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Leseprobe:
Aufbruch zur Veränderung,
von Peter Grimm

Griumm

Background

Was du ererbt von deinen Vätern hast...

Die Schule nivelliert und Individualität stört. Gern wird Individualität als Egoismus gebrandmarkt. So hält man uns in der Falle der Gleich- geschalteten. Es ist nun mal nicht selbstverständlich, sich seiner Ta- lente, Potentiale und Möglichkeiten bewusst zu sein. Diese zu (er)kennen ist gewiss eine nicht ganz so einfache Mitgift des Lebens; eine Lebensaufgabe. Was aber nicht bedeutet, das Leben aufzugeben. Goethe hat es so formuliert: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Was man nicht nutzt, ist eine schwere Last...“.

Wir aber haben Goethe und andere Dichter und Denker in die Museen der Alltagsvergessenheit gesperrt. So wurden sie zum Denkmal der Unverbindlichkeit und verstaubten als Bildungszitate. Wie schade. Henry Ford‘s berühmtes Zitat: „Tue Gutes, aber rede darüber“ kann man als Aufforderung zur Selbstbeweihräucherung verstehen – oder aber als Ermutigung dafür, „sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen“. Denn an Menschen, die dich klein sehen wollen, herrscht kein Mangel. Es stimmt schon: Neid muss man sich verdienen; Mitleid be- kommt man geschenkt.

Es geht darum, die Lethargie, also das passive Akzeptieren dessen, was man unbedingt ändern müsste, um sich zu entfalten, zu überwinden. Eugen Roth hat diese Lethargie genial beschrieben:

Ein Mensch, vom Alltag fast bezwungen, hat sich zum Ändern durchgerungen. Und gibt sich heilig das Versprechen, zu neuen Ufern aufzubrechen. Noch aber sitzt zu Haus er still: Er weiß ja nicht, wohin er will. Existent sein kommt von „exsistere“ und bedeutet, „in Erscheinung treten“. Wir wollen irgendwo zugehörig sein, andererseits aber wollen wir herausragen aus der Masse und in unserer Existenz bestätigt, sprich (an-)erkannt sein. Das macht unsere Individualität aus. Dabei authentisch zu sein setzt voraus, seinen eigenen Weg zu gehen. Es stimmt: Der Weg ist das Ziel.

Peter Grimm

Wege eines Außenseiters.

Der Krieg war vorbei und hatte sein Erbe hinterlassen. Auch Pforzheim wurde zerstört und kostete zigtausende das Leben, hinterließ unfass- bare Schicksale und viele Kinder, die überlebten, fanden im Kinder- heim Zuflucht. Auch ich kam dazu.

Wieder mal war Weihnachten. Wir waren im Vorraum zum großen Speisesaal versammelt, in welchem immer die Bescherungen statt- fanden. Unsere Tanten – so wurden die Heimschwestern genannt – verstanden sich darauf, unsere Vorfreude zu verstärken.

Endlich gab Tante Waltraud, die Heimleiterin, das Zeichen für den Ein- lass in den festlich geschmückten Raum. Kerzenlicht und Tannenduft. Päckchen mal größer, mal kleiner, mit Namen.

Das Kinderheim strahlte.

Neu war es. Das alte Heim – ein ehemaliges sehr verwinkeltes Pfarrhaus am alten Friedhof – war einfach überfordert. Zu wenig Raum für so viele Schicksale.

Heute sollte für uns ein besonderes Ereignis stattfinden. Tante Ger- linde, die den „Fuchsbau“, dem ich angehörte, betreute, erzählte schon seit Tagen, dass sich aus der Stadt wichtige Frauen angesagt hatten und Überraschungen mitbringen würden.

Am meisten wünschten sich die Jungs Uhren. Eine eigene Uhr zu be- sitzen – das war ein Traum. Auch die Mädchen erstellten lange Wunschlisten. Sie durften dies, weil der Weihnachtsmann ja Wünsche erhört. Wie schön. Auch ich vertraute ihm.

Nun also waren sie da, die Frauen mit goldenen Herzen aus dem Pforzheimer Schmuck- und Uhren-Adel. Artig erklangen einstudierte Weihnachtslieder und weihnachtliche Gedichte. Danach wurden die Geschenke verteilt. Für die Mädchen Ringe, Halsketten und Anstecknadeln. Dann der von uns Jungens ersehnte Augenblick. Ein paar von uns wurden von den Damen ausgewählt, nach vorn gebeten. Ich nicht. Jeder der Auserwählten bekam eine wundervolle Uhr an seinen Arm. Mein Handgelenk blieb leer und ich erkannte: Der Weihnachtsmann ist ein Betrüger.

Die Jahre vergingen im Wechselspiel der Gefühle. Dann der ersehnte Auszug aus dem Heim. Die Schwester meiner Mutter nahm mich zu sich und ihrem Sohn Jochen. „Mutti“ nannten wir sie. Mein Vater war unter mysteriösen Umständen im Krieg „gefallen“, meine Mutter den Herztod gestorben. Die Adoption durch Mutti stand an – die Uhren gingen plötzlich anders.

Die Nachforschungen über den Tod meines Vaters, die im Zusammen- hang mit der Adoption erforderlich wurden, verliefen schleppend. Bis sich eines Tages ehemalige Kameraden beim zuständigen Amtsgericht meldeten. Mein Vater sei bei der Waffen SS gewesen und hätte den Befehl verweigert, eine Erschießung von angeblichen Partisanen, zu denen auch Frauen und Kinder gehörten, durchzuführen. Ein für die SS ungeheuerlicher Vorgang. Er bekam eine Pistole, geladen mit einer Patrone... .

Der Adoption zufolge war meine Tante nun meine Mutter. Irgendwann wurde ich aus der Volksschule entlassen. Weiterführende Schulen waren weder im Kinderheim noch von Mutti vorgesehen. Meine Noten sprachen auch wenig dafür.

Das Martyrium

Also auf in das Berufsleben. Eine Lehre war angesagt. Mutti war der Meinung, dass ich über gute Umgangs- und Kontakt-Fähigkeiten ver- füge, die ich mir im Kinderheim auch als Überlebenstraining angeeignet hätte. Also wäre ein Beruf, der diese Fähigkeit brauchte, für mich richtig.

Einer (der vielen) Traumberufe von Mutti war Friseur. Da geht man mit Menschen um. Sie meinte, dies sei der richtige Beruf für mich. So begann für mich ein langjähriges Martyrium in einer Rolle, für die ich absolute Talentlosigkeit mitbrachte. In der unvermeidlichen Lehrzeit lernte ich diesen Beruf und damit verbunden mich und meine Rolle zu hassen.

Das erste Lehrverhältnis kostete vielen fahrbaren Trockenhauben das Leben und mich mein Lehrgeld, denn bezahlen musste ich deren Reparatur oder Ersatz. Und wieder wurde wahr: Der Weihnachtsmann ist ein Betrüger.

Entsprechend eklatant ging die Lehre zu Bruch. Die zweite in einer anderen Lehrstelle auch. Mutti zuliebe war ich zu feige zu sagen, was mich belastete. Denn für das, was Mutti alles für mich getan hatte, durfte und wollte ich nicht undankbar sein. Es gab auch niemand, der das „Warum“ meines Scheiterns hinterfragte – und so wurde das Martyrium in einem dritten „Salon“ (so hießen Friseurgeschäfte damals) dank der Fürsprache des Innungsobermeisters fortgesetzt. Der Chef dort, Horst Wacker, war wirklich in Ordnung und er lehrte mich, Gitarre zu spielen. Das brachte mir erste Bühnenerfahrungen in einer Band und der damit verbundene Beifall nährte mein arg gebeuteltes Selbstbewusstsein. Aber beruflich war ich ja noch immer in dieser verhassten Rolle gefangen.

Freunden gegenüber schämte ich mich für meinen „Beruf“, versuchte ihn zu verheimlichen, oft begleitet von Selbstmordgedanken. Tag für Tag mit einer Tätigkeit verbringen zu müssen, die man eigentlich hasst – das ist schon die Hölle. Die Gesellenprüfung schaffte ich mit ach und krach – darauf stolz aber war ich keine einzige Sekunde.

Mein einziger Trost aber waren Bücher. Viele Bücher. Lesen wurde meine Leidenschaft. Es versetzte mich in andere Welten. Bereits im Kinderheim las ich Nächte unter der Bettdecke mit Hilfe von Spielzeugautos, die batteriebetriebene Scheinwerfer hatten. Geschenke der Paten des Kinderheims, amerikanischen Soldaten, die in Mannheim stationiert waren.

Mit 12 Jahren hatte ich nahe zu alle Karl May Bände verschlungen, die meine Oma nebst vielen anderen Büchern nimmermüde aus der Stadtbibliothek anschleppen musste. Mit 15 hatte ich Kant, Schopenhauer und andere Philosophen gelesen, wenngleich ich beileibe nicht viel von dem, was ich da las, wirklich verstand. Aber die Art, wie das alles geschrieben war, faszinierte mich.

Goethe wurde mein Lieblingsdichter und ich kannte Faust I teilweise und Faust II ganz auswendig. John Steinbeck, Erich-Maria Remarque, unzählige Romane und Erzählungen der Weltliteratur begleiteten mich. Wie wichtig das alles für mich noch sein sollte, wusste ich damals aber noch nicht.

Akademisch Gebildeten galt mein ausgeprägter Bewunderungs-Neid. Aber Begegnungen, Gespräche und Diskussionen mit nicht wenigen dieser Auserwählten führten dazu, dass ich bei so manchem oftmals verwundert erkannte, wie wenig einige dieser Privilegierten trotz Doktor-Würde oder anderer Weihen eigentlich wussten. Manche schienen ihre Denkfaulheit hinter ihrem Titel zu verstecken. Nun gut; auch Dummheit ist eine Fähigkeit. Nämlich die, auf Intelligenz oder Einsicht zu verzichten. Umso schöner waren die Begegnungen mit denen, die ihren Titel zu Recht tragen.

Erst mit den Jahren entwickelte sich ein deutliches Gefühl der Achtung davor, was auch ohne akademische Würden erreichbar ist. Jedenfalls tat dies meinem Selbstbewusstsein durchaus gut.

Meine geliebte Oma starb und es zog mich in die Ferne. Der Weg führte nach München als Friseur in einer Bundeswehr-Kaserne. Zu mehr reichte es beruflich und talentbezogen in der Rolle als Friseur bei mir nun mal nicht. Frustrierend verliefen die Monate, bis ich in einer Fachzeitung ein Inserat las, das mich ansprach. Es kam aus einer hohenlohischen Kleinstadt. Ich schrieb eine Bewerbung. Sie sollte mein Leben ändern. Denn ich zog nach Künzelsau. Bauer hieß der Salon.

Signale

Alles begann in einem klitzekleinen „Appartement“ – ein Zimmer mit Waschbecken, Schrank und Schlafgelegenheit. Möbliert versteht sich. Das Friseurgeschäft, in dem ich arbeitete, war – wie soll man sagen – der Inbegriff ungebremster Spießigkeit. Da war ich nun. Ohne Perspektive, ohne die geringste Ahnung, wie es weitergehen sollte. Nur diese unglaubliche Unruhe in mir.

Anita trat in mein Leben. So etwa im Juni lernte ich sie kennen. Sie kam aus ehemals deutschen Gebieten in Polen und konnte von dort mit dem Rest ihrer Familie erst nach langem hin und her nach Deutsch- land ausreisen. Sie war im Haushalt einer wohlhabenden Künzelsauer Familie untergebracht, sprach zwar deutsch, hatte aber in der Rechtschreibung deutlich Luft nach oben. Das änderte sich. Sie war später besser darin als jeder Lektor eines Verlages.

Im Oktober hatte ich Geburtstag, der richtige Termin für die Verlobung und im Dezember wurde geheiratet. Nein, wir mussten nicht, was aber viele im Ort nicht glauben wollten. Anita war wunderschön und ich dachte, dass Heiraten eine gute Idee sei, denn ich wollte sie unbedingt behalten. Zwar hatten wir nichts und die Zukunft war Nebel. Beste Voraussetzungen also. Aber darüber dachten wir nicht nach. Heute, aus dem Abstand der Jahre, weiß ich, dass sich da zwei verlorene Selen suchten und fanden. So teilten wir das Nichts und das reichte.

Anita ist übrigens noch immer meine Frau und ich würde sie morgen, nach über 55 Jahren Gemeinsamkeit, sofort wieder heiraten. Auch wenn sie die Fähigkeit hat, mich manchmal zur Weißglut zu bringen. Sie meint übrigens, dass ich das auch umgekehrt schaffe. Ist aber nicht wahr.

Unser Startkapital: 600 (sechshundert) DM, ein Federballspiel, eine Teetasse und etwas zum Anziehen. Unser Zuhause blieb das kleine Zimmer mit Waschbecken und Schlafgelegenheit. Möbliert versteht sich.

Ein gebrauchtes Tonbandgerät war die erste Investition, die ich (mit Zustimmung von Anita) tätigte. Grundig TK 19 hieß es und ich bezahlte 300,00 DM dafür, die Hälfte unseres Barvermögens.

Anita konnte ich über die Notwendigkeit für diesen Kauf mit der Begründung überzeugen, dass ich das Tonband brauche, um einmal Schriftsteller zu werden. Das klang gut. Vor allem auch deshalb, weil ich, um dafür zu üben, das TK19 brauchte. In der Tat sprach ich ellen- lange Texte zu allem Möglichen auf das Band, formulierte ganze Kapitel von Büchern um, löschte wieder und weiter ging es.

Dass ich damit die Fähigkeit für die Entwicklung von Denksystemen für das Training von Vertriebsleuten und Führungskräften der 3M Deutschland und später für Würth trainierte, konnte ich nicht mal an- satzweise ahnen. Ebenso wenig, dass ich einmal als Berater für hunderte von Unternehmen bestens bezahlte Konzepte und Strategien fast ohne Korrekturerfordernis zu verfassen in der Lage war. Nicht der Weihnachtsmann war mein Förderer, das war ich selbst. Aber das wusste ich damals noch nicht.

Noch aber war ich ja in der ungeliebten Rolle als Friseur in dem kleinen Salon in Künzelsau gefangen. Der Inhaber hatte zwei Söhne. Einer davon erhängte sich, der andere verprügelte regelmäßig seinen Vater, der sich nicht wehren konnte. Als ich da mal voll dazwischen ging, wurde ich selbst Opfer dieses armen Brutalos. Für mich aber war das das Signal zu gehen. Nur wohin?

Christoph Walther gehörte zu meinen Kunden und erzählte mir be- geistert von seinen Abenteuern im Außendienst einer kleinen Handelsfirma, hier vor Ort in Künzelsau. Christoph war zwar etwas aufschneiderisch (untertrieben formuliert), aber er verfügte über die intelligenteste Möglichkeit, ein respektables Auto zu fahren. Denn er musste es noch nicht einmal bezahlen.

Erinnern wir uns: Es gab eine Zeit, in der junge Damen die jungen Männer ganz einfach selektieren konnten: Es gab sie mit oder ohne Auto. Ich war ohne.

Einige junge Männer aus dem Umkreis von Künzelsau arbeiteten bereits für dieses junge Unternehmen. Würth hieß es. Jeden Samstagnachmittag traf man sich in einem kleinen Cafe, wo es die mit Abstand besten Brezeln im weiten Umkreis gab. Man sprach laut über Erlebnisse und Erfolge. Gern lauschte ich den Geschichten und staunte über deren Abenteuer. Die Sehnsucht in mir wuchs.

Christoph Walther gegenüber gab ich zu, wie sehr ich die Rolle „Friseur sein“ hasste. „Komm doch zu uns als Verkäufer im Außendienst“ sagte er, „mehr als schief gehen kann das doch nicht“. Ich überdachte mein Leben und meine Situation. Alles schrie nach Veränderung und ich erinnerte mich: Was immer dich in deinem Leben stört, ändere es oder halt‘s Maul. Auch die Tatsache, dass ich ja nun verheiratet war, wirkte als Verstärker. Ich entschied, es zu wagen. Was konnte ich schon verlieren?

Den Termin hatte ich auf Anhieb bekommen. Christoph Walther gab mir noch einen wichtigen Tipp, wie er nachdrücklich betonte: „Reinhold Würth, der Chef, wird dich fragen, ob du dir diese Aufgabe auch zutraust. Darauf musst du klar mit JA antworten. Er traut Zeugnissen nicht, aber dem persönlichen Eindruck“. Das „JA“ übte ich mit dem Tonband. Gründlich.

Auf die Begegnung mit Reinhold Würth bereitete ich mich so gut vor, wie ich konnte. Mann, war ich nervös. Soviel Lampenfieber hatte ich später nicht mal vor großen Auftritten und Vorträgen. Mein Leben hing von diesem Termin ab. Aber davon, was mich wirklich erwartete hatte ich keine griffige Vorstellung und auch die Erzählungen der Reisevertreter aus dem Cafe halfen hier nichts. Die waren von zu viel Erlebnis-Romantik getragen. Jägerlatein im Vertrieb. Das gibt es wirklich!

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