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Leseprobe:
Na also, ... geht doch!,
von Christa Duden

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KAPITEL 1

Mein Name ist Carlotta. Früher war ich Single. Heute lebe ich immer noch ohne Partner. Warum ich das betone, mag erst einmal seltsam wirken, aber im Laufe meiner Geschichte erklärt sich das.

Geboren wurde ich in einem kleinen Dorf in Ostfriesland und habe meine gesamte Kindheit und Jugend in einem Ort verbracht, wo jeder jeden kennt.

Meine Familie lebte in einem kleinen Haus, das meine Mutter von ihren Eltern geerbt hatte. Geschwister habe ich leider keine. Als Kind sehnte ich mich manchmal nach einem großen Bruder, der mich bei Streit mit anderen Kindern beschützen sollte. Denn auf mich selbst gestellt musste ich schon früh lernen, dass der körperlich Stärkere immer gewinnt und Unterordnung schlicht vor weitere Prügel bewahrte. Ich erkannte schnell, für mein Wohl war es am besten, die allgemeine Hackordnung der Kinder im Dorf zu akzeptieren. Vor allem als Mädchen, die dort ohnehin nie für voll genommen wurden.

Von meiner Mutter fühlte ich mich bedingungslos geliebt, mein Vater aber zeichnete sich durch unnachgiebige Strenge aus. Ich will nicht behaupten, dass ihm meine Mutter ausschließlich ergeben gehorchte, meist fügte sie sich einfach schweigend in ihr Schicksal.

Insgesamt wuchs ich in einem Umfeld auf, dass mir die feste Erkenntnis vermittelte: Widerspruch zwecklos.

Mit siebzehn Jahren verließ ich die nach außen heile Welt unseres Dorfes und zog in die nächstgelegene Stadt, um eine Ausbildung zur Industriekauffrau zu beginnen. Da ich es mittlerweile gewohnt war, mich bescheiden und angepasst zu verhalten, durchlief ich auch diese Episode meines Lebens ohne größere Blessuren.

Schon zu Hause hatte ich nie viele Freunde gefunden und in der Stadt tat ich mich noch schwerer. Deshalb lernte ich von früh bis spät und absolvierte die Abschlussprüfung meiner Lehre mit Auszeichnung.

Trotz meines zurückgezogenen Lebensstils gab es die eine oder andere kurze Liebesaffäre. Aber bis auf die mit Paul war keine von Bedeutung. Die meisten Verbindungen scheiterten letztlich wohl an meiner Zurückhaltung. Wenn ich heute darüber nachdenke, was ich in meiner Jugend und im frühen Erwachsenenalter verpasst habe, wird mir ganz übel.

Meine Eltern leben heute nicht mehr. Sie starben vor ein paar Jahren. Meine Mutter leider zuerst. Sonst hätte sie diese Welt vielleicht noch mit ein paar schönen Erinnerungen verlassen können. Mein Vater, der vermutlich nach Mutters Tod niemanden mehr hatte, den er drangsalieren konnte, wurde nur ein halbes Jahr nach ihr beerdigt.

Zu der Zeit lebte ich immer noch in derselben Wohnung, in die ich als Auszubildende gezogen war und hatte lediglich ein einziges Mal meine Arbeitsstelle gewechselt. Aber auch nur, weil meine alte Firma in Konkurs gegangen war.

Auf mein Äußeres legte ich nie besonderen Wert. Ich zog es einfach vor, unauffällig zu bleiben. Meine langen dunklen Haare trug ich stets zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Um kleiner zu wirken, ließ ich die Schultern hängen. Denn mit meinen ein Meter achtzig fand ich mich immer viel zu groß.

Ich galt als sportlich schlank, obwohl ich gestehen muss, nie Sport gemacht zu haben. Immerhin, diese guten Anlagen verdankte ich meinem Vater. Das einzig Auffallende an mir waren strahlend blaue Augen, für die ich hin und wieder Komplimente erhielt.

Ich kleidete mich dezent. In meinem Kleiderschrank befand sich viel Dunkelblau, Schwarz und wenig in gewagtem Hellgrau. Zu meinem alltäglichen Standard gehörten die immer gleichen weißen Blusen.

Mein Tagesablauf war stets akkurat geplant. Pünktlich um halb sieben klingelte der Wecker. Ich hatte mir angewöhnt, die Kleidung, die ich anziehen wollte, schon am Abend zuvor bereitzulegen. Heute weiß ich, dass meinen Kollegen gar nicht aufgefallen wäre, wenn ich drei oder vier Tage hintereinander dasselbe getragen hätte. Aus ihrer Sicht schien ich sowieso uniformiert.

Für den Weg zur Arbeit nahm ich immer den gleichen Bus und hockte mich, wenn möglich, immer auf denselben Platz.

Mit der Präzision eines Uhrwerks wanderte ich durch meine Tage, ohne nennenswerte Abweichungen. Meine Kollegen waren zwar freundlich, aber ansonsten nicht weiter an mir interessiert. Ich hatte mit so gut wie niemanden Kontakt. Außer gelegentlich zu meiner Kollegin Rita und zu meinem Chef, Herrn Kielmann. Und so plätscherte mein Leben einfach dahin, bis zu einem folgenschweren Tag.

Mittwoch, 7.20 Uhr.

Eigentlich war alles wie immer. Ich war unterwegs zur Arbeit, die ich wie gewohnt gewissenhaft und klaglos erledigen würde, um mich abends schlicht in meine Wohnung zurückzuziehen.

Mein Leben hatte etwas von der schnöden Eintönigkeit einer ausgewachsenen Kuh. Tagsüber wurde ich gewissermaßen zum Grasen und endlosen Wiederkäuen auf die Weide geführt und am Abend zurück in den heimeligen Stall. Auf wenig beeindruckende Weise war ich genauso genügsam geworden wie ein Rindvieh.

An diesem Morgen jedoch hätte ich beinahe den Bus verpasst, was mir, in meiner ansonsten von Pünktlichkeit geprägten Welt, schon sonderbar hätte vorkommen sollen. Denn es wäre das erste Mal gewesen, dass ich den 45er nicht wie gewohnt exakt um drei Minuten nach halb acht bestiegen hätte, um an meinem angestammten Fensterplatz, zehnte Reihe links, meiner Vorliebe nachzugehen: die Menschen im Bus zu studieren.

Zu gern stellte ich bei meinen Beobachtungen Mutmaßungen darüber an, ob die Leute wohl in einem schönen Haus mit Garten wohnten, oder vielleicht doch nur, wie ich, in einer in die Jahre gekommenen Mietwohnung. Zudem überlegte ich, welchen Beruf sie hatten und ob er ihnen Spaß machte. Ich dachte mir Geschichten über die Menschen aus. Ein Spiel, das mich während der dreißigminütigen Fahrzeit aus meinem Alltagseinerlei riss.

Aber an diesem Morgen war alles anders. Nicht nur, dass der Platz, den ich nach all den Jahren schon fast als mein Eigentum betrachtete, besetzt war, denn dort saß an jenem Tag ein älterer Herr, sondern bis auf den Platz neben ihm waren auch alle anderen für mich in Frage kommenden Sitze belegt. Ich wurde also quasi genötigt, neben ihm Platz zu nehmen.

In den vergangenen Jahren hatte ich beispielsweise nur ein einziges Mal in der dreizehnten Reihe gesessen und prompt war etwas Negatives passiert. Jemand hatte mir einen vollen Pappbecher Kaffee über meinen neuen Mantel gegossen und es erwies sich später als äußerst schwierig, die Flecken zu entfernen. Zwar hatte der Verursacher angeboten, für die Reinigung meines Mantels aufzukommen, aber das hätte nur noch mehr unliebsame Umstände für meinen durchstrukturierten Alltag bedeutet.

Seit diesem unglückseligen Vorfall vermied ich es peinlichst genau, im Bus nicht weiter hinten zu sitzen als in der zehnten Reihe.

An jenem Morgen also, hockte ich in der richtigen Reihe, jedoch nicht auf meinem gewohnten Platz. Und ich fühlte mich unwohl. Zudem war der Bus überfüllt, vermutlich weil in der Stadt eine große Messe war. Obendrein drängelten die Fahrgäste in den Gängen massiv. Dennoch versuchte ich, meine Arme so eng anzulegen, dass ich den Herrn neben mir nicht berührte. Ich mochte Körperkontakt nicht sonderlich. Wenn Menschen, egal in welcher Situation, mir zu nah kamen, machte sich in mir ein unangenehmes Gefühl breit. Und die Angewohnheit anderer, sich bei jeder Gelegenheit zu umarmen und zu küssen, war mir sehr suspekt.

Plötzlich, wie aus dem Nichts und ohne jede Vorwarnung, rief an diesem Morgen im Bus jemand meinen Vornamen. Ich erschrak zutiefst und zuckte zusammen. Im Augenwinkel sah ich, dass der ältere Herr kurz zu mir blickte. Doch ich starrte weiterhin geradeaus, als sei nichts geschehen.

Nach einer Weile allerdings blickte ich mich verstohlen um. Unter den zahlreichen Fahrgästen konnte ich jedoch niemand entdecken, der mich gemeint haben könnte. Überall ausschließlich Menschen, die wie in Trance auf ihr Handy starrten, und in rasender Geschwindigkeit Nachrichten in ihr Telefon tippten. Nirgendwo jemand den ich kannte. Weshalb auch? Nur Wenige nannten mich beim Vornamen, niemand käme auf die Idee, derart laut nach mir zu rufen. Vorsichtig wandte ich den Kopf nach links, um herauszufinden, ob mich vielleicht doch der ältere Mann neben mir angesprochen hatte.

Zu meinem Leidwesen bemerkte ich in seinen braunen Augen sofort die Frage aufblitzen, der ich unbedingt aus dem Weg gehen wollte, denn Unterhaltungen mit Fremden schätzte ich überhaupt nicht.

„Fehlt Ihnen was? Sie sehen aus, als hätten Sie etwas verloren.“

„Nein, Nein“, antwortete ich hastig, „alles in Ordnung“. Da meldete sich die Stimme, die ich zuvor schon gehört hatte, erneut lautstark.

„Lüg doch nicht so! Klar hast du was verloren.“

Oh mein Gott, was bedeutete das? War ich gerade dabei, den Verstand zu verlieren und alle Fahrgäste wurden Zeuge davon? Drehte ich langsam durch? Wurde ich etwa Opfer meiner eigenen Geschichten, die ich hier im Bus tagtäglich über andere erfand? Ich wagte nicht, mich zu bewegen. Auch sonst gehörte ich ja eher zur unauffälligen Sorte Mensch. Nun aber war ich wie erstarrt.

„Meine Güte, nun lass doch mal locker, das ist ja wie im Schraubstock“, hörte ich die Stimme nun sagen.

Verdammt, was war das? War ich komplett gaga oder erlaubte sich jemand einen Spaß mit mir? Versteckte Kamera oder so? Hektisch fischte ich das Handy aus meiner Manteltasche und blickte auf das Display, in der Hoffnung, dass ich versehentlich eine Nummer gewählt hatte und die Stimme daher rührte. Aber Fehlanzeige.

Mein Sitznachbar, der die aufkommende Panik zu spüren schien, schaute mich beruhigend an und legte tröstend die Hand auf mein Knie. Erst in diesem Moment bemerkte ich, dass es zitterte.

„Geht es Ihnen nicht gut? Kann ich vielleicht irgendwie behilflich sein?“, fragte er mitfühlend.

Ich spürte eine geballte Ladung Tränen in mir aufsteigen und schluckte schnell mehrere Male, um sie aufzuhalten. Ich wollte auf gar keinen Fall im Bus und neben einem, wenngleich netten, älteren Herrn grundlos zu weinen beginnen. Doch was hieß in dieser Situation schon grundlos? Ich hörte Stimmen, verdammt noch mal. Eine Stimme, die mir Gemeinheiten an den Kopf warf, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, woher sie stammte. So gesehen hatte ich eigentlich guten Grund für verzweifelte Tränen.

Immer noch zitternd blickte ich den älteren Herrn an, schüttelte tapfer den Kopf und sagte: “Nein danke, Sie können mir leider nicht helfen.“

„Oh, wer weiß“, antworte er höflich. „sehen Sie, ich bin, schätzungsweise mindestens doppelt so alt wie Sie und deshalb verfüge ich auch über doppelt so viel Lebenserfahrung. Es kann doch schließlich nicht sein, dass wir nur älter und gebrechlicher werden. Ich denke mal, der sinnvolle Aspekt am Alter sind unsere Erfahrungen“, erklärte er und lächelte mich aufmunternd an. “Trauen Sie sich ruhig, wo drückt der Schuh?“

Ich starrte ihn entgeistert an. Völlig unfähig, auch nur ein Wort über die Lippen zu bekommen. Was in Herrgotts Namen hätte ich auch sagen können? Glückwunsch, Sie haben den ersten Preis gewonnen und dürfen miterleben, wie ihre Sitznachbarin den Verstand verliert?

„Nun sag‘s doch endlich,“ meldete sich die Stimme erneut zu Wort. “Er wirkt nicht, als würde er dich auslachen. Ältere Menschen sind häufig weise.“

Woher wusste die Stimme, was der Mann gesagt hatte? Ich erhob mich abrupt vom Sitz, entschuldigte mich knapp bei dem älteren Herrn und eilte zum Busausgang. Wie eine Ertrinkende krallte ich mich an die Haltestange und wartete ungeduldig, dass der Bus endlich anhielt.

Mein Büro war zwar noch zwei Haltestellen entfernt, aber das war mir jetzt völlig egal. Ich musste hier raus. Vielleicht passte alles irgendwie zusammen: der Bus, meine ausgedachten Geschichten, diese Stimme. Vielleicht bildete ich mir das alles ja nur ein. Ich wollte nur noch so schnell wie möglich weg.

Quietschend kam der Bus zum Stehen. Die Türen öffneten sich und ich stürzte hinaus. Dann rannte ich, ohne mich umzusehen die Straße entlang.

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