Neu-Autorenbetreuung mit System

Leseprobe:
Das Geheimnis aus dem Norden,
von Majlea Lumi

Für meine Schwester

Noch 34 Stunden:

Esko

»Du hast mein ganzes Zimmer auf den Kopf gestellt!« , schrie ich.Tante Vilma knallte erbost ihre faltigen Hände auf den Kaffeetisch und während sie mich anschrie, flogen mir Tropfen ihrer Spucke entgegen. »Du wirfst mir vor, in deinen Sachen zu schnüffeln?!«

Angewidert wischte ich mir mit meinem Handrücken über die Oberlippe, bevor ich zurückdonnerte. »Du hast ein Chaos gemacht, als wäre mein Zimmer vom SEK gestürmt worden!«

Okay, das war übertrieben, aber was dachte sich Tante Vilma dabei, mein Zimmer zu durchwühlen? Hatte sie schon mal was von Privatsphäre gehört?

Seitdem ich neben der Schule als Fotograf arbeitete, kam ich erst sehr spät nach Hause, obwohl ich dieses Glanz-Adel-Haus von Tante Vilma und Onkel Hugo wohl kaum als mein Zuhause bezeichnen konnte. Ich hatte keins mehr. Seit einem Jahr wohnten meine kleine Schwester Ella und ich nämlich hier in Kouvola, bei unserer Tante und unserem Onkel. Neue Stadt, neues Haus, neue Schule.

Tante Vilmas mit billig-rotem Lippenstift vollgeklatschten Lippen fingen jetzt an zu zittern. Jeden Moment würde sie an die Decke gehen, dabei war ich hier das Opfer!

Als ich vor einer halben Stunde von einer Fotosession nach Hause kam und in mein Zimmer gehen wollte, sah ich, dass jemand dort rumgewühlt hatte. Die Schubladen waren auf gezogen, mein Laptop war entsperrt und der Suchverlauf geöffnet. Mein Tagebuch lag samt meinen Klamotten auf dem Boden und sogar meine Zigaretten, die ich zusammen mit meinem Tagebuch unter der Matratze versteckt hatte, waren weg. Keine Frage. Tante Vilma hatte mein Zimmer durchsucht. Zu wissen, dass sie wahrscheinlich viele Dinge gesehen hatte, die niemand hätte sehen dürfen, jagte mir Gänsehaut über den Körper.

»Das reicht mir mit dir! Gestern der Anruf von Herrn Jonsu, heute Mittag der Brief von der Polizei und jetzt diese Beschuldigungen!«

Ihre Hand holte aus und klatschte mir auf die linke Wange oder war es mehr ein Kratzen? Jedenfalls hinterließen ihre blutrot lackierten Fingernägel ein Brennen in meinem Gesicht.

»Das mit der Polizei weiß der junge Mann noch gar nicht« , meldete sich Onkel Hugo zu Wort. Dieser saß gemütlich am Kaffeetisch und versteckte sein grobes Gesicht hinter der Zeitung, während Tante Vilma und ich uns die Augen auskratzten.

»Oh, nein« , murmelte ich. Tante Vilma griff mit einer hektischen Handbewegung in ihre violette Oma-Handtasche, die neben ihr auf dem Stuhl lag. Sie zog einen bereits geöffneten Brief heraus und drückte ihn mir an die Brust. Schnaufend zog ich das Papier heraus und las. Super. Anzeige wegen schwerer Körperverletzung.

»Das ist ja wohl maßlos übertrieben!«, verteidigte ich mich. Tante Vilma spitzte ihre knallroten Lippen, verschränkte ihre knochigen Arme und nickte. »Sicher doch.«

Verzweifelt ließ ich meine Schultern hängen. »Ehrlich, ganz normale Schulhof-Schlägerei.«

Jetzt schaute der Kopf meiner kleinen Schwester am Türrahmen ins Esszimmer. Sie war letzten Sommer sechszehn geworden und ging zwei Jahrgänge unter mir zu derselben Schule.

»Das stimmt, ich war dabei«, sagte sie, als sie das Esszimmer betrat. »Zwei Jungs wollten mir Zigaretten andrehen und dann geriet Esko mit ihnen in Streit.«

Oh, wie ich die kleine Ella lieb hatte.

»Ja, er hat allen beiden fast die Köpfe eingeschlagen«, fügte sie hinzu. Okay, danke das reichte schon, Schwester.

»Die Armen haben geblutet von oben bis unten. Sahen aus wie vom LKW überfahren! Ein Schulsanitäter musste sich sogar übergeben.«

DANKE, DAS REICHTE. Onkel Hugo ließ die Zeitung auf den Tisch sinken und sah mich an, als käme ich von einem anderen Planeten. »Und du hast keinen Kratzer abbekommen?«

Ich dachte kurz nach. Bis auf, dass meine Fingerknöchel gebrochen waren und zwischen meinen Fingern rote Suppe lief, war ich aus dem Konflikt unversehrt raus gekommen.

Tante Vilma schüttelte enttäuscht ihren Kopf. »Der Junge wird immer aggressiver.«

Kein Wunder, dass sie das sagte, nachdem sie das ganze Zeug in meinem Zimmer gesehen und dazu mein Tagebuch gelesen hatte. Sie wusste jetzt Bescheid. Von den Mord-Fantasien, den Snuff-Videos und der Messersammlung, bis zu dem Gedanken des Amoklaufes in der Schule. Ich ließ meinen Kopf hängen. Es fühlte sich an, als hätte jemand Steine auf meine Lunge gelegt, doch dann zuckten meine Mundwinkel wieder leicht nach oben. Ich hätte gerne ihr Gesicht gesehen, als sie die Porno-Hefte unter meinem Bett hervor gezogen hatte.

»Kannst du dir mal bitte eine dickere Jacke anziehen!?«, sagte ich streng. Ella verdrehte ihre Augen. Wir standen draußen auf der Einfahrt und die Sonne war schon lange hinter dem Horizont verschwunden. Die Tage wurden immer kürzer, wir hatten schon November. Die Straßen waren vereist und der kühle Wind errötete Ellas Ohren.

»Ich bin sechszehn Jahre alt! Ich kann wohl selbst entscheiden, welche Jacke ich anziehe«, protestierte sie. Mit grimmiger Miene fummelte sie am Kragen ihres schwarzen Herbst-Jäckchens, das nicht mal über ihren Po hing.

»Jetzt geh rein und zieh dir eine vernünftige Jacke an. Wir haben bestimmt null Grad, Ella!«

Sie verdrehte wieder nur ihre Augen. »Wann wirst du aufhören den großen Bruder zu spielen?«

Ich musste grinsen. »Nie.«

Sie verdrehte noch ein drittes Mal ihre Augen, bevor sie mir den Eiskratzer in die Hand drückte und zurück ins Haus rannte.

Onkel Hugo hatte uns dazu verdonnert, die Scheiben seines geliebten Autos frei zu kratzen. Sein treuer Dart, ein rot lackierter Oldtimer aus dem Jahr 1979, hatte nämlich keine Garage und das war hier in Finnland echt nicht in Ordnung. Eigentlich unter der Würde jeden Wagens. Dazu kam, dass Onkel Hugos schönes Auto auch noch eine Garage gehabt hätte, aber er sie vor ein paar Jahren zum Holzlager gemacht hat. Und was hatte er davon? Eine vier zentimeterdicke Eisschicht auf seinen Scheiben und die Pflichtaufgabe jeden Winter ein kleines Feuer unter dem gefrorenen Motor zu zünden, bevor er morgens zur Arbeit fuhr. Gratuliere! Mit dem Gedanken fing ich an zu kratzen. Das Quietsch-Geräusch bohrte sich ekelig in meine Ohren, als würde man mit der Gabel über einen leeren Teller kratzen. Ich hasste solche Geräusche.

»Besser?«, hörte ich wieder Ellas Stimme hinter mir. Ich drehte meinen Kopf in ihre Richtung. Sie trug jetzt ihren Wintermantel mit der Fellkapuze und den langen Ärmeln. Viel besser. Wenn es eine Sache gab, die ich nicht leiden konnte, dann war das entweder die leichte Bekleidung meiner Schwester oder irgendwelche Typen, die ihr Zigaretten andrehen wollten.

Während Ella und ich die vereisten Scheiben mit den Eiskratzern bearbeiteten, ließ ich meine Gedanken schweifen. Onkel Hugo hatte dieses Auto bestimmt schon zwanzig Jahre lang, ein Wunder, dass es überhaupt noch fuhr. Echt schon ein wenig gruselig, wie mein Onkel an diesem Wagen hang. Er hatte ihn damals in Helsinki gekauft und uns bestimmt tausend Mal dieselbe Geschichte erzählt.

Er verdankte dieser alten Kiste seine Ehefrau. Tatsächlich hatte er Tante Vilma kennengelernt, als er sie vor fünfzehn Jahren betrunken angefahren hatte. Wie in so einem kitschigen Liebesfilm. Er fuhr sie an, sprang aus dem Auto, kniete sich dramatisch neben die verletzte Frau und musste feststellen – es war seine Traumfrau! Total romantisch. Würg.Und jetzt liebte er sein Auto mehr als seine Frau, was mich ehrlich gesagt nicht wunderte. Mein Blick schweifte zu meinem Eiskratzer, um den ich meine mittlerweile roten Finger klammerte.

Wow. Mit den Dingern konnte man glatt jemanden die Kehle durchschneiden. Mein Blick fiel zu Ella, die angestrengt halb auf der Motorhaube lag und ungeschickt mit ihrem Eiskratzer die Frontscheibebearbeitete.

»Hör auf damit und leg den Eiskratzer weg«, sagte ich schließlich wie gelähmt. Sie hörte auf zu kratzen und zog verwirrt ihren Kopf ein.

»Weil du das ganze Auto alleine fertig kratzen willst oder wieso?«

Ich hörte ebenfalls auf zu kratzen und kam ein paar Schritte auf sie zu. »Gib mir den!«

Sie wehrte sich. »Nein, warum denn?«

Ich griff nach ihrem Handgelenk, während sie auf der Motorhaube zappelte.

»Lass das, du Arsch!«

Verärgert packte ich ihren Arm und riss ihr den Eiskratzer aus der Hand. »Du kannst dich daran schneiden!«

Jetzt starrte sie mich ungläubig an. »Du hast echt ein an der Klatsche, weißt du das eigentlich?«

Wütend ging ich mit beiden Eiskratzern zurück zur Fensterscheibe, um alleine weiter zu kratzen.

»Weißt du, wie viel Blut du auf Onkel Hugos Auto verteilen wirst, wenn der Eiskratzer deine Pulsader bearbeitet, statt die Scheiben?«

Ella verdrehte wieder ihre Augen. Das vierte Mal.

»Wie sollte ich mir die Pulsader aufschneiden? Beim Eis abkratzen, ich bitte dich!«

Ich hörte gar nicht mehr richtig zu. Mir doch egal, wie lächerlich Ella das fand, was es wahrscheinlich auch war, aber würde ich es mir verzeihen können, wenn ihr was passierte, weil ich nicht richtig aufgepasst hatte? Wahrscheinlich nicht. Und irgendwer musste doch auf sie aufpassen.

»Ich hab kein Bock mehr!«, beschwerte sie sich plötzlich. Ich kratzte immer noch an der Scheibe rum, während ich den zweiten Eiskratzer, den ich Ella weggenommen hatte, in meiner Jackentasche verschwinden ließ.

»Worauf hast du kein Bock? Du machst doch gar nichts!«

Ella verschränkte ihre dünnen Ärmchen. »Auf das alles hier. Ich hasse Kouvola und erst recht diese Drecksschule! Da gibt es nichts anderes als Dreckslehrer, Drecksschüler, Drecksstundenpläne und noch mehr Dreck! Außerdem verabscheue ich dieses Haus! Du bist dich jeden Tag am Streiten und ziehst dich dabei immer mehr in dein Zimmer zurück. Kein Wunder, dass Tante Vilma da irgendwann einen Blick rein werfen wollte. Und wieso denkt Onkel Hugo, er hätte das Recht uns zum Eiskratzen zu verdonnern, das ist sein Auto!«

Ich hörte auf zu kratzen und sah meine Schwester jetzt mit funkelnden Augen an. »Was glaubst du, wie es mir geht?«

»Will ich mir gar nicht vorstellen«, knurrte sie und strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich betrachtete sie. »Du bist schön, weißt du das eigentlich?«, fragte ich. Sofort verzog sie ihr Gesicht. »Esko, bitte hör auf«, ich unterbrach sie. »Nein ehrlich, du hast ein süßes Gesicht, große, braune Augen und lange, blonde Haare.«

»Esko!«, rief sie jetzt, aber musste dabei lachen. »Was willst du?«

Ich überlegte noch einmal kurz. »Ich bin Fotograf und du bist ein schönes Mädchen. Zusammen wären wir ein gutes Team oder nicht?«

Jetzt riss Ella ihre Augen weit auf. »Ich soll mich vor deine Kamera stellen?!«

Ich versuchte sie mit meinen Händen zu besänftigen. »Du sagtest, du hast auf das alles kein Bock mehr, also wenn wir beide abhauen, dann musst du auch was tun, um an Kohle zu kommen«, erklärte ich. Interessiert zog sie ihre schmalen Augenbrauen hoch. »Abhauen? An Kohle kommen? Meinst du das ernst?«

Ich nickte. »Ja, ich habe nämlich noch weniger Bock als du und übrigens noch eine Anzeige am Hals.«

Klang wohl verständlich, denn jetzt schien sie ernsthaft nachzudenken.

»Also, du willst mit mir abhauen«, stellte sie fest.

»Wäre eine Möglichkeit«

»Und wohin?«, fragte sie.

»In den Norden natürlich. Dort kann man schönere Bilder schießen.«

»Und wie willst du dahin kommen? Du hast nur einen Führerschein, aber kein Auto.«

Ich deutete vielsagend auf den rot lackierten Dart unseres Onkels und Ellas Mundwinkel zuckten nach oben. »Du verdienst mit deinem Foto-Dings auch wirklich Geld?«, fragte sie noch. »Wenn du auch was machst, würde das Geld jedenfalls reichen.«

»Kann mich ja prostituieren.«

Jetzt verdrehte ich meine Augen, während Ella anfing zu lachen. »Na gut, ich helfe dir mit deinem Foto-Gedöns. Wann geht es denn los?«, fragte sie grinsend.

»Hast du Lust auf Schule, morgen früh?«, fragte ich stattdessen. »Nein.«

»Dann heute Nacht.«

Und ich grinste zurück.

Am Abend stand ich in meinem dunklen Zimmer und starrte den Rucksack an, der auf meinem Bett lag. Meinen Koffer hatte ich auch schon gepackt, mit allen möglichen Klamotten aus meinem Zimmer. Auch meine Messersammlung musste unbedingt mit, nur die Winterjacke hatte nicht mehr rein gepasst, diese würde ich ins Auto tragen müssen. Wer ohne Winterjacke in den Norden von Finnland reisen würde, wäre ein Volltrottel. Der Wetterbericht verriet mir, dass dort unten minus Grade herrschten. Zur Sicherheit hatte ich mehrere Decken rausgelegt und mein Tagebuch hielt ich auch kurz in der Hand, aber ich entschied mich, die Seiten rauszureißen und zu zerstören. Das war einfach sicherer. In dem Rucksack hatte ich Geld, Papiere, Essen, Trinken, Autoschlüssel und natürlich meinen Fotoapparat verstaut. Draußen war es schon lange stockdunkel. Wir hatten zwanzig nach elf und mein ganzer Körper zitterte vor Anspannung, als es an der Tür klopfte. Wie wild geworden, warf ich meine Bettdecke über meinen Koffer, der neben dem Bett stand und riss den Rucksack auf den Boden. »Ich bin es nur«, flüsterte Ella und erschien am Türrahmen. Erleichtert atmete ich aus. »Tante Vilma und Onkel Hugo sind schlafen gegangen«, flüsterte sie. »Komm doch erstmal rein!«

Mit einem großen Koffer und einer Handtasche schleppte Ella sich in mein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. »Ich bin aufgeregt«, sagte sie und setzte sich auf mein Bett. Ihre Stimme bebte. Nervös schaute ich nochmal auf die Uhr, immer noch zwanzig nach elf. »Esko?«, flüsterte sie wieder. »Ist das nicht gefährlich, was wir vorhaben?«

»Solange du bei mir bleibst, wird dir nichts passieren.«

»Genau, weil ich alleine bestimmt in fremde Autos steige und in Kreissägen renne.«

Sie lächelte. Ich lächelte zurück. Wir blieben noch ein paar Minuten nebeneinander sitzen, um sicher zu gehen, dass Tante Vilma und Onkel Hugo auch wirklich schliefen und nicht mitbekamen, wie wir mit unserem Gepäck nach draußen schlichen und mit dem vor der Haustür geparkten Dart 79 Richtung Norden davon fahren würden. »Es ist an der Zeit, ich glaube wir können jetzt gehen«, sagte ich nach dem dritten Blick auf meine Armbanduhr. Meine Stimme zitterte und Ella raffte sich von meinem Bett auf. Zusammen schlichen wir mit unseren Koffern und Taschen aus dem Zimmer die Treppe runter, die zur Diele führte. »Sei doch vorsichtig!«, zischte ich Ella zu, deren Koffer eine Stufe nach der anderen runterpolterte. »Du musst den Koffer schon anheben!«

Darauf blieb sie beleidigt auf der Treppe stehen. Ich seufzte, trug meine Sachen leise herunter und stellte mein Gepäck in der Diele ab. Ella wartete immer noch auf der Treppe, ich nahm ihren Koffer und trug ihn ebenfalls die Stufen herunter. »Danke«, flüsterte sie mir zu. Leise öffnete ich die schwere Haustür und hielt sie auf, damit sich Ella mit ihrem Koffer und ihrer Handtasche ins Freie schleppen konnte. Kurz bevor auch ich den Schritt nach draußen in die Eiseskälte wagte, drehte ich mich noch einmal um und schaute durch unsere kleine Diele.

Eins war mir klar. Egal, was ich tun würde und wie falsch es war, ich musste meine Schwester bei dieser Aktion beschützen. Tat ich das hier für sie oder vielmehr für mich? Ich hatte eine Anzeige. Ich hatte Stress und keine Lust mehr auf dieses Leben, das ich in Kouvola lebte, aber musste ich meine kleine Schwester da rein ziehen? Ich war ein egoistisches Arschloch. Mit dem Gedanken trat ich vor die Tür und zog sie hinter mir wieder fest ins Schloss. Ella stand schon eingehüllt in eine der Wolldecken vor Onkel Hugos dunkelroten geliebten Wagen und sofort kramte ich den Autoschlüssel aus meinem Rucksack, lief zum Kofferraum und schloss ihn hektisch auf.

Ungeduldig trat Ella von einem Bein auf das andere und als ich den Kofferraum leise öffnete, drängelte sie sich vor mich. Mit zitternden Händen packte sie ihren großen Koffer und versuchte ihn in den Kofferraum zu heben. »Nein, warte, Ella«, da haute sie schon mit der Kante ihres Koffers in den roten Lack des Autos, »lass mich das lieber machen«, seufzte ich. Eigentlich konnte mir das Auto egal sein, denn es war sowieso nur gestohlen. Jedenfalls war ihr Koffer jetzt im Kofferraum. Die Decke, die sie sich umgewickelt hatte, warf sie auch schnell hinterher. Zufrieden lächelte meine Schwester mir zu und unter dem dämmrigen Licht der Straßenlaterne sah sie noch bezaubernder aus als sonst. Ich verstaute meinen Koffer ebenfalls, aber problemlos und ohne Anstrengung. Bei der ganzen Aufregung hatte ich sogar vergessen, mir meine Jacke anzuziehen, die ich die ganze Zeit unter meinem Arm klemmen hatte. Langsam konnte ich spüren, wie sich die Kälte schmerzhaft durch meinen Körper biss. »Steig ein, Madam!«, rief ich Ella zu, während ich nach vorne zur Fahrertür sprintete und mich bibbernd ans Steuer setzte.

»Ich kann nicht fassen, was wir hier tun«, prustete Ella, als sie sich auf den Beifahrersitz fallen ließ und sich ihren Gurt umlegte. Ich antwortete nicht, weil ich wusste, sie freute sich unglaublich. Ich wusste, sie wollte genau so sehr weg von hier wie ich und ich erfüllte ihr diesen Wunsch gerade, auch wenn es wahrscheinlich die dümmste Idee war, die ich je hatte. Sofort zog ich mir meine dunkelgrüne Winterjacke über, deren Kapuze mit Fell ausgestattet war.

»Du bist der tollste Bruder, den man sich wünschen kann«, sagte Ella leise und ich startete den Motor. Ganz so planlos, wie Ella es vermutet hatte, war ich gar nicht. Mein Ziel war der kleine Ort Utsjoki im Norden und ich hatte mir auch schon passende Kulissen für die Fotos aus dem Internet gesucht. Das war einmal ein alter verlassener Bahnhof von 1964 und eine verlassene Kirche in einem kleinen Tannenwäldchen. Ich fand nicht viele Bilder davon und mir hatte auch einfach die Zeit gefehlt, aber zum Schluss hatte ich die Route bis nach Utsjoki auf dem Handy.

Vierzehn Stunden Autofahrt. Vierzehn Stunden entfernt von Kouvola. Weit weg. Im Auto war es eiskalt, also drehte ich die Heizung auf volle Pulle und krallte meine Hände so fest um das Lenkrad, dass meine Finger rot anliefen. Während ich mit der Kälte kämpfte und versuchte das Auto nicht von der Straße zu lenken, beobachtete Ella die dunkle Landschaft, die an unseren Fensterscheiben vorbei flog. Die Nacht war sternenklar, nur mein Kopf war so benebelt, dass es mir schwer fiel vernünftig auf den Verkehr zu achten. Plötzlich hielt mir Ella eine Dose unter die Nase.

»Ist das Energydrink?«, fragte ich. »Ja. Ich habe mehrere Dosen in meiner Handtasche und du fährst, als würdest du gleich einschlafen«, antwortete sie müde. »Wie lange fahren wir denn schon?«

»Keine Ahnung, zwanzig Minuten?«

»Ich bin kein bisschen müde.«

Ich nahm eine Hand vom Lenkrad und rieb mir kurz über die Augen. Die Dose hielt mir Ella weiter unter die Nase. »Kann ich schlafen?«, fragte sie dann und stellte den Energydrink in ihrem Fußraum ab. »Warte«, murmelte ich. Wir waren immer noch auf der Landstraße und jetzt fuhr ich langsam rechts an den Straßenrand, trat auf die Bremse und mit einem Ruck stand der Wagen neben der kaum befahrenden Straße. »Was machst du?«, fragte Ella. Ihre Stimme klang leicht genervt und müde. Lächelnd stieg ich aus dem Wagen, denn hinten im Kofferraum waren die Decken, die ich extra eingepackt hatte. Da es draußen mittlerweile unerträglich kalt war und im Auto nicht gerade viel wärmer, hielt ich die Decken jetzt für sinnvoll. Als ich wieder einstieg, warf ich sie meiner kleinen Schwester auf den Schoß. »Ich will nicht, dass du frierst.«

Noch 12 Stunden:

Ella

Ich wachte plötzlich auf, weil irgendein Idiot an die Fensterscheibe klopfte. Verschlafen setzte ich mich aufrecht in den Autositz und blinzelte den hellen Sonnenstrahlen entgegen. Das Auto von Onkel Hugo, mit dem wir über zwölf Stunden durch die Nacht gefahren waren, stand jetzt an dem Rand einer schmalen Straße, die zwischen hohen mit Schnee bedeckten Tannen entlang führte.

Moment, mit Schnee bedeckte Tannen? Jetzt fiel mir auf, dass die Straße vor uns und die Wälder um uns herum völlig verschneit waren. Schnee im November? Ich war noch nicht ganz wach, da klopfte es erneut wie bekloppt an mein Fenster. Ich blinzelte nach draußen. Esko, mein Bruder, der eingepackt wie ein Eskimo vor meinem Fenster stand, drosch mit seiner Faust auf die Scheibe ein.

»Esko! Verdammt, lass das sein«, raunte ich. Mit Schwung stieß ich die Autotür auf und die Kälte, die mir dann entgegen flog, musste ich erstmal ein paar Sekunden verarbeiten. Esko stand vor mir und grinste mir frech zu. Stöhnend richtete ich mich langsam auf und stieg aus dem alten Dart. Gerade wollte ich anfangen ihn anzumaulen, da er mich mal wieder aus dem Schlaf gerissen hatte, doch plötzlich flog eine Ladung Schnee in mein Gesicht.

»Bäh, das ging voll in meinen Mund!«, schrie ich. Sofort bückte ich mich zum Boden, um mit den Händen Schnee auf zu schaufeln. Bevor mein Bruder realisierte, dass ich zurückwarf, traf mein Schneeball ihn schon genau auf seinen Dickschädel. »Ha!«

Kurz machte ich mich über ihn lustig, bevor er sich den nächsten Schneeball zurecht formte. Sofort bückte ich mich ebenfalls und schaufelte den kalten Schnee mit meinen Händen, um ihn zu Kugeln zu formen. Lachend fing Esko an seine Schneebälle auf mich zu schmeißen.

»Haha, du kannst nicht mal zielen!«, schrie ich, bevor sein Schneeball mir ins Gesicht flog.

Er hielt sich den Bauch vor Lachen. »Ich kann nicht mehr!«

Ruckartig schnappte ich mir den nächsten Schneeball, um zurück zu werfen. »Na warte, Esko!«

Wir lieferten uns eine Schneeballschlacht, wie man sie in Filmen sah. Am Ende fielen wir in den weichen Schnee, vollkommen aus der Puste und betrachteten unsere Jacken und Haare, die voller Flocken waren. »So viel Spaß hatte ich lange nicht mehr«, keuchte Esko außer Atem. Ich schüttelte den weißen Schnee aus meinen Haaren, die sich jetzt nass in kleine Strähnen aufteilten. »Wo sind wir jetzt eigentlich, Herr Bjornsen?«, fragte ich. Mein Bruder schüttelte seine dunkelblonden Haare aus. »Keine Ahnung. Hab mich verfahren.«

Er schaute mich mit seinen schmalen, grünen Augen an, als würde es ihm leidtun. Sowas tat er öfter. So tun, als wäre es ihm nicht egal, obwohl es ihm mehr als egal war. Jetzt stand er langsam wieder auf und sah zu mir herunter. Sein Körper reichte mindestens ein Meter fünfundachtzig in den Himmel und seine breiten Schultern ließen ihn kräftig aussehen, obwohl er sehr schlank war. »Und der Tank ist jetzt leer«, fügte er mit verzogenem Gesicht hinzu. »Wie dämlich kann man sein?!«, regte ich mich sofort auf. »Du hattest eine Route, wie konnte das denn passieren?«

Aufgebracht stand ich vom Boden auf und boxte meinem Bruder gegen die Schulter. Dieser fing fies an zu grinsen und boxte mich ganz leicht zurück. »Verarscht, du Zicke.«

Darauf schlug ich ihm direkt dreimal hintereinander auf seinen Oberarm. »Gemeiner geht es gar nicht, du Blödmann!«

»Ella Bjornsen. Vor dir steht der Mann, der dich über zwölf Stunden in den Norden Finnlands gefahren hat und nun in Utsjoki steht«, verkündigte er stolz und klopfte sich auf die geschwellte Brust. »Nein!«

Ungläubig drehte ich mich und betrachtete die weiße Landschaft. Wir sollten tatsächlich schon in Utsjoki sein? Neben dem Straßenrand an dem wir standen, ragten hunderte Tannen in den Himmel, die sich zu einem Tannenwäldchen zusammen fügten. Die Sonne stand so hoch, wie ich sie lang nicht mehr gesehen hatte und sie tauchte diese Landschaft in ein helles, warmes Licht, das einen glatt vergessen ließ, dass es hier im Norden bestimmt zehn Grad kälter war als in Kouvola. »Ja gut, okay. Das Stadtschild von Utsjoki ist erst hinter der Kurve da vorne, aber wir müssen hier schon parken«, gab Esko zu. »Warum das denn?«

»Die verlassene Kirche, von der ich dir erzählt habe, ist direkt hinter den Tannen dort. Man kann schon den Turm sehen.«

»Was für eine Kirche?«

Abrupt drehte ich mich um und tatsächlich. Wir standen einige Meter vor einem riesigen, grauen Klotz, der sich hinter den Tannen versteckte. »Die alte Kirche von Utsjoki, in der wir Bilder schießen wollten, um diese anschließend auf unserer Website hochzuladen.«

»Welche Website?«

»Die, von der ich dir erzählt habe.«

»Hast du nicht.«

»Doch.«

Er verdrehte seine Augen und ich schaute ihn nur noch fragender an. »Ich habe geschlafen, als du mir davon erzählt hast, also musst du es nochmal erzählen«, sagte ich trocken.

»Werde ich, Schwesterchen, aber dabei machen wir uns auf den Weg. Mir wird nämlich kalt.«

Esko lief zum Kofferraum und holte seinen Fotoapparat aus dem Rucksack. Es war eine schwarze Spiegel-Reflex-Kamera mit einem dicken Band zum Umhängen. Esko sah damit eher aus wie ein Tourist, statt wie ein professioneller Fotograf. Er hängte sich das Band um den Hals. »Wir können gehen.«

»Dass ich dein Model sein soll, war gestern aber nur ein Spaß. Du machst jetzt keine Bilder von mir, oder?«

»Hä, natürlich mache ich Bilder von dir, was sonst?«

»Ich bin ungeschminkt!«, protestierte ich sofort. Er grinste nur. »Ja und? Genauso bist du am schönsten, Ella. Ich weiß gar nicht was du hast.«

»IcH wEiß gArnIchT wAs DU haSt!«, äffte ich ihn nach. Er runzelte seine Stirn, um mich böse anzugucken.

So kam es also, dass mein Bruder und ich langsam durch den Schnee auf die Kirche zu stapften. Ununterbrochen redete er auf mich ein und ich versuchte mit Hilfe der Innenkamera meines Handys, Lippenstift aufzutragen und gleichzeitig nicht über Äste und Baumstämme zu fallen. »Verstehst du? Mit der Website machen wir dann Werbung und anschließend warten wir auf weitere Aufträge. Keine Ahnung, Hochzeiten oder so«, träumte Esko.

»Hm, joa«, nuschelte ich und verrutschte dabei mit dem Lippenstift. »Mist!«

Esko redete schon weiter. »Vielleicht mache ich hier mein eigenes Studio auf und stelle mehrere Models ein.«

Man konnte schon den Haupteingang der Kirche zwischen den Tannen erkennen. »Ah, mach das«, antwortete ich abwesend und konzentrierte mich wieder darauf, den Lippenstift von meinem rechten Mundwinkel zu wischen. Plötzlich zog Esko mich an meiner Jacke nach hinten. »Pass auf!«

»Aua!«, rief ich und wollte mich erst wieder aufregen, weil meine Lippenbemalung jetzt völlig im Eimer war, aber dann erkannte ich, wovor Esko mich beschützen wollte. Ich blieb stocksteif stehen. »Oh Gott, ist das gruselig. Esko, lass uns umdrehen. Sofort.«

»Warum? Hier hat jemand seine Puppe verloren, na und?«

Lachend wollte Esko mich weiterziehen, doch ich wehrte mich.

»Hier ist doch niemand! Hier ist nicht mal ein Haus! Nur eine leere Straße, die zu irgendeinem Dorf führen soll und eine verlassene Kirche.«

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