andere Schulfächer trugen zur vormilitärischen Ausbildung bei. In den Naturwissenschaften ging es zum Beispiel darum, eine „Grundlage für das Verständnis militärischer Fragen“ zu schaffen. Zu diesem Zweck wurden im Fach Mathematik Geschossgeschwindigkeiten, Flugbahnen oder das Volumen von Waffen berechnet, in Physik die mechanischen Vorgänge während des Abfeuerns einer Waffe behandelt und im Fach Chemie Kernwaffen und chemische Kampfstoffe thematisiert.

Die Wehrpropaganda wurde zum Bestandteil der schulischen Ausbildung und zog sich durch fast alle Schulfächer. Die GST verschwand bald wieder als integraler Bestandteil der Schule, weil viele Lehrer mit der Umsetzung der staatlichen Vorgaben schlichtweg überfordert waren. 1967 wurde ein neues Konzept ausgearbeitet, das auf eine Steigerung der „sozialistischen Wehrmoral und Verteidigungsbereitschaft“ bei allen „Schichten der Bevölkerung“ setzte und dabei in erster Linie auf die Kinder und Jugendlichen abzielte.

Die GST kam jetzt außerhalb des eigentlichen Unterrichts wieder zum Einsatz. Bereits Ende der 1960er Jahre wurde das vormilitärische Ausbildungsprogramm an den Polytechnischen Oberschulen erweitert. Alle Kinder, welche Thälmannpioniere waren, mussten das Manöver „Schneeflocke“ absolvieren. In den Erweiterten Oberschulen fand in den Klassen 11 und 12 ein zunächst noch fakultativer Unterricht in Wehrerziehung statt, später wurde dieser Unterricht, einschließlich des Wehrlagers für alle Schüler obligatorisch. Dort wurde hauptsächlich Wissen über Waffen, Techniken und Einsätze der NVA vermittelt. Fast alle Schulen der DDR schlossen Patenschaften mit Einheiten der NVA-Einheiten oder der „Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR“.

1978 wurde der Wehrunterricht durch das Fach „Wehrerziehung“ abgelöst. Kurz vor Beginn des Schuljahres 1978/1979 wurde offiziell bekannt gegeben, dass der Wehrunterricht fester Bestandteil des Lehrplans und damit des Unterrichtsgeschehens sein sollte. Durchgeführt wurde der Wehrunterricht in den Klassenstufen 9 und 10 der POS sowie den Klassenstufen 11 und 12 der EOS. Dieser war in einen praktischen und einen theoretischen Teil gegliedert. Die Teilnahme am theoretischen Wehrunterricht sowie an den Wehrausbildungslagern war für alle Jugendlichen Pflicht. Der theoretische Teil des Unterrichts umfasste je vier Doppelstunden zu „Fragen der sozialistischen Landesverteidigung“. Thematischer Schwerpunkt waren die „Theorien und Teilelemente des Krieges und der Militärwissenschaft, wie sie von Lenin, Marx und Engels verstanden wurden“. Dabei wurden deren Theorien immer zu den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen in Beziehung gesetzt. Der praktische Teil des Wehrunterrichts fand in speziellen GST-Lagern statt. Die Jungen mussten ein vierzehntägiges Wehrausbildungslager besuchen, in dem sie unter anderem militärische Gelände-, Marsch- und Schießübungen absolvierten. Die Mädchen und die Jungen, welche aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht am Wehrausbildungslager teilnehmen konnten, absolvierten den zwölftägigen Lehrgang für Zivilverteidigung. In diesem Lehrgang erhielten die Schüler neben einer Sanitätsschulung auch eine Schulung im Umgang mit einem Atomschutzbunker. In der Klassenstufe 10 standen noch einmal vier Doppelstunden zu „Fragen der sozialistischen Landesverteidigung“ und drei „Tage der Wehrbereitschaft“ in den Winterferien auf dem Lehrplan.

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